Rettung über wackelige Sprossen

Rettung über wackelige Sprossen

Flüchtlinge besteigen das Frachtschiff

Die Sea Watch hat ihren ersten Einsatz, nach der Zeit im Hafen von Lampedusa, absolviert und dabei über 100 Geflüchteten das Leben gerettet.

Logbucheintrag sieben, 25.07.15.

Nach dieser kitschig schönen heißen Nacht auf See und den Stunden unter einem trügerisch idyllischen Sichelmond sind wir gegen 9 Uhr morgens im Zielgebiet eingetroffen. Die Sea Watch hat sich gut benommen und die See ist sehr ruhig. Es ist wieder heiß, unglaublich heiß, fast kein Lüftchen weht und dazu fahren wir vor dem Wind, also kein Hauch von einer Brise. Wir sind alle noch sehr kaputt, von den Arbeiten am Boot in der letzten Woche. Die Nachtstunden nutzen wir deshalb zum Ruhen. Morgens ist die Welt einfach blau, dieses unglaubliche Blau, das es nur auf hoher See gibt. Und das uns alle, die wir auf den Meeren fahren, so süchtig macht - was wir natürlich nie zugeben würden. Wir frühstücken zusammen und auch die Nachtwachen sind inzwischen auf. Keiner will es so richtig eingestehen, aber wir alle sind angespannt und warten auf unseren ersten Einsatz.

Da ist Henning, der coole und lustige Profi, der sonst von Helgoland aus auf meterhohen Wellen reitet, mit seiner Einsatzcrew von der „Hermann Marwede“ jeden Tag Menschen und ihre Schiffe aus Seenot rettet und dem Hunderte ihr Leben und ihr Schiff verdanken. Ragi, der zähe Bayer in Hamburg, der sonst von Hubschraubern baumelt, Bohrinseln und Windkraftanlagen erklettert und auch da Leben und Gesundheit der dortigen Arbeiter rettet. Der Al Jazeera Journalist Daniel, der eigentlich in Barcelona lebt. Dann unser Schiffsarzt, der jugendlich wirkende Thomas, der in Asien Menschen behandelt und betreut hat, der sehr viel mehr kann und erlebt hat, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Sein trockener Humor ist inzwischen legendär hier und außerdem kocht er wie ein kleiner Küchengott. Unser Techniker Phillip, ein leiser und ruhiger junger Mann, der mit seiner vorsichtigen und sensiblen Art immer integriert und ein wunderbarer Zuhörer ist. Unser "Watch the Med" Kontaktmann Reinier, der ein ehemaliger Seemann ist, in Amsterdam eine Einmannschlüsselnotdienstzentrale betreibt und alles reparieren kann, was den Planeten zusammenhält. Und ich, der nicht viel zu bieten hat, außer Erfahrung als Skipper von allem möglichen, was schwimmt, dümpelt oder taucht. Und der berufsbedingt dokumentiert und hinschaut.

Anruf von der italienischen Seenotrufstelle

Wir sind noch in Erwartungslaune, als plötzlich unser Satellitentelefon klingelt und die MRCC Rom (die italienische Seenotrufstelle) anruft und uns eine Satellitentelefonnummer gibt, die wir versuchen sollen, anzurufen. Thuraya-Telefone, kleine Satellitentelefone, die mit Prepaid-Simkarten funktionieren, sind die bevorzugten Kommunikationsmittel, die die Schlepper den Flüchtlingen als einen Teil der Ausrüstung ins Boot legen. Die bekommen allerdings nur die "VIP Flüchtlinge", denn so ein Telefon kostet ab 500 Euro aufwärts.

Die Nummern der Seenotrufzentrale in Rom bekommen die Flüchtlinge von den Schleppern oder sie müssen sie sich selber organisieren. Im Fall des Schiffbruchs oder anderer großer Schwierigkeiten versuchen sie dann in Rom anzurufen. Es gelingt manchmal - und dann gibt es oft die Sprachbarriere. Die Menschen aus Somalia, Eritrea oder auch Mali und Nigeria haben meist einen jungen Mann unter ihnen, der etwas Englisch kann und den Italienern in der Notrufzentrale irgendwie begreiflich machen muss, was passiert ist und vor allem was die Position des havarierten Schlauchbootes ist. Daraufhin ruft die MRCC alle Seeschiffe in dem Seegebiet an, in dem sie das havarierte Boot vermuten.

