Umweltthemen sind keine Wahlkampfthemen

Umweltthemen sind keine Wahlkampfthemen

Nur manchmal rücken Umweltfragen spontan ins Rampenlicht - wie hier bei einer Ölkatastrophe im im Nigerdelta — Bildnachweise

Ende März wird in Nigeria gewählt. Täglich leidet die Bevölkerung der Millionenmetropole Lagos unter der Umweltverschmutzung und der Zerstörung der wichtigen Mangrovenwälder. Meeresökologe Ako Amadi plädiert für eine Aufnahme dieser Themen in die nigerianische Politik. [1]

Nigerianer schauen Wahlen in der Regel entweder mit Sorge oder mit Gleichgültigkeit entgegen. Was der Volksmund in Nigeria als „den Teppich überqueren“ („carpet crossing“) bezeichnet – die häufigen Wechsel der Politiker in ihrer Parteizugehörigkeit –, zeugt ganz deutlich von einer Demokratiemaschinerie ohne ideologischen Kraftstoff. Die Wenigsten, falls überhaupt einer, interessieren sich für Wahlkampfthemen oder für das, was die Kandidaten, im Falle eines Sieges, den Wählern versprechen.

Die Stadt Lagos bildet dabei jedoch gelegentlich eine Ausnahme. Hier, wie auch im Nigerdelta, rücken Umweltfragen manchmal spontan ins Rampenlicht, und das nicht ohne Grund. Die Probleme dieser riesigen und immer noch wachsenden Millionenstadt trotzen beinahe allen bisher vorgebrachten Lösungen. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn ein Lagosianer lautstark zu verstehen gibt: „Also was mich angeht, ich stimme für jeden, der das Verkehrschaos beseitigt, sich um die Müllentsorgung kümmert, die Straßen säubert und uns bessere Wohnungen, Strom und Sicherheit bietet!“

Keine Plattform für Diskussionen

Nigerianer glauben in der Tat nicht, dass es zu viel verlangt sei, von ihrem politischen Führungspersonal zu erwarten, für ein Leben in einer halbwegs ordentlichen, erregerfreien Umgebung zu sorgen. Seltsamerweise haben die Politiker von sich aus ökologische Lösungen als Strategie für den Stimmenfang nie in Betracht gezogen. Und warum nicht? Nun, es könnte daran liegen, dass die Parteien in der nigerianischen Politik allein auf Grundlage ihrer jeweiligen traditionellen territorialen Präsenz als stark oder schwach eingestuft werden – und weniger aufgrund ihrer thematischen Kompetenz in Debatten rund um wirtschaftliche und ökologische Themen. Sobald in den Vorwahlen die stärkste Partei des jeweiligen Bundesstaates ihren Kandidaten auserkoren hat, ist die Sache gelaufen.

Die innerparteilichen Vorwahlen, die meist bis mitten in die Nacht andauern, bieten kaum eine Plattform für Diskussionen darüber, wie Mangrovenwälder die Ufer der Küste befestigen und Lagos vor der Brandung und dem Anstieg des Meeresspiegels schützen. Oder über die Rolle dieser teils unter Wasser wachsenden Pflanzen als Kinderstube für Fische und Schalentiere, die wiederum lebenswichtige Verbindungen in der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette von Nigeria darstellen.

Während bei den Wahlen 1959 noch Bildung, Gesundheitsversorgung und der Umgang mit den natürlichen Ressourcen Kampagne-Themen waren, haben die Parteien von heute nicht einen einzigen Punkt auf ihrer Agenda Themen gewidmet, bei denen es z. B. darum geht, das Vordringen der Wüste in Borno und Sokoto zu stoppen – auch nicht dem Gasfackeln im Nigerdelta Einhalt zu gebieten oder sich für die Neuanpflanzungen von Mangrovenwäldern und die Wiederherstellung der einst prächtig gedeihenden Feuchtgebiete von Lagos einzusetzen.

Lebenswichtige Belange ausgespart

Die Millionen von Einwohnern in Lagos, Port Harcourt oder Calabar, die bessere Wohnungen, Müllentsorgung und Transportwege fordern, werden am Ende einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Als Antwort auf diese Forderungen lassen die Regierungsbehörden umgehend breite Schneisen in den Mangrovenwald roden, Feuchtgebiete trockenlegen, den Meeresboden schlämmen und darauf Einkaufszentren und Konferenzeinrichtungen, Hotels, Parkhäuser, Flughäfen, Straßen, Stadtbahnnetze und hochmoderne Musterstädte bauen, Projekte, die sich über zwanzig Jahre erstrecken werden. Ein Großteil dieser Maßnahmen findet ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und Kontrollen statt.

Nigeria besaß einmal den viertgrößten Mangrovenwald der Welt und hat 2001 aus freien Stücken die RAMSAR-Konvention über Feuchtgebiete unterzeichnet, ein 1971 verabschiedeter zwischenstaatlicher Vertrag, über die umweltverträgliche Nutzung von Feuchtgebieten, die als wichtige Vogelreviere und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt dienen. Was also soll das ganze Gerede von einer „partizipativen Regierung“, wenn lebenswichtige Belange bei der demokratischen Wahl, beziehungsweise Auswahl, gar nicht erst angesprochen werden?

 


[1] Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Nigeria sollten am 14. Februar 2015 stattfinden. Kurzfristig wurden diese jedoch aufgrund der dramatischen Sicherheitslage um sechs Wochen, auf den 28. März 2015, verschoben.

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