Eröffnungsrede: Verleihung des Friedensfilmpreises 2018

Eröffnungsrede: Verleihung des Friedensfilmpreises 2018

Rede

Nur das Vergessen ermöglicht neue Gewalt, weil es die Erinnerung an das Leiden tilgt, sagt Ellen Ueberschär in ihrer Eröffnungsrede zur Verleihung des Friedensfilmpreises 2018.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur 33. Verleihung des Friedensfilmpreises anlässlich der 68. Berlinale. Beides, dieser Preis und die Berlinale, sind Westberliner Institutionen aus Zeiten, in denen es um klare Botschaften in Richtung Osten ging.

Die Frontstadtzeiten sind lange vorbei. Geblieben sind die Filme, geblieben ist der Frieden –  als Thema, als Aufruf und als Ausruf! In einer Welt, die durchsetzt ist von Gewalt und Krieg – und mehr noch vom Vergessen-machen-wollen von Gewalt und Krieg – braucht es vor allem eine Vorstellung davon, was Frieden ist und Menschen, die die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben.

Ich begrüße ganz herzlich die Preisträger des Jahres 2018, Almudena Carracedo und Robert Bahar, und vor allem auch ihr Team und die Protagonist/inn/en ihres Filmes „The Silence of Others“. Der Jury danke ich für die investierte Zeit und für die Sorgfalt der Auswahl. Namentlich sind dies Miraz Beza, Helgard Gammert, Florian Hoffmann, Lena Müller, Burhan Qurbani, Matthias Coers und Peter Steudtner.

Dieser Preis, der im Rahmen eines Filmfestivals verliehen wird, das neben dem ästhetischen auch immer den Anspruch hat, engagiertes Kino zu zeigen – in unterschiedlichen Reihen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln –, dieser Preis ist etwas Besonderes, nicht nur, weil es ihn schon so lange gibt.

Beim Friedensfilmpreis geht es nicht um die Zahl der Opfer, nicht um Schlachtordnungen, nicht um Zitate von Politiker/innen. Es geht vielmehr darum, zu verstehen und mitzuerleben, darum also, unmittelbar in etwas einzutauchen, was sonst Kriegsreporter/innen und Menschenrechtler/innen vorbehalten ist.

Filme können unmittelbar berühren. Die ästhetische Distanz verringert die menschliche Distanz. Gerade weil solche Filme aber der Gewalt und ihrer Wirkung nicht ausweichen, zeigen sie den Frieden – denn jeder Mensch trägt ein Wissen in sich, was Frieden bedeutet.

Die ausgewählten Filme schärfen unsere eigenen Bilder vom Frieden, indem sie sich auf unser kollektives Gedächtnis beziehen und so – erlauben Sie mir diesen Gedanken –, eine Vorstellung aufgreifen, die zurückgeht auf die Friedensvisionen der hebräischen Bibel, wo es beim beim Propheten Jesaja heißt:

Dann wird der Wolf beim Lamm als Flüchtling unterkommen…
Der Säugling wird vergnügt an der Höhle der Kreuzotter spielen,
und nach dem Schlupfloch der Giftschlange wird das Kleinkind mit seiner Hand patschen. Sie werden nichts Böses tun und kein Verderben mehr anrichten...

Verfügten wir nicht über dieses kollektive Friedensgedächtnis, würde der Friedensfilmpreis nicht funktionieren.

Der Friedensfilmpreis ist etwas Besonderes, denn er stärkt die Macherinnen und Macher – und das nicht nur mit dem Preisgeld, das für das Abzahlen von Schulden oder für neue Projekte eingesetzt werden kann. Vor allem, so hoffe ich, ist der Preis Bestärkung und Ermutigung weiterzumachen, damit engagiertes Kino weiter gemacht wird. Wir leben heute in Zeiten, in denen nichts wichtiger ist als Mut zur Aufklärung, Mut zur Qualität und Mut, dem Unmenschlichen ins Auge zu blicken.

Schon lange hat es vielleicht keine Woche mehr gegeben wie diese, in der die Welt so ohnmächtig und so sprachlos der kriegerischen Gewalt gegenübersteht – ich spreche von der Gewaltorgie in Ost-Ghuta in Syrien.

