Heinrich Böll – Schriftsteller und Publizist in der frühen Bundesrepublik

Heinrich Böll – Schriftsteller und Publizist in der frühen Bundesrepublik

Vortrag

Der Hamburger Zeithistoriker Axel Schildt kennzeichnet in seinem biographischen Abriss den Aufstieg Heinrich Bölls zu „Deutschlands erfolgreichstem Nachkriegsautor“. Er verweist auf die humanistische und tolerante Grundhaltung, die Bölls Nonkonformismus gegenüber der deutschen Nachkriegsgesellschaft begründete und ihn zu einer moralischen Instanz machte. Seine Kritik an dem Klerikalismus und dem „vatikanischen Triumphalismus“ untermauerte die zeitgenössische Diagnose der „Restauration“. Schildt stellt aber auch die Unterstützernetzwerke des Kulturlebens der frühen Bundesrepublik dar (Gruppe 47) und die Bedeutung, die diese für den Aufstieg des späteren Nobelpreisträgers Böll hatten.  

 

 

Flughafen Köln/Bonn.- Alte Frau küsst Konrad Adenauer die Hand; rechts: Bundesaußenminister Heinrich von BrentanoAlte Frau küsst Konrad Adenauer die Hand am Flughafen Köln/Bonn, rechts: Bundesaußenminister Heinrich von Brentano. Urheber/in: Bundesarchiv / B 145 Bild-107546. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

"Ich habe in Vorbereitung meines Vortrags zu­nächst etwas spekuliert, warum und wie die Heinrich-Böll-Stiftung vor 20 Jahren zu ihrem Namensträger kam und welchen Heinrich Böll sie eigentlich für sich reklamiert hat. Ich vermute, vor Augen stand der Böll der Friedensbewegung, der sich gegen die massenmediale Erzeugung ei­ner moral panic und die Hatz auf sogenannte Sympa­thi­santen wand­te und dafür von der Bild-Zeitung bis zum späteren Bun­despräsi­denten Karl Carstens in widerlicher Weise verunglimpft wur­de; der Böll, der sich an Sitzstreiks gegen die Stationierung von ato­maren Raketen beteil­ig­te; und der Böll, der prominente Dissidenten aus den „realsozialis­ti­schen“ Ländern bei sich aufnahm und ihren Be­langen eine breite Öf­fent­lichkeit sicherte. Kurz: Vor Augen stand und steht auch einer all­gemeinen Öffentlichkeit vor allem der „späte Böll“ seit ungefähr seinem 55. Lebensjahr, die Personifizierung des guten, moralisch integren Men­schen, der, wie manche Kritiker leicht ab­schätzig schrieben, den No­belpreis für Literatur 1972 in dieser Eigen­schaft erhielt.

Ich werde mich heute mit dem „jungen Böll“ beschäftigen, dem Böll zwischen ungefähr 30 und 45, dem Böll in seiner Aufstiegsphase zu einem der führenden public intellectuals. In diesem Zusammenhang nur eine kleine Anmerkung zum Ankündigungstext auf dem Flyer für diesen Vortrag. Der Titel „Engagement und Moral: Das „Nie Wieder“ der deutschen Nachkriegsgesellschaft“  stimmt sinngemäß. Aber als Quel­len­begriff, und ich habe mich lange mit den 1950er Jahren befasst, taucht er bei den Zeitgenossen eher selten auf, am ehesten noch beim Kampf gegen die Wiederbewaffnung, und auf dieses Thema würde ich Bölls Interventionen nicht einengen. Es ist richtig, dass das Kriegserlebnis sein ganzes Leben und sein gesamtes literarisches und publizistisches Ouevre bestimmt hat, aber eben nicht nur seine Interventionen ge­gen Wiederbewaffnung und später gegen die Pläne zur Atombewaff­nung der Bundeswehr, sondern eine dezidiert humanistische und tolerante Grundhaltung.

Böll als nonkonformistischer Aussenseiter

Wenn man in der zeitgenössischen Semantik bleiben möchte, wären zwei andere Begriffe hervorzuheben: Der eine Begriff ist derjenige der „Restauration“, der 1950 von Walter Dirks in der linkskatho­li­schen Zeitschrift Frankfurter Hefte eingeführt wurde. „Restauration“ war eine Art Enttäuschungsbegriff, drückte aus, dass eine radikale Neuordnung des politischen und gesellschaftlichen Lebens, und das hieß: die Verbindung von sozialistischer Arbeiterbewegung und christlichem Engagement, ausgeblieben war und stattdessen eine spießbürgerliche Sekurität wieder – wie vor 1933 – das Denken der Menschen bestimmte. In dieser restaurativen Epoche, in der auch keine ehrliche Aufarbeitung der NS-Belastungen möglich war, veror­tete man – und dieses „man“ schließt Heinrich Böll ein – …verortete man sich als „nonkonformistische“ Außenseiter. Der „Nonkonfor­mis­mus“ als kritischer Komplementärbegriff zur „Restauration“ ist der zweite geradezu ubiquitär anzutreffende Begriff der 1950er Jahre. „Nonkonformismus“ zeigte keine politische Richtung an, sondern die Abgrenzung von der neuen bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft mit ihrer Doppelmoral. Ende der 70er Jahre wurde Böll von dem Publi­zis­ten Charles Schüddekopf die Frage gestellt, ob die ein Jahrzehnt zu­rückliegende jugendliche Revolte auch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu tun habe. Böll antwortete: „Ja, ja. Ich sehe den Zu­sammenhang ganz eindeutig, und zwar gibt es eine Möglichkeit, das vielleicht bildhaft zu erklären. Wenn Sie sich vorstellen, mit welch einem Pomp und mit welch einem Aufwand die Woche der Brü­der­lichkeit begangen worden ist. (...) Es war sehr feierlich. Aber darunter passierte nichts. Weder in den Familien noch in den Schulen. Das war damit, mit der Woche der Brüderlichkeit und ihren Veranstaltungen war das sozusagen erledigt. Jetzt haben wir unsere Pflicht getan, Schluß. Und da hat eben sowohl Verdrängung wie Heuchelei stattge­funden.“

