Blumenkränze statt Rettungsringe

Blumenkränze statt Rettungsringe

Lampedusa HafenLampedusa am Morgen: Die Fischerboote kehren zurück in den Hafen. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

368 Menschen starben am 3. Oktober 2013 im Mittelmeer kurz vor Lampedusa. "Eine Schande für Europa", sagten damals die Politiker, als sie vor den Särgen standen. Passiert ist wenig. Eine Reportage zum ersten Jahrestag der Katastrophe.

Sonnenstrahlen spielen mit den Fischerbooten, die im Hafen von Lampedusa ihren Fang entleeren. Auf prächtigen Segelbooten nippen Herren in Shorts mit ihren Begleitungen an Kaffeetassen, am Quai herrscht reges Treiben an diesem Morgen. Noch ist Urlaubszeit auf der Insel: Touristen spazieren umher und nehmen die pittoresken Szenen mit ihren Handys auf.

Am kleinen Flughafen, knapp vier Kilometer vom Hafen entfernt, großer Bahnhof: Politiker/innen treffen ein, Vertreter der Europäischen Kommission, der italienischen Ministerien, Kamerateams und Journalisten. Auf der Pressekonferenz, die direkt am Flughafen stattfindet, entladen sich die Proteste, vor allem von wütenden Inselbewohnern, die sich von der Politik verraten fühlen. Familienangehörige der Toten stehen hilflos und still dabei, wirken wie die Statisten einer Inszenierung.

Nahe der Kaninchen-Insel: Wo Badegäste die schönste Bucht der Insel genießen, kenterte vor einem Jahr das Flüchtlingsboot. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ein Jahr ist es her, dass 368 Menschen vor dieser Insel ertranken. Spätestens seit diesem Unglück ist Lampedusa zum Symbol geworden dafür, wie Europa mit Flüchtlingen verfährt. Menschen fliehen vor Not, Diktatur und Krieg, und Lampedusa – für sie gleichbedeutend mit Europa – verbinden sie mit Schutz und Zuflucht, Chance und Neubeginn. Europa jedoch ist zur Festung geworden, und Lampedusa, der am weitesten vorgelagerte Felsen im Meer, zu einem Grenzposten.

Gegen vier Uhr morgens an diesem Tag vor einem Jahr hatte ein Fischkutter, der an der libyschen Küste Hunderte Migrant /innen an Bord geschmuggelt hatte, vor der Insel gestoppt. In der Dunkelheit sah man schon Lichter. Wasser war ins Boot eingedrungen, wurde später berichtet, und der Motor war ausgefallen. Der Kapitän tränkte einige Lappen mit Benzin und setzte sie in Brand – als Notsignal, aber diese Flammen wurden zum Verhängnis. Das Boot fing Feuer, kippte um und schloss die Menschen darunter ein. Viele, die vorher noch ins Wasser springen konnten, konnten nicht schwimmen. Überall schreiende und verzweifelte Menschen, von denen einige von einer Inselbewohnerin, die mit ihrem Boot in der Nähe ankerte, andere von der Küstenwache gerettet werden konnten. Danach wurden nur noch Leichen geborgen, und am Ende standen Särge aufgereiht in einer großen Halle: große und kleine – zahlreiche Kinder waren unter den Toten.

Wenig später starben 200 Menschen vor Malta. Ein Streit hatte Hilfe verhindert

Yohannes, der aus Eritrea stammt, wie die meisten, die auf diesem Schiff waren, erzählt, wie die Überlebenden im Lager von Lampedusa die folgenden Tage verbrachten. Die Särge waren abtransportiert worden, nach Sizilien – die Angehörigen durften die Insel nicht verlassen. Eine überforderte Bürokratie verpasste es auch, ausreichend DNA-Proben zu nehmen, um eine spätere Identifizierung zu ermöglichen. Zahlen statt Namen, eine Nummer auf dem hölzernen Deckel des Sarges, eine Zahl auf dem Grabstein. Am 11. Oktober hörten die, die noch im Lager waren, von einem weiteren Unglück in der Nähe der Insel. Vor Malta waren 200 Menschen im Meer ertrunken – die meisten von ihnen waren vor dem Krieg in Syrien geflohen. Bei der italienischen Küstenwache war ein Hilferuf eingegangen; der Streit zwischen Italien und Malta über die Frage, in welchen Gewässern sich das Boot befinde, führte allerdings dazu, dass niemand zu Hilfe eilte.

Früher lebten die Bewohner*innen der Insel vom Schwammtauchen. Heute würden sie gern mehr Tourist*innen anlocken. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

"Eine Schande für Europa", sagten damals die Politiker, als sie vor den Särgen standen. Geändert hat sich danach nur in Italien etwas. Die Regierung in Rom entschied, etwas zu tun, um die Menschen auf dem Meer vor dem Untergang zu bewahren. Mit der Operation "Mare Nostrum" verstärkten sie die Notrettung auf See, die dem krisengeschüttelten Land monatlich über neun Millionen Euro abverlangte. 140.000 Menschen wurden seither gerettet und auf die überfüllten Aufnahmelager in Sizilien verteilt. Aber mehr als 3.000 Menschen konnten nicht gerettet werden.

Die Politikerinnen und Politiker werden nach der Pressekonferenz vom Flughafen in schwarzen Autos mit geschwärzten Fensterscheiben zur Mole auf ein Schiff der Küstenwache gebracht – ein Bischof und einige eritreische Männer und Frauen mit Blumen in der Hand sind auch dabei. Sie stechen in See, von Journalisten und Kameras begleitet. Ernste Gesichter, die in den Abendnachrichten gezeigt werden. Tränen auch – bei den Familienangehörigen.

An Rande des Marsches: Hinweise auf die vielen Todesfälle im Mittelmeer. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Eine symbolische Geste des Gedenkens, die Abreise ist zeitnah vorbereitet

Das Schiff navigiert die wenigen Seemeilen vom Hafen Lampedusas bis zur "Kanincheninsel", wo die Kränze und Blumen ins Wasser gleiten sollen. Kaum bemerkt von den Touristen, die zu dieser Stunde an einem der zehn schönsten Strände der Welt – so heißt es – die Haut bräunen und ins kühle Nass des Mittelmeeres tauchen. Nur wenige Minuten verweilt das Boot – die symbolische Geste des Gedenkens ist aufgenommen, die Abreise zeitnah vorbereitet.

"Soros, Alfano, Schulz ihr seid für immer mitschuldig": Demonstration am Rande des Trauermarsches. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Fahrer eines der wenigen Taxiunternehmen der Insel macht in diesen Tagen ein ganz gutes Geschäft. Doch auch er ist sauer auf die Politik. "Nichts wird getan, um Lampedusa zu helfen." Nachdem das italienische Innenministerium in Brüssel mehrmals um Unterstützung gebeten hatte, soll die Seenotrettung jetzt eingestellt und von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex übernommen werden. "Was passiert denn dann, wenn weit draußen ein Boot mit Flüchtlingen in Seenot gerät?", fragt sich der Fahrer. Und warum wird das vor Monaten stillgelegte Erstaufnahmelager nördlich der Stadt nächste Woche wieder in Betrieb genommen? Und wie soll sich Lampedusa zu einem Ferienziel entwickeln, wenn die Schlagzeilen der Weltpresse von Flüchtenden und Toten berichten?

Der Papst hatte die Familienangehörigen der Menschen, die damals ertrunken waren, zwei Tage zuvor im Vatikan empfangen; auch direkt nach dem Unglück war er nach Lampedusa geeilt und hatte seinen Besuch mit dem dringlichen Appell an eine menschlichere Politik verbunden. Er scheint sich tatsächlich für sie zu interessieren und möchte sich engagieren. "Das hat geholfen." Sagt Yohannes. Der junge Mann arbeitet auf Sizilien für eine NGO und versucht, seinen Landsleuten und anderen Geflohenen zu helfen. In den meisten Fällen wissen sie, einmal in Italien angekommen, nicht wirklich, was weiter mit ihnen geschieht.

An der Kirche, in welcher der Bischof am späten Nachmittag die Messe gehalten hatte, setzen sich mit Einbruch der Dämmerung Menschen in Bewegung; entlang der Via Roma, gefolgt von den Augen der Passanten und Ladenbesitzer. Eine kleine Demonstration, leise und mahnend – damit sich etwas ändert. Fast am Ziel des Marsches angekommen, reißen dunkle Wolken am Himmel auf, und sturzflutartig prasselt der Regen auf die Demonstrant /innen verschiedener Hautfarbe herunter. Die Eritreer sprechen Gebete, einige stehen herum, andere eilen zurück in Richtung der Stadt. Doch dann setzt sich eine kleine Karawane in Bewegung: Inselbewohner, die schnell einen kleinen Umweg mit ihren Autos und Transportern machen, um die Demonstranten abzuholen und an wettergeschützte Orte zu bringen. "Man lässt doch Menschen nicht einfach im Regen stehen", murmelt ein älterer Mann, und lenkt sein Auto Richtung Stadt.

 

Dies ist ein Beitrag ist erstmals erschienen in Böll.Thema 3/2014 "Niemand flieht ohne Grund". Kirsten Maas-Albert ist Leiterin des Afrika-Referats der Heinrich-Böll-Stiftung. Am 3. Oktober 2014 nahm sie am Gedenken an die Toten des Schiffsunglücks auf Lampedusa teil. "Eine Schande für Europa", sagten damals die Politiker, als sie vor den Särgen standen. Geändert hat sich danach nur in Italien etwas.

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