„Zuerst waren wir beunruhigt, dann haben wir uns daran gewöhnt“

Teaser Image Caption
"Wir haben angefangen, das Positive daran zu sehen": Ein Bewohner in Ostrowez über den Bau des neuen AKWs

Der Katastrophenreaktor von Tschernobyl liegt auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Aufgrund der Wind- und Wetterverhältnisse am Tag des Unglücks und kurz danach sind aber vor allem große Gebiete nördlich des Reaktors auf dem Territorium von Belarus verstrahlt worden. Im Vergleich zur Ukraine war hier ein ungleich größerer Teil der Bevölkerung von der Katastrophe betroffen.


Im Jahr 2013 wurde mit dem Bau des ersten belarussischen Atomkraftwerks im nördlich gelegenen Ostrowez begonnen. Zwei Reaktoren russischer Herkunft mit einer Leistung von je 1.200 MW sollen hier entstehen. Die Kosten werden auf mittlerweile fast 23 Milliarden US-Dollar geschätzt, sie sollen überwiegend mit Krediten aus Russland finanziert werden. Wie geht die Bevölkerung damit um?


 


Der erste Reaktorblock des neuen AKW kam bereits im vergangenen Dezember in Belarus an und befindet sich jetzt in Ostrowez. Die Bauarbeiten verlaufen nach Aussagen von Behörden „nach Plan“, 2018 soll das Kraftwerk seine Arbeit aufnehmen.


Wenn in Belarus potenziell gefährliche Objekte gebaut werden, ist die öffentliche Meinung immer zweigeteilt. Ein Teil der Bevölkerung glaubt, dass alles gut wird, und möchte mit daran verdienen. Die anderen fürchten negative Auswirkungen.


So ist es auch in Ostrowez. Naturschutzorganisationen wiederholen unermüdlich, wie gefährlich der Bau ist, und dennoch bauen die Bürger des Landes selbst an dem AKW mit. 85 Prozent der Bauarbeiter sind Belarussen, unter ihnen auch Einwohner von Ostrowez. Die übrige Bevölkerung lebt so weiter wie bisher. Was aber denken die Einwohner der Kleinstadt über das AKW?


„Zuerst waren wir beunruhigt, aber dann haben wir uns daran gewöhnt. Wir haben angefangen, das Positive daran zu sehen.“, erzählt der 25jährige K.


Es heißt, dass das neue Kraftwerk Arbeitsplätze schafft. Die Stadt wächst, Gärten, Schulen und Geschäfte werden gebaut. Die Menschen unterstützen eine Entwicklung ihres Landkreises.


K. kam zusammen mit seinen Eltern nach der Katastrophe von Tschernobyl nach Ostrowez, im Jahr 1991. Die Eltern wollen in die alte Heimat zurückkehren. Nach dem Unfall im AKW musste die Familie ihr Auto mit Schaum abwaschen, um es vom radioaktiven Staub zu befreien. Ihre Kleidung wurde verbrannt, und sie erhielten neue, die nicht radioaktiv verseucht war. K. erzählt, dass es seinen Vater dennoch zurückzieht. Erfährt seine Familie alles über das neue Kraftwerk, was sie gern wissen würde?


„Warum denn nicht? In den Ostrowezker Zeitungen wird darüber geschrieben ... Man kann sich auch im Infozentrum informieren, ich glaube nicht, dass einem dort etwas vorenthalten wird. Außerdem gibt es das Internet. Das ist natürlich nichts für alte Leute, aber für mich durchaus. Ob ich Angst habe, darüber zu sprechen? Nein, warum denn? Das sind doch alles Informationen, die offen zugänglich sind.“, sagt K.


Wir verabschieden uns. Zum Abschied bittet er uns: „Bitte nennt meinen Namen nicht. Und auch nicht meinen Arbeitsplatz.“


So wurde also zu Beginn der Bauarbeiten 2012 das AKW von den Einwohnern von Ostrowez wahrgenommen: Sie versuchten, das Positive daran zu sehen und nicht laut darüber zu sprechen.


Das AKW als Politikum


Die einfachen Menschen versuchen generell, Politik nicht in der Öffentlichkeit zu diskutieren, denn wie die Menschenrechtslage in Belarus zeigt, wird das nicht gern gesehen. Und das Kraftwerk in Ostrowez wird eben nach Ansicht sowohl der Bevölkerung als auch von internationalen Experten als Politikum wahrgenommen.


Wenn nicht sogar als potenzielles Problem für Politik und Wirtschaft. Zu Beginn des Winters erklärte der Energieminister Litauens, dass sein Land nicht vorhabe, Atomenergie aus Belarus zu kaufen, da das Kraftwerk nicht sicher genug sei. Litauen sucht nach Unterstützern für seine Position bei seinen Nachbarn. Das wirft die Frage auf, was Belarus mit der überschüssigen Energie tun wird und wie es den Kredit Russlands, mit dessen Hilfe das AKW gebaut wird, zurückzahlen wird.


Die belarussische Regierung wiederum versucht, das Ansehen ihres Landes zu schützen, und versichert, dass die Aussagen Litauens über die angeblich nicht gewährleistete Sicherheit des Kraftwerks nicht wahr seien. Im Dialog mit der Bevölkerung vertreten die Betreiber des Kraftwerks dieselbe Meinung.


„ ... Es wird zum Beispiel folgendes Argument genannt: Beim Betrieb von thermischen Kraftwerken sind weltweit 18.000 Menschen ums Leben gekommen, während im selben Zeitraum die Zahl der Toten [aufgrund des Betriebs von Atomkraftwerken] einschließlich der menschlichen Verluste durch Tschernobyl 700-800 betrug ...“ zitieren Medien den stellvertretenden Energieminister Michail Michadjuk im August 2015. Er beschrieb mit dieser Äußerung die Arbeit des Infozentrums in Ostrowez.


Karten, ein Brand und Strontium-90 in der Milch


Fragen, die bei der Bevölkerung Besorgnis dem Thema AKW gegenüber hervorrufen könnten, werden in Belarus am liebsten leise und ohne großes Aufsehen geklärt. Im vergangenen Sommer brannten beispielsweise radioaktiv verseuchte Wälder unweit des Kraftwerks von Tschernobyl. Besorgte Einwohner wandten sich unter anderem auch an die Redaktion des Grünen Portals. Die Regierung kommentierte die Vorkommnisse zwar mehrfach, aber recht einsilbig.


Laut ihrer Aussage überschritt die freigesetzte Radioaktivität an keiner Stelle die Grenzwerte. Die russische Sektion von Greenpeace gab bekannt, dass der Rauch in Richtung der belarussischen Städte zieht. Ist er dort auch angekommen? Diese Frage blieb unbeantwortet, und weitere Meinungen dazu wurden nicht veröffentlicht.


Jedes Jahr wird erneut über eine Verringerung der verseuchten Fläche berichtet. Die Liste der bewohnten Siedlungen wurde erst im Januar 2016 durch eine Verordnung des Ministerrats aktualisiert. Die unbewohnte Fläche war nach Angaben des Departments für die Beseitigung der Folgen der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl im Frühling 2015 nur noch etwa halb so groß wie 1986 (240.000 vs. 400.000 Hektar).


Informationen darüber, wie sauber die belarussischen Städte sind, findet man in einem Atlas, der in elektronischer Form auf der Website des Departments zugänglich ist. Er enthält sogar Angaben dazu, wie stark die Verschmutzung in 10 oder 20 Jahren sein wird. Nach Aussage des stellvertretenden Leiters des Departments Nikolaj Zybulko zeigt er „Karten mit Prognosen auf Grundlage von Daten, die 1986 aufgenommen wurden. Wissenschaftler haben mithilfe der Zerfallseigenschaften der radioaktiven Elemente Prognosen für 1996, 2006 und 2016 aufgestellt.“


Der Atlas der radioaktiven Verschmutzung wurde also mithilfe von Prognosen auf der Basis von Messungen von 1986 erstellt. Ehemalige Liquidatoren bestätigen allerdings, dass man es damals mit der Bestimmung der Strahlungswerte nicht allzu genau nahm. Immer wieder kommt es vor, dass hochrangige Beamte strafrechtlich verfolgt werden, weil sie Mineraldünger außer Landes schmuggeln wollten. Erst 2015 betonte der Generalstaatsanwalt die Tragweite dieses Themas.


Es wird allerdings nicht berichtet, wohin der Dünger ausgeführt werden sollte. Gleichzeitig wird in der Gegend um Chojniki radioaktiv verseuchte Milch verkauft, weil „die Regierung beschlossen hat, an Dünger zu sparen“. Zur Erläuterung: Chojniki gehört zu den Regionen, in denen landwirtschaftliche Produkte so behandelt werden, dass sie die Grenzwerte für Strahlung nicht überschreiten. Die Radioaktivität wird mit speziellen Methoden gesenkt, unter anderem durch den Eintrag von Mineraldünger in den Boden.


Mehrvektorenpolitik, oder wie Umweltschützer zum Problem für die Umwelt erklärt wurden


Das Problem der Radioaktivität wird also gern unter den Tisch gekehrt. Die belarussische Regierung hält die sozialen Spannungen im Land auf kontrollierbarem Niveau und setzt mithilfe des AKW-Projektes eine der Ausrichtungen ihrer Mehrvektorenpolitik um.


Der Bau erfolgt mithilfe eines russischen Kredits in Höhe von 10 Milliarden Dollar (zum Vergleich – das sind 18 Prozent des belarussischen BIP von 2015). Für internationale Beobachter deutet dies auf eine enge Partnerschaft mit Russland hin, die durch gute Wirtschaftsbeziehungen verstärkt wird (mehr als 40 Prozent des belarussischen Exports gehen nach Russland, und 50 Prozent des Imports kommen von dort).


Gleichzeitig arbeitet Belarus an seinen Beziehungen zum Westen. Die Europäische Union hat ihre Sanktionen, die vor 5 Jahren gegen belarussische Regierungsbeamte und Unternehmen verhängt wurden, aufgehoben.


Das Land erhält Finanzhilfen von internationalen Geldgebern. Die EU gibt beispielsweise fünf Millionen Euro für ein Projekt zur Entwicklung der Green Economy. Insgesamt bekommt Belarus von der EU zwischen 2014-2020 Unterstützung in Höhe von 129 bis 158 Millionen Euro, ein Großteil davon ist für staatliche Projekte vorgesehen.


Die Widersprüche zwischen dem Bau des AKWs mit russischem Geld und der Umsetzung europäischer Programme treten oft auf unerwartete und sonderbare Weise zutage.


In der Strategie für die nachhaltige Entwicklung des Gebietes Grodno ist auch dem AKW, das dort gebaut wird, ein Abschnitt gewidmet. Darin bezeichnen die Autoren die Organisation „Ekodom“ und andere Umweltschutzorganisationen, die sich gegen Kernkraft aussprechen, als Gefahr für den Bau.


Tschernobyl ist ein Problem, vor dem man die Augen verschließt


Die Umweltschützer wurden also zum Problem erklärt, obwohl sie bei ihrer Arbeit mit den staatlichen Behörden auch viel erreicht haben. Sergej Magonow, Jurist und Mitarbeiter von „Ekodom“, wurde beispielsweise als bester Umweltschützer des Brester Gebiets 2015 geehrt.


In einer ähnlich zwiespältigen Lage ist auch der Tag der Katastrophe selbst. Jedes Jahr findet der „Tschernobyl-Marsch“ statt. Diese Demonstration widerspricht nicht der offiziellen Ideologie, auch sie erkennt den 26. April als wichtiges Datum an. Der Marsch wird aber nicht unterstützt: Im Fernsehen erfolgt kein Aufruf dazu, und es besteht sogar die Gefahr, von der Polizei festgenommen zu werden. Der Jahrestag befindet sich in einer Grauzone zwischen einer politisierten Aktion, die von der Staatsmacht toleriert wird, und einem Datum, das für die Gesellschaft von großer Bedeutung ist.


Auf offizieller Ebene findet am 26. April stets ein Besuch des Präsidenten in den radioaktiv verseuchten Gebieten statt. Der Tag wird also auf Regierungsebene durchaus wahrgenommen, aber im Dialog mit der Bevölkerung geht man der problematischen Seite des Datums lieber aus dem Weg.


Im Fernsehen und auch im Internet wird der 26. April, der Tag der Katastrophe, als „Tag des Gedenkens an die Opfer“ bezeichnet. Die junge Generation wiederum kennt das AKW Tschernobyl inzwischen eher aus dem Computerspiel „Stalker“ oder als einen Ort, den man, ebenso wie das neue Kraftwerk, im Rahmen von Exkursionen besuchen kann.


Wir danken dem "Grünen Portal Belarus" greenbelarus.info für die Bereitstellung des Textes von Raya Buzel. Die Übersetzung aus dem Russischen ist von Susanne Konschak. Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers zum 30. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl.