"Wir stehen auf schwierigem Posten, aber nicht auf verlorenem"

von
Gisela Burckhardt bei der Verleihung des Anne-Klein-FrauenpreisesGisela Burckhardt bei der Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises. Urheber/in: Stephan Röhl . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Unter teils widrigen Bedingungen nähen Frauen in Südostasien für den deutschen Markt. "Wer das Elend der Frauen gesehen hat, kann nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun", sagt Gisela Burckhardt - Aktivistin und Anne-Klein-Frauenpreisträgerin 2016. Ihre Dankesrede vom 4. März 2016.

Anne Klein hat für die Rechte der Frauen gekämpft, sie ist ein großartiges Beispiel dafür, dass frau aufstehen muss, kämpfen muss und eine Sache, die anfangs aussichtslos zu sein scheint, zum - ich will nicht sagen Sieg, denn vom Sieg, der Gleichberechtigung der Frauen in unserer Gesellschaft sind wir immer noch weit entfernt – aber doch zum Erfolg, einem Zwischenerfolg führen kann. Anne Klein hat das erste Frauenhaus in Berlin begründet, sie hat als Bundestagsassistentin bei den Grünen den ersten Entwurf eines Antidiskriminierungsgesetzes vorgelegt, das die Grundlage für alles ist, was später entwickelt wurde, sie hat als Senatorin in Berlin daran gearbeitet, ein Bewusstsein zu wecken für die Berechtigung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen, und dass dieses Bewusstsein in der Gesellschaft Raum gewinnen konnte. Ihre Arbeit, ihre Haltung ist eine große Ermutigung für alle, die in diesem Kampf stehen, denn es ist leider ein Kampf, der noch lange andauern wird, und ich möchte nicht wissen, wie oft Anne Klein verzweifelt war angesichts der Widerstände und allgemeinen Fühllosigkeit in der Gesellschaft, die nicht wahrhaben will, dass die Entwürdigung und dauernde Herabsetzung der Frauen Grundbestand unserer sozialen Ordnung ist.

Aber nun muss ich doch etwas zum Lobe unserer Gesellschaft, unserer von Freiheit und Demokratie geprägten Zivilgesellschaft sagen. In dieser Gesellschaft ist Wandel möglich. Er kostet viel Kraft und verlangt viel Zeit und noch mehr Geduld, aber wie das Beispiel Anne Kleins zeigt, er ist möglich. Es geht darum, das Bewusstsein für die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, oft sogar Rechtlosigkeit, der Frauen überall in der Welt ausgesetzt sind, zu wecken. Und es gibt sie, die das Bewusstsein durch ihre Arbeit wecken, ich darf auf meine verehrten Vorgängerinnen als Preisträgerinnen hinweisen, die in Zuständen leben, die enger, restriktiver, unterdrückerisch sind, unvergleichbar mit den Zuständen hier in Deutschland, Frauen, die oft ihre Freiheit, sogar ihr Leben aufs Spiel setzen und sich nicht einschüchtern lassen. Ich kann gar nicht laut genug meine Bewunderung für ihren Einsatz bekunden.

Meine Lage ist damit nicht zu vergleichen. Ich arbeite seit fast 20 Jahren für Frauen in den sogenannten Entwicklungsländern, in den Produktionsländern unserer Kleidung. Wer das Elend der Frauen gesehen hat, kann nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun. Die Frauen, die in Bangladesch, China, Kambodscha, Vietnam oder Indien Kleidung fertigen, tun das für uns, und sie tun es im Auftrag europäischer Konzerne, weil sie so wenig kosten und weil es in diesen Ländern kaum Umwelt- und Sozialstandards gibt. Kleidung wird auf ihrem Rücken produziert.

FEMNET ist in drei Bereichen tätig:
  1. Kampagnenarbeit und Lobbyarbeit, im Rahmen der CCC
  2. Information der Verbraucher/innen durch Bildungs- und Beratungsarbeit –Projekt an Modehochschulen zur Sensibilisierung für Sozialstandards der zukünftigen Einkäufer/innen von Kleidung + Einkaufsführer Kleidung für Bonn + Beratung der Stadt Bonn beim fairen Einkauf von Dienstkleidung (Feuerwehr, Grünamt, Bäderamt etc.)
  3. Unser Solidaritätsfonds: Solidarität durch Unterstützung von Gewerkschaften und NGOs in Indien und Bangladesch. Teil davon ist auch das Kitaprojekt, das Parvathi betreut.

Unser Ziel ist es, die Frauen bei der Durchsetzung ihrer Forderungen nach einem existenzsichernden Lohn ohne Überstunden, nach dem Recht auf Organisationsfreiheit und nach Freiheit von Diskriminierung zu unterstützen.