Ich will an dieser Stelle gar nicht darüber urteilen, ob die Charak­te­ri­sie­rung der frühen Bundesrepublik mit dem vagen Begriff der „Res­tau­­ra­tion“ angemessen war. Es geht mir hier nur um die Wahr­neh­mung der Zeitgenossen. Und Illusionen über die Beschaffenheit einer Ge­sell­schaft können durchaus eine Produktivkraft für das eigene Engagement darstellen.

Aufstieg zu einem führenden Intellektuellen der Bundesrepublik

Der Aufstieg Bölls begann direkt nach 1945. Sein erster Nachkriegsro­man „Kreuz ohne Liebe“ erschien 1946, als er 32 Jahre alt war (letztlich nahm er hier die Auseinandersetzung mit der Kirche wieder auf, die bereits Thema seines unbekannt gebliebenen Erst­lings 1939 gewesen war). Nach ökonomisch schwierigen Anfängen mit zahlreichen kleinen Beiträgen, Kurzgeschichten und Hörspielen, be­gann in der unmittelbaren Nachkriegszeit seine steile Karriere, die ich nicht in allen Facetten und schon gar nicht literaturwissenschaftlich beleuchten kann und will. Ich be­schränke mich auf einige wichtige Aspekte und möchte vor allem versuchen zu erklären, wie Böll sich in der frühen Bundesrepublik, in der Gesellschaft des Wie­deraufbaus, in der Ära Adenauer kulturell und politisch posi­ti­o­nierte und zu einem der füh­renden Intellektuel­len des Landes aufstieg.

Nur eine Anmerkung zur Forschungslage. Leider gibt es bisher keine Bio­gra­phie von Heinrich Böll, die auch nur annähernd geschichts­wis­sen­schaft­l­ichen Standards genügt. Wie Sie wissen, ist der größte Teil des Nachlasses nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs in den Flu­ten des Rheins verschollen – das lässt Historiker zögern. Wenn man aber nicht als Literaturwis­sen­schaftler, sondern als Zeithistori­ker über Heinrich Böll spricht, be­darf das zudem immer noch einer Erläu­te­rung oder sogar Recht­fer­tigung:

Erstens: Die Romane der 1950er und frühen 1960er Jahre von Wolf­gang Koeppen, Martin Walser, Günter Grass – und nicht zuletzt und vielleicht am besten Heinrich Böll – drücken die Bewusstseinsformen und das Zeitgefühl derart markant und sinnfällig aus, dass Zeithistori­ker nicht mehr darauf verzichten, sie in ihre Darstellung zu integrie­ren und ihnen sogar besondere Aufmerksamkeit zukommen zu las­sen. Dass einige Historiker dabei fiktionale Erzählungen mit der Ereignisgeschichte konfrontieren, zeugt dabei nur von ihrer Ignoranz. Literarische Texte sind eben – mitunter fantastische – Quellen für subjektive Prozesse; das gilt für Heinrich Böll in besonderem Maße, weil er in seinen Romanen und Erzählungen historische und zeit­ge­nössische Kontexte stets reflektiert hat.  

Politisch engagierter Publizist mit Kriegserfahrung

Und zweitens: Heinrich Böll war kein Schriftsteller, der sich mit der Her­­stel­­lung von Belletristik begnügte. Zugleich war er ein engagierter po­li­tischer Publizist – etwa ein Drittel seines Werks, das haben Ger­ma­nisten ausgezählt, besteht aus Interviews, in denen er bisweilen brillierte. Auch seine literarischen Texte behandelten ihn bedrängen­de politische Fra­gen. Der Krieg, das Sterben und die Traumata der zurückkehren­den einfachen Soldaten, die von einer verantwortungs­losen Führung des NS-Regimes geopfert wurden und die sich in der Nachkriegsordnung nicht zurechtfanden, bildeten einen Schwerpunkt seines Frühwerks, aber auch den Hintergrund seines späteren Schaffens.

