Lektionen über Kohle und die Welt (5/6): Die Energiewende

Lektionen über Kohle und die Welt (5/6): Die Energiewende

Podcast

Wie schaffen wir Energiesicherheit ohne Kohle? Der Strommarkt muss sich radikal verändern, damit die Energieversorgung unabhängiger, dezentraler und regionaler wird.

Strommasten vor aufgehender SonneVielleicht überweisen wir in 40 Jahren unsere Stromrechnung direkt an die Nachbarin, die auf ihrem Dach erneuerbaren Strom erzeugt. Urheber/in: blickpixel / pixabay. Public Domain.

Das Manuskript der fünften Folge unserer sechsteiligen Podcast-Reihe zu Kohleaustieg und Energiewende.

Vier Folgen haben ich mich mit dem Kohleausstieg beschäftigt. Kohle ist auf der ganzen Welt reichlich vorhanden. Gerade auch in Deutschland. Wieso sollten wir hier und in anderen Ländern dann auf Strom und Wärme aus Kohle verzichten?

Karsten Smid: Kohle ist mit der dreckigste Energieträger, den wir haben. Das liegt an den klimarelevanten Emissionen, also den CO2-Emissionen, die zur Klimaerwärmung beitragen.

Annalena Baerbock: Das Argument, heimische Kohle sei billig, das trägt aus meiner Sicht überhaupt nicht. Weil viele der Kosten eben nicht eingepreist sind, weil das politisch und von Seiten der großen Industrie so gewollt ist, dass man zum Beispiel die Gesundheitskosten nicht einpreist. Das heißt ganz viele Kosten werden einfach der Allgemeinheit aufgedrückt.

Tine Langkamp: Wir werden innerhalb von weniger als zwei Jahren unser Kohlenstoffbudget aufgebraucht haben und dann werden wir eine Erderwärmung von 1,5 Grad haben. Für das Überleben mancher Inselnationen ist das katastrophal. Für die Landwirtschaft ist das katastrophal, das ist für Fluchtursache Klimawandel katastrophal und wir haben nur noch so wenig Zeit…

Die Verfeuerung von Kohle hat also problematische Nebenwirkungen. Die Lage scheint ähnlich kompliziert wie bei der Atomkraft. Alle wollen eine sichere und möglichst kostengünstige Energieversorgung. Und irgendwie bekennen sich auch alle zu Klima- und Umweltschutz. Wie kommt das zusammen? Haben wir genug erneuerbare Energie, um Industrie und Haushalte mit Strom aus Sonne und Wind zu versorgen? In Zukunft brauchen wir nämlich noch mehr Strom aus erneuerbaren Quellen.

Weil der Wärmebereich und der Mobilitätssektor nicht mehr mit Öl, Kohle und Gas, sondern mit sauberen Strom versorgt werden müssen. Darum geht es in den nächsten beiden Folgen. In dieser Folge beschäftige ich mich mit dem Stromnetz. Zuerst verschaffe ich mir einen Überblick über die Leistungsfähigkeit der erneuerbaren Energien. Dabei interessiert mich besonders, ob die Gefahr von Blackouts steigt. Dann schaue ich, wie die Stromnetze in Zukunft aufgebaut sein werden – und, was das für die Verbraucher bedeutet.

Das Gerede von einem Blackout ist unnötig

Mal ehrlich, können Sie sich noch erinnern wann das letzte Mal die Lichter ausgingen? Ich nicht, ist lange her. Und doch beschwören einige genau dieses Szenario, wenn sie über erneuerbare Energien reden. Blackouts und Dunkelflaute geistern immer wieder durch deutsche Medien. Das Ende des Industriestandorts - Nichts geht mehr. Ein bisschen apokalyptisch, finde ich. Was ist dran an diesen Geschichten? Ich fahre zum Reiner Lemoine Institut in Berlin. Das unabhängige Forschungsinstitut setzt sich für eine 100-prozentige Energieversorgung mit Erneuerbaren im Strom-, Wärme und Verkehrssektor ein, erstellt Studien, erprobt Konzepte.

