Auch meine Eltern. Meine Rückkehr in den Libanon - oder vom Versuch, mich zu erinnern

Auch meine Eltern. Meine Rückkehr in den Libanon - oder vom Versuch, mich zu erinnern

Als Kind war Pierre Jarawan oft im Libanon, in der Heimat seines Vaters. Auf unserer Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll erzählt der Poetry-Slammer, wie er nach 16 Jahren zurückkehrt und sich auf die Suche nach dem Gefühl von damals macht.

Pierre Jarawan auf der Bühne bei der Jubiläumsfeier "Einmischung erwünscht"Pierre Jarawan bei der Jubiläumsfeier "Einmischung erwünscht". Urheber/in: Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Zum Haus meiner Tante führt ein schmaler Weg, vorbei an kalkweißen Villen und Gärten, in denen Dattelbäume stehen.

„Es ist schön, dich zu sehen“, sagt sie, während das Auto über Steine rumpelt, hin zu ihrer Einfahrt. „So lange her, so lange. Du wirst deinem Vater immer ähnlicher, aber deine Augen, die sind von deiner Mutter.“

Meine Augen habe ich seit ein paar Minuten geschlossen. Ich versuche, mich an den Geruch von damals zu erinnern, denn das, was ich im Augenblick sehe, verwirrt mich. Damals – es ist 16 Jahre her – standen Olivenbäume dort, wo jetzt die Villen stehen. Und das Haus meiner Tante war das schönste im Dorf, ein dreistöckiger, weißer Palast, dessen Fenster in der Sonne glänzten, über einem Garten, in dem Zitronen an Bäumen hingen und Feigen.

Als wir endlich in der Einfahrt stehen, sehe ich – und es schmerzt, das zu erkennen –, dass der Glanz dieser Mauern verblasst ist. Der Putz hängt von den Wänden, Katzen streunen dort, wo ich als Kind früher gespielt habe, im Schatten der Villen wirkt das Haus meiner Tante fast schäbig.

„Du kannst unten im Gästezimmer schlafen oder in der Wohnung oben“, sagt sie. „Du bist hier zu Hause, du kennst dich aus.“

Meine Eltern haben den Libanon 1982 verlassen. Sie lernten sich an der Schneller-Schule kennen, in der Bekaa-Ebene, dem Hochland, wo es bis dahin, trotz des Bürgerkriegs, verhältnismäßig ruhig war. Meine Mutter – sie ist Deutsche – war dort als Erzieherin tätig, mein Vater als Sozialpädagoge.

Am selben Arbeitsplatz ein Paar zu sein war schwierig, weshalb mein Vater eine Stelle in Saudi-Arabien annahm, in der Annahme, meine Mutter würde ihm zeitnah folgen. Doch dann griff Israel in den Bürgerkrieg ein, und auch das Hochland war nicht mehr sicher.

Drei Kinder in drei verschiedenen Ländern

„Ich erinnere mich, dass ein Hubschrauber über der Schule abgeschossen wurde“, erzählte meine Mutter einmal. „Er ist auf den Schulhof gestürzt und ausgebrannt, aber niemand in der Schule wurde verletzt.“ Sie erzählte auch oft von den Nächten, in denen sie mit den Kindern im Schutzraum ausharrte, während von Fern her Krachen durch die Schulmauern drang.

Meine Mutter floh also erst später aus dem Land und folgte meinem Vater. In Saudi-Arabien wurde mein Bruder geboren, 1983. Ich bin 1985 in Jordanien zur Welt gekommen. Und 1989 wurde meine Schwester in Deutschland geboren, wo wir seit einem Jahr lebten. Drei Kinder, drei Länder.

Als Junge habe ich den Libanon geliebt. Es war die Heimat meines Vaters, der Ort, in dem wir Urlaub machten und Verwandte besuchten, die mich auch wegen meiner damals noch blonden Haare vergötterten, mir Süßigkeiten in den Mund schoben und mich an Wasserpfeifen ziehen ließen, ohne dass es meinen Eltern etwas ausmachte.

Das Haus meiner Tante war der schönste Ort der Welt, auf einem Hügel gelegen, mit Blick auf das Meer und freilaufenden Schildkröten im Garten. Ich habe viele Sommer dort verbracht. Dann kamen das Abitur, das Studium, die Ausreden.

Erst im Juli 2015 kehrte ich zurück nach Beirut, eine Recherchereise für meinen Roman. Ich war 16 Jahre nicht dort gewesen. Es war verstörend, verletzend, wie wenig die Stadt, ja das ganze Land, mit meinen Erinnerungen gemein hatte.