In der Regel beginnt dann eine großangelegte Suche - im Idealfall halten sich Frachtschiffe in diesem Gebiet auf, die von oder nach Tripolis oder Algerien unterwegs sind. Doch in letzter Zeit sind immer häufiger interne Anweisungen aus den Reedereien an die Kapitäne gegangen, nach denen diese Gegend gemieden werden soll.

Es ist also nicht viel los hier, wir sind ziemlich alleine.

Das Gebiet, in dem wir suchen, ist riesengroß. Von West nach Ost sind wir mit unserer maximalen Geschwindigkeit von 7-8 Knoten, also 7-8 Seemeilen in der Stunde locker 40 Stunden unterwegs und von Nord nach Süd, wenn wir Lampedusa als nördlichen Punkt nehmen, gut und gerne 24 Stunden. Wir sind heute das einzige Schiff, das hier kreuzt, die Bourbon Argos von MSF (Ärzte ohne Grenzen), ist noch bei ihrer Reparatur in Malta, soll aber morgen wieder hier im Seegebiet eintreffen.

Wir versuchen, das Satellitentelefon anzurufen: keine Reaktion. Das muss nichts heißen, weil bei noch laufendem Motor eines Bootes und den vielen Menschen, der Besitzer des Telefons die Anrufe nicht unbedingt hört. Außerdem lernen wir, dass die Thuraya-Telefone nicht sehr zuverlässig sind. Über unser Bordtelefon, ein VOIP Gerät, bekommen wir mittags einen Anruf von der MRCC Rom, die uns als einsatzfähiges Schiff in diesem Seegebiet sieht und uns bittet eine Position zu überprüfen, die nur 3 nm von uns entfernt liegt. Wir dampfen mit voller Kraft voraus und finden einen schwimmenden Kühlschrank. Wir sehen davon ab, ihn zu retten und geben der MRCC Bescheid. Keine 10 Minuten später kommt der nächste Anruf mit einer Positionsberichtigung, die 7.9nm von uns entfernt ist. Wir machen uns auf den Weg und innerhalb kürzester Zeit sehen wir von weitem einen kleinen Trampfrachter an der angegebenen Position, der ohne Fahrt im Wasser liegt. Ich funke ihn auf Kanal 16 an und frage nach Problemen. Der Skipper antwortet ziemlich verzweifelt, dass er neben einem Schlauchboot mit „über 100 Menschen“ gestoppt hat und nun ratlos versucht, irgendetwas zu tun, um den Leuten zu helfen.

Wir setzen unser Beiboot mit voller Rettungscrew raus und schicken es zum Frachter.

Wir telefonieren mit der MRCC Rom und diese Stelle ruft ihrerseits den Kapitän des Frachters "Shaya" an, der damit angewiesen wird, alle Schiffbrüchigen aufzunehmen und nach Sizilien zu bringen.

Ein Frachter nimmt die Schiffbrüchigen auf

Da fängt das Problem an. Die hohe Bordwand und die leicht kabbelige See machen es für viele der entkräfteten Menschen unmöglich, nach oben zu klettern. Die Stahlwand ist sehr hoch und freischwebend an einer wackeligen Leiter kommen die vielen entkräftete Männer und Frauen, mit Kindern, da so keinesfalls hoch. Unser Außenteam, vor allem Ragi, unser Hubschrauberkletterer, klettert halb hoch und spricht mit der Crew. Er organisiert die Kletteraktion und bringt persönlich über 80 Menschen auf den Frachter. Ich sehe vom Steuerstand der nebendran dümpelnden Sea Watch, dass er nach 6 Stunden Schwerstarbeit und 38 Grad in vollem Sonnenschein merklich langsamer wird und am Ende seiner Kräfte angelangt ist. Bei den letzten schwangeren Frauen und den Müttern mit ihren Kindern ist dann nichts mehr zu machen. Wir halten Rücksprache mit der MRCC Rom und die ihrerseits rufen den Frachter-Kapitän an, der dann plötzlich - oh Wunder - eine Treppe runterfährt, auf der alle übrigen Menschen komfortabel an Bord des Frachters gelangen. Ragi ist etwas ungehalten.