Kathrin Goldammer: Mein Name ist Kathrin Goldammer. Ich bin die Geschäftsführerin des Reiner Lemoine Instituts. Wir machen Energieforschung. Ich bin 37 Jahre alt und Elektrotechnikerin.

Kathrin Goldammer erklärt mir, dass Deutschland zu den versorgungssichersten Ländern weltweit gehört.

Kathrin Goldammer: Deswegen halte ich jedes Gerede von einem Blackout für unnötig und auch für unnötig bedrohlich. Ich habe immer den Eindruck, dass damit Ängste geschürt werden sollen, die in Deutschland unnötig sind zu haben.  

Während in Deutschland im Schnitt nur 12 Minuten im Jahr der Strom ausfällt sind es in Frankreich über 60 Minuten. Es gibt keine Studien, die beweisen, dass die Erneuerbaren zu signifikant erhöhten Stromausfällen geführt haben und führen werden.

Kathrin Goldammer: Dennoch ist es klar, dass wenn wir unsere Erzeugungsstrukturen so umbauen und wenn Deutschland große Kapazitäten an konventionellen Kraftwerken ersetzen möchte durch Erneuerbare, dass damit auch ein neues Netz einhergehen muss und das Netz wird ja nicht nur dadurch bestimmt, dass es in der Lage ist Nord- und Süddeutschland zu verbinden.

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Bevor ich zum Netz der Zukunft komme, will ich wissen, wo die Erneuerbaren heute stehen und was die Herausforderungen sind. Denn ganz reibungslos klappt es schließlich nie, wenn neue Techniken eingeführt werden.

Christoph Podewills: Mein Name ist Christoph Podewills. Ich bin Leiter Kommunikation bei AGORAEnergiewende. AGORA Energiewende ist ein Thinktank, der sich dem Erfolg der Energiewende verschrieben hat, also entwickelt Wege und Handlungsoptionen für den Erfolg der Energiewende.

Podewills hat den Rechner hochgefahren. Vor sich ein interaktives Kurvendiagramm.

Christoph Podewills: Das Agorameter ist ein Onlinetool, auf dem jeder nachsehen kann, wie es gerade um das deutsche Stromsystem bestellt ist - also wieviel Strom verbraucht wird, wieviel Strom erzeugt wird.

Sieht ziemlich kompliziert aus, dieses Agorameter. Links im Diagramm lese ich, wie viel Strom erzeugt wurde, die x-Achse verrät mir zu welcher Uhrzeit der Strom durch deutsche Leitungen geflossen ist. Solarstrom wird gelb angezeigt, Strom aus Windkraft und Wasserkraft blau, Biomasse in grün.

Christoph Podewills: Man sieht also, dass dieses erneuerbaren Energiengebirge ziemlich hohe Spitzen hat, aber auch und das ist dann die Herausforderung ziemlich hohe Täler hat es auch.

Heißt: die erneuerbaren Energien produzieren zu bestimmten Zeiten extrem viel Energie, zu anderen ist weniger bis nichts los. Klar: Nachts scheint keine Sonne und der Wind weht ebenfalls nicht immer und überall. In diesen Fällen springen derzeit die fossilen Kraftwerke ein. Christoph Podewills klickt sich durch die Seite, und öffnet ein anderes Diagramm, die beherrschenden Farben gelb und blau.

Christoph Podewills: Ich habe mal zwei Wochen im Mai rausgesucht, die ganz interessant sind. Es gibt hier einige Tage, eine Woche vor Pfingsten, da haben erneuerbare Energien fast 90 Prozent unseres Strombedarfs gedeckt, zumindest für wenige Stunden mal.

Alle erneuerbaren Energieträger zusammen genommen können jetzt schon rund 100 Gigawatt installierte Leistung erzeugen, das ist gut ein Viertel mehr als wir in Spitzenzeiten verbrauchen. Ich überlege: Dann könnten doch theoretisch alle umweltschädlichen Kraftwerke vom Netz, und es gibt immer noch Reserven. Ich suche mir einen anderen Tag beim Agorameter aus, den 13. Oktober.

