"Wenn wir die Situation der Frauen verbessern, profitieren alle"

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Thida Khus

Thida Khus ist Vorstand von SILAKA, einer kambodschanischen NRO, die sich seit 1997 für die verstärkte Beteiligung von Frauen in allen Bereichen der kambodschanischen Gesellschaft einsetzt. Thida, eine leidenschaftliche und unermüdliche Kämpferin für Gleichberechtigung und Rechte von Frauen, spricht am 7. Dezember in der Heinrich-Böll-Stiftung über die Lage der Frauen in Südostasien – insbesondere in Kambodscha – und über aktuelle internationale Initiativen zur Förderung der Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Wir haben ihr schon vorab einige Fragen gestellt.

Eines der Themen Ihres Vortrags in Berlin ist der Peking+20-Gipfel in diesem Jahr. Worum geht es dabei?
Peking+20 ist Teil des Folgeprozesses der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Bei dieser Konferenz wurde eine Aktionsplattform verabschiedet. Das bedeutet, die Regierungen verpflichteten sich, auf die Ziele dieser Plattform hinzuarbeiten, konkret auf die Umsetzung des UN-Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau – der sogenannten Frauenrechtskonvention oder CEDAW. Peking+20 ist nicht sehr bekannt. Niemand redet darüber. Kambodscha hat keinen Bericht erstellt, es gab keinen Workshop, die Menschen wurden nicht darüber informiert. Wir reden immer nur über die Millenniumsentwicklungsziele. Und wir reden über die CEDAW. Worüber wir aber eigentlich reden sollten, ist die Umsetzung oder Nichtumsetzung der Plattform in Kambodscha. Aber es ist der Regierung von Kambodscha noch nicht einmal in den Sinn gekommen, auf Peking+20 zu schauen und zu sehen, was das mit Kambodscha zu tun hat.

Wie sah die Lage der Frauen in Kambodscha 1995 aus – zum Zeitpunkt der Weltfrauenkonferenz in Peking?
Viele unserer Probleme damals betrafen alleinerziehende Mütter. Der Krieg war noch nicht lange vorbei – die erste von der UN begleitete Wahl hatte 1993 stattgefunden –, und eine Menge Hilfsgelder flossen ins Land. In der Zeit davor litten vielen Frauen unter Mangelernährung und konnten nicht schwanger werden. 1995 fingen sie dann langsam wieder an, Familien zu gründen. Aber die Männer, die aus dem Krieg zurückgekehrt waren, wussten nicht, wie man das macht – Vater sein. Und da es mehr Frauen als Männer gab, kamen Männer gern auf die Idee, sich von mehreren Frauen aushalten zu lassen. Das heißt, nicht die Männer ernährten die Familie, sondern die Frauen. Männer heirateten, zeugten ein paar Kinder, und dann – als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen – suchten sie sich eine andere Frau.

In mancher Hinsicht waren die Frauen unter den ultrakommunistischen Roten Khmer gleichberechtigter, denn es wurden ihnen Aufgaben zugewiesen, die früher den Männern vorbehalten gewesen waren. Hat sich das in irgendeiner Form auf die Stellung der Frauen nach dem Kollaps des Regimes ausgewirkt?
Natürlich. Von 1979 bis 1991 kopierte Kambodscha im Großen und Ganzen unter vietnamesischer Führung den Kommunismus der Vietnamesen. Es gab Monogamiegesetze, und Frauen spielten eine wesentliche Rolle im Militär und in der Regierung und Verwaltung. Während des Kriegs waren viele Frauen Bezirks- und Provinzvorsteherinnen gewesen. Aber nach dem Abzug der Vietnamesen sagte man den Frauen: „Oh, jetzt hat eine neue Ära begonnen, und ihr braucht das alles nicht mehr zu machen.“ Und die Frauen wussten es nicht besser, sie sagten: „Gut, dann haben wir Zeit, uns auszuruhen.“ Erst später begannen sie zu verstehen, dass sie ausgetrickst worden waren! So geht es wahrscheinlich den Frauen überall auf der Welt: Nach dem Krieg kommen die Männer zurück und übernehmen wieder die Macht.

Sind die Frauen heute in der Politik stärker repräsentiert als 1993 zum Zeitpunkt der ersten demokratischen Wahlen?
Ja, man sieht schon eine Verbesserung. Als die Nationalversammlung 1993 zum ersten Mal zusammentrat, waren nur sechs Prozent der Abgeordneten Frauen. Inzwischen ist die Anzahl der Frauen bedeutend gestiegen. Das Frauenministerium berichtet gern über diesen Erfolg. Aber dennoch sind nur 19 Prozent der Mitglieder der Nationalversammlung Frauen, auf regionaler Ebene sind es noch weniger Frauen – nur 12 Prozent. Die politischen Parteien versprechen zwar eine 30-Prozent-Quote, aber ein entsprechendes Gesetz kommt nicht zustande.

