Löffelgerechtigkeit: Eine Allegorie auf das Besitzen

Löffelgerechtigkeit: Eine Allegorie auf das Besitzen

Es hilft nichts, die Welt zu drehen. Es hilft nichts, das Gesetz mit aller Kraft zu schütteln. Die Gerechtigkeit weigert sich, in erkennbarer Weise zu funktionieren. Ein Beitrag aus der "Berliner Anthologie" zum Internationalen Literaturfestival.

Manchmal, wenn ich mein Gesicht in einem Löffel betrachte, sehe ich mich verkehrtrum. Es hilft nichts, den Löffel zu drehen. Mein Gesicht steht immer noch kopf. Es hilft auch nichts, den Löffel mit aller Kraft zu schütteln. Der Löffel weigert sich, mir mein Gesicht in erkennbarer Weise zu zeigen.

Manchmal funktioniert die Gerechtigkeit nicht so, wie sie soll, sondern genau andersrum. Ich nenne das Löffelgerechtigkeit, verdrehte Logik, ein Schicksal des Verkehrtrumseins. Es hilft nichts, die Welt zu drehen. Es hilft nichts, das Gesetz mit aller Kraft zu schütteln. Die Gerechtigkeit weigert sich, in erkennbarer Weise zu funktionieren.

Ich halte mir den Löffel vors Gesicht und sehe eine verkehrtrum sitzende Krone. Ich bin die Königin meiner eigenen Welt. Für uns selber sind wir alle Könige oder Königinnen, aber in der Masse haben wir gar nichts Königliches an uns. Ich bewahre meine Verkehrtrum- Löffel in einer unbewachten Schublade auf. Mein Land ist mein Körper. Mein Heimatland, mein Heimatkörper. Mein Körper ist Europa, und Europa ist unter meinen Füßen. Der Körper bewegt sich. Ich besitze mich selbst, und ich besitze nichts. Gerechtigkeit fließt aus jedem Schritt, der mich fortträgt von meinem Herkunftsort. Was in meinen Körper hineingeht, ist geliehen von anderen Körpern, von anderen Welten. Zusammen bewegen wir uns herum, begegnen uns, doch niemals suchen wir einander vollends heim. Niemand kann wirklich in einen anderen Körper hineingehen, außer in den neun Monaten der Schwangerschaft, der ersten Vorstellung von Daheim für jene von uns, die dadurch zur Welt kommen, dass sie eine Frau erregen.

Wenn ich sterbe, bin ich unbehaust, doch davor nie. Wenn mein Heim gleich meinem Körper ist, dann ist mein Körper mein Schloss. Ich herrsche, wenn ich Luft einatme. Ich herrsche, wenn ich mir ein Stück Brot in den Mund stecke und es schlucke. Ich herrsche, wenn ich die Haut am Arm meines Geliebten streichle, weil sie sich gut anfühlt. Ich herrsche, wenn ich nachts versuche, meine Gedanken anzuhalten, damit mein Kopf sich in Phasen des Schlafs regenerieren kann.

Wenn ich schlafe, wenn ich zu schlafen versuche und es mir manchmal nicht gelingt, würde ich mich gern sicher fühlen. Wenn ich schlafe, kann ich mich nicht schützen. Mein Schloss ist schwach und unbewacht bei Nacht. Das, was um mich herum ist, ist nicht mein Besitz, und darum kann ich es nicht schützen.

Wenn ich mich bewege, bewege ich mich zusammen mit anderen Königen und Königinnen. Wir schließen Nichtangriffspakte,
manchmal sogar Pakte zum gegenseitigen Schutz. Aber wer riskiert denn seine eigene Haut, um einen anderen zu retten? Ist das ein Beispiel für Löffelgerechtigkeit, eine Negierung des eigenen Lebens, das man nicht einmal dadurch richtigrum drehen kann, dass man den Löffel mit aller Kraft schüttelt? Oder ist es das Gegenteil von Besitzen, die schrittweise Entwicklung von Mitgefühl für einen anderen Körper?

Wenn eine gewisse Anzahl von Königen und Königinnen zusammenarbeitet, dann entsteht ein neues Gebiet, irrtümlicherweise Vaterland gennant. Da wir nichts und niemanden besitzen, ist es unmöglich, irgendetwas zu bewohnen – außer dem eigenen Körper. Solche falschen Staaten behaupten von sich, sicher zu sein, doch es gibt keinen Frieden in den Träumen derer, die auf einem Bett aus Lügen schlafen.

Wo Löffelgerechtigkeit herrscht, werden Flüchtlinge geboren. Dass sich die Flüchtlingskörper bewegen, liegt nicht daran, dass es sich gut anfühlt, wenn der Fuß europäischen Boden berührt, sondern allein daran, dass sie nicht in Sicherheit schlafen können. Körper, die in sich keine Heimat haben, sind von der Sicherheit dieser falschen Territorien angezogen. Aber die Königinnen und Könige der falschen Territorien fürchten, dass ihr Raum knapp wird und dass sie gezwungen wären, sich zu bewegen, wenn zu viele andere hineinkommen. Bewegung an sich ist verpönt, Füße haben so unbeweglich zu sein, wie die Erde, die sie berühren. So entsteht eine Kluft zwischen denen, die sich bewegen und denen, die in Sicherheit schlafen. Was wäre euch lieber, bewegen oder schlafen? Wenn es Nacht wird und das Geräusch von Schritten euch in euren Träumen verfolgt, dann müsst ihr euch entscheiden.

Ach, Europa, was würde ich dir geben, deinen Flüchtlingen und den Ländern, die deine Flüchtlinge aufnehmen? Nichts würde ich dir geben. Nicht meinen Schlaf, nicht meine Löffel, nicht meinen Körper. Stattdessen würde ich jedem Einzelnen eurer Körper die Illusion eines Vaterlandes nehmen, die Lüge des Besitztums und die Krone eurer Könige und Königinnen. Nur dann kann der Löffel der verdrehten Gerechtigkeit geradegebogen werden, nur dann erkenne ich mein Gesicht wieder.

Ich bin ein Körper auf dem geliehenen Boden Europas. Ich imitiere die Schritte der anderen Körper, die immer dort zu Hause sind, wo sie gerade hingehen. Wenn wir einander folgen, dann  erwächst aus unseren Schritten Gerechtigkeit. Wenn wir unsere Schritte mehr lieben als den Boden, auf dem wir unserer Fußabdrücke hinterlassen.

Aus dem Englischen von Christa  Schuenke.

Zusammen mit dem "Internationalen Literaturfestival Berlin" haben wir Autor/innen dazu aufgerufen, sich mit dem Thema Flucht und Asyl literarisch auseinanderzusetzen. Dieser Beitrag ist Teil der "Berliner Anthologie", die auch zum Download bereit steht.

 

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