Das gesamte literarische und publizistische Engagement Bölls ist oh­ne die Kriegserfahrung überhaupt nicht zu verstehen. Aus einer ka­tho­lischen Handwerkerfamilie stammend, sein Vater betrieb ein Schrei­nergeschäft, die zum Milieu der Zentrumspartei gehörte und in der von Anfang an eine tiefe Abneigung gegen Hitler und seine Pala­di­ne herrschte, zeigte Heinrich Böll keinerlei Neigungen zu militäri­schen Abenteuern. Schon die Straßengewalt der SA, dem, ich zitiere Heinrich Böll, „Bodensatz des verkommenen Kleinbürgertums“, stieß ihn ab. Das war die klas­senmäßige Abscheu des Gymnasiasten gegenüber dem Plebs. Er schaffte es auch, nicht Mitglied der Hitler-Jugend werden zu müssen. Aber nach dem Abitur 1937, einer nach elf Monaten abgebrochenen Buchhändlerlehre, einem Jahr beim Reichsarbeitsdienst und einem gerade begonnenen Studium der Germanistik und Klassischen Philo­logie an der Kölner Universität wurde er im Sommer 1939 zur Wehr­macht einbe­rufen und machte den gesamten Krieg mit, bis er am Ende in ameri­kanische Kriegsgefangenschaft geriet. Aus der Edition der Briefe, die er mit seiner 1942 angetrauten Frau Annemarie Cech wechselte, lässt sich herauslesen, wie sehr Heinrich Böll die Ankunft der Amerikaner und das Ende des Krieges herbeisehnte; er sprach auch später häufig von der „re-education-Generation“, die nach dem Krieg von (positiven) Einflüssen alliierter Umerziehung geprägt gewesen sei.

Traum einer völlig neuen politischen Ordnung nach 1945

Aus den Briefen an seiner Frau geht ebenso deutlich die Verachtung ge­genüber den Schergen des NS-Regimes hervor, die Deser­teure massenhaft erschießen und aufhängen ließen, während sie selbst ihre Flucht vor­bereiteten.

Nur nebenbei: Dass der Zeithistoriker Götz Aly in seinem damals viel diskutierten Buch „Hitlers Volksstaat“ (2005) Heinrich Böll ein Dutzend Mal erwähnte und als Beispiel für seine These verwandte, es seien nicht zuletzt die ein­fachen deutschen Soldaten gewesen, die sich an der Ausplünderung der besetzten Länder Europas beteiligten, grenzt an üble Nachrede. Aly nutzte die edierten Feld­post­briefe Bölls, um zu zeigen, wie brüchig das moralische Funda­ment auch eines später gerade wegen seiner humanen Haltung ver­ehrten Intellek­tuellen in Wirklichkeit war. Aber Böll war noch längst kein Nutznießer des deutschen Raubkrieges, weil er von Rotterdam aus ein Pfund Kaffee und von Paris aus drei Pfund Zwiebeln, Damen­schuhe und eine Nagelschere an seine Eltern in Köln schickte und dabei vom günstigen Umrechnungskurs profitierte; der vom NS-Regime entfesselte Krieg hatte ihm vielmehr seine besten Jahre gestohlen, er war kompro­miss­­los gegen diesen Krieg und hat ihn nicht genossen. Böll selbst hat übrigens im „Literaturmagazin“ 1979, eine bei Aly nicht zitierte Stelle, sehr freimütig bekannt, dass die Soldaten der Wehrmacht alle „po­ten­tielle Diebe waren, die in ganz Europa geklaut haben, was eben möglich war…“ Und in seinen Feldpostbriefen hat er seine Skrupel durchaus reflektiert.

Böll träumte 1945 die Träume einer jungen Generation, die eine völ­lig neue politische Ordnung aufbauen wollte, in der die Lügen keine Chance mehr haben sollten, die die Kriegspropaganda des „Dritten Reiches“ charakterisiert und ihn überhaupt erst möglich gemacht hatten; Träume und Sehnsüchte, die nach dem Ausbruch des Kalten Krieges und nach der Gründung der Bonner Republik jäh desillu­sio­niert, aber nicht abgegolten worden waren.

Enttäuschung über nicht realisierten Kommunismus

Diese Erfahrung einer Enttäuschung, die auch Heinrich Böll als „Res­tauration“ galt, bildete einen weiteren Schwerpunkt seines Ouevres – wobei der Inhalt des Restaurierten – war vor allem die Ökonomie, die Politik oder die Kultur gemeint, handelte es sich beim Restaurierten um die 1920 oder 1930er Jahre? – wie bereits erwähnt etwas vage blieb. In ei­nem Inter­view hat er 1967 sei­ner Enttäuschung darüber, dass es kei­nen radikalen gesellschaftlichen Wechsel gegeben hatte, beredten und bizarren Aus­druck ver­liehen:

„Von einigen Ausnahmen abgesehen sind die Angehörigen meiner Al­tersklasse gar nicht dazu gekommen, Kommunisten zu werden. Sie ha­­ben diesen, wie ich finde, notwendigen geistigen Prozess ver­säumt, einen Prozess, den ich aber nicht etwa als Turnübung ver­ste­he, sondern der so von statten geht, dass einer tatsächlich Kommu­nist wird und es möglicherweise auch bleibt. Und ich führe das mi­se­rable politische Leben in der Bundesrepublik darauf zurück, dass nicht wenigstens einige von uns Kommunisten geworden und es auch geblieben sind. (…) Aber meiner Altersklasse ist die Auseinan­derset­zung mit dem Kommunismus, die Chance und Gefahr, möchte ich sagen, ihm zugehörig zu werden, durch Hitler und Stalin sehr er­leich­tert und zu häufig erspart worden. Vielleicht wäre ich – solche hypo­thetischen Spielregeln erlaubt sich ja jeder hin und wieder – Kommu­nist geworden. Vielleicht bin ich ein verhinderter Kommunist…ich möchte nur, dass dem Kommunismus in der Ausübung seiner Macht mindestens so viele Jahrhunderte Zeit gegeben wird, wie sie der Kapitalismus gehabt hat. Denn ich halte den Kommunismus immer noch für eine Hoffnung, für eine Möglichkeit des Menschen, sich die Erde <untertan zu machen>, ihr Ordnung zu geben – wobei wir übri­gens meinetwegen auch das Wort <Sozialismus> gebrauchen kön­nen.“