Die Fortschritte in den letzten 20 Jahren sind auf dem Gebiet der Arbeitsrechte leider noch immer bescheiden, es sind kleine Trippelschritte. Mehr Erfolge gibt es im Bereich der Gebäudesicherheit und des Brandschutzes in Bangladesch nach der Katastrophe von Rana Plaza: wir trugen dazu bei, dass das Brand- und Gebäudeschutzabkommen (ACCORD) geschaffen wurde, von 200 Unternehmen unterzeichnet. Inzwischen wurden an die 2.000 Fabriken überprüft – und was auch sehr wichtig ist: die Berichte darüber stehen auf der Webseite, für alle nachlesbar. Zum ersten Mal wird Transparenz hergestellt!

Hier, liebe Renate (angesprochen wird Renate Künast, Anm. der. Redaktion), unterstütze ich ganz Deine Initiative nach mehr Transparenz und Nachverfolgbarkeit der Waren auf EU-Ebene! Transparenz ist auch aus meiner Sicht ein Schlüssel: deshalb fordern wir auch, dass die Ergebnisse der Sozialaudits veröffentlicht werden – warum passiert das nicht?

Aber nochmals zurück zum ACCORD: Leider sehen wir auch hier: wenn der Druck nachlässt, bewegt sich weniger, die Umsetzung der Korrekturmaßnahmen verläuft sehr schleppend, nur 30 Prozent aller verordneten Korrekturmaßnahmen wurden bisher von den Fabriken umgesetzt. Und unsere Einkäufer und die Unterzeichner des ACCORD wie H&M, Mango, C&A, Aldi, Lidl, KiK und viele mehr halten nicht genügend nach und unterstützen die Fabriken nicht ausreichend bei der Umsetzung der Maßnahmen. (ACCORD hat begonnen, Fabriken namentlich zu nennen, wenn sie ihre Korrekturmaßnahmen nicht umsetzen und hat ihnen mit dem Entzug der Aufträge gedroht: derzeit stehen neun Fabriken im Internet.)

Außerdem: Die 2.000 untersuchten Fabriken sind nur ein Teil der vermutlich 5.000-7.000 Fabriken in Bangladesch. Die Regierung von Bangladesch soll weitere 1.000 Fabriken geprüft haben, aber viele Sublieferanten sind gar nicht erfassst. Und weiterhin: Arbeitsbedingungen haben sich dadurch noch nicht verbessert.

Der Druck wächst

Rana Plaza hat auch zur Initiative des BMZ, dem Textilbündnis, geführt. Ich betone hier noch einmal: Wir setzen uns als FEMNET und CCC für eine gesetzliche Regelung der Unternehmensverantwortung ein bis hin zur Haftung der Unternehmen, wenn sie ihrer Vorsorge (due diligence) nicht adäquat nachkommen. Zusätzlich arbeiten wir auch im freiwilligen Textilbündnis mit, um Themen wie z.B. Gewerkschaftsfreiheit und existenzsichernder Lohn voranzubringen. Ich sehe es als eine vermutlich einmalige historische Chance an, dass sich ein Minister für eine faire Lieferkette vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel einsetzt. Diese Chance müssen wir ergreifen! Wenn sich herausstellt, dass das ganze Textilbündnis zu nichts führt, werden wir es verlassen.

Was man aber schon jetzt spürt: Der Druck auf die Bekleidungsindustrie wächst und es tut sich einiges. Immer mehr kleine faire Label entstehen, man kann es am Wachstum der Ethical Fashion Week in Berlin sehen: Im Januar 2016 waren es 176 internationale Labels, die ausstellten, vor einigen Jahren war man noch bei 60. Auch bei den Anbietern (Händlern wie Produzenten) für Dienstkleidung gibt es ein Aufwachen, man erkennt einen neuen Markt, das haben wir in Bonn gemerkt und hierzu denke ich hat auch das Textilbündnis beigetragen.

Dennoch: Es ist noch ein sehr langer Weg in einer Welt, wo der Neo-Liberalismus das Recht des Stärkeren mit harten Bandagen und dickem Ellenbogen behauptet und verkündet, das sei im Sinne des Wohls für alle, aber wir werden weitermachen!

Nur eine Welt, in der die Frauen dieselben Rechte haben wie die Männer, in der die Frauen den gleichen Lohn haben wir die Männer, in der die Männer nicht ungestraft die Frauen entrechten und entwürdigen können – nur eine solche Welt hat die Chance auf Überleben. Es ist doch unfassbar, dass es ein Gesetz gegen Zwangsverheiratungen in Deutschland gibt und dieses Gesetz scheint keine Auswirkung zu haben, wie ich heute in der Zeitung gelesen habe.

Und jetzt der Anne-Klein-Frauenpreis: Dieser Preis ist eine unverhoffte, schöne und wundervolle Ermutigung für mich und meine Mitarbeiterinnen, denn es zeigt sich, wir stehen auf schwierigem Posten, aber nicht auf verlorenem, und deshalb danken wir Ihnen/Euch von der Heinrich-Böll-Stiftung aus vollem Herzen für den Anne-Klein-Frauenpreis.

Diese Rede wurde am 4. März 2016 in Berlin gehalten. Weitere Informationen zum Preis und der Preisträgerin Gisela Burckhardt finden Sie in unserem Dossier.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Neuen Kommentar schreiben