Friedensinitiativen und städtischer Raum im 20. Jahrhundert

Friedensinitiativen und städtischer Raum im 20. Jahrhundert

Tagungsbericht

Was erzählen städtische Orte über Frieden? Dieser Frage gingen Forscher/innen des Arbeitskreises  historische Friedens- und Konfliktforschung in ihrer diesjährigen internationalen Tagung nach, die im Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin stattfand. Sie stellten ihre aktuellen Forschungsprojekte  zu Friedensvisionen und Friedensbildungsprozessen an Beispielen aus Tuzla, Belfast, Moskau, Jerusalem, Hamburg,  Mutlangen und Berlin vor und bewiesen damit, wie vielfältig die stadtbezogenen Ansätze der historischen Friedensforschung sein können.

Berlin, Alexanderplatz. Urheber/in: Daniel Gerster. All rights reserved.

Krieg ist in der allgemeinen Wahrnehmung fast immer mit geografischen Vorstellungen verknüpft, nicht so der Frieden. Tatsächlich ist die Verknüpfung von Friedensinitiativen mit Begriffen des Lokalen erst ein Verdienst von Susanne Schregel und ihrer Dissertation "Der Atomkrieg vor der Wohnungstür" (2010). Ihr Ansatz hat sich als eine der erfolgversprechendsten jüngeren Innovationen bei der Erforschung der Friedensbewegung erwiesen. Die diesjährige Tagung des Arbeitskreises Historische Friedens- und Konfliktforschung hat Schregels Anstoß aufgenommen und die geografische Fragestellung zugleich zeitlich, räumlich und auch inhaltlich verallgemeinert. Unter dem Titel “Peace Initiatives and Urban Space in the 20th Century” bewiesen die Tagungsbeiträge, wie vielfältig die stadtbezogenen Ansätze der historischen Friedensforschung sind.

Die internationale Tagung versammelte Referent/innen aus den USA, Russland, Israel, Großbritannien, Frankreich, Dänemark und Deutschland. Dementsprechend breit war das Spektrum der Städte, die von den Referent/innen behandelt wurden: Es reicht von Tuzla über Belfast nach Moskau, von Hamburg über Mutlangen bis Jerusalem, um nur einige Städte aufzuzählen. Zeitlich standen neben einer Anzahl von Beiträgen zu den frühen 1980er Jahren ähnlich viele, die Friedensbewegungen zwischen 1940 und 1980 behandelten und die historische Dimension der Fragestellung unterstrichen. Die Tagung wurde dem Namen des Arbeitskreises auch insofern gerecht, als sie Friedensforschung und Konfliktforschung stärker als sonst verzahnen konnte, was eindeutig auf das Sujet Stadt zurückzuführen war. Stadt ist eine Größe, die eher als Staat geeignet ist, eine Vielzahl alltäglicher Konflikte zu beleuchten.

Frieden ist ein langsamer Prozess

Der Einführungsvortrag von Dorothee Brantz (TU Berlin, Metropolitan Studies) thematisierte Berlin als Ort von Krieg und Frieden. Tatsächlich ist Berlin, wenn es um Krieg und Frieden geht, ein nahezu unendlicher Erinnerungsort. Sie stellte deshalb die Frage, was Frieden in Bezug auf Berlin heißen könnte. Anders als Waffenstillstand ist Frieden ein langsamer Prozess, so Brantz. Anhand des Tiergartens, des Teufelsbergs und des Mauerradwegs erläuterte sie bespielhaft, welch wechselhafte Geschichten einzelne Orte in Bezug auf Friedensbildungsprozesse und –visionen in einer Stadt enthüllen können.

Dorothee Brantz' Betrachtung der drei Erinnerungsorte bediente sich der Triangulation: Sie bezog „Natur" als dritten Begriff neben „Stadt" und „Frieden" ein. Dabei stellte sie klar, dass die Annahme einer scheinbar natürlichen Verbindung von Frieden und Natur romantisch sei. Natur sei nicht per se „friedlich". Ihr Vortrag machte klar, dass so vielversprechend die Fokussierung auf den städtischen Raum für die historische Friedens- und Konfliktforschung ist, so unabdingbar ist es auch, sich der Begriffe sorgfältig zu vergewissern.

Ihrem Vortrag folgten zwölf Panelvorträge, die das übergeordnete Thema Frieden und städtischer Raum anhand sehr unterschiedlicher Fragestellungen behandelten. London wurde bspw. als Ort der Begegnung betrachtet, in dem die Exilregierungen der von NS-Deutschland besetzten Staaten von 1940 bis 1945 zusammentrafen. Geteilte Städte wie Belfast und Jerusalem wurden unter städteplanerischer und konfliktpräventiver Perspektive beleuchtet. Schließlich wurde der lokale Bezug von Friedensmuseen in Städten wie Kapstadt und Saint Ouen im Norden von Paris analysiert. Diese und weitere Vorträge eröffneten den Blick auf ein weites Forschungsfeld und vielfältige Möglichkeiten für weitere historische Forschung.

Die Tagung wurde durch die Heinrich-Böll-Stiftung und die Fritz-Thyssen-Stiftung unterstützt und fand im Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung statt. Die Beiträge der Tagung sollen als Tagungsband in der Schriftenreihe des Arbeitskreises veröffentlicht werden.

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrif "FriEnt - Impulse 10/2017".

Information
Christoph Becker-Schaum, Heinrich-Böll-Stiftung
Becker-Schaum@boell.de

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    Von Christoph Becker-Schaum, Robert Camp

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