Wie 3D-Drucker das Gesundheitssystem in den USA gerechter machen könnten

Wie 3D-Drucker das Gesundheitssystem in den USA gerechter machen könnten

Mithilfe von 3D-Druckern lässt sich Medizintechnik günstig produzieren.
3D-Drucker — Bildnachweise

Das Health Maker Lab in Brooklyn stellt nicht nur kostengünstige Prothesen und medizinische Geräte mit 3D-Druckern her, sondern transportiert damit auch eine politische Botschaft und träumt von einem demokratischen Gesundheitswesen.

Man nehme die komplexe Maschinerie des US-amerikanischen Gesundheitssystems, einen Vietnam-Veteran, einen hohen Bedarf an Implantaten und eine Handvoll abgedroschener englischer Schlagworte Worte wie „shared“, „bottom-up“ und „horizontal“. Dazu gebe man einen 3D-Drucker.

Dieses Rezept ergibt nicht den Handlungsstrang eines schlechten Science-Fiction-Romans, sondern vielmehr das Health Maker Lab, ein Labor mit Sitz im New Yorker Stadtteil Brooklyn, das zu einem einzigen Zweck gegründet wurde, nämlich der Herstellung kostengünstiger Prothesen und medizinischer Geräte.

Das Konzept des Health Maker Lab, das vor etwa eineinhalb Jahren entwickelt wurde, liegt irgendwo zwischen einem Start-Up und einer politischen Gruppierung. Es ist das Produkt einer Gruppe gleichgesinnter 3D-Druck-Begeisterter, die sich – wie so viele amerikanische Aktivisten – über die Online-Plattform meetup.com gefunden haben. Im letzten Dezember starteten sie durch, als die Aufsichtsbehörde für Nahrungsmittel und Pharmazeutika, die Federal Food and Drug Administration, dem Labor endlich die Betriebsgenehmigung erteilte. Heute hat das Health Maker Lab etwa 40 Mitglieder, von denen zehn aktiv an den Produkten arbeiten.

Hinter der Medizintechnik steht eine politische Haltung

Was nun das Health Maker Lab von anderen 3D-Printshops unterscheidet, ist sein grundlegend politischer Ansatz: „Unser Ziel ist es, das bestehende Verhältnis zwischen dem 1Prozent und den 99 Prozent der Bevölkerung umzuwälzen“, so Land Grant, Gründer des Health Maker Lab.

Land Grant ist 65 und sieht ein wenig aus wie Sean Connery in ‚Der Name der Rose‘. Er ist ein Unikum, und zwar nicht nur seines Namens wegen, der auf Englisch so viel heißt wie ‚Landzuteilung‘. Bis vor wenigen Jahren tat er noch etwas völlig Anderes. „Ich habe einen Abschluss in Anglistik und an der Brown University studiert, doch dann wurde ich eingezogen und zum Kämpfen nach Vietnam geschickt. Ich bin ein Held dieses Krieges“, sagt er etwas ironisch, „auch wenn meine Einheit eigentlich an einem Stützpunkt in Deutschland stationiert war.“

Er erzählt mir, wie er jahrelang beruflich US-amerikanische Produkte in Europa und Asien vertrieb. „Mein Interesse an 3D-Druck wurde vor einigen Jahren geweckt, als ich zufällig auf der World Maker Fair war – das ist eine große Tüftlermesse, die jedes Jahr hier in New York stattfindet – und mir klar wurde, dass die Technologie ein Riesenpotenzial für den Medizinbereich hat. Davon ausgehend habe ich dann versucht, eine Gruppe zu gründen, die sich damit beschäftigt“, erklärt er.

Die Demokratisierung des US-amerikanischen Gesundheitssystems

Das Schlüsselkonzept, das Grant und andere Mitglieder des Health Maker Lab ins Rollen brachten, ist 3D-Druck zur Herstellung günstiger biomedizinischer Geräte zu nutzen und somit das US-amerikanische Gesundheitssystem zu demokratisieren. Eine mit dem 3D-Drucker angefertigte Prothese kann zwischen 150 und 200 Dollar kosten. Im Gegensatz dazu schlägt eine herkömmliche Version mit 24.000 bis 25.000 Dollar zu Buche.

In einem Land, das etwa 17 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Gesundheitskosten aufwendet – wenn auch mit verheerenden Resultaten – könnten die Auswirkungen von 3D-Druck bedeutend sein. „Wir stehen vor schier unendlichen Möglichkeiten“, erläutert Grant fasziniert, „und so können wir das gesamte Gesundheitssystem in seiner bisherigen Organisationsform infrage stellen.“

Produktion nach der Do it Yourself-Philosophie

Das Health Maker Lab verfährt nach dem Do it Yourself-Prinzip. Jede/r kann von anderen Bastlern und Tüftlern lernen und mit den eigenen Ideen experimentieren. Eine Einstellung, die Grant interessanterweise niemand Geringerem als Thomas Edison zuschreibt, dem Erfinder der Glühbirne (sowie zahlreicher anderer Dinge, einschließlich des elektrischen Stuhls) und lebenslangem Autodidakt.

