Eine Brückenbauerin zwischen Konsument/innen und Arbeiterinnen

Eine Brückenbauerin zwischen Konsument/innen und Arbeiterinnen

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Vorsizende der Jury des Anne-Klein-Frauenpreises. V.l.n.r.: Renate Künast, Dr. Gisela Burckhardt, Barbara Unmüßig, Thomas Herrendorf, Jutta Wagner. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In ihrer Rede zur Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises würdigt Barbara Unmüßig den leidenschaftlichen Einsatz der Preisträgerin Gisela Burckhardt für die Rechte der Arbeiterinnen in der globalen Textilindustrie - insbesondere in Bangladesch, Indien und Kambodscha.

Liebe Gisela Burckhardt,
Liebe Freundinnen und Freunde von Anne Klein,
liebe Barbara,
liebe Parvathi Madappa,
liebe Gäste,

noch einmal: Herzlich Willkommen zur heutigen Preisverleihung des Anne-Klein-Frauenpreises.

Im Januar 2011 hat mir Anne Klein ihre Idee erläutert, einen Frauen-Preis zu stiften und ihn mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu verbinden. Ich war berührt und voller Freude, dass Anne ihr jahrzehntelanges frauenpolitisches Engagement in Einklang mit der Arbeit der Stiftung für Frauenrechte bringen konnte.

Gemeinsam mit der von Anne noch ausgewählten Jury – Renate Künast, Michaele Schreyer, Thomas Herrendorf und Jutta Wagner – fühle ich mich als Treuhänderin Annes. Sie will mit dem Preis Frauen und herausragende politische Initiativen für Frauenrechte würdigen und unterstützen.

Und ich glaube, das ist uns all die letzten Jahre gelungen: Der Preis wirkt.

Nivedita Prasad war die erste Preisträgerin. Nita hat den Preis unter anderem für ihren Einsatz gegen eine Form der modernen Sklaverei bekommen, die sich vor unserer eigenen Haustür – oder besser gesagt, dahinter – abspielt: der, der Hausangestellten in Diplomatenhaushalten. Dieser Einsatz gegen die moderne Sklaverei verbindet unsere erste mit der diesjährigen Preisträgerin. Nivedita steht der Böll-Stiftung seit dieser Zeit sehr nahe und wir haben einige gemeinsame Projekte miteinander auf die Beine gestellt. Herausragend war die Konferenz im Jahr 2013 zu „Feminismen of Color in Deutschland“, den Frauen, Trans* und Inter*Personen selbstorganisiert hier in der Stiftung ausgerichtet haben.

Sie sagt selbst, dass sie viel Aufmerksamkeit durch den Preis bekommen hat. Heute ist Nita Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule.

Der zweite Anne-Klein-Frauenpreis ging an die mitreißende serbische Aktivistin und Intellektuelle Lepa Mlađenović. Lepa setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Frauen und Menschen mit sexueller Identität jenseits der Mehrheitsnormen ein. Unser Regionalbüro in Belgrad arbeitet nach wie vor eng mit ihr zusammen. So sind seit der Verleihung des Preises verschiedene Projekte gemeinsam entstanden, darunter die Broschüre „Speaking ourselves“ zu Coming-out und Gewalt in homosexuellen Partnerschaften sowie zwei große Aufklärungsprojekte im Bildungsbereich zur Qualifizierung von (Mittelschul-) Lehrkräften zum Thema „Sexuelle Identitäten“.

Imelda Maruffo Nava aus Ciudad Juarez an der mexikanischen US-amerikanischen Grenze war die dritte Preisträgerin. Der Preis wirkt, entfaltet das, was wir erhoffen. Imelda hat in ihrem Kampf gegen Frauenmorde und Straflosigkeit eine große Öffentlichkeit in Mexiko durch den Preis erhalten. Alle bedeutenden Medien haben berichtet. Mehr noch: Imelda hat den Menschenrechtspreis von Mexiko-Stadt bekommen. Das ist Schutz für Imelda und ihre mutigen Mitstreiterinnen, die nicht hinnehmen, dass Gewaltverbrechen in Mexiko straflos bleiben.

Unsere letztjährige Preisträgerin ist die Kurdin Nebahat Akkoc aus Dyabakir. Sie wurde ausgezeichnet für ihren aktiven Widerstand gegen staatliche und häusliche Gewalt, für die Verteidigung der Menschenrechte und Rechte der Frauen. Sie hat uns folgendes berichtet:

„Der Preis war sehr vorteilhaft, um auf die Arbeit mit Frauen-Themen und mit der Arbeit zu Lesben, Schwulen, Trans- und Inter*Personen aufmerksam zu machen, diesen Themen erneut Nachdruck zu verleihen. In allen Provinzen, in denen wir aktiv sind oder Kooperationspartner haben, gibt es ein erhöhtes Interesse an diesen Themen. Die türkische Regierung reagiert aber leider eher mit Wut auf so einen Preis. Dazu kommt noch dieser bedauerliche, erbarmungslose Krieg. Wir versuchen, am Leben zu bleiben, gegen die Gewalt anzukämpfen und der leidenden Bevölkerung eine Stütze zu sein.“

Ja, Anne, Du wirkst mit deinem Preis. Er macht Frauen Mut, gibt ihnen Energie, für Frauenrechte, gegen Gewalt gegen Frauen, für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und gegen jede Form der Diskriminierung zu kämpfen und das unter vielfach sehr bedrohlichen Bedingungen.

Unrecht abschaffen, den Zugang zu Recht möglich machen, das war Annes größtes Anliegen. Mit der ganzen Energie der Juristin hat sie mit vielen Mitstreiterinnen die Rechtsetzung und -praxis gegen weibliches Unrecht und Diskriminierung in Deutschland zu verändern begonnen. Anne hatte aber auch stets die konkrete Hilfe und Unterstützung im Hier und Jetzt für Frauen und Mädchen im Sinn, die Opfer von Gewalt und Demütigung sind.