Aber so wenig der Kapitalismus von Böll als Gesellschaftsfor­ma­tion analytisch erfasst wurde, so sehr handelte es sich bei der Enttäu­schung über den nicht realisierten Kommunismus um eine recht un­be­stimmte Theodizee, die auch bei anderen Schriftstellern der Grup­pe 47 anzutreffen war. Nebenbei gesagt: Arbeiter sucht man unter den Romanfiguren Bölls vergeblich.

Vatikanischer Triumphalis­mus und rheinische Bürgerlichkeit

Allerdings meinte Heinrich Böll ein Element der „Res­tauration“ sehr genau erkannt zu haben. Als unter dem vatikanischen Triumphalis­mus und der rheinischen Bürgerlichkeit seiner Kirche leidender Ka­tholik mach­te er den Klerikalismus, der ja tatsächlich das subjektive Ambiente der politischen Kultur in der Ära Adenauer in starkem Ma­ße prägte, als wichtiges Hindernis gegen die Durchsetzung humaner Zustände aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens ein Blick in die Hefte der DDR-„Zeitschrift für Philosophie“ der frühen 1960er Jahre, in denen etliche Aufsätze den Bonner „Klerikalfaschis­mus“ attackierten. Für kurze Zeit war das die meistgebrauchte Cha­rak­terisierung der Bundesrepublik in der DDR, Beleg einer eklatanten Fehleinschätzung also nicht nur Bölls, sondern auch der marxisti­schen Philosophen. Denn was man fest im Sattel wähnte, trat tat­säch­lich gerade den Ab­stieg an.

Gleichwohl – in dem meiner Mei­nung nach wichtigsten literarischen Werk Heinrich Bölls, dem Roman „Ansichten eines Clowns“ (1963), sind ihm meister­haft dichte Schilderungen des rhei­nisch-katholischen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieus in seiner bundesrepublika­nischen Spätblüte ge­lungen. Die Auseinandersetzung mit dem Ka­tholizismus ist insofern als wei­te­rer und genuin zeitgenössischer Schwer­punkt des Frühwerks und das genannte Buch als dessen Höhe­punkt und Ab­schluss zu identifizieren. Subkutan wirkte dieses Motiv weiter, auch der „späte“ Böll ist ohne die stete Auseinander­setzung mit sei­ner Kirche nicht zu verstehen. In einem Interview äußerte er 1974:

„Und mein Verhältnis zur katholischen Kirche als Institution ist ver­gleichbar meinem Verhältnis zum Deutschsein: stän­dige Spannung, ständige Ablehnung – und Wissen; doch dazuzu­ge­hö­ren – unver­meid­lich, ganz gleich, ob da irgendwelche Inhalte, For­men, Glaubens­geschichten eine Rolle spielen.“

Mit diesem Zitat wird übrigens ein feiner Unterschied zur DDR-Pro­pa­ganda der frühen 1960er Jahre gegen den rheinischen „Klerikalfa­schis­mus“ markiert. Bölls Kritik wurde nicht wie von den Kommuni­sten von der Zitadelle eines preußisch-deutschen Nationalismus aus artikuliert. Ihm war vielmehr das Deutschnationale und Preußische genauso suspekt wie das Bürgerlich-Katholische. Hier stand er in der Tradition seines Elternhauses, denn der Konflikt mit den preußischen Ursupatoren im ersten und zweiten Kulturkampf des 19. Jahrhun­derts einte milieuübergreifend alle katholischen Rhein­länder. Dass der verkommene kaiserliche Feldmarschall Hinden­burg den Staat an Hitler auslieferte, passte in diese Sicht der Dinge ebenso wie die Bil­der des Kölner Kardinal Joseph Frings, der im Bei­sein von Bundes­kanz­ler Adenauer am 10. Oktober 1956 in der Kölner Gere­ons­kirche den ersten (und nicht letzten) Bundeswehrgottesdienst zelebrierte.

Jedes Jahr ein neuer Roman

Zurück zur Skizze des jungen Heinrich Böll auf dem Wege zu einem der führenden westdeutschen Intellektuellen in den 1950er Jahren. Die Gruppe, auf die alle Siegermächte die größten Hoffnungen setz­ten, war die junge Generation, deren Angehörige aus den Kriegs­ge­fan­genenlagern in die Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften geholt wurden, wie etwa Hans Werner Richter und Alfred Andersch, die zeitweise den legendären Ruf herausgaben. Auch Heinrich Böll und weitere Mitglieder der Gruppe 47 (Böll erhielt die Einladung erstmals 1951) gehörten dazu. Sie stilisierten sich als Jugend – mit dem Schicksal, als Soldat in den Krieg gezwungen worden zu sein. Dazu gehörte auch die Konstruktion des Mythos eines Nullpunktes, einer „Kahlschlagliteratur“. Dass damit die unbewusste Verschleie­rung eigener Herkunft – Böll z.B. hatte einen sehr konservativen Lektüre-Kanon absolviert – und die Ignoranz gegenüber den ins Exil gezwungenen Schriftstellern einherging, ist erst viel später literatur­wissenschaftlich untersucht worden. Auch Heinrich Böll hat im Ab­stand von Jahrzehnten die Nullpunkt-Metaphorik für 1945 pro­ble­ma­tisiert und gefragt, ob die tiefste Zäsur nicht 1939 oder sogar 1933 gewesen sei.  