Autor: Ich mache mal 13. Oktober, Mittagszeit, da ist der Stromverbrauch am höchsten. Benötigt wurden etwa 76 Gigawatt. Die Erneuerbaren haben aber nur knapp 35 Gigawatt eingespeist. Wie eben gesagt, könnten die Erneuerbaren bis zu 109 Gigawatt bereitstellen. So hoch ist die installierte Leistung. Wie kommt es also, dass das Potenzial nicht voll ausgeschöpft wurde?

Ein Blick in den Wetterbericht liefert die Gründe, wenig Wind, wenig Sonne. Deswegen produzierten nur einige Erneuerbare-Anlagen. Das Stromnetz muss neben diesen Schwankungen mit einer weiteren großen Veränderung umgehen. Das Stromnetz ist heute eher eine Einbahnstraße, der Strom fließt vom Großkraftwerk zum Verbraucher, ihr Vorteil gleichzeitig, sie liefern brav gleichmäßig Energie. In ein paar Jahren soll der Strom dezentral produziert werden, im Windpark um die Ecke, auf dem eigenen Solardach, erklärt Kathrin Goldammer. Die Energieexpertin ist Geschäftsführerin des Reiner Lemoine Instituts in Berlin.

Kathrin Goldammer: Auf der Netzseite ist für mich auch noch wichtig zu betrachten, dass wir in der Lage sein müssen, auch kleinere Anlagen ans Netz zu bringen. Ich kann mir die Zukunft mit einem hohen Anteil am Erneuerbaren am besten dann vorstellen, wenn man tatsächlich auch alle diese kleinen Flächen nutzt. Das heißt auch, dass die Häuser, die Ortsnetztrafos, die Verteilnetze darauf vorbereitet sein müssen, überall an dezentralen Stellen neue Erzeuger aufzunehmen.

Welche Rolle spielen intelligente Stromnetze?

Anstatt 100 Großkraftwerke speisen plötzlich tausende Erzeuger/innen ihren Strom ein. Diese Erzeuger sind gleichzeitig Verbraucher. Es wird also viel, viel komplizierter. Auf nach Berlin-Schöneberg. Dort erproben Forscherinnen das Stromnetz der Zukunft.

Florian Regnery: Und da gehört halt diese Steuerung, diese intelligente Steuerung dazu. Ich spreche die ganze Zeit von intelligenter Steuerung, was ist jetzt wieder intelligent gesteuert?

Ja, genau, was ist das jetzt: intelligente Steuerung? Wie soll ich mir das vorstellen?

Florian Regnery: Das ist der Kern des Smart Grids. Hier werden verschiedene Erzeuger mit den dezentralen Verbrauchern verbunden.

Ich bin in Schöneberg auf dem EUREF Campus. Der Campus ist eines dieser Smart Grids. Auf den Dächern erzeugen Solaranlagen und Windräder Strom, der direkt auf dem Campus verbraucht wird. Logisch, dass auch ein Fuhrpark mit Elektroautos dazugehört.

Florian Regnery: Mein Name ist Florian Regnery. Ich arbeite derzeit bei inno2grid als Project Solution Manager, derzeit studiere ich auch noch währenddessen und bin 23 Jahre alt.

Urheber/in: Jan Schilling. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Florian wirft einen billardtischgroßen Touchscreen an. Ich vermute er hat gesehen, dass mir der Kopf raucht, und ich mir dieses Smart Grid nicht so recht vorstellen kann. Der Touchscreen ist ein Simulator. Er simuliert ein Smart Grid. Außerdem stellt die Simulation dar, wie die Stromversorgung aussieht, heute und in ein paar Jahren, wenn Kohle und Atomkraft abgeschaltet worden sind.

Florian Regnery: Wenn wir jetzt hier die Kohlekraft hinlegen. Dann erkennt das der Monitor als Kohle.

Florian nimmt sich einen dreieckigen Stein, der ein Kohlekraftwerk darstellt und legt dazu noch ein Atomkraftwerk auf den Touchscreen.

Florian Regnery: Wir sehen jetzt hier visualisiert ein Kraftwerk, es exportiert, dargestellt in einem orangenen Energiestrom.

Vom Kraftwerk fließen kleine orangene Punkte in Richtung Bildschirmrand. Das symbolisiert den Stromfluss. Der Strom fließt aus dem Bildschirmrand, sozusagen ins Ausland, weil wir keine Verbraucherinnen haben.