Gisela Burckhardt ist die fünfte Preisträgerin. Gisela Burckhardt widmet sich voll und ganz der Arbeits- und Lebenssituation von Textilarbeiterinnen. Sie streitet gemeinsam mit lokalen NGOs wie zum Beispiel Cividep, der Organisation unseres heutiges Gastes Parvathi Maddaphi aus Bangalore in Indien für das Recht der Frauen auf faire und existenzsichernde Arbeit.

Gisela Burckhardts Hauptaugenmerk liegt hier hauptsächlich auf Bangladesch und auf Indien – das Problem besteht aber auch in anderen Ländern, wie zum Beispiel Kambodscha, leider wohl bald auch in Myanmar.

Denn die internationale Textilindustrie zieht immer weiter, dahin, wo sie niedrigste Löhne findet und anderswo Erreichtes umgehen kann. Die Rechte von Textilarbeiterinnen, sich gewerkschaftlich und politisch zu engagieren, zu stärken, ist das eine und das Dringliche. Es geht dabei leider immer noch viel zu oft um Leben und Tod.

Die Bilder des einstürzenden Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch oder der brennenden pakistanischen Fabrik Ali Enterprises 2013 sind uns sicherlich allen noch im Kopf. Von den alltäglichen Unfällen erfahren wir hier eher nichts.

Das andere ebenso Dringliche ist, dass wir Konsumentinnen und Konsumenten endlich Mit-Verantwortung für die sozialen und menschenrechtlichen Folgen unseres Konsums von Kleidung übernehmen müssen. Wir müssen nachfragen, wo und vor allem unter welchen Bedingungen produziert wird. Denn hinter „billig“ und dem schönen Style verbirgt sich das hässliche Gewand der Ausbeutung: Für unsere Mode müssen Millionen Textilarbeiterinnen unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften.

Durchschnittlich 14 Kilo Kleidung pro Kopf kaufen wir hier in Deutschland jährlich, das entspricht etwa 23 Jeans oder 140 T-Shirts – das Stück oft günstiger als eine Packung Putzlappen. Das ist ein trauriger Spitzenplatz der Deutschen. Neben den USA und der Schweiz sind die Deutschen Weltmeister im Textilverbrauch.

Gisela Burckhardt ist eine derjenigen Akteurinnen, die diese Zusammenhänge herstellt. Sie versteht sich als eine Brückenbauerin zwischen Konsument/innen in Europa und den produzierenden Frauen insbesondere in Indien, Bangladesch und Kambodscha.

In Kampagnen, mit politischer Lobbyarbeit macht Gisela Burckhardt bewusst, dass unsere schnelllebigen Shoppingtrends, all die billigen Blusen, Hosen und Shirts, die sich im Neonlicht der Geschäfte auf Tischen türmen, ihren sozialen und ökologischen Preis haben.

Ganz im Sinne Anne Kleins sagt sie: „Frauen sind nicht nur Opfer, sondern können auch stark sein. Das müssen wir fördern.“ Und genau das tut Gisela Burckhardt bei all ihren Reisen in Fabriken. Sie entwickelt gemeinsam mit Gewerkschafterinnen Programme, streitet mit Politiker/innen, u.a. am „Runden Tisch Textil“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, um eine notwendige Kennzeichnung von Textilien hier wie dort, führt den Dialog mit Fabrikbesitzern und Modeketten, wendet sich an Multiplikator/innen der Modebranche, um die Designer und Manager von morgen zu einem Umdenken in der Branche zu bewegen. Gisela geht es darum, die ungerechten Handelsbeziehungen zu verändern, unsere europäischen Konsummuster zu hinterfragen und Unternehmensverantwortung einzufordern.

Alles herausragende Gründe, warum die Jury des Anne-Klein-Frauenpreises mit vollster Überzeugung Sie, Gisela Burckhardt, zur fünfte Preisträgerin gekürt hat. Lassen Sie sich feiern und würdigen gemeinsam mit den vielen Mitstreiterinnen von FEMNET und den Frauen in Bangladesch, Indien und Kambodscha für den leidenschaftlichen Einsatz für faire und existenzsichernde Arbeit, für die Rechte der Arbeiterinnen in der globalen Textilindustrie.

Liebe Gisela Burckhardt, die Jury und wir alle freuen uns von Herzen, dass Sie unsere fünfte Preisträgerin sind!

Und wir freuen uns nun auf die Laudatio unseres Jury-Mitglieds Renate Künast!

Herzlichen Dank!

Verwandte Inhalte

  • Anne-Klein-Frauenpreis 2016 an Gisela Burckhardt

    Der Anne-Klein-Frauenpreis 2016 geht an die Frauenrechtsaktivistin Gisela Burckhardt. Die Gründerin und Vorstandsvorsitzende von FEMNET e.V. setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen in der globalen Textilindustrie ein. Die Preisverleihung findet am Freitag, den 4. März 2016 in der Heinrich-Böll-Stiftung statt.

  • Dossier: Untragbar! Textilindustrie in Asien

    Wie kann man die globale Bekleidungsindustrie sozial und nachhaltig gestalten? Unser Dossier zum diesjährigen Anne-Klein-Frauenpreis, der an die Frauenrechtsaktivistin Gisela Burckhardt geht, widmet sich den Zuständen in der Textilproduktion in Kambodscha, Indien und Bangladesch.

  • Der Anne-Klein-Frauenpreis

    Mit dem Preis fördert die Heinrich-Böll-Stiftung jährlich Frauen, die sich durch herausragendes Engagement für die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie auszeichnen.

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben