Ein afrikanischer Riese auf wackligen Beinen

Ein afrikanischer Riese auf wackligen Beinen

Strassenverkehr in Lagos
Die Megacity Lagos im Südwesten Nigerias breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus — Bildnachweise

Sie wächst so schnell wie keine andere Stadt auf der Welt. Sie ist Sehnsuchtsort und Moloch zugleich: Die Megacity Lagos im Südwesten Nigerias breitet sich mit ihren Vorstädten und rasender Geschwindigkeit aus. Mittlerweile leben in dieser Mammut-Region 21 bis 25 Millionen Menschen – und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht.

Es ist kaum vorstellbar, dass die Lagunenstadt Lagos 1950 noch 500.000 Einwohner zählte. Bereits 2006 ermittelte die Regierung bei einer Volkszählung 17,5 Millionen Menschen. Ungefähr eine halbe Million Menschen zieht es mittlerweile jährlich in die Stadt, von der man im Volksmund sagt, sie schlafe nie. Heute leben und arbeiten in Lagos Millionen von Neubürgern – und mit ihnen kommen auch immer mehr Probleme. Inzwischen droht Afrikas größte Stadt zu ersticken: an übervollen Straßen, dreckigen Lagunen und giftigen Mülldeponien.

Es fehlt an konstanter Energie- und Wasserversorgung, einem funktionierenden Abwasser- und Entsorgungssystem, Krankenhäusern und Schulen, an legalen Beschäftigungsmöglichkeiten und sozialen Versorgungssystemen. Eine der größten Herausforderungen der Stadt ist, in kurzer Zeit legalen Wohnraum für Millionen Menschen  zu schaffen. Und das in einer Region, in der es vor allem an einem mangelt: an Bauland.

Wenig Bauland für viele Menschen

Die Regierung von Lagos hat auf diese Herausforderung mit einem städtischen Modellplan reagiert, der den ganzen Bundesstaat in eine florierende, grüne Metropolis verwandeln soll. Die Basis bilden regional verwaltete Bezirke, die durch neue Autobahnen, sanierte Straßen und einem öffentlichen Verkehrsnetz verknüpft werden: Auf der einen Seite erstrecken sie sich entlang der Küste und Grenze zur Republik Benin im Westen, auf der anderen Seite im Osten bis zur Lekki-Freihandelszone. Die Region soll bis ins Jahr 2030 rund 30 Millionen Menschen beherbergen – zumindest in der Theorie. Das Vorzeigeprojekt Eko Atlantic City auf Victoria Island gehört dabei zu den schillerndsten und auch umstrittensten Bauprojekten von Lagos. Nachhaltig und ökologisch soll Afrikas Luxus-City werden, und bis zu 500.000 Menschen neuen Arbeits- und Lebensraum bieten. Kritiker bemängeln, dass die künstlichen Sandbänke, auf denen die vermeintliche Ökostadt gebaut wird, die Küstenerosion weiter verschärfen könnte. Klar ist auch, es werden nicht die Slum-Bewohner sein, die eines Tages von den Terrassen der Hochhäuser auf den Atlantik blicken werden. Vielmehr erfüllt sich in den Prachtbauten der Traum für die reichen Afrikanerinnen und Afrikaner.

Die Voraussetzungen für die Vorhaben der Städteplaner von Lagos sind äußerst schwierig, denn die Baubedingungen sind schlecht und werden durch die Folgen des Klimawandels noch verschärft. Viele Küstenstädte sind durch ansteigende Meeresspiegel von Überschwemmungen, schweren Stürmen und Absackungen des Bodens betroffen – doch Lagos trifft es besonders hart.

