Zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll: In einem bewohnbaren Land

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Heinrich BöllHeinrich Böll, am Rhein. Urheber/in: Toni Richter. All rights reserved.

Woran sollten wir uns heute bei Heinrich Böll erinnern? Unter anderem an sein Ziel: das öffentliche Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland zu verändern.

Am 21. Dezember 2017 jährt sich der Geburtstag von Heinrich Böll zum hundertsten Mal. Und jetzt? Woran bei Böll heute erinnern? An einen literarischen Schreibprozess, dessen Impulse zugleich Maximen eines gesellschaftlichen Engagements waren? An einen Nobelpreisträger für Literatur, in dessen Augen es die Aufgabe der Schriftstellerinnen und Schriftsteller war, gesellschaftlich ausgeschlossene Erfahrungspositionen zur Sprache zu bringen? An einen für sich von der Überzeugung getragenen Autor, dass „Literatur“ – wie in den Frankfurter Vorlesungen zur “Ästhetik des Humanen“ formuliert – „offenbar nur zum Gegenstand wählen [kann], was von der Gesellschaft zum Abfall, als abfällig erklärt wird“?

Mit anderen Worten, an einen bundesrepublikanischen Intellektuellen und seinen Versuch eines Wiedergewinns des Humanen durch die Literatur als deren politische Dimension, weil „die Vernunft der Poesie“ die Möglichkeit einer vom Ästhetischen durchmessenen Politik verfolgte? Und dies, indem sie die aus ihr ausgeschlossenen Erfahrungsperspektiven des konkreten einzelnen Lebensentwurfs der gesellschaftlichen Reflexion zur Verfügung stellte? Immer in der Gewissheit, dass zwar jeder für sich selbst dieser Mensch ist, der er ist, dies aber der Anerkennung durch die anderen, die ihn als diesen anerkennen, bedürfe. Denn nur so lebe der Einzelne nicht nur in einer Gesellschaft, sondern auch durch sie – in einem „bewohnbaren Land“, wie Heinrich Böll 1964 in einer der Frankfurter Vorlesungen formulierte.

Nachkriegszeit und Gegenwartskritik

Die Formel gab der Suche nach einem „bewohnbaren Land“ nach dem Nationalsozialismus Ausdruck. Ob in seinen Augen das „bewohnbare Land“ gefunden wurde, lies Böll zeitlebens offen. Hingegen nicht, dass all sein Unternehmen des Glaubens und der Hoffnung dazu da sei, Veränderungsbewusstsein aufzuschließen: „Ich lebe hier [in der Bundesrepublik Deutschland], und ich möchte hier Veränderungen des öffentlichen Bewusstseins bewirken.“

Die Thesen zu einer „Ästhetik des Humanen“ wurden stets kritisch begleitet. Ließen ihn diese für die einen doch nur wieder zu einem Vertreter der moralischen Schönheit der Literatur werden, ebenso wie ihn seine Aufforderung zur „Leistungsverweigerung“ – wie im Roman Gruppenbild mit Dame – zu einem Fürsprecher der moralischen Schönheit des Aussteigens machten, galt beides für andere wiederum als Ausdruck einer ‚richtigen‘ Gesinnung.

Was aber war das für eine Gegenwartskritik, die hartnäckig Geschichten vom „Abfall“, von „Abfälligen“ erzählte wie sie mit gleicher Hartnäckigkeit die Immunisierung gegenüber dem Fortwirken autoritärer Denkstrukturen kritisierte und alle in die Gefahr stellte, zu Gefangenen eines großen Konsumlagers zu werden, und die dabei immer wieder zeigte, dass das wahre Humane nichts anderes ist als das, was immer ins Abseits gerät? Wirklich nur Ausdruck von Gesinnung? Für Böll war diese „immer gratis“ – ein Stillstand im Denken. Was Böll intendierte und fordern wollte, war vielmehr, mit „Nachdenklichkeit“, mit Be-sinnung als Vermögen des Denkens der Literatur durch Phantasie im Entwurf zukunftsfähiger Gestaltungen Impulse zur Gesinnungs-Umbildung freizusetzen. „Die Wirklichkeit wird uns nie geschenkt, sie erfordert unsere aktive, nicht unsere passive Aufmerksamkeit.“ Denn: Wirklichkeit war eine „Botschaft“ an eine die Verhältnisse umbildende „Phantasie“ als „unsere Vorstellungskraft, unsere Fähigkeit, uns ein Bild von etwas zu machen“. Eine Aufforderung an die Einbildungskraft als Kraft, sich ein Bild davon zu machen, wie es werden kann und soll, und an diesem Bild auch gegen aktuell widrige Umstände festzuhalten: ein Quäntchen von Böll stets eingeforderter Vision, dass die stets ‚gratis‘ vorgegebene ‚Ge-sinnung‘ zur ‚Be-sinnung‘ und damit in gesellschaftlichen Fortschritt umgewandelt werden kann.