Heinrich Böll war im Literaturbetrieb des Wiederaufbaus enorm pro­duktiv, nach statistischer Auswertung der produktivste Autor der Grup­pe 47, er veröffentlichte fast jedes Jahr einen Roman, zahllose Erzählungen, bei denen die zeitgenössische Verlags-PR immer wieder hervorhob, seine Kurzgeschichten seien an der modernen amerika­ni­schen short story geschult; er gewann zahlreiche Preise – darunter den Preis der Gruppe 47 (1951), den Erzählerpreis des Süddeutschen Rundfunks (1953), den Preis der „Tribune de Paris“ (1954), den För­der­preis des Kulturkreises der Deutschen Industrie (1955) – und war mit Hörspielen und Fea­tures immer wieder im Radio zu hören. Gera­de die damals üppig be­zahlte Tätigkeit beim „Funk“ war für Schrift­steller in den 1950er Jah­ren existenziell wichtig. Von Anfang an schrieb Heinrich Böll vor allem Texte für den Kölner Sender. Beim Rund­funk begeg­ne­te ihm Alfred Andersch, der ihn Hans Werner Rich­ter für die Gruppe 47 empfahl. Das primäre Motiv des notwendigen Brot­er­werbs durch die gut do­tierte Rundfunkarbeit galt auch für den rastlos und nicht immer in hoher Qualität produzierenden Böll, wobei innerhalb des öffentlich-rechtlichen Verbunds der ARD (seit 1951) die jeweiligen Produkte ausgetauscht wurden, so dass sich die Tantiemen erhöhten und all­mählich eine kulturelle Medienelite entstand.

Alfred Andersch, der neben Walter Dirks wohl einflussreichste Kultur­chef im öffentlich-rechtli­chen Rundfunk, schrieb 1953 an die Inten­dan­ten von Nordwestdeut­schem und Süddeutschem Rundfunk, dass für „wirklich erstklassige Feature-Manuskripte (…) nur ein ganz eng gezogener Kreis von Au­toren infrage“ käme, es seien „in Deutschland höchstens 6-8 Leute“, mit denen es sich zu arbeiten lohne und nann­te dann Heinrich Böll, Wolfgang Hildesheimer, Wolfgang Koeppen und einige weitere Schriftsteller aus dem Umkreis der Gruppe 47. Ein Jahr fügte Andersch in einem Brief an den Intendanten des NWDR, Ernst Schnabel, hinzu:

„ich finde das meiste, was heute in deutschland geschieht, grauen­haft. und ich leide keineswegs an verfolgungswahn – verglichen mit böll, arno schmidt, henze und anderen meiner freunde, mit denen ich mich über diese fragen im gespräch befinde, bin ich eher noch opti­mist.“

Kein einsamer Moralist

Die Gruppe 47 war viel mehr als ein Verein zum Austausch und zur Förderung junger Literaten, wie das Beispiel des Rundfunkzugangs angedeutet hat. Literarisches, Berufliches und Politisches gingen eine enge Verbindung ein. Ich betone den Gruppenzusammenhang auch, weil Heinrich Böll gern als Einzelkämpfer, als einsamer Moralist ge­zeichnet wird. Aber so funktioniert die Arbeit der Intellektuel­len nicht. Selbst diejenigen, die sich, wie etwa Ernst Jünger, als solitäre Genies jenseits und über allen Gruppenzusammenhängen stilisierten, versuchten tatsächlich ihre kommunikativen Netzwerke zu spannen. Auch Schriftsteller mussten und müssen, um öffentliche Wirkung zu erzielen, sich in ei­nem Verbund von Sinndeutern bewegen, waren und sind abhängig von ihrer Anerkennung als interessante Autoren durch die literari­sche Szene.

Über die Gruppe 47 fand Heinrich Böll auch seinen Hausverlag Kie­pen­heuer & Witsch. Von Anfang an haftete diesem Verlag übrigens etwas Dop­pelgesichtiges an. Bücher von Bertolt Brecht, Karl Marx, Erich Käst­ner, Erich Maria Remarque und anderen namhaften Autoren standen für die seriöse intellektuelle Seite des Verlags. Hein­rich Böll wurde bald dessen Aushängeschild für die zeitgenössische Literatur.

Zugleich war Kiepenheuer & Witsch, vor allem über etliche Neben­ver­lage, ein zentraler Vermittler für die kulturelle Offensive der USA gegen den Bolschewismus, dubioser Bonner Propaganda­schriften gegen die DDR, zugleich aber auch der liberalen Westorien­tierung gegen konservative Tendenzen eines intoleranten Antikom­munismus, der in dessen Namen liberale Freiheiten angriff. Viele Intellektuelle engagierten sich in diesem Rahmen, etwa im Kongress für kulturelle Freiheit, dessen Kölner Gruppe Böll angehörte.

