Steinkohle: Vom Anbeginn der Industrie

Steinkohle: Vom Anbeginn der Industrie

Förderung von Steinkohle nach Verwendung, 2013, Schätzungen in Millionen Tonnen - Ausschnitt aus der Grafik "Energie für Strom und Eisen" (s.u.). Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung u.a.. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In Europa entstand die Schwerindustrie durch Steinkohle. Hier prägten Zechen die Landschaft und die Menschen, hier fällt der Abschied von der Förderung besonders schwer. Ein Kapitel aus dem Kohleatlas.

Mit der intensiven Nutzung von Steinkohle begann eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit. Zur Energiegewinnung waren noch um 1780 alle Gesellschaften weltweit auf Biomasse angewiesen, vor allem auf Holz. Nur 140 Jahre später, um 1920, sah die Welt vollkommen anders aus. Eine kleine Gruppe Staaten konnte Kohle gewinnen, war hoch industrialisiert und beherrschte mit seinen Kolonien und Investitionen die Kontinente. Wie wichtig der Rohstoff war, unterstrichen nach dem Ersten Weltkrieg die politischen Konflikte um die Kohleregionen Saar, Ruhr und Oberschlesien.

Steinkohle bedeutete Antriebsenergie und Prozesswärme, Eisen und Stahl, Maschinenbau und Eisenbahn. Der Abschied vom Holz schuf nicht nur neue Formen der Produk­tion, sondern wälzte das gesamte Sozialgefüge um. Zunächst in Großbritannien, dann in weiten Teilen Mitteleuropas und in den USA entstand in den Städten das Indus­trieproletariat. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Wort „Pauperismus“, das für die Verarmung der Arbeiterschaft und ihre grausamen Lebensbedingungen stand. Zugleich entstand zwischen den Kumpels unter Tage eine Solidarität, die die Gesellschaft prägte.

Dabei war Steinkohle als Energieträger lange bekannt. Die Römer bauten sie in Britannien ab. Bereits im 13. Jahrhundert wurde in China Kohle zur Energieerzeugung genutzt. In Württemberg ließ Herzog Friedrich um 1590 nach Kohle schürfen. In Lüttich wurde zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert die Steinkohle abgebaut, die unter der Oberfläche lag und per Schiff über die Maas in brennstoffarme Gebiete gelangte. Im Ruhrgebiet ist die Lieferung von Steinkohle an Schmiede schon im 14. Jahrhundert belegt. In großem Maßstab wurde die Kohle aber nicht gefördert und genutzt.

Das änderte sich zuerst in Großbritannien. Im 16. Jahrhundert bezog die Bevölkerung Londons große Mengen Steinkohle aus Mittel- und Nordengland. Die zeitgenös­sischen Kritiker beklagten, dass die Luft durch die Verbrennung in Kohleöfen stark verschmutzt würde. Die Vor­kommen im Land waren leicht zu erschließen. Dies begünstigte die Industrielle Revolution, die in Großbritannien im 17. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Steinkohle war der Treibstoff für die Dampfmaschinen, die zunächst das Wasser aus Kohlegruben pumpten, dann Textilmaschinen antrieben und schließlich die Eisenbahnen bewegten.

Pro Kopf ist Chinas Kohleverbrauch immer noch gering – aber weltweit domininiert er den Abbau. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Seit Menschengedenken waren Eisen und Stahl wertvolle Rohstoffe, die fast ausschließlich für Rüstungen oder Waffen verwendet wurden. Im mittelenglischen Städtchen Coalbrookdale entwickelte der Gießereibesitzer Abraham Darby I zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine neue Methode der Eisenverhüttung. Darby ersetzte die bis dahin gebräuchliche Holzkohle durch die deutlich billigere und energiereichere Steinkohle. Daraus gewann er Koks, eine poröse Mischung aus Kohlenstoff und Asche. Wird Koks unter großer Hitze verfeuert, entzieht er dem Eisenerz in einer che­mischen Reaktion den Sauerstoff – der Koks „reduziert“ das Erz –, und flüssiges Roheisen kann abgetrennt werden.

