Lernen in der digitalen Welt

Lernen in der digitalen Welt

Plädoyer

Klug eingesetzt, kann digitale Bildung dazu beitragen, dass Herkunft nicht mehr über Zukunft entscheidet und der Aufstieg durch Bildung kein Wunschtraum bleibt. Ein Plädoyer von Katja Dörner.

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Wir befinden uns inmitten einer Umbruchphase – in einer digitalen Revolution, die unser Leben, unser Arbeiten und eben auch unser Lernen fundamental verändert. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist mittlerweile Normalität. Leider hinkt unser Bildungssystem dieser Entwicklung immer noch hinterher. Ein Austausch darüber, wie wir es fit für die digitale Welt machen, ist also inzwischen überfällig. Dabei dürfen wir unseren Blick aber nicht nur auf die technische Frage verengen, wie wir die neuesten Möglichkeiten schnell in die Schulen bringen. Stattdessen müssen wir zuvor die pädagogische Frage nach dem Lernen in und für die digitale Welt beantworten. In diesem Sinne spricht die Kultusministerkonferenz in ihrer „Strategie zur Bildung in der digitalen Welt“ richtigerweise vom „Primat des Pädagogischen“. Das bedeutet, dass wir nicht jede technische Neuerung unmittelbar in den Schulen ausprobieren und einführen müssen. Vorher müssen wir uns die Frage stellen, ob die neue Technik tatsächlich geeignet ist, den Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schulen besser zu erfüllen. 
 

Pädagogik vor Technik

Auf der Werteebene bedeutet „Primat des Pädagogischen“, dass unser Bildungssystem noch besser und vor allen Dingen gerechter werden muss. Um den Vorrang der Pädagogik vor der Technik in der Bildung 4.0 besser operationalisieren zu können, schlage ich drei zentrale Kriterien vor, die digitale Lehr- und Lernmittel erfüllen müssen, um den Erziehungs- und Bildungsauftrag zu befördern.  
• Zentral ist die individuelle Förderung: Nur, wenn wir jedes Kind gemäß seinen Fähigkeiten fördern, können wir endlich ein gerechtes Bildungssystem erreichen. So können Kinder ihre Potenziale voll ausschöpfen und somit auch ihre individuelle Leistung erbringen. • Inklusion: Individuelle Förderung kann im Zusammenspiel mit einem niedrigschwelligen Angebot ein inklusives Bildungssystem befördern. • Auch Anschlussfähigkeit ist ein wichtiges Kriterium: insbesondere an den Übergängen zwischen den einzelnen Bildungsinstitutionen und beim Übergang in die Berufstätigkeit.  


Chancen der Bildung 4.0

Nimmt man die genannten Kriterien als Maßstab, stellt man schnell fest: Bildung 4.0 hat durchaus das Potenzial, zu einem besseren und gerechteren Bildungssystem beizutragen. Digitale Lehr- und Lernmaterialien eröffnen mannigfaltige Möglichkeiten, das Lernen individueller zu gestalten, weil sie sehr konkret gemäß dem individuellen Wissens- und Entwicklungsstand programmiert werden und dabei den individuellen Lernprozess berücksichtigen können. Somit können sie jedem Kind dabei helfen, die eigenen Potenziale besser auszuschöpfen.

Digitale Lehr- und Lernmaterialien können Kinder auch darin unterstützen, selbstständig zu lernen – ganz nach dem Motto der Montessori-Pädagogik: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Das kann auch für die  Lehrenden eine enorme Entlastung sein. Die sowieso notwendige Veränderung der Rolle der Lehrenden hin zu Begleiter/innen und Anleitenden kann so befördert werden.  
Auch lebensbegleitendes Lernen kann einfacher werden. Die Möglichkeit, Lernzeit und -ort selbst zu bestimmen, kann die Vereinbarkeit von Beruf und Weiterbildung erleichtern.

Ich teile die Sicht der digitalen Wirtschaft, dass die Digitalisierung die Chance bietet, die Dominanz weniger Schulbuchverlage auf dem Markt der Lehr- und Lernmittel zu durchbrechen. Auf der anderen Seite müssen natürlich Vorkehrungen getroffen werden, dass deren Vormachtstellung nicht einfach durch das Monopol eines Anbieters der digitalen Wirtschaft ersetzt wird. 


