Konflikthafte Partnerschaften: Governance und urbane Herausforderungen

Konflikthafte Partnerschaften: Governance und urbane Herausforderungen

Slum Construction
Millionen von Stadtbürger/innen bleibt nichts Anderes übrig, als ihre eigenen Behausungen zu errichten - wie hier in Cebu City, Philippinen — Bildnachweise

Städte verändern und entwickeln sich ständig und wirken dabei nicht als zusammenhängende Einheit. Sie sind "koproduziert." Das Konzept der Koproduktion kann uns dabei helfen, eine nachhaltige Stadtpolitik zu entwickeln, die auf dem Prinzip des konstruktiven Konflikts basiert.

Städte als komplexe Akteurskonstellationen

Städte und urbane Gebiete sind keine Agglomerationen von Problemen die verwaltet werden müssen. Städte sind Drehscheiben der Koexistenz und Katalysatoren für die Vermittlung und Integration von Unterschiedlichkeiten. Sie sind Orte des Experimentierens und der gesellschaftlichen Innovation, in denen neue Identitäten und Lebensweisen konzipiert und getestet werden. Städte sind von den unterschiedlichen Rationalitäten und Handlungsweisen einer Vielzahl von Akteur/innen geprägt. Sie verändern und entwickeln sich ständig, und sie wirken nicht als zusammenhängende Einheit und sprechen nicht mit einer Stimme. Städte sind "koproduziert."

Urbanes Wissen und Koproduktion

Wenn Koproduktion ein entscheidender Begriff ist, um das Wirken von Städten und den Charakter des Urbanen zu verstehen, müssen wir auch unsere Vorstellung von "urbanem Wissen" in Frage stellen. Für mich als Architekt, Stadtplaner und Stadtforscher ist dies von besonderer Bedeutung. Unserem Beruf wird oft eine gewisse Arroganz vorgehalten, denn wir begreifen uns oft selbstverständlich als Expert/innen, die die Schlüssel zum Verständnis von Stadt besitzen. Stattdessen sollten wir anerkennen, dass urbanes Wissen ebenfalls koproduziert ist. Anstatt sich auf unser technisches Fachwissen zu verlassen, brauchen wir transdisziplinäre Denkformate, in denen verschiedene Ansätze, Perspektiven und Einsichten verhandelt werden können.

So können wir nicht nur das spezifische Wissen und Know-how der Alltagsnutzer/innen der Stadt, von lokalen Initiativen, der Zivilgesellschaft insgesamt, sondern auch Wissen von Verwaltungsmitarbeiter/innen und natürlich Techniker/innen, Wissenschaftler/inenn usw. anerkennen. Nur so können wir wirklich "integrierte Lösungen" denken und umsetzen, wie von der New Urban Agenda gefordert. Wir müssen traditionelle Hierarchisierungen und Sektoralisierung von Wissens überwinden. Stattdessen sollte das koproduzierte Wissen auf neue integrierte Governance-Modelle angewendet werden.

Ein positives Zeichen ist, dass die Forschungsförderung bereits offener für Inter- und Transdisziplinarität wird. Aber unsere Universitäten brauchen viel mehr Mut zu experimentieren und eigene Wege zu gehen. Wir brauchen Laboransätze zur Entwicklung von immer komplexer werdenden urbanen Systemen. Diese Konferenz versucht, ein solches diskursives Labor zu sein: transdisziplinärer und motiviert von dem Versuch Nord-Süd-Dichotomien zu überwinden.

Konflikthafte Koproduktionspartnerschaften

Koproduktion ist jedoch keinesfalls ein harmonischer Prozess. Die neuen Formen von Partnerschaften entstehen oft aus Konflikten, bzw. sind von Konflikten geprägt. Koproduktions-Partnerschaften entstehen oft in prekären Kontexten – dem Lebensalltag der Mehrheit der urbanisierten Bevölkerung der Welt. Der Bereich der Wohnungspolitik und besonders die Bewegung "Recht auf Stadt", die in dieser Konferenz diskutiert wurden, veranschaulichen dies.

Viele staatliche oder private Wohnungsbauvorhaben sind – oft entgegen der eigenen proklamierten Absichten – nicht auf die Wohnbedürfnisse und Finanzierungsmöglichkeiten der unteren Einkommensschichten zugeschnitten. Millionen von Stadtbürger/innen bleibt daher nichts Anderes übrig, als ihre eigenen Behausungen zu errichten. Von den 1-2 Milliarden neuen Stadtbewohner/innen, die wir in städtischen Gebieten bis 2030 erwarten, haben die meisten keine Chance, von einem staatlich subventionierten Wohnungsbau zu profitieren oder ein reguläres Marktangebot zu nutzen.

Häuser werden deshalb außerhalb formeller Planung errichtet und die Bewohner/innen sind darauf angewiesen um den Erhalt und die Sicherung ihrer Investition zu kämpfen – in rechtlich und politisch ungesicherten Kontexten und mit der ständigen Bedrohung von Abriss und Verdrängung. Das gleiche gilt für die häufig dysfunktionalen städtischen Dienstleistungen, die (ob in öffentlicher Hand oder privatisiert) keine angemessenen Lösungen für die Entsorgung von Abfall oder die Gewährleistung von bezahlbarer Mobilität bieten.

Herkömmliche städtische Governance-Systeme sind den Urbanisierungsherausforderungen in vielen Städten nicht gewachsen. Man verlässt sich schlicht auf die städtischen Armen, dass zu tun, was sie selbst nicht in der Lage oder nicht willens zu tun sind. Zwischen Selbstversorgung und staatlichen Institutionen eröffnet sich so ein neuer Raum der Interaktion, in denen neue Koproduktionspartnerschaften entstehen. Dieser Raum ist konfliktgeladen und entsteht oft nur, weil Graswurzelbewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen Druck auf Regierungen ausüben.

