Südafrika: Universitäten im Ausnahmezustand

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Studentenproteste auf dem Campus der Cape Town Universität, 22. Oktober 2015 2015Schon vor einem Jahr protestierten Student/innen auf dem Campus der Cape Town University. Urheber/in: Tony Carr . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die für 2017 anstehende Erhöhung der Studiengebühren hat das Feuer der Studentenbewegung in Südafrika neu entfacht. Die zunehmende Radikalität der #feesmustfall-Bewegung spaltet jedoch die Bevölkerung.

„Ihr versteht nicht unseren Schmerz. Ihr versteht nicht den Schmerz unserer Eltern. Wir wollen freie Bildung in Südafrika. Das ist, was uns 1994 vom ANC [African National Congress] versprochen wurde.“, schreit ein sichtlich aufgebrachter Student, während er ziellos zwischen Polizisten umherläuft, die mit Gummigeschossen geladenen Gewehren bewaffnet sind. Kurz nachdem er einer Gruppe protestierender Student/innen das aus dem Anti-Apartheidskampf gebräuchliche „Amandla!“ (Macht!) zuruft und diese „Awethu!” (An das Volk!) erwidern, eröffnet die Polizei das Feuer.

Er selbst wird von drei Uniformierten an Händen und Beinen in einen Polizeiwagen geschleift. Die Videoaufnahmen wurden Ende September auf dem Campus der Rhodes University, eine der ältesten Universitäten Südafrikas im ländlichen Grahamstown und ehemalige Whites-Only-Institution, aufgezeichnet. Es hätte dieser Tage aber genauso gut jede andere Universität des Landes sein können.

Sie sind Ausdruck der schwindenden Legitimität eines Staates, der glaubt, mit gezückter Waffe verhandeln zu können. Dabei bedient sich die Regierung einer Rhetorik, die die Studentenproteste als das Werk von Anarchisten verunglimpft, mit denen hart ins Gericht gegangen werden muss. Sibongile Mchunu, ANC Mitglied des parlamentarischen Ausschusses für Höhere Bildung, forderte gar den Einsatz der Armee an den Universitäten. Diese wüsste schon, wie „mit den Studenten fertig zu werden“ sei.

Ein Teufelskreis aus Armut und Schulden

Dabei gab es einen Moment der Hoffnung im letzten Jahr. Im Oktober mobilisierten sich Tausende von Student/innen in der bisher größten Jugendbewegung seit Ende der Apartheid. Sie forderten eine grundlegende Dekolonisierung der Hochschulen, das heißt nicht nur die Schaffung gleicher Chancen auf Bildung für alle, sondern auch die Entfernung kolonialer Statuen und Symbole, die verstärkte Einstellung schwarzer Lehrkräfte und die Revision eurozentrischer Curricula. Landesweite Proteste unter dem Hashtag #FeesMustFall erwirkten, dass die Regierung die sonst üblichen Erhöhungen der Studiengebühren für das Jahr 2016 aussetzte.

Natürlich war damit das grundsätzliche Problem nicht behoben. Für viele Studenten und ihre Familien sind die Gebühren auf ihrem jetzigen Niveau schon kaum erschwinglich. Nach Angaben eines Berichts des Beratungsunternehmens KPMG liegt die derzeit durchschnittliche Gebühr für eine/n Studierende/n im ersten Hochschuljahr bei 40.000 Rand (rund 2.500 Euro), wobei Unterhalt, Miete, und Lernmaterialien noch hinzukommen. Nach Angaben des statistischen Amtes aus dem Jahr 2011 liegt das Jahresdurchschnittseinkommen in schwarzen Haushalten gerade mal bei knapp 70.000 Rand (rund 4.400 Euro).

Zwar bietet der Staat Studienkredite und Stipendien an, allerdings reichen die bereitgestellten Ressourcen bei Weitem nicht aus. Zudem fallen einige durchs Raster, da diese Programme nur den ärmsten Familien offen stehen. Wer aus einem Haushalt kommt, der etwas mehr als 160.000 Rand (rund 10.000 Euro) im Jahr verdient, kann sich höhere Bildung immer noch kaum leisten, genießt aber keinen Zugang zu staatlichen Bildungskrediten. Auch existiert kein gestaffeltes Schema, das die ärmsten Student/innen von den Gebühren befreit und dafür von denjenigen aus gut verdienenden Haushalten höhere Gebühren verlangen würde.