Woran noch erinnern? An die Hartnäckigkeit, mit der Böll die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Geschichte nach 1945 als Geschichte einer unentrichteten Auseinandersetzung mit der Zeit ab 1933 lenkte:

„Wir denken immer in Daten, wir denken: 8. Mai 1945, Krieg zu Ende, Nazis weg, Stunde Null – eine große Täuschung. Und diese Täuschung habe ich nicht vollzogen. Ich habe mich immer gefragt: Waren hier überhaupt jemals irgendwo Nazis? Es waren ja 90 Prozent, wir wollen uns doch nichts vormachen. Und plötzlich keine mehr? […]: bis zum 8. Mai waren sie alle Nazis, wirklich, und plötzlich war das weg.“

In ihrem aufklärenden Paradox sollte die Äußerung wohl nicht nur die Verwunderung über eine sich über Nacht mit sich selbst austauschenden, gerade noch den Nationalsozialismus tragenden und dann, wie aus dem Nichts, bereits schon im Kern demokratischen Gesellschaft markieren. In ihrer skeptischen Reaktion auf die Vorstellung einer ‚geschichtsfreien‘ Geschichte und Anspielung auf einen ihr parallelen Wirklichkeitsverlust historischen Bewusstseins sollte sie in rhetorisch subtil operierender Ironie die Hauptachse eines (gesellschafts-) geschichtlichen Blicks sichtbar machen: die Reflexion auf das Nachleben des Vergangenen im Gegenwärtigen und – im Bewusstsein, dass Künftiges immer auf Vergangenem beruhe – der Notwendigkeit der fortdauernden Auseinandersetzung mit ihr.

Prädestinierte dies alles nicht Böll als Fürsprecher für die aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Erfahrungspositionen wie als Kritiker der gesellschaftlichen und politischen Vergangenheit und gegenwärtigen Mechanismen nicht geradezu, die Verdrängungen öffentlich (als Redner, als gesuchter Interviewpartner) einzusetzen? Ein Bild formierte sich jedenfalls: das Bild des Schriftstellers in öffentlichen Angelegenheiten, in gesellschaftlichen Debatten.

Zwischenraum von Literatur und Leben

Zweifelsfrei blieb aber auch für Böll nie, ob sich die Kluft, der Zwischenraum von Literatur und Leben wirklich überbrücken ließe – diese Skepsis bzw. diesen Verdacht deutete Böll in seiner Ansprache zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ am 8. März 1970 im Kölner Gürzenich unter dem Blickwinkel der „Schwierigkeiten mit der Brüderlichkeit“ zumindest an:

„Wir alle, soweit wir gelegentlich Festreden zu halten haben, kennen doch den Zwang, der sich bis zur Neurose steigert, wir kennen bei Veranstaltern und Mitwirkenden diese, wie ich finde, manische Sucht nach der Namhaftigkeit, nach der Prominenz, nach diesem Pseudoadel, der durch kein Lehen und durch kein Amt geschützt ist. Was hat das mit Brüderlichkeit zu tun? Ich finde: nichts. […] Im alten Rahmen, so wie wir sie hier proklamieren, wird Brüderlichkeit leicht zur Herablassung, zumal, wenn sie sich nicht ständig der säkularen Trinität erinnert, von der sie abstammt. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ich glaube nicht, daß wir frei sind und daß wir gleich sind. Vielleicht könnten wir es werden durch jene Brüderlichkeit, die sich in einer neuen rahmenlosen Gesellschaft anzudeuten scheint.

Fast die gesamte Umwelt steht im Widerspruch zu dieser Brüderlichkeit, die wir da einmal im Jahr der Anbetung anheimgeben. Ich zweifle daran, ob wir berechtigt sind, feierlich jener Toten zu gedenken, die Opfer des Völkermords geworden sind, wenn es uns nachweislich nicht gelingt, Völkern, die in unserer Gegenwart sterben, über jene Grenze hinaus beizustehen, die unserem karitativen Impuls durch innen- und außenpolitische Rücksichten gesetzt werden.“

Resignationsfrei war Böll in der Tat wohl nicht. Denn die Frage, ob derjenige, der den „Abfall“ analysierte, den Staat kritisierte, die Gesamtheit der sich zur Gesellschaft korporierten Herrschaftsbeziehungen im Visier hatte, den Abstand von Kritik und Kritisiertem wirklich überbrücken könne, das durch die Freiheit demokratischen „Widerstands“ eröffnete Intervall, “von der Demokratie Gebrauch zu machen“, wirklich auszufüllen vermochte, konnte auch von einem subjektiven Gefühl besetzt werden: „Ich kann in diesem Lande“, so Böll in einem Monitor-Interview mit Erich Potthast am 12. Juli 1972 anlässlich des Streits um seinen zur Besonnenheit aufrufenden Spiegel-Artikel über den das gesellschaftliche Klima aufheizenden Presse-Umgang mit den Mitgliedern der RAF,

„in diesem gegenwärtigen Hetzklima nicht arbeiten. Und in einem Land, in dem ich nicht arbeiten kann, kann ich auch nicht leben. Das macht mich wahnsinnig, ewig, ewig mich gehetzt zu fühlen, denunziert zu fühlen und ewig gezwungen zu sein, dementieren, Presseerklärungen... „

Drohten für Böll damals die Versuche einer Ableitung des Handelns aus dem ‚Wissen der Literatur‘ zu scheitern? Und damit die Literatur, die das Intervall eröffnet und freistellt, die Gewissheiten und Überzeugungen, auf die sich das Fortsetzen des Status quo stützt, ins Wanken zu bringen?

Ende Mai 1961. Ein Wagen, Marke Citroen, nähert sich von Prag aus der tschechoslowakischen Grenze zur Bundesrepublik. Die Insassen: Annemarie und Heinrich Böll sowie ihr Sohn Raimund. Heinrich Böll war einer offiziellen Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes zum Besuch der ČSSR gefolgt. Hinter der Grenze und außer Sichtweite hielt der Wagen nochmals. Aus einem versteckt gebliebenen Hohlraum klettert die Pianistin Jaroslava Mandlová in die Freiheit. Thomas Mandl, ihr aus Bratislava gebürtiger Mann, hatte sich ein Jahr vorher von einer Reisegruppe in Ägypten abgesetzt und war nun Gast im Hause Heinrich Bölls. Gemeinsam hatte man sich zur Befreiung Jaroslavas Mandlová entschlossen.

Wurde da, leise und ohne öffentlich dem Aufruf zur Solidarität ein Beispiel beisteuern zu sollen, das Gebiet des vertrackten Humanen, dieser human konstituierten Solidarität, vermessen? Das Feld, auf dem die Besinnung auf das Humane und das Humane selbst stattfindet? Bei allem Für und Wider gegenüber Böll und entfernt von allen retrospektiven Verortungen und Einordnungen: Liegt nicht in dieser Geste etwas, interessant und wert genug, seinem Ursprung immer wieder nachzugehen?

Mögen für manchen die Werke Heinrich Bölls fremd geworden sein. Die Motive, die Böll antrieb, sie waren auch Grundlage seiner Werke – und die stehen der Nachfrage weiterhin offen, um zu immer neuen Antworten herauszufordern.

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