Wir brauchen eine gemeinsame Vision - Interview mit Sanela Klarić

Wir brauchen eine gemeinsame Vision - Interview mit Sanela Klarić

Porträt von Sanela Klarić"Die Lösung ist nicht eine neue Partei - es geht vielmehr ums Netzwerken, um Solidarität und eine gemeinsame Vision" – Urheber/in: Arnej Misirlic. All rights reserved.

Sanela Klariċ (46) ist Architektur-Professorin an der Internationalen Burch Universität in Sarajevo und Vorsitzende der Umweltorganisation Green Council. Anders als die meist korrupten Politiker/innen Bosnien-Herzegowinas, gibt sie sich mit dem Status quo nicht zufrieden.

Sie leitet verschiedene Projekte, die sich mit nachhaltiger, umweltfreundlicher Architektur, Stadtplanung und Landwirtschaft beschäftigen. Ein Beispiel dafür ist der „Studentski paviljon“.  Sie setzt sich für Investitionen in saubere, innovative Technologien und den Rückgriff auf heimische Rohstoffe ein. Dadurch soll auch die bosnische Wirtschaft gestärkt werden.

Was sind die größten Probleme, vor denen Bosnien und Herzegowina zurzeit steht?

Sanela Klariċ: Das größte Problem sind die Korruption und eine fehlende Strategie für ökonomische Entwicklung. Das ist der Grund, warum wir immer noch über Demokratie, Menschenrechte und über Rechtsstaatlichkeit diskutieren müssen: wir stecken einfach fest und bewegen uns nicht mehr von der Stelle. Die Politiker/innen sind mit diesem Status quo zufrieden. Die gegenwärtige Situation sichert ihnen Macht und Geld, daher wollen sie keine neue Richtung einschlagen. Auf der anderen Seite gibt es keine politische Opposition in Bosnien und Herzegowina, die Veränderungen einleiten könnte. Die Politiker/innen spalten unsere Gesellschaft so sehr es nur geht, und gleichzeitig arbeiten sie - während sie dies tun - sehr gut zusammen.

Die jungen Menschen haben mittlerweile angefangen, die Korruption zu akzeptieren. Die meisten wurden während oder nach dem Krieg geboren, das heißt sie lebten die meiste Zeit ihres Lebens in regellosen Strukturen. Sie warten nun darauf, dass andere – zum Beispiel die internationalen Geldgeber – ihnen sagen, was sie tun sollen. Es mangelt an Vorbildern, und viele junge Menschen fühlen sich in unserem Land verloren.

Wie bewertest du die Rolle der Internationalen Gemeinschaft?

Seit Jahren spreche ich mit Vertreter/innen der Internationalen Gemeinschaft, und jedes Mal wollen sie für nichts von dem verantwortlich sein, was in meinem Land passiert. Allerdings wissen wir alle, was für einen großen Einfluss die Internationale Gemeinschaft auf kleine Länder und auf bestimmte Entwicklungen haben kann. Ihre Vertreter/innen sind auf keinen Fall ehrlich und halten wie unsere Politiker/innen am Status quo fest. Es könnte jedoch sein, dass sich das durch die neuen politischen Entwicklungen in Russland und in der Türkei bald ändert. Fest steht, dass es eigentlich überhaupt nicht um Bosnien-Herzegowina und um uns Bürger/innen geht. Daran glaube ich schon lange nicht mehr.

Was könnte ein Ausweg aus der gegenwärtigen Situation sein?

Ich habe noch keine genaue Vorstellung davon, alles ist sehr komplex. Außerdem sind die Politiker/innen, gegen die wir kämpfen, nun mal sehr mächtig, reich und gut untereinander vernetzt. Die Lösung liegt auch nicht in einer neuen Partei, davon haben wir einfach schon zu viele. Es geht vielmehr ums Netzwerken, um Solidarität und eine gemeinsame Vision. Diese gemeinsame Vision ist der Glaube an unser Land und dessen Zukunft. Menschen, die diese Vision teilen, müssen miteinander kommunizieren, ganz egal woher sie kommen oder was für einen Hintergrund sie haben. Ich will in Bosnien-Herzegowina bleiben und ich möchte, dass auch meine Kinder hier eine Zukunft haben. Es wird sicherlich keine leichte Aufgabe, und es wird lange dauen, aber wir müssen endlich etwas unternehmen.

Was unternimmst du selbst?

Ich bin zwar nicht Mitglied in einer Partei, aber mache trotzdem seit Jahren Politik. Die bestehenden politischen Parteien bieten keine Lösung für die Probleme, die es in Bosnien-Herzegowina gibt. Als Mitglied in verschiedenen NGOs, Vereinen und Netzwerken kann ich meine eigene Vision und Sichtweise vermitteln und mit vielen anderen Menschen in Kontakt treten. Als Mitglied einer Partei müsste ich hingegen deren Interesse repräsentieren und mich an deren oft korrupte Strukturen anpassen.

Mittlerweile bin ich Teil einer Initiative, die früher oder später zu einer politischen Partei werden könnte. Unsere Initiative ist eine Art Plattform, auf die immer mehr Menschen aufmerksam werden. Das wird uns die Möglichkeit geben, etwas zu verändern. Im Moment nennen wir uns noch „Bürgerinitiative Soziale Demokraten“ (Inicijativa grupe građana Socijaldemokrati), unter diesem Namen treten wir zur Zeit in die Öffentlichkeit. Für den Weg in die Politik haben wir noch keinen Namen, aber er sollte stark und einfach sein.

Wie viele Menschen beteiligen sich an dieser Plattform?

Wir haben uns im Juni vergangen Jahres gegründet, ungefähr 40 Leute stellen den „harten Kern“ der Initiative und sind sehr aktiv. Außerdem gibt es einen Beirat, bestehend aus den zehn Erfahrensten aus dem Umfeld der Plattform. Die Mitglieder des Beirats sind eher links orientiert und haben viel Erfahrung mit dem alten politischen System in Jugoslawien gemacht, aber auch mit dem neuen System nach dem Krieg. Wir haben in verschiedenen Städten lokale Netzwerke und wachsen jeden Tag. Natürlich haben wir auch noch viel Arbeit vor uns. Wir müssen viel Zeit auf der Straße verbringen und mit den Menschen reden und sie motivieren, uns zu sagen, was sie wollen und wie etwas erreicht werden soll.

Gibt es gleiche Chancen für Frauen und Männer innerhalb eurer Plattform? 

Ja, die gibt es und darauf bin ich sehr stolz. Alle Mitglieder sind sich außerdem darüber einig, wie wichtig die Geschlechterfrage ist.

Die Fragen stellten Gudrun Fischer und Wiebke Nordenberg.

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