Welche Auswirkungen hätte eine stärkere Präsenz von Frauen in der Politik für die Frauen im Land?
Das größte Problem ist die Tatsache, dass es für die wenigen Frauen in der Politik schwierig ist, Überzeugungsarbeit zu leisten, weil es keine kritische Masse gibt, die einen Schneeballeffekt auslösen kann. Wir brauchen mindestens 30 Prozent Frauen, um in einer Diskussion Einfluss zu nehmen. Und Frauen in Entscheiderpositionen bedeutet noch nicht, dass deren Entscheidungen und Maßnahmen auch geschlechtersensitiv sind. Heute verstehen die Frauen, die in die Nationalversammlung gewählt wurden, ihre Rolle nicht, weil sie nie an politischen Prozessen beteiligt waren. Sie haben nie Druck von anderen Frauen im Land erhalten, sie sind geblendet von der Politik ihrer Parteien. Und in den Parteien werden die Entscheidungen nach wie vor von Männern getroffen. Der wesentliche Grund, warum mehr Frauen in der Politik immens wichtig sind, ist ihre Funktion als Rollenvorbilder für andere Frauen. Dass sie zeigen, dass man nicht immer unterwürfig sein muss.

Wie kann man dafür sorgen, dass diese Frauen eine aktive Rolle in den Entscheidungsprozessen spielen?
Wir engagieren uns stark im Kapazitätsaufbau, wir möchten, dass die Frauen sich ihrer Rolle und ihrer Verantwortung bewusst sind. Wir wollen die Frauen vernetzen, sie miteinander ins Gespräch bringen, damit wir zunächst unsere politischen Forderungen für uns klären und sie dann den Politikern auf Regierungsebene gegenüber formulieren können. Frauen in der Politik müssen eine aktive Rolle spielen, und sie müssen verstehen, welche Rolle sie in der Politik spielen: dass sie nicht nur für die Frauen arbeiten – sie arbeiten für die Kinder und alle Menschen im Land. Denn wenn wir die Situation der Frauen verbessern, profitieren alle davon. Frauen sind diejenigen, die in der Familie Veränderungen vorantreiben.

Nach 1979 lebten Sie mehr als ein Jahrzehnt in den USA. Hören Sie manchmal den Vorwurf, Ihre Perspektive sei zu fremd für Kambodscha?
Ja, daher beschäftige ich mich viel mit der Geschichte. Ich erkläre dann, dass ich das alles tue, um Kambodscha zurück zu seinen Wurzeln zu bringen – dass ich nichts aus dem Ausland kopiere. Bevor ich mit der Frauenarbeit begann, war ich auf einem Symposium in Frankreich zur kambodschanischen Geschichte. Das war ein Erweckungserlebnis: Früher – im ersten Jahrhundert – konnte nur eine Frau „König“ sein. Historisch gesehen wurde Kambodscha von Frauen regiert. Wenn man mit dem König oder mit Prinz Ranariddh spricht, verwenden beide noch heute das Wort „chaa”- das Wort für ja, das nur von Frauen benutzt wird. Wir wussten lange nicht, warum das so ist. Die Antwort liegt in der kambodschanischen Geschichte.

Und was hat sich verändert?
Mehr als 20 Jahrhunderte der Veränderung! Der Einfluss der Inder und der Chinesen hat uns verändert, 100 Jahre unter französischem Protektorat haben uns verändert. Diese Regierungen sahen Frauen als diejenigen, die zu Hause bleiben. Bildung für Frauen war nicht so wichtig. Das wirkte sich definitiv auf die Frauen in Kambodscha aus. Kulturell gesehen, sollten sie Macht haben.

Ist es hilfreich, Vergleiche zwischen Kambodscha und anderen Ländern der Region zu ziehen?
Jede Situation ist einzigartig. Ich kann sie nicht vergleichen. Wenn man sich den Prozentsatz der Frauen in der Nationalversammlung ansieht, ist er sehr hoch. Aber was tun 90 Prozent dieser weiblichen Abgeordneten für die Frauen im Land? Nichts. Gut, vielleicht nicht nichts, aber doch so wenig, dass es kaum sichtbar ist. Weil sie über alles genau so reden wie die Männer.

Kann die ASEAN eine positive Rolle spielen und die Mitgliedstaaten in Richtung Gleichberechtigung schieben?
Die ASEAN-Länder formulieren ihre Agenda für die kommenden Jahre während ihres Gipfels diesen Monat in Kuala Lumpur. Vielleicht führt das ja zu etwas, aber im Moment ist nichts zu Gender-Themen zu hören. Die Begriffe, die verwendet werden, sind „menschenzentriert“ oder „gemeinschaftsfokussiert“, aber das ist alles, was die Eliten da oben zustande bringen. Die gute Nachricht ist, dass die NRO in den ASEAN-Ländern sich jetzt vernetzen und miteinander reden. Das kann uns helfen.

Was könnte die Regierung jetzt konkret tun, um die Lage der Frauen in Kambodscha spürbar zu verbessern?
Die Regierungspolitik richtet sich ausschließlich auf die Makroökonomie, Kleinunternehmen fallen komplett durchs Raster. Die Mehrheit der Unternehmen – 60 Prozent – gehört Frauen. Aber sie sind unter Druck. Es gibt kaum Unterstützung für Kleinst- und Kleinunternehmen, die im Allgemeinen Frauen gehören. Es gibt viele Frauen, die auf den Märkten Waren verkaufen, um zur Ernährung ihrer Familien beizutragen. Aber welche politischen Maßnahmen werden ergriffen, um sie zu unterstützen? Es sollten viel mehr Ressourcen in diesen Bereich fließen.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers "Understanding Southeast Asia". Weitere Information zu Peking+20 und der UN-Frauenrechtskommission finden Sie im Schwerpunkt des Gunda-Werner-Instituts.