Guter Ganztag

Guter Ganztag

„Bildungslandschaften“ nennen Fachleute die Zusammenarbeit von Schulen mit Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Doch die Kooperation ist nicht immer auf Augenhöhe. Zum Wohle der Kinder sollte sie aber gelingen.

AbenteuerspielplatzEin Abenteuerspielplatz im Dietenbachpark – Urheber/in: Andreas Schwarzkopf. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers Schule und Zivilgesellschaft.

Man kennt sie, diese Hochglanzkochbücher. Zutaten vom Feinsten, nach den neuesten Erkenntnissen zusammengestellt, die Kompositionen erlesen und, in sterilem Ambiente, künstlich-künstlerisch in Szene gesetzt. Aufgeprunkt wie Kunstbildbände und ähnlich raumfüllend. Kochen allerdings, das tut niemand nach ihnen. Doch wann hätte das je die Autoren und Autorinnen solcher Bücher gekümmert.

Kooperationsverträge zwischen Schulen und Trägern der Jugendhilfe haben etwas von diesen Kochbüchern an sich. Auch hier sind die Zutaten vom Feinsten; neueste Erkenntnisse oder was dafür ausgegeben wird, finden Berücksichtigung.

Von Bildungsräumen ist die Rede, von Bildungslandschaften gar, das Hohelied nonformaler und informeller Bildung wird gesungen, die große Bedeutung außerschulischen Lernens wird erwähnt und Kooperation auf Augenhöhe zwischen all jenen, die professionellen erzieherischen Zugriff auf Kinder und Jugendliche haben, wird als außerordentlich wünschenswert, ja als nahezu unabdingbar für die Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft behauptet.

Schulen als Platzhirsch im Bildungswald

Gemeinte Akteure sind auf der einen Seite, wie anders, Schulen als unhinterfragter traditioneller Platzhirsch im Bildungswald. Den Schulen als vorgebliche Partner an die Seite gestellt, praktisch jedoch wohl eher als profane Dienstleistungsanbieter zur wohlfeilen Auswahl dargeboten, steht der gesamte Rest dieses schwer überschaubaren Konglomerats aus Jugendhilfeträgern. Zu diesen zählen auch die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) wie etwa Bau- und Abenteuerspielplätze.

Deren Kooperation mit der Schule ist nun einerseits politisch gewollt, andererseits nach Sachlage schulischer Ganztagsbetreuung ersichtlich auch notwendig. Wie sonst sollten die Schulen ihrer Klientel die vielen Stunden vom frühen Morgen bis in den Nachmittag hinein gedeihlich gestalten können?

Die von der Freien und Hansestadt Hamburg für solche Kooperationen entwickelte „Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit im Rahmen der Ganztagsschule“ bietet in der Tat auch einen weiten Spielraum zur individuellen Gestaltung solcher Kooperationen.

Und genauso wie manche Kochbücher am Ende ein paar leere Seiten zum handschriftlichen Eintrag eigener Ideen bieten, so benennt auch die Rahmenvereinbarung unter ihrem Punkt 5, dem längsten und unterpunktreichsten Abschnitt der gesamten Rahmenvereinbarung, ausdrücklich die Möglichkeit „ergänzender Angebote“, auf die sich, unter Wahrung der vorgegebenen sonstigen Rahmenbedingung, die Kooperationspartner individuell einigen können.

„Die spielen ja bloß“

Werfen wir einen Blick in die Praxis eines Hamburger Abenteuer- und Bauspielplatzes, der nach den Regeln der OKJA arbeitet. Für Schülerinnen und Schüler im Grundschulbereich stellt der Besuch des Bauspielplatzes oftmals das mit weitem Abstand beliebteste wählbare zusätzliche Schulangebot dar, wie das jeweils frühe Ausgebuchtsein des Platzes und die insgesamt hohen Nutzerzahlen jedes Halbjahr aufs Neue eindrucksvoll beweisen.

Ein solcher Bauspielplatz stellt die klassischen Handlungsfelder zur Verfügung – wie Hüttenbau, Werken mit Holz, Feuer machen und Schmieden, Fahrradwerkstatt, Garten und natürlich Klettern, Toben und Freispiel.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Bereiche also, in denen nonformales bzw. informelles Lernen stattfinden kann. Hierzu bedürfte es nicht einmal der Ausarbeitung „ergänzender Angebote“, sondern lediglich eines Minimums an pädagogischem Gestaltungswillen seitens der Kooperationspartner, um hier sofort aktiv zu werden.

