Globale Textilproduktion neu denken

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Khaleda BegumKhaleda Begum überlebte den Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesh. Urheber/in: (C) ILO/Muntasir Mamun . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Fair, nachhaltig und sicher: Die Arbeitsbedingungen der Textilindustrie sind noch weit davon entfernt. Warum auch das vom Bund initiierte Textilbündnis nur ein gut gemeinter Vorstoß ist. Ein Beitrag von Renate Künast.

Der Einsturz des Rana Plaza-Fabrikgebäudes in Bangladesch vor drei Jahren, bei dem über 1.100 Menschen starben und mehr als 2.400 Menschen verletzt wurden,  hat die Textilindustrie zum wiederholten Male in die öffentliche Kritik gebracht.

Nach dem Unglück haben die Unternehmen zwar versprochen, die Sicherheits- und Arbeitsbedingungen sowie die Bezahlung zu verbessern. Aber die Branche ist nach wie vor durch erhebliche Missstände gekennzeichnet, dazu zählen vor allem:

  • Unsichere Fabriken: In vielen Fabriken gibt es keine Notausgänge, die Türen sind während der Produktion verschlossen und die Arbeitsplätze sind so gestaltet, dass im Notfall keine Fluchtmöglichkeiten bestehen. Die Gebäude sind aufgrund ihrer Statik ungeeignet für die schweren Maschinen und deshalb vom Einsturz bedroht. Entzündliche Chemikalien werden unsicher gelagert und Feuerlöscher fehlen. Außerdem sind die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht für eventuelle Notfälle geschult.
  • Fehlende Arbeits-, Sozial- und Gesundheitsstandards: Von vielen Fabrikbesitzern werden die ILO-Arbeitsnormen noch immer nicht eingehalten. Die Löhne reichen in der Regel nicht zur Existenzsicherung der Arbeiterinnen und Arbeiter und die Arbeitszeiten sind zu lang. Außerdem arbeiten die Menschen in den Fabriken häufig mit gefährlichen Chemikalien, ohne dabei die notwendige Schutzkleidung zu tragen.
  • Umweltzerstörung: Viele Fabriken schaden ihrer Umgebung und gefährden das Trinkwasser der Bevölkerung in den Produktionsländern, weil sie gefährliche Chemikalien ungefiltert in die Flüsse leiten.
  • Unzureichende Audits: Die Versuche durch Audits, Fabriken auf ihre Sozial- und Umweltstandards zu überprüfen, scheitern oft daran, dass die Audits nicht die realen Zustände der Fabriken wiedergeben. Die Vielzahl der unterschiedlich qualifizierten Auditanbieter und die nicht einheitlich definierten Bewertungskriterien sind ebenfalls ein Problem.
  • Keine Rückverfolgbarkeit/ intransparente Lieferketten: Die meisten Textilunternehmen produzieren ihre Ware nicht in eigenen Fabriken. Die Aufträge werden nicht an eine bekannte Fabrik weitergegeben, sondern es gibt zahlreiche Zwischenlieferanten, die die Aufträge an lokale Fabriken in China, Indien oder Bangladesch vergeben. Häufig wechselnde Geschäftsbeziehungen zu den zahlreichen Lieferanten machen die Lieferketten intransparent.
  • Fast Fashion: Die Missstände in den Fabriken haben ihre Ursachen auch in den europäischen und amerikanischen Absatzmärkten. Die Modeindustrie in Europa und den USA steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Verbraucherinnen und Verbraucher möchten immer häufiger neue und günstigere Kleidung haben. "Fast Fashion" ist Lifestyle geworden. Die großen Textilketten bieten meist mehrere Kollektionen pro Saison an und die schnell produzierte Billigware hat einen extrem kurzen Lebenszyklus.
Es geht auch anders

Auf der Fashion Week in Berlin, die zweimal pro Jahr stattfindet, präsentieren die "Ethical Fashion Show Berlin" und der "Green Show Room" nachhaltig produzierte Mode. Dort sieht man, dass es auch anders geht.