Wie die portugiesische Herkunft des Namens bereits andeutet, ist die Metropole Lagos auf Wasser gebaut. Rund 78 Prozent von Lagos State besteht aus Lagunen und gezeitenabhängigen Flüsschen, die von breiten Mooren, Sumpfgebieten und Flachland umgeben sind. Zudem verliert die östliche Küste, vor allem entlang der boomenden Neubaugebiete der Halbinsel Lekki, jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr von der Düne an den Atlantischen Ozean. Verstärkt wird die Küstenerosion durch Mole und Wellenbrecher entlang des Hafens, die noch aus der Kolonialzeit stammen und ein natürliches Auffüllen des Meersandes im Laufe des letzten Jahrhunderts unterbunden haben.

Denn damit der Wellengang des Meeres so viel weggespülten Sand wie möglich ersetzen kann, müssten die Sandstrände von Lagos in langen, ebenen und geradlinigen Küsten von West nach Ost entlang der Beninbucht verlaufen. Doch diese Wellenbrecher oder auch die für Eko Atlantic City neugebaute riesige Kaimauer unterbrechen den Prozess der Sanderneuerungen, wodurch die Küstenerosion entlang Lekki unvermindert weitergeht. Da sich die Stadt nun in keine Richtung mehr ausdehnen kann, sind es ausgerechnet die wasserabsorbierenden Sümpfe und Ebenen, die die Regierung von Lagos zubetonieren will, um neuen Lebensraum zu gewinnen. Elf Millionen Menschen sollen sich so bis 2032 in den Küstenregionen von Badgary im Westen, Apapa im Süden und Lekki im Osten laut der städtischen Modellpläne neu ansiedeln können.

Der Klimawandel verschärft die Probleme drastisch

Dabei ist schon lange klar, wie gefährlich das Bauen auf dem unsicheren Grund für die Menschen wäre. Bereits im Jahr 2008 stellte die OECD in einem Bericht fest[1], dass etwa 3,2 Millionen Menschen in Lagos von Überschwemmung bedroht sein könnten. Die UNIDO, eine Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung, kommt in einer Untersuchung aus dem Jahr 2012 zu dem Schluss, dass sogar 2,3 bis vier Millionen Menschen von den Folgen des Klimawandels betroffen sein werden.[2]

Wie will die Landesregierung von Lagos angesichts dieser kritischen Voraussetzungen die sichere Ansiedlung von Millionen Menschen realisieren? Eine Schlüsselrolle soll die Sanierung und Nutzung der bereits existierenden Sturmwasserkanäle spielen. Man hofft, das Wasser über ein umfassendes Stufensystem aus Kanälen, Abflüssen, Becken und Bodensenken in die Lagunen zu leiten. Experten bezweifeln, dass dies ausreicht. Möglich wäre, dass sich damit die zunehmenden Mengen an Regenwasser kontrollieren ließen, die mit den immer stärker werdenden Stürmen zu erwarten sind. Doch ob dies auch die anderen Probleme löst, die der Klimawandel in Lagos mit sich bringen könnte, ist strittig. Immerhin muss sich die Megacity wegen des steigenden Meeresspiegels immer mehr auf Sturmfluten, eine Verwässerung von Böden und Erosion, die Versalzung des Grundwassers sowie daraus resultierende Gesundheitsprobleme und Krankheiten einstellen.

Es gibt nur zwei Lösungsansätze, die verhindern könnten, dass steigende Wasserpegel zu Überschwemmungen führen und Bauvorhaben in der Megacity gefährden. Eine Möglichkeit wäre, eine Reihe von technologisch ausgereiften Systemen aus Schutzbarrieren in den Ebenen zu installieren: ein hoher Wall entlang der Küsten von Badagry und Lekki, Barrieren entlang der Lagunenmündungen von Lagos sowie Deiche und Entlastungskanäle, um den Druck der Wassermassen zu verringern.

Bauland im Norden nutzen

Sollte die Regierung von Lagos tatsächlich vorhaben, elf Millionen Menschen in diesen niedrig gelegenen Gebieten anzusiedeln, müsste ein Plan ähnlich dem MOSE-Projekt[3] verwirklicht werden, den die italienische Regierung in der Lagune Venedigs plant und der bisher mehrere Milliarden US-Dollar gekostet hat. Das Lagunensystem in der berühmten Stadt ist ähnlich groß wie das in Lagos. In der nigerianischen Megacity kämen noch die Kosten für den Bau eines Drainagensystems zur Austrocknung des Bodens hinzu. Allein das würde laut der Bebauungspläne für Lagos zusätzlich mehrere Milliarden US-Dollar verschlingen.

