Zum Lunch mit Stefan Klein

Zum Lunch mit Stefan Klein

3 Uhr im Café Einstein Unter den Linden. Stefan Klein ist pünktlich. Wir haben genau eine Stunde Zeit, um über Zeit zu sprechen und dabei zu essen. Danach wird er im Funkhaus für den ORF erwartet. Wir müssen uns also beeilen. Um uns herum ist es laut: Herr Klein, was ist Zeit für Sie?

Stefan Klein: Die Frage ist, ob es so etwas wie Zeit in einem physikalischen Sinn überhaupt gibt. Die Zeit, in der wir leben und die wir erleben, ist nicht die Zeit, die die Uhr anzeigt, sondern etwas viel Weicheres: Sie ist dehnbar, streckbar, stauchbar.

Wir arbeiten weniger und leben länger, und im Haushalt helfen Maschinen. Und dennoch meinen viele, zu wenig Zeit zu haben. Logisch ist das nicht.

Nein. Logisch ist das nicht. Eine Industriearbeiterin hatte 1890 in Deutschland zur Hochzeit der Industrialisierung ein massives Zeitproblem. Sie war 60 Stunden die Woche abhängig beschäftigt und hatte Kinder und Familie. Darüber wurde aber nicht geredet. Heute haben sehr viele Menschen – nicht alle – mehr Wahlmöglichkeiten im Leben. Diese Freiheit führt dazu, dass uns die Zeit knapp erscheint. Dazu sind wir einer ständig zunehmenden Menge an Reizen ausgesetzt.

Liegt es nicht daran, dass es uns bisweilen schwerfällt, uns für etwas zu entscheiden? Und darf ich erwarten, dass alle meine Ansprüche auf gleichzeitige Karriere, Familie, Hobbys, Reisen und Wellness-Wochenenden mit mehr individueller Zeit berücksichtigt werden?

Sie sprechen mir aus der Seele. Es gibt Leute, die haben sich Entschleunigung auf die Fahnen geschrieben. Das ist ein antimoderner Diskurs. Erstens ist überhaupt nicht klar, wie die angeblich so entschleunigte Gesellschaft politisch umgesetzt werden soll. Zweitens glaube ich nicht, dass es irgendjemand wirklich will. Die Leute genießen es doch, dass in ihrem Leben etwas los ist. Es gibt natürlich einen Teil von Menschen in unserer Gesellschaft, die keine Wahl haben. Menschen, die kaum von ihrer Arbeit leben können. Das sind nicht unbedingt die, die jammern. Aber die haben ein ganz reales Problem.

Wer jammert denn am meisten?

Der gefühlte Zeitdruck ist umso höher, je wohlhabender die Menschen sind. Das ist erst einmal ziemlich erstaunlich, weil diese Leute, die sich so über den Zeitdruck beklagen, Dienstleistungen einkaufen können, die sie entlasten: Putzfrau, Kinderfrau ... Warum klagen sie also? Je weniger sie durch andere Faktoren eingeschränkt sind, wie zum Beispiel zu wenig Geld, und je mehr Möglichkeiten sie im Leben haben, umso mehr mangelt es ihnen an Zeit, all das zu tun, was möglich wäre.

Wie steht es um unsere Zeitplanung?

Unsere Lebenserwartung ist gewaltig angestiegen. Aber wir leben noch in den alten Zeitmustern: Mit 30 sollst du wissen, wo du beruflich stehst, mit 40 einen großen Teil deiner Karriere geschafft haben, und mit 50 brauchst du überhaupt nicht mehr zu versuchen, dich anderswohin zu bewerben, weil du mit 65 in Pension gehst. Das ist absurd. Wir drängen viel zu viel in die ersten 35 Lebensjahre hinein. Wir müssen die Lebensarbeitszeit anders verteilen, und das ist etwas, wo die Politik sehr viel tun kann. Beispielsweise müssen wir weg von einem starren Rentenalter. Man könnte überlegen, Einkommen und Erwerbsarbeit über längere Zeiträume zu strecken. Dafür ist unser heutiges System nicht gemacht.

Was muss der Mensch tun oder wie muss er sein, damit er die richtige Balance findet? Ein, wie Sie sagen, «befriedigendes Zeiterleben»?

Erstens geht es da um persönliche Werte. Diese Fragen sind nicht abgehoben, sie stellen sich ganz konkret. Nehme ich als Freiberufler noch einen Auftrag an oder verbringe ich die Zeit mit meinen Kindern? Wie viel Karriere im Unternehmen will ich, und was ist der Preis? Es geht, zweitens, darum, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse, aber auch Ängste kennen. Das, was sich vielen Menschen als Zeitmangel darstellt, ist sehr häufig eine Angst vor irgendetwas. Denken Sie an die gestressten Mütter, die meinen, vor dem Kita-Geburtstag noch einen Kuchen backen zu müssen, und sich dann furchtbar gehetzt fühlen.

Was ist das Problem?

Dass sie Angst hat, als Rabenmutter dazustehen, wenn sie ihr Kind mit einem gekauften Napfkuchen in die Kita schickt.
Lassen Sie uns noch einmal über die sozialen Medien sprechen. E-Mails, Facebook, Twitter, Instagram … kosten Zeit.
Twitter ist im Prinzip ein tolles Medium. Ich habe es drei Monate lang gemacht, bis ich anfing, mein letztes Buch zu schreiben. Dann merkte ich: Das kann ich nicht. Ich kann nicht ein Buch schreiben und twittern. Das war dann meine letzte Twittermeldung. Es geht nicht um die paar Minuten, die Sie auf Ihr Twitter- oder Facebook-Account starren. Es geht um jede einzelne der Störungen. Sie müssen sich von jedem Blick auf Twitter, oder was immer Sie haben, erholen. Sie müssen buchstäblich zurückfinden in das, was Sie eigentlich tun wollen. Und das kostet verdammt viel Zeit. Ökonomisch gesprochen: Wir gehen lausig schlecht um mit unserem Humankapital. Lausig!
Wir blicken auf die Uhr: Stefan Klein wird zu spät zum ORF kommen.
 

Stefan Klein ist Physiker, Wissenschafts¬journalist und Autor des Bestsellers «Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist», S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006.
Annette Maennel ist Leiterin der Abteilung Kommunikation der Heinrich-Böll Stiftung und schreibt für den Blog → www.weibblick.com

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