Heinrich Böll war auch dabei, als am 4. Februar 1956 eine Art „demo­kratischer Feuerwehr“, um Harry Pross in seinen „Memoiren eines Inländers“ zu zitieren, gegen die politischen Angriffe von rechts ge­gründet wurde. Der schlichte Name „Grünwalder Kreis“ verwies auf den Ort des ersten Treffens in der Sportschule München-Grünwald, zu dem sich etwa 50 Interessierte einfanden. Hans Werner Richter, Impressario der Gruppe 47, schrieb an Böll. „Ich meine, das Politi­sche, so wie wir es auffassen, muss im Augenblick den Vorrang vor dem Literarischen haben.“ Die mediale Unterstützung der Aktivi­tä­ten, zum Beispiel eines regelmäßi­gen Pressedienstes, wurde durch zahl­reiche Redaktionen der Rund­funk­anstalten, Zeitungen und Zeit­schriften unterstützt, in denen die Mitglieder des Kreises tätig waren.

Auch außerhalb des kulturpolitischen Mainstreams

Zugleich hielt Böll regelmäßig Vorträge im Rahmen der 1952 gegrün­deten Christlich-jüdischen Zusammenarbeit sowie evangelischer und katholischer Akademien zu politischen Gegenwartsthemen.

Er schrieb in diesen Jahren für ein politisch breites Spektrum von Blät­­tern, von denen ich nur einige nennen möchte:

Gedruckt wurden seine Beiträge in den führenden politisch-kulturel­len Zeitschriften, in den „Frankfurter Heften“, im „Merkur“ und im „Monat“, wobei manche seiner ersten Einsendungen abgelehnt wor­den waren. Die intellektuellen Foren der Bundesrepublik öffneten sich ihm erst mit der Anerkennung, die er in der Gruppe 47 fand. Seit­her rea­gierte auch das meinungsbildende Feuilleton von der FAZ, hier war sein Förderer Karl Korn, bis zur ZEIT respektvoll, wenn auch nicht über­schwänglich.

Seit 1954 schrieb Böll regelmäßig für das bei der Deutschen Verlags­anstalt erscheinende kulturelle Jahrbuch des Bundes der Deutschen Industrie (BDI) mit dem Titel Jahresring, das Autoren sehr unter­schied­licher Herkunft einlud, von Ernst und Friedrich Jünger, Hans Egon Holthusen, Gerd Gaiser, Arnold Gehlen und Hans Freyer auf der rechten bis zu Theodor W. Adorno, Alfred Andersch, Ingeborg Bach­mann, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss – und eben Heinrich Böll auf der linken Seite.

Böll verzichtete zudem nicht darauf, auch außerhalb des kultur­poli­ti­schen Mainstream zu publizieren.

Er war in der in den frühen 1950er Jahren erscheinenden Zeitschrift „Aufklärung“ vertreten, in der Gesellschaft von kritischen Geistern wie Theodor W. Adorno, Leo Kofler, Martin Buber und Maurice Halbwachs. Bevorzugte Gegner, an denen man sich abarbeitete, waren hier Ernst Jünger und Carl Schmitt.

Seine Texte wurden von der 1955 in Hamburg gegründeten „Anderen Zeitung“ abgedruckt, neben denen von Wolfdietrich Schnurre, Micha­el Ende, Wolfgang Koeppen, Erich Kästner und Peter Rühmkorf. Die „Andere Zeitung“ wurde verdächtigt, aus der DDR finanziert zu wer­den; die SPD schloss deren linkssozialistische Herausgeber aus, die vor­her die Parteizeitung „Neuer Vorwärts“ redigiert hatten.

Teil des deutsch-deutschen Literaturaustausches

Die Romane und Erzählungen Bölls waren auch in den Län­dern des Ost­blocks geschätzt. Mitten im Kalten Krieg wurde zwischen der Bun­desrepublik und der DDR nur ein rudimentärer Literaturaus­tausch erhalten, aber Bölls Bücher gehörten dazu. 1956 erschien sein Roman „Wo warst du, Adam?“ als Lizenzausgabe in der DDR. Auch in der Sowjetunion erzielten die Bücher von Böll bis zum Ende der 1950er Jahre eine Auflage von fast einer Million Exemplaren.

Eine enge Verbindung unterhielt Dirks auch zu den Werkheften ka­tho­lischer Laien (1947-1963), die als Organ links­ka­tho­lischer Selbst­verständigung fungierten und von Heinrich Böll auch fi­nanziell unter­stützt wurden.

Schließlich ist der Versuch Bölls zu erwähnen, Anfang der 1960er Jah­re, zusammen mit Walter Warnach, HAP Grieshaber und Werner von Trott zu Solz, eine Zeitschrift mit dem Titel „Labyrinth“ zu etablieren; sie brachte es nur auf sechs Ausgaben. Politisch irritierend bleibt der Inhalt, den Carl Amery als „letzte große Anstrengung“ bezeichnet hat, „die christlich-konservative Sache in Deutschland zu artikulieren“; heu­te würden wir das wohl als „wertkonservativ“ be­zeichnen, für Böll das Gegenteil zur bürgerlich-konservativen Men­schenver­ach­tung, die er mit dem Regime Adenauers verband – ein weiterer Beleg dafür, Böll nicht simplifizierend als progressis­ti­schen Kritiker der „Re­stauration“ zu vereinnahmen.