Während sich wohlhabendere Studenten auf die Unterstützung ihrer Familien verlassen können, geraten viele ihrer mittellosen Kommiliton/innen in einen Teufelskreis der Verschuldung. Nicht nur müssen sie die Kredite zurückzahlen, oft sind sie auch die Ersten in ihren Familien, die es an die Universität geschafft haben. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, dass sie ihre Eltern und Geschwister finanziell unterstützen.

Warum reicht es nicht?

Während das Zugeständnis des Staates im letzten Jahr zumindest eine kleine Verschnaufpause schaffte, hat die anstehende Gebührenerhöhung für 2017 im vergangenen August das Feuer neu entfacht. Diesmal ist allerdings kein einfacher Ausweg aus der Misere in Sicht. Die finanzielle Lage der meisten Universitäten lässt ein weiteres Jahr ohne Erhöhungen kaum zu. Unter anderem aufgrund der Schwäche des südafrikanischen Rands sah sich der von Importen abhängige Hochschulsektor seit 2009 dazu gezwungen im Schnitt seine Gebühren um 9 Prozent pro Jahr zu erhöhen.

Damit liegt er deutlich über der durchschnittlichen Inflationsrate von 5.5 Prozent für den gleichen Zeitraum. Seit 2008 sind damit die Hochschulgebühren um mehr als 80 Prozent gestiegen, Einkommen im Schnitt hingegen nur um 45 Prozent. Gleichzeitig stagnierten die öffentlichen Zuschüsse für Hochschulen.

Im internationalen Vergleich gibt das Land mit rund 0.75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überdurchschnittlich wenig für den Hochschulsektor aus. Die hiesigen Akademiker sehen ein Minimum von 1.5 Prozent als angebracht. Zwar hat Hochschulminister Blade Nzimande angekündigt die Gebührenerhöhungen für 2017 bei 8 Prozent zu deckeln und Erhöhungen für Studierende aus Familien mit einem Jahreseinkommen von unter 600.000 Rand (rund 37.500 Euro) auszusetzen.

Dennoch sieht die Regierung, die derzeit gegen historisch hohe Schulden kämpft, momentan keinen Spielraum in ihrem Haushalt, um für alle ausreichend Abhilfe schaffen zu können. Derweil fordert die #FeesMustFall-Bewegung nicht nur mehr die anstehenden Erhöhungen auszusetzen, sondern gleich die Hochschulgebühren komplett abzuschaffen.

Theoretisch stehen dem südafrikanischen Staat genug Ressourcen zur Verfügung, um den Zugang zu Hochschulbildung für bedürftige Studenten drastisch zu verbessern. Jedoch ist leider kaum zu erwarten, dass von heute auf morgen die Korruption beendet wird, die Steuergelder in massivem Ausmaß verschleudert, noch dass etwa Präsident Jacob Zuma sich dazu entscheidet, sein mit 35 Ministern aufgeblähtes Kabinett zu halbieren. Diese Verschwendungen lassen Aufrufe nach Geduld seitens der Regierung unglaubwürdig erscheinen. Ein Treffen zwischen Nzimande, Präsident Zuma und Repräsentanten von #FeesMustFall Anfang Oktober, endete erwartungsgemäß ohne Ergebnisse.  

Leider spielen Teile der Studierenden, die Gewalt als revolutionären Akt romantisieren wollen, in die Hände der Regierung. Vandalismus hat die Universitäten über das vergangene Jahr bereits 600 Millionen Rand (rund 37.5 Millionen Euro) gekostet und sie damit weiter von dem Ziel entfernt, Bildung zugänglicher zu machen. Auf der Strecke droht die breite Masse derjenigen Student/innen zu bleiben, die ernsthafte Anliegen hat und sich auf Dauer weder den Status quo noch kurzsichtige Effekthascherei leisten kann.

Die Zukunft der Universitäten steht auf dem Spiel

Die Forderungen der #FessMustFall Bewegung und ihre Absicht die Universitäten auf Dauer zum Stillstand zu bringen, sind daher nicht mehr der Ausdruck der allgemeinen Studentenschaft. Die breite Masse, die sich 2016 erhoben hatte, ist zerbröckelt. Die Meisten sind sich nach wie vor einig, dass sich grundsätzlich etwas an den Hochschulen verändern muss: dass der Zugang für alle erschwinglicher gemacht und die Transformation an den Hochschulen stärker vorangetrieben werden soll. Dennoch scheinen sich die Wenigsten mit der radikalen Vorgehensweise von #FeesMustFall zu identifizieren. Auch in den vergangenen Wochen wurden die allgemein friedlichen Studentenproteste regelmäßig von Gewalt gestört.

