1968 gedenken

1968 gedenken

Wie jedes Jahr werden die Ereignisse von 1968 in Prag aus heutiger Sicht reflektiert – dieses Jahr drängt sich die „Informationspolitik“ des Kreml im Ukraine-Konflikt als Bezugspunkt auf.

Heute gedenkt man in Tschechien der Niederschlagung des Prager Frühlings. In der Nacht zum 21. August marschierten vor 47 Jahren Truppen des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei ein. Jedes Jahr erinnert man sich hier an den gewaltlosen Widerstand, an die Hoffnungen, die der Prager Frühling als Reformbewegung weckte und an die Wut, Hilflosigkeit sowie Verzweiflung, die der Okkupation folgten. Wie jedes Jahr werden die Ereignisse von 1968 aus heutiger Sicht reflektiert – dieses Jahr drängt sich die „Informationspolitik“ des Kreml im Ukraine-Konflikt als Bezugspunkt auf: In einer Zeitung lese ich die Schlagzeile „Die russische Propaganda funktioniert besser als im Jahr 1968“.

Die sowjetische Propaganda bezeichnete die Invasion 1968 als „sozialistische Bruderhilfe“. Es ist sicherlich kein Zufall, dass in diesem Jahr im staatlichen Fernsehsender Rossija 1 eine „Dokumentation“ ausgestrahlt wurde, in der dieser Mythos wiederbelebt wird. Propagandaaufnahmen wurden hier recycelt, behauptet, man habe die Tschechoslowakei vor einem Einmarsch der NATO bewahrt. Der Film unterstellt außerdem, dass die Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge K 231, die sich 1968 besonders für die Demokratisierung einsetzte, aus „verurteilten Nazis, Faschisten und Kollaborateuren“ bestanden habe.

Bruderhilfe, Umsturz durch Faschisten, Faktenfälschung in einem staatlichen Fernsehsender mit höchsten Einschaltquoten, Geschichtsumschreibung – die Parallelen zur russischen Propaganda im Ukraine-Konflikt könnten deutlicher nicht sein.

Als Folge der Niederschlagung des Demokratisierungsprozesses sind nach 1968 über 100.000 Menschen aus der Tschechoslowakei geflohen. Die meisten fanden in westeuropäischen Ländern ein neues Zuhause. Zurzeit sind Hunderttausende Menschen auf der Suche nach Zuflucht, wir sind seit Monaten Zeugen eines Dramas, das sich an den Grenzen und mittlerweile auch innerhalb der EU abspielt. Die Tschechische Republik hat sich im Rahmen der von der EU beschlossenen Umverteilung von 40.000 Flüchtlingen aus Griechenland und Italien bereit erklärt, 1.500 Flüchtlinge aufzunehmen. Wenn man an 1968 denkt, ist diese Zahl beschämend.

Die Ressentiments gegen Flüchtlinge sind in der Tschechischen Republik weit verbreitet. Der tschechische Präsident Miloš Zeman erklärte Anfang August, dass den Flüchtlingen drei Sätze mitgeteilt werden sollten: „Der erste Satz lautet: Niemand hat euch hierher eingeladen. Der zweite Satz: Wenn ihr schon da seid, müsst ihr unsere Regeln respektieren, genauso, wie wir eure Regeln respektieren, wenn wir in eure Länder kommen. Und der dritte Satz: Wenn es euch nicht gefällt, geht weg.“

In Gedenken an 1968 klingt das unfassbar.

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