Die Böll-Affäre beim Süddeutschen Rundfunk

Dies hilft auch bei der Deutung der sogenannten Böll-Affäre beim Süddeutschen Rundfunk, die 1958 die Öffentlichkeit bewegte. Stein des Anstoßes war Bölls „Brief an einen jungen Katholiken“, den der neue Intendant des Süddeutschen Rundfunks, Hans Bausch (CDU), nicht in seinem Sender verlesen las­sen wollte.

Eine Lektüre des Manuskriptes, das am 9. September 1958 um 20.45 Uhr verlesen und über die Mittelwelle ausgestrahlt werden sollte, gibt wenige Hinweise auf konkrete Gründe des Eingriffs. Böll wurde im Ansagetext vorgestellt als „der einzige Künstler von Rang, der sein Werk mit der christlichen Verantwortung verbindet.“ Dies mochte von etablierter katholischer Seite bereits als Provokation aufge­fasst worden sein. Der Brief selbst handelte von den angeblichen „sitt­li­chen Gefahren“, gemeint waren sexuelle Kontakte in besetzten Ge­bie­ten im Zweiten Weltkrieg, vor denen seine Generation junger Land­ser angeblich bewahrt werden sollten; dass Geistliche dabei hal­fen, aber nicht die „Sinnlosigkeit“ des Krieges insgesamt thematisier­ten, mochte als anstößige Kritik an der Amtskirche erscheinen, noch mehr aber wohl die Schlusspassage, in der Böll monierte, dass „selbst religiöse Entscheidungen, wie die des Gewissens, zu politischen ge­stempelt würden“; eine Mehrheit des Rundfunkrats plädierte dafür, den Text abzusetzen, obwohl zahlreiche Schriftsteller öffentlich pro­testierten.

Die Auseinandersetzung mit dem bürgerlich-konservativen katho­li­schen Milieus verband sich bei Heinrich Böll mit der Kritik des für ihn auffälligsten sozialpsychologischen Charakterzuges im emsi­gen Wie­deraufbau der Westdeutschen: des Konsumismus. In den Ge­werk­schaftlichen Monatsheften, auch hier publizierte er also, hielt er in einem Essay mit dem Titel „Hierzulande“ (1961) apodiktisch fest: „Wir sind ein Volk von Verbrauchern.“ Die Kritik der Ausgeliefertheit des durch den Konsum „außengeleiteten“ (David Riesman) und manipulierten Menschen, des „Konsumter­rors“, der Begriff wurde nicht erst 1968 geboren, be­stimmte die gesamte Kulturkritik der Zeit bereits um 1960 – von Hans Magnus Enzensberger linksaußen bis Friedrich Sieburg rechtsaußen. Aber es waren nicht die elitären Untertöne der Konsumkritik, welche die Stellungnahmen aus dem konservativen und dem linkskritischen Spektrum grundsätzlich unterschieden, Differenzen ergaben sich viel­mehr in der Bestimmung dessen, was der Konsumismus gefährdete oder vernichtete. In Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ heißt es:

„Die Nachbarhäuser durch zweispurige Einfahrten und breite Rabat­ten getrennt. Kränklich der Widerschein der Fernsehapparate. Da wird der heimkehrende Gatte und Vater als störend empfunden, wäre die Heimkehr des verlorenen Sohnes als störend empfunden worden; kein Kalb wäre geschlachtet, nicht einmal Hähnchen gegrillt worden – man würde schnell auf einen Leberwurstrest im Kühl­schrank ver­wiesen.“ 

Gerd Gaiser und Heinrich Böll

Während bei Böll die Gefährdung des Humanen, der Mit­mensch­lich­keit in der entfremdenden Konsumgesellschaft in den Mittelpunkt gerückt wurde, betonte der konservative Schriftsteller Gerd Gaiser zwar ebenso wie dieser die Oberflächlichkeit der menschlichen Be­ziehungen durch den Konsumismus, aber die Konsequenz war eine andere; in seinem wichtigsten Roman „Schlußball“ (1958) findet sich der zentrale Satz, dass die Konzentration auf Geld und Konsum ver­hindere, „daß man ein Gefühl für oben und unten behält, vor allem in Zeiten, in denen alle schwimmen“.

Ich habe Gerd Gaiser, den heute kaum noch  jemand kennt, deshalb kontrastierend zitiert, weil sich um ihn und Böll eine Konkurrenzge­schich­te rankt, die noch genauer aufgeklärt werden müsste.

Gaiser, Jagdflieger in der Luftwaffe des „Dritten Reiches“, der durch unsägliche NS-Kriegslyrik aufgefallen war, galt in den 1950er Jahren als ein Autor der vorderen Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur, war hoch respektiert und es erschien den liberalen und linken Intel­lek­tuellen möglich, dass er tatsächlich die Nummer 1 der westdeut­schen Literatur werden könnte. Seine beiden bekanntesten Romane „Die sterbende Jagd“ (1953) und „Schlußball“ (1958) erschienen im Carl Hanser Verlag und erhielten viele positive Besprechungen; im konservativen Feuilleton fand Gaiser zahlreiche Lobredner, Ernst Jünger gehörte zu seinen Fürsprechern.