Nachhaltig und fair hergestellte Mode anzubieten, ist möglich. Sie ist schick und auch bezahlbar. Und spätestens seit dem Unglück von Rana Plaza schauen immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Produktions- und Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion. Eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) ergab, dass sich 87 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher generell für die Herkunft, die Herstellung und den Lieferweg der Produkte interessieren, die sie einkaufen. Aber die Kunden sind laut PwC-Umfrage gerade bei Textilprodukten am wenigsten zufrieden mit dem Informationsangebot bezüglich der Rückverfolgbarkeit.

Der Wunsch nach Transparenz und nach fair und nachhaltig hergestellter Kleidung wächst also stetig. Dafür muss die Politik die notwendigen Weichen stellen. Denn nachhaltige Mode darf nicht länger ein Nischenmarkt sein, sondern muss zur Selbstverständlichkeit werden.

Textilbündnis - gut gemeint, aber nicht ausreichend

Auf Initiative von Bundesminister Gerd Müller wurde im Oktober 2014 das so genannte Textilbündnis gegründet. Das Bündnis hat das Ziel, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen entlang der Lieferkette des Textil- und Bekleidungssektors in Deutschland auf freiwilliger Basis zu verbessern.

Der Anfang des Bündnisses gestaltete sich schwierig, denn fast alle gewünschten Bündnisteilnehmer - Unternehmen, Handelsverbände und NGO's - erteilten dem Bundesminister eine Absage. Erst nachdem die Bedingungen des ursprünglich umfangreichen Aktionsplans des Ministeriums geändert und unter Mitwirkung der Unternehmen erheblich abgespeckt wurden, kam die Sache in Gang und zahlreiche Akteure unterzeichneten das Bündnis.

Das Textilbündnis basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Es hat nach eineinhalb Jahren viel Selbstorganisation aber keine Ergebnisse vorzuweisen. Um die Probleme und Missstände in der globalen Lieferkette der Textilindustrie zu beseitigen wird ein nationaler Ansatz mit freiwilligen Selbstverpflichtungen und Initiativen der Unternehmen allein kaum ausreichen. Dazu bedarf es mindestens eines verbindlichen rechtlichen Rahmens auf der Ebene der EU.

Politische Instrumente für eine faire, sichere und nachhaltige Textilproduktion

Die globale Produktions- und Lieferkette der Textilproduktion besteht aus vielen einzelnen Stufen. Um eine Verbesserung sozialer, menschenrechtlicher und ökologischer Bedingungen zu erreichen, braucht es als Erstes Transparenz. Ein zentrales Instrument für die Sicherstellung von transparenten Produktions- und Lieferketten ist eine europäische Offenlegungspflicht.

Transparenz ist Voraussetzung, dass Fakten und Veränderungen sichtbar und messbar werden, sowohl für Verbraucherinnen und Verbraucher als auch im Wettbewerb. Nur wenn die gesamte Lieferkette-und Produktionskette transparent ist, können Verbraucher, Unternehmen sowie Menschenrechts-, Umwelt- oder Verbraucherorganisationen Veränderungen bewirken.

Unternehmen im Textilbereich müssen durch eine EU-Transparenzregelung dazu verpflichtet werden, ihre gesamte Produktions- und Lieferkette transparent zu machen und offenzulegen, dass international anerkannte Menschenrechts- und Umweltabkommen eingehalten werden. Wir brauchen außerdem Zertifizierungssysteme anhand derer die Einhaltung dieser Abkommen kontrollier- und sanktionierbar werden.

Unser Ziel ist es, im Textilsektor genau wie im Lebensmittelrecht eine lückenlose Rückverfolgbarkeit einzuführen. Es muss sichtbar werden, wie Textilien produziert wurden, damit die Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Kaufentscheidung umfassend informiert treffen können.

Weitere Texte zum Thema finden Sie in unserem Dossier.

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