Aquakultur: Hoffnung aus der Fischfarm?

Aquakultur: Hoffnung aus der Fischfarm?

Aquakultur boomt – im Jahr 2014 kam fast jeder zweite von Menschen verzehrte Fisch aus einer Fischfarm. Die ökologischen und sozialen Probleme dieser Massentierhaltung unter Wasser sind jedoch immens.

Infografik aus dem Meeresatlas: Aquakultur als geschlossener Nahrungskreislauf(Ausschnitt aus kompletter Grafik unten). Urheber/in: petraboeckmann.de. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Pro Kopf hat sich der Konsum von Fisch und Meeresfrüchten über die letzten 50 Jahre verdoppelt. Vor allem in den Industrie- und Schwellenländern ist die Nachfrage immens gestiegen. Als Antwort wurden Aquakulturen seit den 70er Jahren massiv mit staatlichen und Entwicklungshilfegeldern gefördert. 1950 produzierten Aquakulturen global noch circa 500.000 Tonnen Lebendgewicht, 2014 waren es bereits 73,8 Millionen Tonnen, 88 Prozent davon in Asien. China allein produziert 62 Prozent der weltweiten Erzeugnisse und ist damit die wichtigste Aquakulturnation.

Aquakultur findet an Land in Teichen, Durchfluss- und Kreislaufsystemen und in großen Netzkäfigen im Meer statt. Die Zucht auf hoher See und an Küsten macht 36 Prozent der Gesamtproduktion aus. Gezüchtet werden vor allem Fische, Shrimps, Krebse und Muscheln. Damit soll nicht nur die stetig steigende globale Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten gestillt, sondern auch eine Lösung für Überfischung gefunden werden. Doch Aquakulturen sind gerade in ihrem industriellen Ausmaß eine ethisch, ökologisch und meist auch sozial höchst zweifelhafte Antwort auf Überfischung und Ernährungssicherung.

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Denn sie ziehen einen großen Futtermittelbedarf nach sich: Für die Produktion von einem Kilogramm Garnelen, Lachs oder anderer Fische werden rund 2,5 bis 5 Kilogramm Wildfisch benötigt, bei Thunfisch sogar 20 Kilogramm. So bedroht zum Beispiel die Mast von roten Thunfischen in Käfignetzen um Malta die lokalen Bestände von Makrelen und Sardinen, die an die großen Raubfische verfüttert werden. Aquakultur hilft also nicht zwangsläufig dabei, die Überfischung der Weltmeere einzudämmen.

Aquakultur als Massentierhaltung unter Wasser ist ein ökologisches Desaster. Die Fische verletzen sich, werden krank und schneller von Parasiten befallen. Um dem entgegenzuwirken, werden weitflächig Antibiotika und Chemiekeulen – vom Hygienebad bis zu Pestiziden – eingesetzt, die das Wasser verunreinigen. Je mehr Tiere in einem Zuchtbecken gehalten werden, desto mehr Exkremente, Nahrungsreste und Kadaver entstehen, die auf den Boden unter den Zuchtbecken absinken und so das Wasser überdüngen. Als Abwasser der Aquakulturen gelangt das nährstoffreiche Wasser zusammen mit Chemikalien und Medikamentenrückständen dann in Flüsse, Seen, Meere und angrenzende Böden.

Hinzukommt, dass oft Mangrovenwälder den Aquakulturen weichen müssen. Das ist besonders absurd, sind sie doch die Kinderstube vieler Fischarten. 20 Prozent der Mangrovenwälder weltweit wurden zwischen 1980 und 2005 bereits durch menschliche Eingriffe zerstört, mehr als die Hälfte davon (52 Prozent) ist auf die Errichtung von Aquakulturen zurückzuführen. Allein auf den Philippinen sind wegen Shrimpfarmen zwei Drittel der Mangrovenwälder abgeholzt worden.

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Aquakulturen zerstören die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerungen und schüren lokale Konflikte. Denn die Fänge der traditionellen Küstenfischerei gehen durch Aquakulturen massiv zurück. Menschen werden vertrieben oder in neue Arbeitsmodelle gedrängt. Heute arbeiten bereits rund 19 Millionen Menschen in diesem Sektor. Hier sind die Arbeitsbedingungen jedoch äußert prekär: Oftmals werden Arbeitsvereinbarungen nur mündlich getroffen, Arbeitsschutzregelungen, geschweige denn ihre Durchsetzung, existieren in den seltensten Fällen.

Ausbeutung und Zwangsarbeit sind die Folge. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zeigt, dass 70 bis 80 Prozent der Fischereien (Aquakulturen und Küstenfischerei) Kleinbetriebe sind und sich auf die Arbeitskraft innerhalb von Familien stützen. Das bedeutet, dass auch Kinder in die körperlich oft sehr anstrengenden und gefährlichen Produktionsketten der Fischerei einbezogen sind. Aquakulturen sind grundsätzlich ökologisch zu betreiben, wie die Karpfen- und Forellenzucht zeigt. Viele Jahrhunderte waren ökologisch und selbstbestimmt betriebene Aquakulturen Lebensgrundlage und Eiweißquelle vieler Millionen Menschen, insbesondere in Asien.

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Dass ein Umsteuern möglich ist, zeigt die Pangasius­zucht in Vietnam. Nach der Aufdeckung skandalöser Zuchtbedingungen wird sie schrittweise auf neue Umweltstandards umgestellt, unter anderem nach dem ASC-Siegel (Aquaculture Stewardship Council). Das bedeutet, dass kein Mehl von Fischen aus überfischten Beständen verfüttert werden soll und dass die Einhaltung einer guten Wasserqualität und eine geringe Sterblichkeitsrate während der Zucht gewährleistet wird.

Auch an technischen Lösungen zu einer umweltverträglichen Aquakultur wird intensiv geforscht – geschlossene Kreislaufsysteme verringern die Belastungen stark, sind aber teuer und im Betrieb anspruchsvoll und energieintensiv. Die gravierenden sozialen und ökologischen Folgen in den gängigen industriellen Aquakulturen können jedoch nicht allein mit technischen und ökologischen Verbesserungen gestoppt werden.

Die Nachfrage nach Fisch und Meerestieren ist der Haupttreiber für den weiteren Ausbau von industriell betriebenen Aquakulturen. Sie bedienen – mehrheitlich als Massentierhaltung unter Wasser – einen profitgetriebenen Weltmarkt mit großem Hunger nach billigem Fisch. Der Konsum von Fisch und Meerestieren durch die globalen Mittelklassen muss sinken.

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