Die zum Schutz von universitärer Infrastruktur, der Angestellten und Student/innen eingestellten privaten Sicherheitskräfte und der verstärkte Einsatz der Polizei haben allerdings die Gewalt nur weiter eskaliert. Viele Universitäten sind seit Wochen geschlossen. Während #FeesMustFall viel daran zu liegen scheint die Hochschulen auch weiterhin geschlossen zu halten, um diese und den Staat in die Knie zu zwingen, sprachen sich nach Umfragen an der Universität in Kapstadt und der Witwatersrand Universität in Johannesburg – zwei der größten Hochschulen des Landes – jeweils mehr als zwei Drittel der Studenten für die Wiedereröffnung des Lernbetriebs aus.

Es steht enorm viel auf dem Spiel. Sollten die Hochschulen nicht bald in der Lage sein, zu einem geregelten Lernbetrieb zurückzufinden, wird dies für alle Beteiligten weitere Kosten verursachen: Bereits bezahlte Studiengebühren könnten für Nichterbringung von Dienstleistungen von Studierenden zurückverlangt werden. Gleichzeitig würden Studierende ein Jahr Kosten für den Lebensunterhalt und Graduierende teils ihre Jobaussichten verlieren. Das Land müsste einen fehlenden Jahrgang graduierender Mediziner überbrücken und so weiter.

Das Bildungssystem als Spiegel der Gesellschaft

Bildung ist für die Schaffung sozialer Mobilität und die Qualifizierung für den Arbeitsmarkt enorm wichtig. Fairer Zugang zu Bildung ist zudem von hoher symbolischer Bedeutung in Südafrika, wo die schwarze Bevölkerung in Apartheidszeiten von guten Bildungsmöglichkeiten systematisch ausgeschlossen war. Eine grundlegende Reform der Schulen und Universitäten hätte daher im demokratischen Südafrika oberstes Ziel sein müssen. Die bisherige Bildungspolitik hat jedoch nicht ausreichend dazu beigetragen, das massive Defizit unter der schwarzen Bevölkerung zu reduzieren und die fortbestehende soziale und ökonomische Ungleichheit auszugleichen.

Obwohl sich in den vergangenen Jahren eine schmale schwarze Mittelschicht gebildet hat, sehen Viele die alten Trennlinien, die Privileg und Ausschluss bestimmen, im Bildungssystem zementiert. Selbst diese sind sehr unterschiedlich ausgestattet, wie Tshepo Motsepe von Equal Education, Partnerorganisation der Heinrich-Böll-Stiftung, in der Online-Zeitung Daily Maverick kommentiert:

“Die früheren schwarzen Universitäten sind immer noch schwarz, und die früheren weißen Universitäten sind immer noch weiß. Dekolonisierung an der Walter Sisulu Universität bedeutet kaputte Fenster zu reparieren. Dekolonisierung an der University of Cape Town bedeutet eine Kultur zu schaffen, die mich nicht ausschließt, weil ich schwarz bin.”

Letztlich geht es damit bei der Revolte nicht nur um Hochschulbildung und Zahlenspiele zu deren Finanzierung. Sie ist nur ein weiterer Ausdruck der Enttäuschung einer Gesellschaft, in der die Erwartungen und Hoffnungen der Menschen und ihre täglichen Realitäten mit denen sie konfrontiert sind, so weit auseinanderklaffen wie nie zuvor seit dem Ende der Apartheid.

Südafrika ist damit in eine Periode des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eingetreten. Der regierende ANC hat zu viel versprochen, zu wenig gehalten und hat mit seiner selbstgefälligen Art selbst unter Anhängern seine Legitimität verloren. Die vergangenen Kommunalwahlen im August, deren Ergebnisse die Partei in den Großstädten in die Opposition drängte, haben dies unterstrichen.

Leider haben einige Studenten mit ihren unumstößlichen Maximalforderungen jegliche Kompromissbereitschaft verloren und Gewalt als legitime Form des politischen Engagements akzeptiert. Trotz allem bleiben ihre Anliegen zentral und deren Lösung das Fundament für die Schaffung einer faireren Gesellschaft.

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