Am Straßenrand stapelte sich Müll, die Freundlichkeit der Menschen – ein Wesenszug, der für mich bis dahin jedem Libanesen innewohnte – war wie unter einer abweisenden Schicht verborgen, zumindest in Beirut. Jede Geschichte erscheint in anderem Licht, je nachdem, wo man beginnt, sie zu erzählen. Also beschloss ich, der Küste 80 Kilometer weit in den Norden zu folgen, nach Enfeh, wo meine Tante wohnt. Ich wollte das Land nicht verlassen, ohne noch einmal das Gefühl von damals verspürt zu haben.

Es ist besser, nicht über den Bürgerkrieg zu sprechen

Die Straße ins Dorf, in dem meine Tante wohnt, ist über eine Länge von vielen Kilometern von Zelten gesäumt, davor hängen Wäscheleinen, Kinder spielen im Staub. „Syrische Flüchtlinge“, sagt meine Tante. Später, wenn wir in ihrem Wohnzimmer sitzen, wird sie Folgendes sagen: „Wir geben ihnen unser Essen, unsere Kleidung, und sie sind undankbar, stehlen.“

Meine Tante ist alt geworden. Fast 80 inzwischen. Dunkle Flecken sprenkeln ihre Haut, der Glanz ihrer Augen hat nachgelassen, und wenn sie ein Tablett mit Fladenbrot und Oliven in den Raum trägt, zittern ihre Hände. Ich bitte sie, mich ihr helfen zu lassen, doch sie winkt nur ab.

Ich spreche mit ihr nicht über den Bürgerkrieg. Über den Bürgerkrieg spricht man besser mit niemandem im Libanon. Es ist einfacher, über die Syrer zu sprechen, die jetzt als Flüchtlinge ins Land kommen, nachdem die syrische Armee den Libanon erst vor zehn Jahren verlassen hat – nach 30-jähriger Besatzung. Gerade hat meine Tante noch über sie geschimpft, jetzt sagt sie: „Was sollen wir anderes tun, als sie aufzunehmen? Wir sind Libanesen, wir öffnen unsere Arme für jeden.“

Es heißt, wir seien die Summe unserer Erinnerungen, und unsere Identität sei ein kunstvoll gewebter Teppich aus Erinnerungsfragmenten. Aber wie können wir vollständig sein, wer wir sind, wenn das, was wir erinnern, nur Fragmente sind?

Vor allem eines ist merkwürdig für mich. Nie, wirklich nie, habe ich mich als Sohn von Bürgerkriegsflüchtlingen gesehen. Das Thema der Flucht hat bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt, nicht aus Verdrängung, sondern weil meine Eltern das Den-Libanon-Hinter-Sich-Lassen nie als Flucht begriffen haben, sondern als Möglichkeit, woanders zusammen sein zu können.

Ich tauschte Fladenbrot gegen Leberkässemmel

Als Kind hatte meine halbe Herkunft die Aura des Exotischen, ich hielt in der Schule Referate über die Phönizier und auf dem Pausenhof dealte ich mit Fladenbrot, das ich bei neugierigen Mitschülern gegen Leberkässemmeln und Schokoriegel eintauschte. Und ich war der einzige, der eine Wasserpfeife nicht nur besaß, sondern auch ganz offen zu Hause benutzen durfte.

Nur zur Hälfte Deutscher Herkunft zu sein machte mich besonders, nicht fremd. Wenn ich heute um Verständnis für Flüchtlinge werbe, beginne ich oft mit: „Auch meine Eltern... “, und dann frage ich mich im selben Moment, wann das für mich eigentlich relevant geworden ist. Warum ich es für nötig halte, das überhaupt zu erwähnen. Und ich frage mich, wie meine Tante das vergessen konnte...

Nach der Landung in München sehe ich im Terminal eine Gruppe vor einem Fernseher stehen, eine Nachrichtensprecherin erzählt von Pegida-Aufmärschen in Dresden, liest eine Statistik vor, von Anschlägen auf Flüchtlingsheime.

Ich muss an meine Tante denken, an das Haus, das einmal das schönste im Ort war, an den Weg dorthin, der früher von Olivenbäumen und Kaktusfeigen gesäumt war. An lachende Gesichter in den Straßen von Beirut.

Ich frage mich, wann sich das alles geändert hat. Oder ob es überhaupt jemals so gewesen ist, wie ich es erinnere.

 

Pierre Jarawan trug diesen Text am 10. November 2017 im Rahmen unserer Jubiläumsfeier "Einmischung erwünscht" zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll vor. Auf unserer Website erinnern wir mit einer Chronik, einem Podcast, Texten, Reden und Rezensionen an den Schriftsteller. Die Fotogalerie der Veranstaltung:

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