Die Steinkohle machte Eisen so billig, dass nun auch Alltagsgegenstände wie Töpfe daraus gefertigt wurden. Wird dem Roheisen der letzte Kohlenstoff entzogen, entsteht Stahl. Heute kann er auch ohne Koks erzeugt werden. Aber die Verfahren sind so teuer, dass sie sich nur für besonders beanspruchte Produkte lohnen, etwa für die Herstellung von Edelstahl.

Auf dem europäischen Kontinent begann die Industrialisierung später als in Großbritannien. Lange Zeit wurden Kohle, Holz und die Zugkraft von Tieren parallel genutzt. In der früh industrialisierten Schweiz hatte Holz Mitte des 19. Jahrhunderts noch einen Anteil von 88 Prozent am Primärenergieverbrauch. In Wien wurde erst 1880 mehr Kohle als Holz verbrannt. Trotzdem: Abbau und Nutzung von Steinkohle nahmen in Europa rasant zu, in den preußischen Steinkohlerevieren im Ruhrgebiet, in Oberschlesien und dem Saargebiet zwischen 1815 und 1834 um 70 Prozent. Großbritannien, Deutschland und die USA wurden zu den Zentren der weltweiten Kohle- und Stahlproduktion.

In Deutschland bildete sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Schwerindustrie heraus – ein wirtschaftlich und technisch verflochtener Komplex, der zunächst aus dem Steinkohlebergbau, der Stahl- und Eisenproduktion sowie dem Eisenbahn- und Maschinenbau bestand. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam die chemische Industrie hinzu, entdeckten doch Forscher, dass aus Kohlebestandteilen Teerfarben herzustellen sind. Um 1900 besaßen deutsche Firmen hierin beinahe ein Monopol.
Kohle steht auch am Beginn der Einigung Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg wachte die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) darüber, wie dieser kriegswichtige Rohstoff gefördert und verwendet wurde. Von den Beneluxländern, Deutschland, Frankreich und Italien 1951 gegründet, war die „Montanunion“ mit ihrer eigenen Entscheidungshoheit die erste ­supranationale Institution der Welt und Vorläuferin der Europäischen Union.
Ab 1985 schloss die britische Regierung die meisten Zechen. Streiks waren vergeblich. Heute gibt es dort nur noch wenige Bergleute. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Nach der Mitte des 20. Jahrhunderts löste das Erdöl die volkswirtschaftliche und industrielle Bedeutung der Kohle schnell ab. Ihr Niedergang zog vor allem in Großbritannien gesellschaftliche Krisen nach sich. Die konservative ­Re­gierung Margaret Thatchers privatisierte den staatlichen Bergbau in den 1980er-Jahren und strebte die Schließung vieler Zechen an. 1984 streikten über 100.000 Bergarbeiter ein Jahr lang dagegen – erfolglos. Die Gewerkschaften er­litten die schwerste Niederlage ihrer Geschichte. Heute ­decken Importe den immer noch hohen Steinkohle­verbrauch Großbritanniens. Die Regierung will ihn jetzt senken und Kohle durch Atomkraft ersetzen. 2016 soll nur noch eine der alten Minen in Betrieb sein, ausgerechnet im Besitz der Belegschaft.

Großbritannien hat bereits 1913, vor mehr als 100 Jahren, sein Fördermaximum überschritten. Frankreich erreichte diesen „Steinkohle-Peak“ 1973 und stellte den traditionsreichen Bergbau im Osten des Landes 2004 ein. In Deutschland soll der hoch subventionierte Steinkohlebergbau 2018 ganz aufgegeben werden. Global hat die Bedeutung der Steinkohle wieder zugenommen, seit China boomt und die Öl- und Gaspreise ab 2004 hochschnellten. Doch jetzt setzen ihr die weltweite Klimadiskussion, der neuerliche Preisverfall der Brennstoffkonkurrenz und die jüngsten Anstrengungen Chinas gegen den Smog zu. So fraglos ihre Bedeutung in der Vergangenheit war, so fraglich ist ihre Bedeutung in der Zukunft.  

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