Die zweite Alternative wäre, die große Mehrheit der Zuwanderer im Norden des Ballungsgebietes von Lagos anzusiedeln. Dort gibt es noch ausreichend Bauland – etwa in den Gebieten bei Ota, Ifo, Agoro, Ijoko und Alagbado. Darüber hinaus könnte die regionale Erschließung weiterer Gebiete im Norden interessant werden, indem Städte wie Abeokuta, Sagamu und Ijebe Ode zu großen Satellitenstädten anwachsen und so die wirtschaftliche Entwicklung und Ansiedlung einer ganzen Region vorantreiben.

So könnte eine polyzentrisch angeordnete Metropole entstehen. Ähnliche groß-urbane Zentren sind Delhi mit den Satellitenstädten Gurgaon, Noida, Faridabad und Ghaziabad; oder São Paolo mit den Satellitenstädten Santos, Campinas und São Jose de Campos. Den Norden von Lagos in einen Ballungsraum und einen Wachstumsmotor der Region zu verwandeln, wäre angesichts der Kosten, des schnellen Bevölkerungswachstums und der Überschwemmungsgefahren im Süden, Westen und Osten der Region, die wohl einzig vernünftige Option. Bereits jetzt bezieht Lagos einen Großteil seines Bedarfs an Nahrungsmitteln und Trinkwasser aus den nördlichen Gebieten. Deshalb ist es ohnehin notwendig, in die Entwicklung dieser Region zu investieren, insbesondere in Ado-Odo/Ota, Ifo und Shagamu.

Weil der Norden des Ballungsraums um Lagos direkt an den Bundesstaat Ogun mit einer anderen Regierung und Verwaltungsbehörde angrenzt, befeuern die Diskussionen der Städteplaner auch den Machtpoker in der Region.

An dieser Stelle sollte vielleicht kurz auf die Zuständigkeiten im Ballungsraum Lagos eingegangen werden: Lagos State ist der kleinste Bundesstaat von Nigeria und wird von Gouverneur Babatunde Fashole und seinen Ministern regiert. Sie sind gleichzeitig auch für die Stadt Lagos verantwortlich. Dies erleichtert die Planung und Entwicklung der Stadt, da dieselbe Regierung damit einen großen Spielraum erhält und über die umliegenden ländlichen Gebiete Badagry, Epe und Ikorodu entscheiden kann. Diese sind einerseits für die Nahrungsmittelversorgung wichtig, andererseits verfügen sie über wichtiges Land für die Bebauung und Industrialisierung der Region. Es gibt keine Bürgermeister, die ihre Grenzen und politischen Handlungsräume verteidigen wollen oder mit denen verhandelt werden müsste. Praktisch gibt es keinen Unterschied zwischen Landes- und Stadtregierung von Lagos. Die Kommunen als nächste Verwaltungsstufe („local governments“) sind ebenfalls stark von den Vorgaben der Regierung abhängig.

Taktieren um die Verwaltungsvormacht

Soll eine tatsächlich nachhaltige und zukunftsorientierte Lösung gefunden werden, müsste aber über eine politisch-administrative Neuordnung nachgedacht werden – so gäbe es endlich neue Möglichkeiten, den Herausforderungen durch den Klimawandel zu begegnen. Was Behörden und auch Bewohner hinter vorgehaltener Hand deshalb schon länger fordern, ist eine Zusammenlegung der beiden Bundesstaaten Lagos und Ogun. Dies wäre der eine Vorschlag und hätte natürlich eine Machtverschiebung zur Folge; daher trifft der Vorschlag auf eine reflexhafte Ablehnung. Trotzdem sollte er nicht einfach zur Seite gelegt werden: Das Verschwinden der Grenzen würde jede Menge Probleme lösen, mit denen sich die Städteplaner derzeit auseinandersetzen müssen. Sie könnten die Bebauung des Südens stoppen und sich dafür auf den Norden konzentrieren, eine einheitliche Wasser- und Energiepolitik entwickeln, ein integriertes Transport- und Mobilitätskonzept einführen und dabei auch noch Bürokratiekosten sparen. Eine ressourcenschonende Energiepolitik sollte ohnehin ganz oben auf der Agenda der Städteplaner stehen, denn Lagos benötigt mehr als die Hälfte des gesamten nigerianischen Energieverbrauchs.

