Von Spiegeln und Zerrbildern

Von Spiegeln und Zerrbildern

Immer wenn es zu Verschiebungen im Kräfteverhältnis zwischen Deutschland und Frankreich kam, schwemmten sie die alten Stereotype wieder nach oben. Dies könnten nicht nur die Medien, sondern auch die Politiker/innen in beiden Ländern ändern.

Die Finanz- und Schuldenkrise und nun auch die Flüchtlingskrise in der Europäischen Union (EU) stellen für die deutsch-französischen Beziehungen eine Belastungsprobe dar. In den letzten Jahren vertraten Paris und Berlin oftmals sehr unterschiedliche Ansichten über den richtigen Weg zur Lösung der Probleme. Obwohl die Regierungen beider Länder ihre Zusammenarbeit verstärkten und an gemeinsamen Konzepten arbeiteten, gingen Politik und Medien die Konflikte nicht immer sachlich an. Gerade in der öffentlichen Debatte griffen sie häufig auf Stereotype zurück. Schnell war in Frankreich die Rede von „deutscher Dominanz“, in Deutschland vom französischem „Laissez-faire“.

Beziehungen zwischen zwei Staaten bestehen nicht nur aus Abkommen, gemeinsamen Erklärungen und Initiativen. Ebenso wichtig sind Vorstellungen voneinander nebst den zugehörigen, darunterliegenden Emotionen, aber auch symbolische Gesten bis hin zur Produktion von Bildern über die beiden Staaten. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich, die seit den 1960er-Jahren in eine symbolträchtige Bildsprache eingekleidet wurde. Die zu Ikonen der deutsch-französischen Verständigung gewordenen Bilder von Treffen der Staats- und Regierungschefs muten heute wie ein Familienalbum an.

In Zeiten der Krise – wie sieht da Frankreich Deutschland, wie Deutschland Frankreich? Welche Vorstellungen vom jeweiligen Partner beherrschen die öffentliche Debatte auf beiden Seiten des Rheins, mit welchen Mustern und Stereotypen wird die Diskussion geführt? Dies sind die Kernfragen des vorliegenden Sammelbands. Die hier versammelten Antworten sind kaleidoskopisch. Doch zwei Ergebnisse fallen ins Auge.

Erstens ist im Laufe der Krise das Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit gewachsen. In beiden Ländern verfolgen Medien, Politik und Gesellschaft die Geschehnisse im Nachbarland aufmerksamer als in den Jahren zuvor, oft mit der Sorge verbunden, dass die Entscheidungen des Partners sich auch auf das eigene Land auswirken, und zwar ungünstig. In Frankreich ist es die Angst vor einer deutschen Dominanz in Europa und die Sorge, dass Berlin Frankreich eine Wirtschafts- und Finanzpolitik auferlegt, die sich gegen die eigenen ordnungspolitischen Vorstellungen wendet. In Deutschland befürchten nicht wenige, dass die wirtschaftlichen Probleme Frankreichs die gesamte Eurozone und somit auch Deutschland selbst belasten können. Deshalb ist viel von Frankreichs Reformunwilligkeit und -unfähigkeit die Rede.

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Zweitens verläuft die Debatte asymmetrisch. In Frankreich ist die Bezugnahme auf Deutschland und seine Politik obsessiv, ja allgegenwärtig, sei es als Modell oder als abschreckendes Beispiel. In Deutschland hingegen ist Frankreich kaum mehr als ein „relativer“ Gegenstand von Kommentaren und Diskussionen. Sie mögen im Tonfall manchmal schroff sein, doch generell hält sich die Aufregung in Grenzen. Nur selten wird Frankreich Gegenstand einer regelrechten Polemik – ganz im Gegenteil zu Frankreich, wo eine Bezugnahme auf Deutschland durchaus Aufmerksamkeit erregt und das Nachbarland gerne instrumentalisiert wird, um die eigenen Positionen zu schärfen. Die Asymmetrie in der Bedeutung beruht darauf, dass das deutsch-französische Verhältnis in der Politik wie auch in der Presse hauptsächlich durch die Brille der Wirtschaft wahrgenommen wird.

