Zuerst eine Umarmung

Zuerst eine Umarmung

Verteilung der Schwimmwesten
"Die Verteilung der Westen beruhigte die Situation deutlich" — Bildnachweise

Zwei Flüchtlingsbooten hat die Sea Watch bislang helfen können – ein drittes ist noch vermisst. Unser Autor an Bord über Verzweiflung und Freude in den Booten. Der zweite Eintrag aus unserem Logbuch Mittelmeer.

Logbucheintrag zwei, 09.07.15:

Die vergangenen Tage waren sehr ereignisreich. Wir hatten Lampedusa verlassen und Kurs auf die libyschen Hoheitsgewässer genommen. Nach der Ausfahrt probten wir die ersten Manöver mit dem Großsschiff Sea Watch, was nach dem Fahren mit dem Dingi, dem Beiboot, ein echter Unterschied war. Einen Menschen aus dem Wasser aufzunehmen war schon mit dem kleinen Schlauchboot schwierig gewesen. Mit der Sea Watch stellt es aber ein wirklich großes Unterfangen dar. Diese Übungen machten mir deutlich, dass wir auf dem Meer auf alles Mögliche gefasst sein mussten.

Bei traumhaftem Wetter kam die Ernüchterung am nächsten Tag, als wir ein weit entferntes Objekt ausmachten. Beim Näherkommen erwies es sich als ein aufgeschlitztes Gummiboot. Der Motor fehlte und nur noch das Heckteil ragte aus dem Wasser. Es handelte sich offenbar um ein Flüchtlingsboot, das nach Verlassen seiner Insassen zerstört werden sollte. Die wenigen im Boot verbliebenen Habseligkeiten vermittelten ein sehr bedrückendes Bild von der Situation.

Die Sea Watch Strategie ist es, in einem Gebiet nahe der Libyschen Gewässer zu kreuzen und dabei einen Suchradius abzufahren. Wir sind aufgrund der Größe des Bootes in der Lage, ohne viel Aufwand ständig in Fahrt zu sein und nehmen selbst keine Menschen auf. Daher müssen wir auch nicht zurück in die Häfen, was ein zusätzlicher Nutzen gegenüber anderen Rettungsschiffen ist. In unserem Zielgebiet waren die Schiffe der Ärzte ohne Grenzen und der MOAS nicht weit entfernt. Wir hatten die Möglichkeit das größte, die Bourbon Argos, zum Informationsaustausch zu besuchen und so einen direkten Draht zu knüpfen.

Lieber sterben als zurück

Schon am nächsten Tag wurde dies für alle wichtig: Nach der Nachtwache wurden wir aus dem Schlaf gerissen, als das erste Boot voll besetzt mit Menschen etwa 2.5 Meilen von uns entfernt ausgemacht wurde. Wir folgten dem theoretisch durchgespielten Ablaufplan und näherten uns dem Gummiboot vom Heck her mit dem kleinen Dingi, während die Sea Watch in 1.5 Meilen Abstand blieb. Dies soll verhindern, dass es zu unbedachten Aktionen der geflüchteten Menschen kommt, weil sie in Panik auf das Schiff umsteigen wollen.  Es war leicht, Kontakt mit einzelnen Personen auf dem Boot aufzunehmen, die dann im Weiteren unsere Ansprechpartner blieben. Erstaunlich war, dass die hauptsächliche Befürchtung aller dort im Boot war, dass wir Libyer seien, die sie zurückbringen wollten. Im Gespräch äußerte ein Mann ganz klar er würde lieber über Bord springen und sterben, als sich zurückbringen zu lassen. Es dauerte geraume Zeit das Vertrauen zu gewinnen. Daher unterließen wir unsere anfängliche Idee, durch unseren sprachkundigen Kollegen Anton die Kommunikation auf Arabisch zu führen.

Schnell wurde deutlich, dass genug Trinkwasser an Bord war und keine akute Gefährdung vorlag, außer, dass das Boot manövrierunfähig war. Der Notruf über die italienische Zentrale in Rom (MRCC) erfolgte prompt. Gleichzeitig nahm die  Bourbon Argos Fahrt auf, um die Menschen an Bord zu nehmen. Nach zwei Stunden näherte sich die Bourbon Argos und in kurzer Zeit konnten alle sicher auf das Schiff gebracht werden. Unsere medizinische Crew ging dann ebenfalls an Bord, um die Kolleg/innen von Ärzte ohne Grenzen  bei der Behandlung der Ankommenden zu unterstützen. Dies wurde umso lieber gesehen, da wir mit Kathrin eine Gynäkologin an Bord haben und unter den Geretteten zumindest zwei Schwangere waren. Außerdem waren noch sechs Kinder, darunter zwei Säuglinge, auf dem Boot, das aus Tripoli acht Stunden vor der Entdeckung ausgelaufen war. Es war ergreifend zu erleben, wie die Menschen sicher auf der Bourbon Argos ankamen und erst einmal in den Arm genommen wurden. Die Erleichterung, dem Tod entkommen zu sein, stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Das zweite Boot noch nicht gefunden

Dieser gute Verlauf einer Rettungsaktion hat unsere Crew sehr motiviert. Und so kam dann heute morgen während meiner Wache der nächste Ruf für alle recht vorbereitet. Wieder war ein Boot in der Ferne zu sehen und es schien sich um noch mehr als die 98 Menschen vom Vortag zu handeln. Wieder war die Herangehensweise ähnlich, allerdings stellte sich die Situation anders dar. So waren dieses Mal keine Kinder an Bord und auch nur eine einzelne Frau, die bei guter Gesundheit war. Die über hundert Personen hatten nicht genügend Trinkwasser und waren schon sehr durstig. Die Übergabe von Trinkwasser gestaltete sich als ein gefährliches Unterfangen, da zwischen einzelnen Personen Streit darum ausbrach und wir mehrmals die Verteilung unterbrechen mussten. Wir stellten auch fest, dass durch Löcher im Heck recht schnell Wasser in das Gummiboot drang. Das bedeutete natürlich akute Gefahr, zumal die großen Rettungsschiffe mittlerweile alle in Richtung Norden unterwegs und wir allein auf weiter Flur waren. Um die erste Gefahr abzuwenden fuhren wir zu unserem Mutterschiff zurück um die nötige Anzahl von Rettungswesten zu besorgen. Um in Kontakt zu bleiben, ließen wir ein Funkgerät bei unserem Ansprechpartner auf dem Boot zurück und funkten sie regelmäßig an. Die Verteilung der Westen beruhigte die Situation deutlich. Auf der Sea Watch wurden mittlerweile die Rettungsinseln bereit gemacht, die wir in Minuten Schnelle hätten holen und zur Verfügung stellen können.

Beim Warten auf die Schiffe des italienischen Zolls, die durch MRCC angefordert wurden, erzählte uns Alexander aus Gambia, dass er mit den anderen mitten in der Nacht in einen Container verfrachtet und dann an irgendeinem Strand in ein Boot umgeladen wurde, welches dann zusammen mit noch einem anderen in die richtige Richtung geleitet wurde, bevor sich die Schlepper davon machten. Jeder von den Insassen der Boote hatte mindestens 400 Euro für die Überfahrt bezahlt. Das Gummiboot war auch in diesem Fall völlig überlastet, von schlechter Qualität und mit einem maroden Motor ausgestattet. Ein Mordsgeschäft mit minimalem Risiko und extrem hohem Gewinn.

Die Küstenwache erreichte das Schiff mit zwei Schnellbooten innerhalb von zwei Stunden, noch bevor unsere Rettungsinseln zum Einsatz kommen mussten. Wieder war die Freude über die Rettung enorm groß und die überwiegend aus Westafrika stammenden Menschen dankten uns überschwänglich für die Hilfe. Bei dem Gedanken, dass wir dieses Boot auch wieder so wie das vorige einfach hätten übersehen können und diese Menschen unweigerlich ertrunken wären, wird mir immer noch schlecht. Allerdings wurde bis jetzt das zweite Boot, das gleichzeitig gestartet war und welches wir auch nachmittags noch gesucht hatten, nicht gefunden… und gerade geht um 4 Uhr 50  ein Anruf ein, der die Sea Watch Richtung Norden schickt, von wo ein Boot mit etwa 400 Personen einen Notruf abgesetzt hat…   

 

In unserem Logbuch Mittelmeer berichten Crewmitglieder der MS Sea-Watch von ihrem Einsatz an Bord und ihrer Mission vor der libyschen Küste. Die private Initiative um das Rettungsschiff leistet selbst Nothilfe und fordert die Rettung von Flüchtlingsbooten in Seenot ein.

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