Florian Regnery: Wir nehmen mal ein Industriegebiet und ein Häuschen. Wir sehen jetzt die Verbindungen in hellblauen Linien und die Energieflüsse. Man sieht Atomkraft zu Industrie, Kohlekraft zu Häusern. Das ist in der Vergangenheit so üblich gewesen, es geht vom Kraftwerk zur Steckdose nach Hause. Es kommt ja immer vermehrt die Erneuerbare hinzu.

Florian nimmt sich zwei neue schwarze Dreiecke: Einen Solarpark und einen Windpark. Jetzt haben wir sozusagen eine kleine Stadt mit Häusern, einem Industriegebiet, mit Kraftwerken und erneuerbaren Erzeugern - so wie unsere Energieversorgung heute funktioniert.

Florian Regnery: Windkraft versorgt gerade die Haushalte. Die Solarenergie wird gerade exportiert.

Der Grund für den Export ist, dass die Solarenergie Strom produziert, die gerade nicht gebraucht wird. Der Simulation liegen Berechnungen zugrunde, wie sich die Erneuerbaren entwickeln werden, wenn die Zielvorgaben des Klimaschutzplanes eingehalten werden. Deswegen kann der Tisch sozusagen in die Zukunft schauen. Wir springen mit einem Druck auf den Bildschirm ins Jahr 2030. Das Atomkraftwerk ist stillgelegt, da aber die Erneuerbaren bis zu diesem Jahr auf über 50 Prozent angewachsen sein sollen, stellen unsere beiden Anlagen genug Strom bereit, so dass Industrie und Haushalte versorgt sind.

Florian Regnery: Jetzt wollen wir dazu ein Smart Grid hinzufügen. Also ein neuer Baustein dazu.

Florian nimmt ein Achteck, den Controller, und platziert diesen in der Mitte unserer kleinen Stadt.

Florian Regnery: Und wenn ich den dazu setze, erscheint ein Kreis, der die Erzeuger und Verbraucher, in diesem Fall Windkraft, Photovoltaik, ein Industriegebiet und ein Haushalt, sozusagen in eine Zelle packt.

Um Erzeugerinnen und Verbraucher bildet sich sofort ein blauer Kreis. Das Smart Grid, also das intelligente Stromnetz.

Florian Regnery: Man sieht jetzt, dass diese Energieflüsse von Sonne und Wind direkt in den Controller gehen und von dort aus verteilt werden zu den Verbrauchern. Von außen kommt nichts mehr.


Was sind Smart Grids und wie funktionieren sie? Jan Schilling sucht auf dem EUREF Campus in Schöneberg nach Antworten.

Die Stromversorgung wird dadurch regional und viel unabhängiger. Die intelligente Steuerung weiß, wann Strom von welchem Verbraucher innerhalb der Zelle benötigt wird und verteilt ihn entsprechend. Jetzt machen wir es komplizierter.

Florian Regnery: Wir bauen mal noch ein zweites Netz auf.

Um das neue Smart Grid erscheint wieder ein runder Kreis.

Autor: Und auf diesen Kreisen befindet sich noch ein Symbol mit einem Blitz, ist das vielleicht eine Koppelstelle?

Florian Regnery: Wir nennen das tatsächlich die Smart Grid Door, also die Tür nach außen. Das wäre in unserem Fall der Trafo, wo die Energie ins größere Netz übergeben wird.

In Zukunft wird es viele dieser intelligenten Netze geben. Über die Türen kommunizieren die kleinen Netze und tauschen sich aus. So fungiert dann jedes Smart Grid als Verbraucherin und als kleines Kraftwerk. Sie können Strom ins größere Netz einspeisen, wenn er an anderer Stelle gebraucht wird. Dadurch können wetterbedingte Engpässe ausgeglichen werden. Ok, doch was ist mit dem anderen Fall? Christoph Podewills hat mir vorhin ja die Spitzen gezeigt, den Fall wenn Sonne und Wind jede Menge Energie erzeugen.