„Viele der wissenschaftlichen Entdeckungen des vergangenen Jahrhunderts wurden von Amateuren wie Thomas Edison gemacht“, sagt Land Grant bei einem Treffen mit uns in einem kleinen Park in Dumbo, dem Technologiebezirk ganz im Norden Brooklyns. „Sie hatten Ideen und sie waren fleißig. Und ihnen gegenüber haben wir noch den Vorteil, dass uns Technologie zur Verfügung steht, wir können arbeitsteilig vorgehen. Mein Traum hier ist, dass sich eines Tages jemand von uns inspirieren lässt und dass es in jeder Stadt Systeme gibt, die günstige medizinische Geräte anbieten.“

Das einstige Industriegebiet Dumbo erstreckt sich zwischen der Brooklyn Bridge und Manhattan und verdankt seinen eigentümlichen Namen der Örtlichkeit selbst, denn es ist ein Kürzel für ‚Down Under the Manhattan Bridge Overpass‘ (unter der Brooklyn Bridge). Das ‚O‘ soll dabei verhindern, dass das Akronym nach dumm („dumb“) klingt, was den Bewohnern freilich gar nicht recht wäre.

Bis in die 1990er Jahre war Dumbo ein Arbeiterviertel (es wurden dort viele Szenen für Sergio Leones Film ‚Es war einmal in Amerika‘ gedreht), doch dann kamen die Künstler/innen, die aus dem überteuerten Manhattan flohen. Der Bezirk wurde gentrifiziert, beginnend mit der Vermietung alter Lagerhallen aus dem Industriezeitalter zu Schnäppchenpreisen. Diese wurden alsbald in Lofts, Ateliers und kreative Zentren umfunktioniert. Heute ist Dumbo eine der teuersten Gegenden New Yorks und seine ehemaligen Lagerhallen gehören zum „Technologiedreieck Brooklyn“, in dem sich etwa 1.300 Unternehmen und Start-Ups tummeln, darunter auch das Health Maker Lab.

3D-Medizintechnik ist ein Millionengeschäft

Was das Health Maker Lab allerdings von seinen Nachbarn unterscheidet, ist nicht nur der politische Aspekt des Projekts, sondern auch der Wunsch, eine Gemeinschaft von Menschen zu stiften, die aktiv zusammenarbeiten. „Eines der größten Probleme in den USA ist, dass wir eine übermäßig kapitalistische Gesellschaft sind, in der zu viel Wert auf Profit gelegt wird“, so Grant, „und das gilt auch für die Welt des 3D-Drucks.“

Etwa 40 Prozent aller Unternehmen in der Branche des 3D-Drucks für medizinische Geräte sind aus den USA. Im Jahr 2015 allein machte die Branche 380 Millionen Dollar Gewinn. Experten gehen davon aus, dass dies nur der Anfang ist und Gewinne im Bereich des medizinischen 3D-Drucks bis 2022 die Milliardenmarke erreichen werden.

Im Gegensatz dazu ist die Philosophie von Health Maker Lab eher die des „Bürger-Wissenschaftlers“, ein Modell, das von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Leeds University entwickelt wurde. Dort helfen Normalbürger den Forschern dabei, Unmengen an erhobenen Daten zu katalogisieren und beschleunigen so die Arbeit der Wissenschaftler/innen.

Grant möchte das gleiche Konzept auf das Health Maker Lab anwenden: „Fächer wie Medizin, Biologie und Neurowissenschaften berühren auch soziale und politische Themen und deswegen kann heute jede/r – im Rahmen der eigenen Fähigkeiten – zu wissenschaftlicher Forschung beitragen. Wir müssen uns heute nicht mehr um die „Wächter/innen der Wissenschaft“ scheren, die auf eine Wissenselite hinauswollen. Wir machen das anders. Wir sind eine gemeinnützige Gruppe, und wir wollen Wissenschaft in den Dienst der Bürger stellen.“

Ob der Versuch des Health Maker Lab, ein wenig Gerechtigkeit in das US-amerikanische Gesundheitssystem zu bringen, Erfolg haben wird, ist schwer zu sagen. Die Gruppe steckt noch in den Kinderschuhen, und seine Mitglieder benennen ganz freimütig die Herausforderungen: „Damit aus unserem Experiment etwas wird, brauchen wir Ressourcen, Zeit, Menschen und Geld. Geld ist freilich das Schwierigste“, gibt Grant unumwunden zu. „Aber unser Grundziel bleibt das Gleiche: Das Verhältnis zwischen dem 1 Prozent und den 99 neu zu definieren.“

Giorgio Ghiglione ist einer der Media Fellows unseres Nordamerika-Büros in Washington – mehr Informationen zum Transatlantic Media Fellowship Program finden Sie hier. Sein Artikel erschien zuerst am 28. Juni 2016 in der italienischen Zeitung Il Manifesto unter dem Titel "I makers che sognano cure low cost".

Der Beitrag drückt die Meinungen des Autors aus, die nicht notwendigerweise mit den Ansichten der Heinrich-Böll-Stiftung übereinstimmen.

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