Sie haben sicher Anteil genommen, wie das UN-Kinderhilfswerk nichts als eine verzweifelte Frage in die Welt sandte: „Wir haben nicht länger die Worte, um das Leiden der Kinder und unsere Empörung zu beschreiben. Haben diejenigen, die dieses Leiden verursachen, noch Worte, um ihre barbarischen Taten zu rechtfertigen?“

Es ist überhaupt nicht einfach, bei diesem Flächenbrand, der im Nahen Osten tobt, Schuldige auszumachen. Dennoch lassen sich Dinge benennen, die auch hier getan werden können, um das Leid der Menschen zu mindern und neuen Ausbrüchen von Gewalt vorzubeugen.

Ich will drei Dinge nennen, welche sich auch auf andere Kriegsgebiete anwenden lassen:

  1. Es braucht ausreichende humanitäre Unterstützung für Menschen, die in Lagern leben, vor Ort und auch für die Menschen hier, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, und als Kriegsopfer Gesundheitsfürsorge und Bildungsangebote verdient haben – und keinen nationalistischen Geiz, keine antimuslimische Hetze.
  2. Es braucht doppelte und dreifache politische Anstrengungen, um die Konflikte zu lösen. Dass das Militärische allein keine Lösung bietet, wird immer dann deutlich, wenn man denkt: Schlimmer kann es nicht werden – und dann überrascht wird von noch mehr Brutalität und noch mehr Gewalt. Politische und diplomatische Lösungen werden gebraucht für diesen Nahen Osten, der deshalb Naher Osten heißt, weil er Europa so nahe ist. Hier ist Verantwortung gefragt, die von europäischen Staaten und auch der Bundesregierung zu wenig wahrgenommen wird.
  3. Und, liebes Publikum dieses 33. Friedensfilmpreises, es braucht den Widerstand oder besser den Aufstand der Vernunft – einen Aufstand gegen narzisstische Ignoranz oder freches Leugnen des Leidens der Zivilbevölkerung, wie es vom russischen Vertreter bei den Vereinten Nationen zu hören war.

Vermutlich wird es in nicht allzu ferner Zeit einen Film geben, der Ost-Ghuta aus Sicht der Kinder beleuchtet. Ein solcher Film wird erschütternd sein. Aber – er wäre ein Zeichen, dass ihr Leiden nicht vergessen ist, nicht verschwiegen wird. Denn die kalte Seite des Krieges und der Gewalt ist das Vergessen der Opfer.

Nur das Vergessen ermöglicht neue Gewalt, weil es die Erinnerung an das Leiden tilgt. Deshalb gehört die politische Lösung von Konflikten zusammen mit einer tiefgehenden Erinnerungskultur.

Meine Damen und Herren, zum Schluss möchte ich Carolin Emcke zitieren, Kriegsberichterstatterin, Kämpferin für den Frieden, Publizistin. Zu der Frage, was einen Film zu einem geeigneten Kandidaten für den Friedensfilmpreis mache, sagte sie:

„Zunächst einmal muss der Film ein guter Film sein. Damit meine ich erst einmal ganz handwerkliche Kriterien: gute Kameraführung, klare Dramaturgie, erkennbare Erzählstruktur. Einfach nur ein politisch wichtiges Thema zu nehmen, dann aber einen schlecht erzählten Film daraus machen – das reicht nicht. Was es dann zusätzlich braucht, um als Friedensfilmpreis-Film zu überzeugen, können ganz verschiedene Momente sein: Ein Film kann auf ein Unrecht aufmerksam machen, das unbeachtet geblieben ist; ein Film kann Konflikte zu ihren Quellen zurückverfolgen und uns damit eine Einsicht vermitteln, wie Gewalt und Krieg zu vermeiden wären; es kann also ein aufklärerischer Anspruch damit einhergehen. Aber für den Friedensfilmpreis kommen auch Filme in Frage, die eine Vision anbieten, die eine utopische Kraft in sich tragen, und uns damit anstiften können.“

Vielen Dank.

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