Florian Regnery: Was machen wir mit der Energie, die gerade nicht gebraucht wird. Wir haben gerade eine hohe Windlast und die Offshoreenergie drückt nun mal ins Netz. Und da müssen Speicher her, in welcher Art auch immer.

Wir müssen unseren Strombedarf anpassen

Speichertechnologien sind die nächste große Herausforderung in einem hochflexiblen Stromnetz. Die Speichermöglichkeiten beschäftigen mich in der nächsten Folge über die Sektorenkopplung genauer, da gibt es ein paar abenteuerliche Lösungen. Ich bleibe fürs erste bei unserem Smart Grid, auf kleinerer Ebene. Florian nimmt sich ein Elektroauto und eine Batterie und platziert diese im Smart Grid. Während der Wind bläst und die Sonne scheint werden Batterie und Auto vollgetankt.

Florian Regnery: Die Speicher sind überall gefüllt. Und jetzt machen wir einfach mal Nacht und wenig Wind.

Wir erzeugen quasi eine kleine Dunkelflaute. Die grünen Energieströme aus dem Wind- und Solarpark werden weniger, sinken bis fast auf Null.

Florian Regnery: Man konnte hier sehr gut sehen, dass die Autobatterie entladen wurde, also ins Netz rein, also ein bidirektionales Laden, normalerweise von der Ladestation ins Auto und hier wäre der Fall vom Auto ins Netz zurück. Und hier sieht man wie das Auto ganz leicht die Energie zurückgibt. Also insofern ist das auch eine Möglichkeit, diese Zellen zu unterstützen, diese Micro-Smart-Grids.

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Noch sind die Speicher zu teuer. Speicher ist zudem nicht Speicher. Während Erzeuger große Speicher brauchen, benötigen Netzbetreiberinnen eher flexible Speicher. Die Unternehmensberater von Roland Berger gehen bis 2030 davon aus, dass neue Technologien ausgereift sind und diese erschwinglicher sein werden. In unserer Simulation funktioniert das trotzdem ziemlich gut, unser Verbund kommt ohne Kohle aus. Was wir in der Simulation nicht sehen können, aber ein wichtiger Baustein der Energiewende ist: die intelligente Steuerung der Stromentnahme.

Florian Regnery: Ich komme üblicherweise um 17 Uhr nach Hause. Überlege mir, ich koch was, pack noch etwas in den Ofen und gleichzeitig habe ich mein Elektroauto angeschlossen. Das heißt fürs Netz, wir haben eine sehr große Last abzufedern.

Das intelligente Netz lädt erst dann mein Auto, wenn der Ofen aus ist. In diesem Zusammenhang fällt das Stichwort Demand Side Management, oder Lastmanagement. Ich bin wieder bei Kathrin Goldammer.

Kathrin Goldammer: Denn in der Tat das Potential ist gigantisch. Wir alle haben Anlagen in unseren kleinen Haushalten, die nicht jederzeit an den Steckdosen sein müssen. Wir sind einfach in einem Land groß geworden, wo es bedarf noch keinen Bedarf gab, diese Seite mitzusteuern. Es gibt andere Länder, etwa USA, wo es tatsächlich einige Tarife gibt, die damit einhergehen, dass der Stromversorger den Strom unterbrechen kann oder auch Anlagen steuern.

Das kann dann geschehen, wenn beispielsweise zu wenig Strom aus Erneuerbaren zur Verfügung steht. In Deutschland ist diese externe Steuerung nicht möglich. Zwar werden in deutschen Haushalten und der Industrie die intelligenten Zähler Pflicht, eine Fernsteuerung oder gar die Stromunterbrechung lassen die Geräte nicht zu. Doch in Zukunft ist es vorstellbar, dass Erzeugerinnen und Verbraucher sich auf die Steuerung bestimmter Geräte einigen. Ganz ohne Datenschutzbedenken ist folgende Möglichkeit mit den großen Schwankungen umzugehen. Think Big - ist die Devise. Florian hat mir ein sehr kleines intelligentes Netz vorgeführt. Treiben wir es mal auf die Spitze oder wie Florian das nennt. Skalieren wir unser Netz. Städte können solche Verbundnetze sein, Bundesländer oder EU-Staaten. Manche sehen in einer stärkeren Vernetzung der Europäische Union einen Baustein zum gelingen der Energiewende auf internationaler Ebene, bestätigt Kathrin Goldammer vom Lemoine Institut.

