Das Patriarchat fährt mit im Schleuserboot

Feldbetten in iner Sammelunterkunft
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Sammelunterkünfte, wie hier in Wiesbaden, sind aus geschlechtersensibler und intersektionaler Perspektive höchst problematisch, da sie keine Schutzräume für besonders gefährdete Menschen vorsehen: vor allem Frauen, Kinder, LGBTI*

Heide Oestreich erklärt im aktuellen Feministischen Zwischenruf die Stimmlosigkeit vertriebener Frauen und warum sie nicht hinnehmbar ist.

Neulich wollte die Neue Zürcher Zeitung Flüchtlinge porträtieren, um ihre Schicksale den schon länger Heimischen nahezubringen. Die Reporter/innen fuhren also zu unterschiedlichen Unterkünften sprachen mit den Bewohner/innen, denen sie "ein Gesicht geben" wollten - ganz buchstäblich, mit einer Fotografie. Und so fanden sich in der Zeitung später elf Porträts wieder. Elf Männer. Und wo sind die Frauen? Die Autor/innen klärten auf: Die Frauen hätten entweder nicht zugelassen, dass sie fotografiert werden. Oder sie wollten nicht sprechen und verwiesen auf ihren Ehemann. Oder sie wollten ihre Fluchtgründe nicht nennen. Der Zeitung fiel daraufhin nichts anderes ein als die Frauen verschwinden zu lassen.

Diese Episode zeigt so furchtbar genau, was mit den Frauen auf der Flucht los ist, warum sie wenig gesehen und wenig gehört werden. Der Grund liegt in patriarchalen Strukturen, in denen viele von ihnen bisher lebten. Da spricht der Mann, nicht die Frau. Da geht der Mann nach draußen und sie bleibt drinnen. Und diese Unhörbarkeit geht noch um einiges tiefer. Haben die Frauen sexuelle Gewalt erfahren, was in Krisengebieten häufig vorkommt, so erlaubt ein umfassendes Verständnis von weiblicher Ehre nicht, dass sie darüber sprechen. Es kann also passieren, dass ihre Asylgründe gar nicht erst gehört werden.

Ulrike Krause vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg hat zusammengestellt, in welch besonderer Lage Frauen auf der Flucht sind. Frauen, die mit ihrem Mann fliehen, sind oft von seinem Asylantrag abhängig - ein Machtgefälle entsteht. Trennen kann man sich unter diesen Umständen schon mal nicht. Frauen, die alleine fliehen, sind nicht nur auf sich selbst gestellt. Alleinreisende Frauen sind in einigen Kulturen eine Art Freiwild, Frauen, die man sich nehmen kann. Und so zahlen sie für die Schleusung unter Umständen nicht nur mit Geld, sondern mit ihrem Körper. Vergewaltigungen sind die Folge.

Nach solchen Erfahrungen ist es für Frauen in deutschen Flüchtlingsunterkünften schwer, sich etwa die Sanitäreinrichtungen mit Männern zu teilen. Männer, die unter Stress stehen und unter anderem ihre Macht im Heim demonstrieren, indem sie übergriffig werden. Alles Themen, die die Hilfsorganisationen seit langem kennen, denen sie vorzubeugen versuchen, indem sie sich ein Schutzkonzept ausdenken. Doch die schiere Zahl der Fliehenden und das weitgehende Staatsversagen haben viele dieser Pläne zu Makulatur werden lassen.

Es steht zu befürchten, dass die mangelhafte Hörbarkeit auch damit zu tun hat, dass nicht nur die Menschen aus traditionelleren Kulturen der Gewalt gegen Frauen keinerlei Aufmerksamkeit widmen und sie als normal ansehen - sondern die Menschen, die schon lange in Deutschland leben, ebenfalls. Vergewaltigungen etwa sind oft ein Thema für die Medien, wenn es darum geht, dass eine Frau einen Mann eventuell zu Unrecht angeklagt hat. Stichwort Kachelmann. Nicht aber die vielen Fälle, in denen sie es ganz eindeutig zu Recht tun. Keine Story. Rape Culture nennen Spezialist/innen diese Umkehr von Täter und Opfer.

Hoffen wir, dass einige dieser Geschichten in Zukunft doch erzählt werden. Denn Deutschland bietet nicht nur Unsicherheit, es bietet auch Möglichkeiten. Viele Frauen warten ungeduldig darauf, sich weiterqualifizieren zu können und möglichst bald einen Job zu haben. So viele Frauen lernen gerade schwimmen an den "Frauenschwimmtagen" im Stadtbad. Oder sie lernen Fahrradfahren. Und auch das ist nur ein Bild dafür, welche Chancen die Flucht auch eröffnen kann - auf ein neues Leben. Gut wäre es, wenn möglichst viele Frauen ihre Gewaltgeschichte so verarbeiten können, dass sie die neuen Möglichkeiten  ergreifen. Hier muss der Staat liefern: Es braucht angemessene Unterkünfte, es braucht fortgebildetes Personal. Und dafür braucht es eine Politik, die sich endlich mal der Rape Culture widmet und sie bekämpft.

 

Dieser Artikel erschien zunächst am 11. November 2015 auf auf der Website des Gunda-Werner-Instituts.