Die deutsche Presse, die Frankreich wegen dessen ökonomischer Probleme als „kranken Mann Europas“ darstellt, schreibt ausgiebig über das schwache Wachstum, die hohe Verschuldung und die angebliche Protestkultur des Landes. Oft ist der Tonfall der Berichterstattung herablassend. Insbesondere die Reformanstrengungen der Regierung gelten in den deutschen Medien und in der Politik als unzulänglich. Französische Zeitungen und Sender hingegen bewundern oder beneiden gar den deutschen „Wiederaufschwung“, den sie regelmäßig mit der Rezession im eigenen Land vergleichen. Grundsätzlich dient dann die deutsche Wirtschaft als Maßstab, um die eigenen Schwächen zu beurteilen. Dabei geht es hauptsächlich um die Frage, ob Frankreich dem Beispiel der Schröderschen Reformen folgen oder eine eigene „Agenda 2010“ wegen deren sozialen Verwerfungen vermeiden sollte. Deutschland gilt als Projektionsfläche, was zu einer so leidenschaftlichen wie polarisierten Diskussion beiträgt. Die vermeintliche Stärke des anderen wirft das Licht zurück auf die eigene Schwäche und umgekehrt. Der Vergleich ist unvermeidbar, ob zur Abgrenzung oder zur Nachahmung.

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Diese Spiegelfunktion Deutschlands wird im Leitmotiv deutscher Dominanz und französischer Unterlegenheit besonders gut sichtbar. Stereotype sind hier schnell bei der Hand, sei es die wiederkehrende Figur des „Eisernen Kanzlers“ Bismarck oder viel seltener, aber immerhin, mit begrifflichen Bezügen auf den Zweiten Weltkrieg. Oft verbindet sich die Kritik gegen die von Deutschland geforderte Austeritätspolitik mit der Angst vor einem „deutschen Europa“. Dahinter steckt die Angst, die eigene Glaubwürdigkeit und die Führungsrolle in der EU endgültig ganz zu verlieren. Dem entspricht auf deutscher Seite das Bild eines Zahlmeisters, dessen großes wirtschaftliches Gewicht nicht seinem politischen Einfluss in Europa entspricht. Die deutsche Selbstwahrnehmung ist nicht, andere zu dominieren, sondern von seinen Partnern abhängig und damit deren Schwächen ausgesetzt zu sein. Nicht selten führen diese konträren Wahrnehmungen zu Missverständnissen und Spannungen.

Eine Analyse der Deutschland- und Frankreichbilder zeigt in frappierender Weise, wie viele Wahrnehmungsmuster im Laufe der Zeit trotz intensiver Zusammenarbeit und vielfältiger Berichterstattung unverändert geblieben sind. Deutschland gilt in Frankreich als starkes und dynamisches Land mit ausgeprägter Sozialpartnerschaft, während Frankreich als schwach und verkrustet, etatistisch und verschwenderisch erscheint. Aber gescheiterte Reformen in Deutschland oder erfolgreiche Reformen in Frankreich werden im jeweiligen Partnerland kaum registriert. Auch in der Energiepolitik – dem anderen Politikfeld neben der Wirtschaft, in dem der Bezug auf Deutschland in der französischen Debatte sehr präsent ist – scheinen die Bilder zementiert zu sein. Für viele Deutsche bleibt Frankreich schlichtweg das Land der Kernkraftwerke, und das trotz der Entscheidung für eine Energiewende, die einen erheblichen Anteil des Atomstroms durch Erneuerbare Energien ersetzen will und eben in Deutschland kaum wahrgenommen wird. Für einen Großteil der Französinnen und Franzosen ist Deutschland hingegen der Inbegriff der Ökologie- und Anti-Atomkraftbewegung, auch wenn die deutschen Kohlekraftwerke noch so lange qualmen. So tradieren sich Stereotype und prägen als Zerrbilder die öffentliche Diskussion über das Partnerland.