Die Crew der "Shaya" weiß inzwischen, dass ihre beabsichtigte Route nach Algier nun einige Tage Aufenthalt in Sizilien bedeutet und dass die begrenzten Vorräte des Frachters nun für 77 Männer, 25 Frauen, davon 3 Schwangere und 2 Kleinkinder plus die Crew reichen müssen. Der Frachter-Kapitän bittet uns noch um einen medizinischen Check - vor allem der Frauen mit Kindern und der Schwangeren. Es werden keine wirklich schlimmen Krankheiten gefunden, und diesmal zum Glück auch keine Spuren schlimmer Misshandlungen durch die lybischen Schlepper.

Letztendlich sind wir alle nach viel Winken, der Rettung von jetzt wirklich glücklich wirkenden Menschen, die erleichtert auf sicherem Grund stehen und sitzen, wieder allein. Nach einigen Manövernachbesprechungen und Analysen plus Kommunikation wieder mit der MRCC Rom ist die Außencrew völlig fertig und wir fahren langsam in die einsetzende Dunkelheit.

Alles ist gut gelaufen, der MRCC Rom sieht uns inzwischen als Partner und hat uns mehrmals ihre Wertschätzung versichert. Wir sehen die exzellente Arbeit dieser Behörde und ihr Engagement. Die Küstenwache ist jeden einzelnen Tag draußen und rettet Flüchtlinge und jeden anderen Menschen in Seenot völlig ohne Ansehen der Person und der Nationalität. Die Kapitäne sind ungeheuer pragmatisch und sehr humanistisch eingestellt.

Für die Crew wird es etwas dauern, die Aktion zu verarbeiten, denn jeder geht mit dem Erlebten anders um. Die Augen der Menschen im Boot und ihre Reaktion sind uns allen Grund und Bestätigung genug, diese Mission zu unternehmen, schon für diese eine Aktion hat sich alles gelohnt.

Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Arbeit des MRCCs und der Kapitäne gewürdigt wird und wir Italien, mit allen Mitteln, die der EU zur Verfügung hat, zur Seite stehen. Und Schande über die Länder, die einfach ihre Grenzen für bedürftige Kriegsflüchtlinge dichtmachen und keine Asylbewerber mehr in ihren Territorien dulden. Ich und alle hier hoffen und wünschen uns, dass die Verantwortlichen in ihren klimatisierten Luxuskarossen anfangen, mitzufühlen und nicht nur ihren Wahlkreis im Auge haben. Hier ist eine internationale Katastrophe im Gange, die die Italiener und Griechen fast im Alleingang bewältigen und bald nicht mehr können.

Europa steht vor seiner größten Herausforderung seit seinem Bestehen. Werden wir eine Festung oder eine Brücke? Wir brauchen dringend Zuwanderung und der Wert der einwandernden und motivierten Menschen, die eine neue Heimat suchen, ist gar nicht abzuschätzen. Nicht zu reden von Kontakten und Beziehungen im Wirtschaftsbereich und der Bildung, die durch solche Migrationswellen entstehen. Die Menschen gehen irgendwann zurück in ihre Heimatländer, ausgebildet in Europa und mit allen Kontakten, die sie mitbringen. Der zukünftige Reichtum Europas hängt davon ab, aber auch die moralische Daseinsberechtigung als humane, wirtschaftliche und politisch-soziale Institution

 

In unserem Logbuch Mittelmeer berichten Crewmitglieder der MS Sea Watch von ihrem Einsatz an Bord und ihrer Mission vor der libyschen Küste. Die private Initiative um das Rettungsschiff leistet selbst Nothilfe und fordert die Rettung von Flüchtlingsbooten in Seenot ein.

 

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