Neue Grenzziehungen sind ein durchaus gewöhnlicher Vorgang in Nigeria. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 kam es bereits fünf Mal zu Grenzverschiebungen zwischen den Bundesstaaten. Aus ehemals vier Regionen im Jahr 1963 entstanden bis 1996 Föderationen aus zwölf, 19, 21, 30 und schließlich 36 Bundesstaaten (zuzüglich der Bundeshauptstadt Abuja).

Der Großraum Lagos ist mittlerweile die treibende Wirtschaftskraft Nigerias und die Gemeinden des Bundesstaates Ogun sind immer mehr mit ihm verknüpft. Die beiden Bundesstaaten getrennt zu leiten und zu organisieren, geht daher immer mehr an den Bedürfnissen der Realität vorbei. Sollte ein Zusammenschluss aus politischen Gründen nicht möglich sein, müsste zumindest eine enge Zusammenarbeit über eine neu geschaffene, starke und effiziente Verwaltungseinheit organisiert werden, die alle Entscheidungen und Tätigkeiten der Staaten untereinander koordiniert. Diese Option wurde 2007 schon einmal mit der Gründung der „Megacity Development Authority“ in Angriff genommen, scheiterte aber, weil sich die drei Parteien – die Bundesstaaten Ogun und Lagos sowie die Bundesregierung – über Haushalt und Finanzen nicht einig wurden.

Von den Erfahrungen anderer Megacities profitieren

Auch hier würde sich ein Blick über den Tellerrand lohnen: In Indien etwa reguliert die NCR, die National Capital Region, den größten Ballungsraum Asiens rund um Delhi mit 22 Millionen Einwohnern. Die Institution verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Umgang mit den Finanz- und Haushaltsplänen der vier Staaten und der indischen Regierung. Lagos könnte von diesen Erfahrungen lernen und profitieren. Eine ähnlich ausgestattete Entwicklungsbehörde könnte für den gesamten Ballungsraum von Lagos beispielsweise Steuern festsetzen oder Staats- und Rentenanleihen ausgeben.

Ganz gleich mit welchen Mitteln: eine klimaverträgliche Entwicklung für den Ballungsraum um Lagos kann nicht geschaffen werden, indem Menschen in einer fragilen Küstenregion angesiedelt werden. Da werden auch Ausgaben in Milliardenhöhe für Schutzbauten nicht helfen, die das Meer zurückzuhalten sollen. Die günstigsten und effektivsten Lösungen entstehen erst dann, wenn regional gedacht und geplant wird und alle beteiligten Behörden für die Entwicklung des Ballungsgebietes von Lagos zusammenkommen. Sie müssen sicheren Wohnraum für Millionen Menschen schaffen, bevor diese keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich auf gefährlich sandigem Grund niederzulassen.

 

Der Originaltext stammt aus der Publikation "Lagos – A Climate Resilient Megacity" und wurde für dieses Dossier von Jelena Nikolic aus dem Englischen übersetzt und aufbereitet.

 

Referenzen
[1]  Nicholls, R. J. et al. (2008): “Ranking port cities with high exposure and vulnerability to climate extremes”, DOI: 10.1787/011766488208
[2]  Gilau, Dayo and Najjar (2012), “Climate change scenario and coastal risk analysis study of Lagos State, Nigeria”.
[3]  Bildmaterial für das MOSE-Projekt aus Venedig finden sich hier.

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