Risiken im Blick haben 

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Um auf der einen Seite die Chancen der Digitalisierung für unser Bildungssystem voll auszuschöpfen, müssen wir auf der anderen Seite die möglichen Risiken minimieren. Dazu möchte ich gerne ein paar Fragen aufwerfen:
• Wie steht es um die Qualitätssicherung? Wie stellen wir sicher, dass die Auswahl der digitalen Lehr- und Lernmaterialien anhand pädagogischer und nicht anhand technischer Kriterien erfolgt? Oder anders gefragt: Wer hat die „Fachaufsicht“? • Wie stellen wir sicher, dass die Inhalte nicht unserer Grundordnung zuwiderlaufen? • Wie tragen wir dafür Sorge, dass auch tatsächlich alle Lernenden von der digitalen Bildung profitieren – unabhängig von geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen, unabhängig vom Geldbeutel des Schulträgers oder der Eltern und unabhängig von der Sprache?  • Wie gewährleisten wir eine Vergleichbarkeit der Bildungsziele und -erfolge? So sehr ich die Chancen mit Blick auf individuelles Lernen begrüße und so sehr ich es befürworte, dass dadurch das non-formale Lernen gegenüber dem formalen Lernen an Bedeutung gewinnt, so darf dies nicht dazu führen, dass sich darüber der Konsens über wichtige Unterrichtsinhalte auflöst.  • Wie stellen wir Datenschutz und Datensouveränität sicher? So wenig wir wollen, dass uns künftige Arbeitgeber/innen anhand von Privatfotos in sozialen Netzwerken beurteilen, so wenig wollen wir, dass die schulischen Leistungen in der achten Klasse zum Einstellungskriterium werden.   


Politischer Handlungsbedarf

Es liegt an uns, ob die angesprochenen Themen zu einem Risiko für unser Bildungssystem werden oder ob wir die Chance nutzen, unser Bildungssystem besser und gerechter zu machen. Hier gibt es auch gesetzgeberischen Handlungsbedarf. So warten wir immer noch auf die im letzten Koalitionsvertrag erneut versprochene allgemeine „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ im Urheberrecht. Es gibt sie bis heute nicht. Wichtig wäre auch das so genannte Open-Access-Prinzip: Mit öffentlichen Mitteln erstellte Inhalte sollen der Öffentlichkeit auch vollständig zugutekommen. An den zahlreichen bislang gefloppten, oftmals milliardenschweren IT-Großprojekten des Bundes ist gut ablesbar: Die Potenziale digitaler Angebote werden nur dann genutzt, wenn die Nutzer/innen ihnen vertrauen. Wird dieses Vertrauen durch schlechte IT-Sicherheitslösungen untergraben, bringen die schönsten Plattformen nichts. Deswegen brauchen wir einen guten, innovativen Datenschutz, der mit guten „Privacy by Design“-Lösungen einerseits die Chancen nutzt, die eine Auswertung von
Lernergebnissen ermöglicht, andererseits aber die Souveränität des Individuums über sich und die eigenen (Lern-)Daten achtet.   


Bildung geht uns alle an

Bildung ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das gilt auch für eine „Bildung 4.0“. Ein abgestimmtes Vorgehen von Bund und Ländern ist eine unabdingbare Voraussetzung. Einer sinnvollen Zusammenarbeit steht aber leider immer noch das Kooperationsverbot im Wege. Aktuelles Beispiel ist der DigitalPakt der Bundesbildungsministerin. Unter Zuhilfenahme von Art. 91c GG will sie den Schulen fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellen: Geld, das nicht als Bildungsinvestition gilt, sondern für informationstechnische Systeme eingesetzt wird. Ganz abgesehen davon, dass der Zeitpunkt der Bekanntgabe – eine Woche nach Veröffentlichung des Bundeshaushalts – die Vermutung nahelegt, dass der Vorschlag lediglich Wahlkampfgeplänkel ist, zeigt dieses Beispiel sehr deutlich, wie unsinnig das Kooperationsverbot ist und wie dringend es abgeschafft gehört, damit auch der Bund seinen Beitrag für das Lernen in der digitalen und für die digitale Welt leisten kann.  

Auch die Aus- und Weiterbildung der Lehrenden in diesem Feld können wir nur gemeinsam auf den Weg bringen. Nur wenn wir Lehrende, Lernende und Erziehende gleichermaßen in die Lage versetzen, den Computer nicht nur zu bedienen, sondern auch die darüber beschafften Informationen zu gewichten und zu bewerten, können digitale Lehr- und Lernmedien sinnvoll eingesetzt werden. Dazu gehört auch die Entwicklung passgenauer, altersspezifischer und wissenschaftlich unterlegter medienpädagogischer Konzepte, die individuelle Förderung und inklusives Lernen in allen Bildungsetappen ermöglichen.   

Fazit: Klug eingesetzt, kann digitale Bildung dazu beitragen, dass Herkunft nicht mehr über Zukunft entscheidet und der Aufstieg durch Bildung kein Wunschtraum bleibt. Dies muss allerdings gut und wohlüberlegt angepackt werden. Das Prinzip „Trial and Error“ eignet sich nicht, wenn es um die Zukunft der Kinder und Jugendlichen geht.   

Katja Dörner, MdB Stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Politische Koordinatorin des Arbeitskreises Wissen, Gesellschaft und Gesundheit, Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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