"Es geht nicht um Preisschilder für die Natur"

"Es geht nicht um Preisschilder für die Natur"

Ist ökonomische Bewertung nicht zwangsläufig Wegbereiter für Instrumente, die Natur zur Ware machen?

Kritiker und Kritikerinnen einer ökonomischen Bewertung von Natur[1] argumentieren, dass eine solche Bewertung der Zerstörung von Natur lediglich einen Preis zuweist, sie aber keinesfalls verhindert. Dem halten die Befürworter/innen entgegen: Es gehe nicht darum, der Natur ein Preisschild anzuhängen oder "unzulässige Gleichungen aufzustellen, bei denen Ökosystemleistungen gegeneinander »verrechnet« werden könnten, ohne ökologische Zusammenhänge und den Eigenwert der Natur anzuerkennen."[2] Sie bestreiten, dass der Blick durch die ökonomische Brille die Verrechnungslogik weiter vorantreibt – und mit dieser Logik die Entwicklung von ökonomischen Kompensationsinstrumenten, die Natur zur ökonomisch handelbaren Ware machen. Aus ihrer Sicht tragen die ökonomischen Kennziffern nur dazu bei, die Argumente für Naturschutz zu stärken - etwa indem Naturschützer/innen im Streit um die Renaturierung von Flussauen darauf verweisen können, welchen ökonomischen Wert diese Flussauen als Überflutungsgebiete besitzen (ein Wert, dem man dann die Kosten für die Deiche gegenüberstellen kann, die andernfalls für den Hochwasserschutz erhöht werden müssten).[3]

In der Praxis gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung von Instrumenten zur Bepreisung von Natur und der Entwicklung von Kompensationsinstrumenten

Es stimmt zwar, dass eine Beschreibung von Natur mit ökonomischen Begriffen und Konzepten Natur nicht automatisch zur Ware macht. Und es trifft zu, dass hieraus nicht zwangsläufig die Bepreisung von Natur oder der Handel mit Kompensationsgutschriften folgen. Politisch entscheidend ist aber nicht, ob diese Verbindung zwangsläufig besteht. Entscheidend ist, ob eine ökonomische Bewertung der Natur diese Mechanismen real begünstigt. Und das ist klar der Fall: Die ökonomische Inwertsetzung von Natur hat Methoden und Messverfahren entwickelt, die sowohl für eine ökonomische Bewertung als auch für den Aufbau von Märkten mit Ökosystemleistungen genutzt werden. Seit Langem schon kommen die Methoden für die ökonomische Bewertung auch bei der Berechnung von Kompensationsgutschriften zum Einsatz.

Dass es hier einen klaren Zusammenhang gibt, zeigt sich in der Praxis deutlich: Umgesetzt werden vor allem solche Initiativen zur ökonomischen Bewertung von Natur, die marktbasierte Instrumente wie den Emissionshandel fördern, Ökosystemfunktionen wie der Kohlenstoffspeicherung von Wäldern mit dem Waldschutzkompensationsprogramm REDD+ einen Preis zuweisen oder die Biodiversität von Lebensräumen vergleichbar und damit handelbar machen (Biodiversitätskompensation). Zum Beispiel beziehen sich die International Union for Conservation of Naturvon (IUCN) und der Bergbaukonzern Rio Tinto in ihren gemeinsamen Publikationen zur Entwicklung und Umsetzung von Biodiversitätskompensation im Bergbau ganz explizit auf Methoden und Definitionen, die im Zusammenhang mit der ökonomischen Bewertung von Wäldern entwickelt wurden.

Wie fließend die Übergänge zwischen der ökonomischen Bewertung und der Entwicklung von Instrumenten sind, die 'Natur ein Preisschild umhängen', belegt auch der Kommentar von Pavan Sukhdev, dem Leiter der TEEB-Initiative: “Derzeit bezahlt niemand für die Leistungen, die uns Ökosysteme bieten. Deshalb bekommen die Menschen, die diese Systeme erhalten sollen, auch kein Geld dafür. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz, das Richtige zu tun. Deshalb müssen wir erst einmal einen Markt schaffen.”

Der Ökonom Geoffrey Heal[4], ebenfalls Befürworter von ökonomischer Bewertung von Natur und marktbasierten Instrumenten, erklärt hierzu: “Die richtigen Anreize zu schaffen ist nicht dasselbe wie Ökosystemleistungen zu bewerten: Wir können Anreize schaffen, ohne die Ökosystemleistungen zu bewerten, und wir können Ökosystemleistungen bewerten, ohne Anreize für ihren Erhalt zu schaffen. […] Wenn es uns um den Schutz dieser Leistungen geht, dann ist ökonomische Bewertung weitestgehend irrelevant. Lassen Sie mich Folgendes betonen: Ökonomische Bewertung ist weder notwendig noch hinreichend für den Naturschutz."

Es bleibt festzuhalten, dass - gewollt oder ungewollt - Methoden und Definitionen, die für eine ökonomische Bewertung von Natur entwickelt werden, auch dazu dienen, Naturzerstörung einen Preis zu geben. Wie Heal jedoch betont, ist eine ökonomische Bewertung für die Schaffung von Anreizen zum Schutz von Natur weitestgehend irrelevant.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers "Neue Ökonomie der Natur".

 

Anmerkungen:

[1] und [2] Naturkapital Deutschland: Der Wert der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft – Eine Einführung, Seite 17.

[3] Lesen Sie hierzu auch die Position des BUND: Ökonomische Bewertung und ökonomische Instrumente im Natur- und Biodiversitätsschutz, BUNDpositionen 65, 2015.
Auch interessant: Thomas Fatheuer in Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. – FDCL – "Die vermessene Natur REDD: wie die Klimapolitik den Wald entdeckt und verändert".

[4] Geoffrey Heal (1999): Valuing ecosystems services. Paine Webber Working Paper No. 98-12.

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