Und eben dies, so die literaturhistorische Pointe, ebnete Heinrich Böll den Weg zum Aufstieg bis an die Spitze der Literaten-Rangliste. Mar­cel Reich-Ranicki erinnerte sich in einem Interview 1989:

„Wir, die wir zu Bölls Ruhm beigetragen haben, sahen keinen ande­ren Ausweg. Es gab keinen anderen. Die konservative Kritik wollte Gerd Gaiser zur Gallionsfigur der Literatur machen. Den antisemi­ti­schen, exnazistischen Schriftsteller. Das konnten wir nicht zulassen. Wir haben uns auf Böll als Gegenkandidaten geeinigt. Es gab andere, die besser waren. Aber sie waren nicht geeignet. (…) Böll hatte das Schicksal eines durchschnittlichen Deutschen, der Soldat gewesen war. Und er stellte etwas dar. (…) (Aber) außer Böll kam für diese mo­ralische Position niemand in Frage.“   

Vor diesem Hintergrund ist die vernichtende, nicht nur die zahllosen Stilblüten des „Ernst-Jünger-Adepten“ aufspießende, sondern auch den politisch-weltanschaulichen Kern benennende Kritik anlässlich Gaisers neuem Roman „Am Paß Nascondo“ (1960) von Walter Jens in der Wochenzeitung Die Zeit zu lesen:

„Gerd  Gaiser als unbelehrbaren Nationalsozialisten zu denunzieren, wäre (…) nicht minder abwegig, als zu leugnen, daß sein Gesamtwerk im Zeichen  einer romantisch-völkischen Betrachtungsweise steht, die, antisemitisch getönt, im Namen des „Reinen“ und „Echten“ argu­mentiert.“

Danach war Gaiser erledigt und fand kaum mehr Resonanz, während Hein­rich Böll im kurz darauf sogar auf dem Titelbild des SPIEGEL er­schien (Nr. 50/1961). In der Titelstory wurde er als „Deutschlands er­folgreichster Nachkriegsautor“ gefeiert:

„Heinrich Böll ist nächst dem Kölner Konrad Adenauer der zweitwich­tigste Beitrag des katholischen Rheinlands zu dem Bild, das sich die Welt von Deutschland macht“; Übersetzungen seiner Bücher erschienen in 18 Ländern; er gelte, so der SPIEGEL, als der „bislang einzige Nach­kriegs­autor mit einem nachhaltigen Erfolg über die speziell literarisch inter­essierten Zirkel und über die deutschen Grenzen hinaus. Er ist der repräsentative Schriftsteller der Bundes­republik Adenauers.“ Auch in diesem Artikel klang im Übrigen an, dass die vom verehrten Autor produzierte Literatur nicht unbedingt als genialisch zu bezeich­nen sei. Er selbst, die Person Böll sei es, die als bester Interpret seiner Werke wirke, er strahle „Ernst und Fassung aus, Anstand und Solidi­tät.“

Keine fraktionelle Positionierung Bölls

In den frühen 1960er Jahren verzweigten sich die Wege der politisier­ten Nonkonformisten der Gruppe 47. Während Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss und Martin Walser – mehr oder weniger zeitweise – nach linksaußen gingen und Günter Grass wie auch Hans Werner Richter der Sozialdemokratie treu blieben, mochte sich Böll nicht fraktionell positionieren. Ein Engagement für die SPD wäre schon habituell nicht denkbar gewesen. In den Briefen mit Andersch oder Enzensberger, die ihn wie die meisten näher bekannten Kollegen freundschaftlich mit „Hein“ anredeten, wird die gemein­sa­me Position gegen die Adenauer-Republik deutlich, zugleich aber die Unterschiede der politischen Ziele darüber hinaus. Gerade die linke Überpar­tei­lich­keit, der moralisch fundierte Wider­stand gegen die Aushöhlung von Freiheit im Namen der Sicherheit, rückten Heinrich Böll dann Anfang der 1970er Jahre öffentlich wieder ganz nach vorn, als ihn, der 1972 den Literaturnobelpreis erhielt, die Themen der In­neren Sicherheit (ein zu jener Zeit erst erfundener Be­griff), vor allem der Medienhetze gegen angebliche Sympathisanten des Linksterroris­mus derart bedrängten, dass er sich noch einmal in das öffentliche Ge­tüm­mel warf.

Dabei blieb er seinen Anfängen treu, irrlichternde Konversionen wie bei Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger, die eine Person für die Biographen interessant machen, waren nicht seine Sache – er blieb bei seinen moralischen Grundüberzeugungen, gegen Gewalt und Militarismus, gegen Fremdbestimmung durch Medienmanipu­la­tion und Konsumidiotie, gegen kirchliche Gängelung und Obskuran­tismus, die sein Werk seit den 1950er Jahren geprägt hatten, und er verkörperte dies in sympathischer Weise als der, wie es der Politik­wissenschaftler Iring Fetscher einmal formuliert hat, „von allen zeitgenössischen deutschen Dichtern (der) bescheidenste und der uneitelste.“ Für mich als Historiker ist er nicht nur der repräsentative Schriftsteller der Ära Adenauer, wie es der „Spiegel“ 1961 formu­lierte, sondern der Ausdruck des Positiven an der „alten Bundes­re­publik“, die ohne ihn „ein schwächer entwickeltes moralisches Be­wusstsein“ gehabt hätte, wie Jean Améry festhielt." 

Der Text wurde als Vortrag am 14. März 2017 in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin gehalten. 

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