Der Bauspielplatz als Erweiterung des Pausenhofs

Was aber findet tatsächlich statt in der sogenannten Kooperation mit der Schule? Da brechen etwa regelmäßig die Schulgruppen erst mit deutlicher Verspätung Richtung Bauspielplatz auf, weil noch auf Kinder gewartet werden muss, die in ihren Klassen Tafeldienst haben oder die Papierkörbe leeren sollen.

Stünde eine weitere Unterrichtsstunde an, würde wohl kaum so verfahren, aber hier geht es ja „bloß“ um die tagesabschließende Spielstunde. Dem gleichen Geist entsprungen scheint die Unsitte, dass regelmäßig ein gewisser Prozentsatz der Kinder vorzeitig von Eltern abgeholt wird. Auch dies schiene kaum denkbar, wenn es sich um eine „echte“ Schulstunde handeln würde. Ganz offensichtlich wird hier seitens der Schule und der Eltern nach dem Motto gehandelt: „Die spielen da ja bloß“.

Und ebenso offensichtlich wird in diesem Realszenario der Bauspielplatz seitens der Schule lediglich als eines betrachtet: als Erweiterung des Pausenhofes nämlich, auf dem die Kinder die letzten zwei Stunden der gesetzlich festgelegten schulischen Tagesbetreuungszeit unter Fremdaufsicht noch ein bisschen herumtoben und die Zeit abbummeln sollen.

Mit Kooperation hat das jedoch so wenig zu tun wie ein Schwimmbadbesuch im Rahmen eines schulischen Tagesausflugs, wo man an der Kasse sein Entgelt entrichtet und hernach das Angebotene konsumiert.

Offene Kinder- und Jugendarbeit als Aschenputtel

Warum jedoch findet keine echte Kooperation zwischen Schule und OKJA statt und – wichtiger noch – warum bleibt die OKJA derart hinter ihren Bildungsmöglichkeiten und ihrem Bildungsauftrag zurück? Und könnte es womöglich sein, dass das nicht nur in Hamburg ein Problem ist?

Vielleicht liegt es ja an der Offenen Kinder- und Jugendarbeit selbst? Deren Ruf ist gelegentlich nicht der beste, von fehlenden Standards wird gemunkelt und mangelnder Professionalität. Vorurteile aus vergangenen Zeiten, wenn sie denn je einen wahren Kern gehabt haben sollten.

Die Erzieherinnen und Erzieher der OKJA haben die gleiche hohe Qualifikation wie ihre Kolleginnen und Kollegen in allen anderen pädagogischen Arbeitsbereichen. Und dass seit vielen Jahren der Anteil mit akademischem Berufsabschluss auch in der OKJA stetig steigt, ist bekannt.

So bündeln sich auf vielen Bauspielplätzen die Kompetenzen von Erzieher/innen, Sozialpädagog/innen, Erziehungswissenschaftler/innen und Bidlungswissenschaftler/innen. Die grundsätzliche Qualifikation solcher Teams für die erfolgreiche Konzipierung und Durchführung von Bildungsangeboten auch in der OKJA kann daher zumindest heutzutage nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden.

An den Prinzipien der OKJA liegt es ebensowenig, wenn hier Bildungspotenzial vergeudet wird. Weder die große Bedeutung nonformaler oder informeller Bildung noch die besondere Eignung von Einrichtungen der OKJA für die Moderierung entsprechender Bildungsprozesse sind in den einschlägigen Disziplinen auch nur im Mindesten strittig.

Selbst das vermeintliche Primat von Schule, gelingendes formales Lernen sicht- und messbar zu machen, ist gekippt, seitdem auch in den Bereichen nonformalen und informellen Lernens entsprechende Validierungsverfahren erfolgreich zum Einsatz gelangen. Aber statt nun mit ihren Pfunden zu wuchern, fristet die OKJA weiterhin ein Aschenputteldasein und lässt sich, wenn es denn überhaupt so weit kommt, als Juniorpartner in höchst zweifelhaften Pseudokooperationen verschleißen.

Die Sache mit der Augenhöhe

Woran liegt es also? Ein weiteres Streiflicht aus der Praxis sei genannt. Da stehen ein junger schulischer Kollege und ein um nahezu eine Generation älterer OKJA-Mitarbeiter nebeneinander auf dem Bauspielplatz. Der Jüngere wird, völlig selbstverständlich, von „seinen“ Schulkindern gesiezt, der Ältere, ebenso selbstverständlich, von ebendiesen Kindern geduzt. Eine Anekdote und kaum erwähnenswert, könnte man denken. Und würde damit vielleicht zu kurz denken.

Diese unhinterfragte Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten diese Situation handhaben, ist vielleicht doch weniger mit Augenzwinkern als mehr mit kritischem Blick zu sehen. Dieses kleine Symptom nämlich reiht sich nahtlos in eine Kette weiterer ein, die allesamt in dieselbe Richtung weisen.

Viele Lehrkräfte sind kaum daran interessiert, die Kooperation mit einem Bauspielplatz auszugestalten. Festzustellen ist auch, dass die schulischen Kooperationsmitarbeiterstellen teilweise mit Nichtfachkräften wie z.B. mit engagierten Eltern oder Studierenden fachfremder Studiengänge besetzt werden.

Auf der Informationsveranstaltung des Bauspielplatzes zu Beginn jedes Schulhalbjahres erscheint bestenfalls die Hälfte des eingeladenen schulischen Personals. Dies und anderes atmet nicht wirklich den Geist echter Partnerschaft auf Augenhöhe.

Wiederum nach dem Motto „die spielen ja bloß“, gepaart mit der Einstellung, qua Ausbildung und gesellschaftlich verankertem Auftragsmonopol die wirklichen und damit einzigen Fachleute für Bildungsprozesse zu sein, findet sich zumindest in der Hansestadt für die dargebotene Bildungskompetenz der OKJA auf schulischer Seite nicht nur derzeit keine Nachfrage, sondern, reichlich desillusionierend für künftige Partnerschaft, noch nicht einmal höfliches Interesse.

Und nun?

Zum Gelingen oder auch Misslingen einer Partnerschaft tragen stets mehrere Seiten bei. Schauen wir also, was die offene Kinder- und Jugendarbeit bzw. jede einzelne der beteiligten Facheinrichtungen leisten kann, so sie denn will.

  1. Man kann sich weiter als willfähriges Werkzeug schulisch koordinierter Freizeitgestaltung behandeln lassen, zumindest so lange, wie es einen als selbständige Einrichtung noch gibt. Denn was spräche dann überhaupt noch dagegen, den Bauspielplatz direkt als Außenstelle der Schule einzuverleiben und mit schulischem Personal zu betreiben. Kosten ließen sich so gewiss sparen, was immer schon in den Augen mancher ein gutes Argument war.
  2. Man könnte sich auch andere Kooperationspartner suchen. Ob dies auf Dauer gut gehen würde, ist fraglich. Schule braucht schließlich, ihrem Auftrag der Ganztagsbetreuung entsprechend, entsprechende Angebote im Sozialraum, und bevor die eigene Einrichtung mit behördlicher Order zur Zwangsehe mit den jeweils nächstgelegenen Schulen gezwungen wird, sucht man sich vielleicht doch lieber selber seine Partner. Bleibt ein dritter Weg.
  3. Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit nehmen die Herausforderung an und konzipieren zunächst im Alleingang ihre Angebote. Vertragsfreiheit gilt schließlich auch für Kooperationsverträge. Klug und detailreich ausgearbeitete „ergänzende Angebote“ als Komplettpaket inklusive einrichtungseigenen betreuenden Mitarbeiter/innen, der Schule angeboten, bieten der OKJA direkt zwei Möglichkeiten. Zum ersten kann sie ihre tatsächliche Bedeutung und Leistungsfähigkeit im Bildungsbereich mit solchen Eigenentwicklungen unter Beweis stellen. Und zum zweiten kann OKJA ihrem Bildungsauftrag dann auch auf neue Art nachkommen, was angesichts zu vieler misslingender schulischer Bildungsverläufe auch notwendig zu sein scheint.

Und am Ende hilft vielleicht auch noch ein Trick. Was wenig kostet, ist in den Augen mancher auch nichts wert. Also ruhig mal selbstbewusst die Preise für die neu ausgearbeiteten Kooperationsangebote erhöhen. Hochglanzkochbücher finden ihr unrühmliches Ende oftmals als im Kassenbereich gestapelte Ramschware. So billig muss OKJA sich nicht verkaufen.

Denn „die spielen ja bloß“ stimmt eben nicht. Und „bloß“ schon mal gar nicht!

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