Kathrin Goldammer: Es liegt oft, wenn man sich ein Energiesystem anguckt, der Schlüssel zur Optimierung in der Größe des Systems. Im Moment ist es noch so, Deutschland ist mit seinen Nachbarn über Leitungen verbunden, die eine Kapazitätsgrenze haben. Diese Leitungen können nur eine bestimmte Menge übertragen. Und in der Tat ist es so, dass wir alle unsere Überschüsse aber vielleicht auch die Momente, wo wir Strom benötigen, natürlich viel besser managen könnten, wenn die Kapazitäten im Austausch mit den Nachbarn noch größer wären.

Smart Grids im großen Stil gibt es noch nicht - doch die Forschungen laufen bereits auf EU-Ebene. Bis dahin werden die klassischen Kraftwerke weiter laufen.

Kathrin Goldammer: Ich glaube, dass wir unsere zentralen Kraftwerke und die zentrale Infrastruktur noch eine ganze Weile beibehalten werden. Die Welt der Erneuerbaren funktioniert ja dann sehr gut, wenn sie ergänzt wird von klassischen, regelbaren Kraftwerken. Da kann man Kernkraft, Braunkohle, Steinkohle durchaus auch mit Gaskraftwerken ersetzen, die hochflexibel sind und auch schon zum großen Teil zur installierten Leistung gehören.

Noch einmal in aller Deutlichkeit: niemand redet davon, dass alle konventionellen Kraftwerke morgen abgeschaltet werden. Versorgungssicherheit geht vor. Die Lichter gehen nicht aus. Bleibt noch eine große Frage: wer soll den Umbau bezahlen? Die Verbraucherinnen? Die Erzeuger? Oft werden Infrastukturkosten aus dem Bundeshaushalt finanziert, etwa beim Straßenbau, erklärt Kathrin Goldammer.

Kathrin Goldammer: Im Energiebereich ist es oft anders. Gerade die Netzkosten werden über die Nutzungsentgelte wieder reingeholt. Die Förderung der erneuerbaren Energien über die EEG-Umlage. Damit werden sie zum einen transparent, was ich für einen Gewinn halte. Sie werden aber gleichzeitig, wenn sie extra ausgewiesen werden auf unseren Stromrechnungen, angreifbar werden. Es wird viel über Reformen nachgedacht. Beim EEG gab es schon Ideen, dass man sagt, das, was wir da machen ist so ein Gewinn für nachfolgende Generationen, dafür könnte sich ein Staat sogar verschulden.

Das ist zur Zeit nicht mehrheitsfähig. Von Experten wird eine CO2-Steuer diskutiert, dann würden all jene für den Ausbau bezahlen, die das Klimagift CO2 erzeugen. Doch auch hier ist kein Konsens in Sicht.

Können wir bald Strom aus der Nachbarschaft kaufen?

Kommen wir zum letzen Teil über die Zukunft des Stromnetzes. Alles rückt näher zusammen, beim Lastmanagement werden Verbraucherinnen und Erzeuger viel verzahnter sein, als es heute der Fall ist. Das verändert den Strommarkt radikal. Neue Tarife, andere Abrechnungsmodelle. Einige Start-Ups arbeiten daran, den Stromhandel zu digitalisieren. Denn eine dezentrale Energieversorgung benötigt einen dezentralen Stromhandel, einen Handel zwischen kleinen Erzeugern und Verbrauchern aus der Region. Eines davon ist StromDAO und Kirsten Hasberg Mitgründerin.

Kirsten Hasberg: Ich bin Kirsten Hasberg, 33 Jahre alt, Doktorandin an der Aalborg Universität in Kopenhagen in der Nachhaltigen Energieplanungsgruppe. Ich glaube so könnte man die Übersetzung ins Deutsche nennen, und beschäftige mich mit der Anwendung der Blockchain-Technologie für die Etablierung von dezentralen Strommärkten.