Auch bei gesellschaftspolitischen Themen widerstehen die traditionellen Wahrnehmungsmuster den realen Entwicklungen und Veränderungen. So ist der Mythos der französischen Frau in Deutschland weitgehend intakt – übrigens ist Geschlechterpolitik einer der wenigen Bereiche, in denen Deutschland auf das „französische Modell“ schaut und umgekehrt die deutschen Verhältnisse in Frankreich kaum beachtet werden. Die für europäische Verhältnisse ungewöhnlich hohe Frauenerwerbsquote mit zugleich hoher Geburtenrate gilt als Vorbild für Frauen, die Familienleben und Karriere vereinbaren wollen. Ebenso dient das französische Modell denjenigen als Projektionsfläche, die die französischen „Rabenmütter“ und die negativen Effekte der frühen „Fremdbetreuung“ von Kleinkindern geißeln. Als weiteres Beispiel bleibt Frankreich in den Augen vieler Deutscher das Land der Lebensfreude und des Savoir-Vivre. Manche Mythen halten auch dann noch stand, wenn sie erkennbar mit der Realität kollidieren: Deutsche, die in Paris leben, kritisieren ihre Wahlheimat zwar wegen der Hektik des Alltags, loben sie aber als Stadt der Kultur und der Schönheit – und folgen somit einem romantischen Klischee, das Paris zur Stadt der Liebe und Schönheit erklärt.

Bilder können sich aber auch wandeln oder ausdifferenzieren. Für französische Wahlberlinerinnen und Wahlberliner, die mit einem Deutschlandbild nach Berlin kamen, das vom Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg geprägt war, ergibt sich ein ganz neues Bild, inspiriert von Freiheit und Ausgehkultur, von Kreativität und Schaffenskraft, die sie in Berlin finden – und dort bleiben lässt. In anderen Bereichen hat die politische Annäherung alte Bilder durch neue ersetzt. So etwa hat sich das Bild Deutschlands in Frankreich zum Ende der Griechenland-Krise differenziert. Zum einen zeichnete die gleiche Presse, die zuvor die Angst vor der deutschen Dominanz beschworen hatte, ein viel positiveres Bild von Deutschland und der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zum anderen haben die Attentate von Paris den deutschen Blick auf Frankreich geweitet. In der deutschen Presse ging es plötzlich nicht mehr nur um die kriselnde französische Wirtschaft, sondern auch um das demokratische Zusammenleben und Fragen der gesellschaftlichen Integration. Auch die Entscheidung Deutschlands, Frankreich bei der militärischen Bekämpfung des sogenannten „Islamischen Staats“ zu unterstützen, zeigte – trotz verbreiteter Kritik an der französischen Kriegsrhetorik – ein Verständnis der französischen Reaktion, das über traditionelle Solidaritätsbekundungen hinausging.

Die EU-Krise hat Ängste und Frustrationen hervorgerufen, übrigens nicht zum ersten Mal. Immer wenn es zu Verschiebungen im Kräfteverhältnis zwischen Deutschland und Frankreich kam, schwemmten sie die alten Stereotype wieder nach oben. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass die intensiven Beziehungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene und das große gegenseitige Interesse zu einem besseren Verständnis des Partnerlandes führen. Voraussetzung dafür ist nicht nur, dass die Medien ein vielfältiges Bild des Nachbarn vermitteln, sondern auch und vor allem, dass Politikerinnen und Politiker sich für einen zurückhaltenden Sprachgebrauch entscheiden und eine politische Debatte an den Sachfragen entlang führen. Das scheinen die Menschen in beiden Ländern zu honorieren. Weit ab von den politischen Kontroversen haben Deutsche und Franzosen mehrheitlich ein gutes Bild voneinander, wie Umfragen zeigen. Auch legt eine große Mehrheit Wert auf gute deutsch-französische Zusammenarbeit – und zeigt sich dabei gemäßigter als so manche Politikerinnen und Politiker.

Dieser Artikel erschien in dem Dossier zur Publikation "Frankreich und Deutschland - Bilder über den Nachbarn in Zeiten der Krise".

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