Gebäudedämmung: Die Mieterfalle muss nicht sein

Im Spiegel (49/14) wird  unter dem Titel "Verdämmt in alle Ewigkeit" gegen die Dämmung von Häusern geätzt. Eine Replik.

Mediale Lästereien gegen die Gebäudedämmung hatten in den letzten Jahren immer wieder Konjunktur. Gedämmte Fassaden würden angeblich leicht brennen und ließen in den Innenräumen den Schimmel blühen. "Burka für das Haus" wurde die neue Hülle auch geschmäht. Außerdem würden sie sich angeblich nicht rechnen.

Nun, anlässlich der anstehenden Verabschiedung des "Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz" der Großen Koalition, kommt die Diskussion wieder auf. Der neue Höhepunkt der Diskussion ist der Artikel "Verdämmt in alle Ewigkeit" im Spiegel Nr. 49. Die Autor/innen zitieren dort auch die Studie "Energetisch modernisieren bei fairen Mieten" der Heinrich-Böll-Stiftung.

"Gedacht war die Dämmplatte mal als Waffe gegen den Klimawandel, in der Realität ist sie aber zu einem Instrument der Gentrifizierung geworden" - so fasst der Spiegel die Ergebnisse der Studie zusammen, die das Potsdamer Institut für soziale Stadtentwicklung im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat.

Irreführender Kontext

Das ist ein richtiger Befund im irreführenden Kontext. Der richtige Befund: Tatsächlich führen energetische Modernisierungen in dynamischen Wohnungsmärkten nicht selten zu erheblichen Mietsteigerungen. Fakt ist auch, dass das ein besonderes Problem für Geringverdiener/innen darstellt, die sich die Wohnungen häufig nicht mehr leisten können und ausziehen müssen. Dadurch werden arme Haushalte tendenziell gezwungen, in unsanierten Wohnungen zu wohnen, und müssen dann dort einen überdurchschnittlichen Anteil ihres Einkommens für Heizkosten ausgeben. Energiesparendes Wohnen wird durchaus zur sozialen Frage. Erfreulich ist, dass durch den Spiegel und viele andere Medien, die nachziehen, mehr Aufmerksamkeit auf diesen Zusammenhang gelenkt wird.

Der irreführende Kontext: Der Spiegel tut so, als hätten "Deutschlands Energiepolitiker" die Modernisierungsumlage erfunden. "Damit möglichst viele Hauseigentümer mitmachen, entschieden sie [eben jene "Energiepolitiker, SD], dürfen die gesamten Modernisierungskosten für neue Doppelfenster oder Plattenfassaden innerhalb von zehn Jahren auf die Miete aufgeschlagen werden."

Die Modernisierungsumlage stammt aus der Nachkriegszeit, als die Wohnungsnachfrage stark anzog und Hauseigentümer/innen kräftige Subventionen benötigten, damit überhaupt Wohnraum geschaffen wurde. Daher die Regelung, die gesamten Kosten wohnwertverbessernder Maßnahmen, zu denen die Wärmedämmung eindeutig gehört, so auf die Miete umzulegen, dass die Kosten innerhalb von neun Jahren refinanziert sind - durch die Mieter/innen. Und dann Mietbestandteil bleiben. Die Kosten sind weder gedeckelt, noch werden Qualitätsnachweise für die Investitionen gefordert.

Subventionen kritisch hinterfragen

Heute, wo Immobilien zu "Betongold" geworden sind, kann man die Notwendigkeit solcher Subventionen mit Recht kritisch hinterfragen. Aber was ist die Lösung? Das scheint den SPIEGEL weniger zu interessieren. Die Große Koalition will die Situation sogar noch verschärfen: Im aktuellen Gesetzesentwurf zur Mietpreisbremse ist eine Regelung enthalten, wonach die Mietpreisbremse bei umfangreichen, d.h. besonders teuren Modernisierungen nicht gilt. Die Studie der Heinrich-Böll-Stiftung schlägt dagegen vor, die Umlage, die nach der Modernisierung von den Mieter/innen zu zahlen sind, an die Heizkostenersparnis zu koppeln - um die Kostenverteilung stärker einer "Win-win-Situation" zwischen Mieter/innen und Vermieter/innen anzunähern.

Energetische Gebäudesanierung ist zu kompliziert für Populismus. Die Außenwanddämmung, die der SPIEGEL kritisiert, ist tatsächlich meist die teuerste Maßnahme, um ein Gebäude energetisch fit zu machen. Sie bringt aber auch die höchste Energieeinsparung. Wenn ein/e Hausbesitzer/in ihre/seine Immobilien einmal modernisiert, weil es nach dem Sanierungszyklus "dran" ist, macht es auch Sinn, Maßnahmen zu ergreifen, die möglichst viel Energie einsparen - denn diese Bauteile werden hinterher dreißig Jahre lang nicht mehr angefasst. Eine solche Vollsanierung ist natürlich teurer, als nur die Heizung oder die Fenster auszutauschen. Warmmietenneutralität - die dann erreicht ist, wenn die Heizkostenersparnis die Mieterhöhung nach Modernisierung vollständig ausgleicht- im ersten Jahr nach der Maßnahme ist da eine Illusion. Dennoch lohnt sich energetische Modernisierung mittel- bis langfristig auch für die Mieter/innen, die dann von schwankenden bzw. steigenden Kosten für fossile Energieträger verschont bleiben.

Folglich ist es auch in Ordnung, die Mieter/innen an den Kosten der Modernisierung zu beteiligen - aber nicht in jeder beliebigen Höhe, nicht für jede beliebige Maßnahme. Die Maßnahmen, die die Mieter/innen verpflichtet werden mitzuzahlen, sollten nicht nur energetisch, sondern auch wirtschaftlich effizient sein. Und das sind bei jedem Gebäude andere, denn Gebäude sind Individuen. Da gilt es nicht nur dem Dämmzustand zu betrachten, sondern auch die Heizung. Die derzeitige Kostenverteilung energetischer Modernisierungen, jedenfalls dort, wo die Modernisierungsumlage nach § 559 BGB voll zur Anwendung kommt, ist ungerecht - und untergräbt damit die Akzeptanz der Energiewende. Da hat der Spiegel wieder vollkommen recht.

Noch ein Wort zu Polystyrol: Das Dämmen mit Wärmedämmverbundsystemen aus Polystyrol ist sicher nicht ideal. Es ist aber nicht richtig, dass sich die Fassadendämmung nicht rechnet. Außerdem hat eine solche Dämmung in kürzester Zeit die Energie wieder eingespart, die zu ihrer Herstellung verwendet wurde. Ökologisch besser als Polystyrol sind ökologische Dämmstoffe wie Holz, Hanf, Flachs und Wolle. Sie sind aber immer noch etwas teurer und werden daher noch etwas Zeit brauchen, um sich am Markt durchzusetzen. Möglich ist auch Innenwand-Dämmung durch Vakuum-Isolierpaneele oder Kalziumsilikatplatten. Um Fassadendämmung sinnvoll und effizient anwenden zu können, empfiehlt es sich immer, eine/n kompetente/n Energieberater/in zu konsultieren. Erst denken, dann dämmen!

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