Ich treffe Kirsten auf dem Start-Up-Campus Factory in Berlin. Blockchain ist derzeit ja so ein Modewort. Kirsten Hasberg erklärt, weshalb die Blockchain den Stromhandel revolutionieren kann.

Kirsten Hasberg: Wir wollen ja, mit einer Überschrift: "Strom von unserem Nachbarn kaufen können". Das können wir in der heutigen Form nicht. Man kann quasi sagen, dass die Blockchain-Technologie Intermediäre ersetzt. Das klingt wahnsinnig radikal, das ist es auch. Aber man kann es in der Form ein bisschen aufweichen, wenn man sagt, Ok, vielleicht reicht es aus, wenn ein Intermediär, also der, der den Handel möglich macht, einen kleinen Anteil bekommt an der Transaktion, anstatt wie wir es heute vielleicht von Airbnb oder Apple kennen 30 Prozent von der Transaktion.

Die Blockchain-Technologie ermöglicht den Handel von Kleinstmengen in Sekundenschnelle, denn die Computer machen das unter sich aus. Wie an der Börse längst Computer Aktien kaufen und verkaufen. Durch den direkten Handel wird ein ganz anderes Problem wie nebenbei gelöst. Auch wenn ich bei einem Ökostromanbieter bin, der Strom der bei mir ankommt, ist nicht zwingend Ökostrom. Denn mein Anbieter sorgt nur dafür, dass an irgendeiner Ecke so viel Ökostrom eingespeist wird, wie ich verbraucht habe. Kaufe ich den Strom direkt beim Erzeuger, dann weiß ich, dass es sich um echten Ökostrom handelt. Das ist wie beim Gemüse vom Wochenmarkt.

Hört sich alles fantastisch an, keine Konzerne mehr, die uns den Preis diktieren, endlich regional eingekaufter Strom. Blockchain und digitaler Stromhandel klingt für viele noch nach Zukunftsmusik. Machen wir einen Abstecher in die USA.

New York. Brooklyn. Dort sind im Brooklyn Microgrid etwa 50 Teilnehmer/innen zusammengeschlossen, manche haben Solaranlagen auf dem Dach, andere beziehen Strom. Seit 2016 kommt dieses lokale Netz ohne große Versorger und Anbieterinnen aus, bezahlt wird via Blockchain. Das trägt zur Stärkung der Nachbarschaft bei, hat zusätzlich einen ganz anderen Effekt.

Der Nutzer im Video, dass man mit so einem Microgrid viel unabhängiger bei großen Katastrophen ist, etwa bei Hurricanes.

Unabhängigkeit, Dezentralität und Regionalität, die Stromnetze sind auf dem Weg in die Zukunft. Auch die Energiewende ist ein gutes Stück vorangekommen. Je mehr Erneuerbare in das Energiesystems kommen, desto mehr unterscheidet es sich von seiner heutigen Verfassung. Regionalität wird eine immer größere Rolle spielen. Vielleicht haben wir in 40 Jahren keinen Anbieter mehr, sondern überweisen unsere digitale Währung direkt an unsere Nachbarin, die auf ihrem Dach erneuerbaren Strom erzeugt.

Es liegt an der Politik, diesem Wandel einen ökologisch, sozial und wirtschaftlich sinnvollen Rahmen zu geben. Für die physikalischen Herausforderungen, zum Beispiel die Schwankungen bei Wind und Sonne und die fehlenden und jetzt noch teuren Speichertechnologien gibt es heute schon Lösungsansätze. Eine Sache ist jetzt schon ziemlich sicher: in 20 Jahren brauchen wir noch mehr Energie, für den Verkehr, für unsere Heizungen. Das heißt, die Sektoren Strom, Verkehr und Wärme schließen sich zusammen. Wie dieser Zusammenschluss gelingen kann, erzähle ich in der nächsten Folge über die Sektorenkopplung.

Das war der fünfte von sechs Teilen einer Podcast-Reihe zum Ausstieg aus der Kohle. Sie können alle Episoden abonnieren, oder bei Soundcloud, Deezer und Spotify hören. Mehr zum Thema finden Sie in unserem Kohleatlas.

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Ein Böll.Spezial von Jan Schilling.
Ton und Technik: Jan Schilling
Redaktion: Stefanie Groll

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