Vanessa Watson bezeichnet genau dies als Koproduktion und erinnert uns daran, dass wir Konflikte und Machtgefüge als allgegenwärtig in allen Partnerschaftsformen zwischen Staat und Zivilgesellschaft anerkennen müssen. Watson unterscheidet hier bewusst von einer durch Antagonismus und Konflikt geprägten Koproduktion, und einer von Scheinharmonie und reale Machthierarchien verschleiernden „Kollaboration“. Wenn Zivilgesellschaft tatsächlich einfordert über formalisierte und bürokratisierte Partizipation hinaus Initiatorin und Koautorin von Entscheidungsprozessen zu werden, entstehen Rollenverschiebungen die viele - einschließlich meiner eigenen Berufsgruppe - zutiefst verwirrt und herausfordert.

Durch Koproduktion zur "Nachhaltigkeit"?

Koproduktion im Sinne von Watson führt nicht notwendigerweise zu Nachhaltigkeit, sondern kann auch prekäre Zustände festschreiben. Durch neoliberale Umstrukturierungen und Austeritätsmanagement wird vielerorts die traditionell staatliche Verantwortung für den Wohnungsbau und städtische Dienstleistungen auf den Privatsektor oder die Zivilgesellschaft übertragen. Einige Wissenschaftler/innen argumentieren, dass so am unteren Rand der Gesellschaft ein prekärer Raum der Vernachlässigung und es darwinistischen Überlebenskampfes entsteht.

Lippenbekenntnisse zu "Partizipation" und „Eigenverantwortung“ verdeckt in der Wirklichkeit Regierungsversagen und tiefe strukturelle Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Durch Outsourcing und Vermarktlichung von ehemals staatlichen Versorgungsleistungen werden in der Regel nur die profitversprechenden Dienstleistungen durch den Markt besorgt. Der Rest muss durch zivilgesellschaftliches Engagement kompensiert werden. Im Kontext global erstarkender Nationalismen, neuen Populismus und Zentralisierung scheinen die politischen Handlungsspielräume der Zivilgesellschaft vielerorts tatsächlich zu schrumpfen.

Aber es gibt auch das Gegenargument. Durch neue Koproduktions-Partnerschaften können Politiken und Maßnahmen auch demokratischer, verantwortungsbewusster und transparenter werden. Vorurteile und Widerstände von Politik und Markt können überwunden werden. Durch strategisches Handeln und effektive Vernetzung können aus lokalen Initiativen transformative Bewegungen werden die Politik verändern und das Selbstwertgefühl von marginalisierten Akteur/innen wachen lassen.

Urbane Protestbewegungen im Globalen Süden und Norden haben sich oft als effektives Korrektiv zweifelhaften staatlichen Handelns erwiesen und wichtige Fragen der Nachhaltigkeit wie Umweltschutz, Geschlechter- oder Rassendiskriminierungen oder Armut in die Politik gebracht. In positiven Fällen konnten so tatsächlich Paradigmenwechsel und gesellschaftliche Veränderungen erreicht werden. Diese Konferenz hilft uns, von Fallstudien zu lernen, wo Koproduktion transformativ wirkte und der Begriff der "Partnerschaft" zwischen Staat und Zivilgesellschaft neu definiert wurde.

Der Konferenztitel endet mit einem Fragezeichen - "Koproduktion von Nachhaltigen Städten"? - denn es sind die Potenziale aber auch die Risiken von Koproduktionspartnerschaften die wir gemeinsam erörtern und diskutieren wollen.

Koproduktion und die New Urban Agenda

Die Sprache der New Urban Agenda bietet einige interessante Formulierungen, die stark an zivilgesellschaftliche Forderungen erinnern und eine Anerkennung der zentralen Rolle der Zivilgesellschaft zumindest anzudeuten scheinen. Im Abschnitt "Our shared vision " zum Beispiel heißt es:

“We envisage cities that… are participatory, promote civic engagement, engender a sense of belonging and ownership among all their inhabitants, prioritize safe, inclusive, accessible, green, and quality public spaces, friendly for families, enhance social and intergenerational interactions, cultural expressions, and political participation, as appropriate, and foster social cohesion, inclusion, and safety in peaceful and pluralistic societies, where the needs of all inhabitants are met, recognizing the specific needs of those in vulnerable situations…”

Im Abschnitt " Our principles and commitments" der NUA wird eingeräumt:

“Among the fundamental drivers of change…. local-national and multi-stakeholder partnerships…[are] mechanisms that empower and include urban stakeholders”.

All dies deutet darauf hin, dass eine starke Zivilgesellschaft als wichtige Akteurin für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsagenda anerkannt wird. Allerdings bleibt die NUA eine klare Präzisierung wie eine Einbindung verwirklicht werden könnte schuldig. Wie sollte eine post-NUA Umsetzungsarchitektur aussehen? Gibt es hier eine Rolle für die Zivilgesellschaft auf globaler, nationaler, regionaler oder lokaler Ebene an der Steuerung der Umsetzung der NUA und der SDGs mitzuwirken und die hierbei erzielten Fortschritte zu bewerten?

Diese Konferenz kann uns vielleicht helfen, den Fragen nachzugehen und Forderungen hinsichtlich des Umsetzungsprozesses der NUA zu stellen. Das Konzept der Koproduktion kann uns dabei helfen einen neuen "Gesellschaftsvertrag" zu denken, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt und damit auch eine nachhaltige Stadtpolitik entwickelt, basierend auf dem Prinzip des konstruktiven Konfliktes.

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers: Habitat III - Nachhaltige Stadtentwicklung.

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