Neunzehnhundertachtundsechzig

Neunzehnhundertachtundsechzig

Freundinnen und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung berichten von ihren ganz persönlichen Erlebnissen im Jahr 1968. Stephan Lohr schreibt über seine ersten prägenden Lektüre- und Theatererlebnisse und die prinzipielle Skepsis gegenüber Autoritäten. 

„68“ wird inzwischen als Chiffre für den gesellschaftlichen Aufbruch der sechziger Jahre verstanden, es meint v.a. gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen von 1966 bis in die 1970er Jahre. 1968 war ich 18 Jahre alt, Schüler an einem humanistischen Gymnasium, aktiv in der Schülermit- und -selbstverwaltung wie auch im Stadtschülerrat von Hannover. Mit einer Delegation dieses Gremiums kam ich Ostermontag 1968, wenige Tage nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, nach West-Berlin und wurde Zeuge von „Teach-ins“ in der TU und FU, der aufgeheizten Stimmung in der Stadt. Als Schüler in Hannover wurde ich auch Zeuge des Trauermarsches für den durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossenen Benno Ohnesorg.

Aufgewachsen in einer liberal-bürgerlichen, katholischen Familie mit 4 Geschwistern erlebte ich ein offenes Klima, meine Interessen wurden unterstützt. So wurde mir zum 17. Geburtstag auf meinen Wusch hin die 20-bändige, broschierte Ausgabe der Werke Bertolt Brechts geschenkt. Schon vorher hatte ich in der FAZ, die mein Vater abonniert hatte, die ausführliche Berichterstattung über den Ausschwitz-Prozess in Frankfurt/M. verfolgt. Mein erstes prägendes Theatererlebnis war „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ am Schauspiel Hannover.

Mein prägendes Lektüreerlebnis 1968 war das Kursbuch 12: „Der nicht erklärte Notstand“. Nachhaltige Impulse empfing ich bei Werkwochen auf der Burg Rothenfels am Main, dem einstigen Zentrum des katholischen Bundes Quickborn; u.a. erfuhr ich hier eine Einführung in das Werk Albert Camus. Ich wurde Mitglied des linkskatholischen „Rothenfelser Kreises“, aus dessen Mitte u.a. die Zeitung Kritischer Katholizismus gegründet wurde, erstmals vorgestellt beim Katholikentag 1968 in Essen.

Meine intensiven kulturellen und v.a. politischen Aktivitäten führten zu einer Vernachlässigung des eigentlichen Schulstoffes; deshalb und weil mich meine Artikel in der Schülerzeitung u.a. mit Berichten über schlagende Lehrer im Lehrerkollegium unbeliebt hatten werden lassen, wechselte ich auf eine ländliche Internatsschule in NRW, um mein Abitur zu machen. Doch die Nähe zu Köln erlaubte mir die Teilnahme an den politischen Nachtgebeten in der Antoniter-Kirche.

Im Jahr 1971 begann ich an der Universität Hannover ein Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften. Durch meine Interessen und ein Abonnement der FR waren mir die Professoren in Hannover ein Begriff: Prof. Hans Mayer, Prof. Oskar Negt, Prof. Jürgen Seifert und Prof. Peter Brückner – durchweg Leute, die den Geist von „68“ verkörperten. Meine politische Heimat wurde das Sozialistische Büro, studentenpolitisch wirkte ich zwei Semester im AStA mit. Schon während des Studiums erlebte ich die Zersplitterungen der Bewegung, die unproduktiven Konkurrenzen zwischen Juso-Hochschulgruppe (die ich in Hannover mitbegründet hatte), Sozialistischen Hochschulbund (SHB), MSB Spartakus und den maoistischen Gruppen.

Nach dem zweiten Staatsexamen begann ich meine journalistische Laufbahn, zunächst in einem Fachzeitschriftenverlag, ab 1988 arbeitete ich beim Norddeutschen Rundfunk als Kulturredakteur.

Die Jahre um 1968 haben mich stark beeinflusst. Ich habe eine prinzipielle Skepsis gegenüber Autoritäten gelebt. Das Antiautoritäre, der Widerspruch, gelegentlich die Provokation verdanke ich den Prägungen durch „68“. Dass diese Zeit enorme Wirkungen gezeitigt hat, davon bin ich überzeugt. In der Erziehung, im Bildungswesen, in der radikaleren Öffentlichkeit, bei Gewerkschaften und in den Kirchen lässt es sich nachweisen.

Mit 1977, dem berühmten „Deutschen Herbst“ nach der Schleyer-Entführung durch die RAF, lahmte die progressive Bewegung, war nicht mehr meinungsprägend.

Das Jahr 1989, die überraschende Öffnung der Mauer und des „Eisernen Vorhangs“ eröffnete eine neue, spannende Zeit, die ich z.T. professionell beobachten und begleiten konnte. Eine Enttäuschung über den zerfallenen „realen Sozialismus“ war mir fremd, unser Linkssein war von Beginn an „antirevisionistisch“, also DDR-kritisch.

Freundinnen und Freunde, die ähnlich „tickten“, engagieren sich heute in der SPD, bei den Grünen und den Linken. Einer politischen Partei bin ich nicht beigetreten, gewählt habe ich meist die Grünen. Zu „68 – 50 Jahre danach“ habe ich für die Volkswagenstiftung ein „Forum Zeitgeschehen“ initiiert, mitkonzipiert und moderiert, das, u.a. mit Gretchen Dutschke und Prof. Klaus Meschkat, am 20. Juni im Schloss Herrenhausen in Hannover stattgefunden hat. Zur Begrüßung führte ich u.a. aus: 1968 hatte Voraussetzungen. So nannte sich etwa Jürgen Seifert (...) einen “58er”, er spielte damit auf die lange Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze an, die – auch das gehört zu 1968 – schließlich am 30. Mai des besagten Jahres von einer großen Koalition in Bonn beschlossen wurden. Auch die Ostermärsche datierten früher als „68“. Der französische Algerien- und der amerikanische Vietnam-Krieg gehörten zu den Gründen dieser außerparlamentarischen Opposition ebenso wie das zunehmende Unbehagen an den autoritären Strukturen der Ordinarienuniversitäten und der Schulen.

„68“ veränderte für viele auch das Private: Kommunen und WGs entstanden, Sexualität wurde ein öffentliches Thema, die Kindererziehung wandelte sich – und nicht zuletzt thematisierten viele Frauen die andauernde skandalöse Ungleichbehandlung und ermunterten ihre Zeitgenossinnen dazu, die Geschichte der Frauenemanzipation entschiedener fortzusetzen.

„68“ bewegte, öffnete Räume, ließ Experimente zu, sorgte in der Musik für neue Töne, in der Kunst für die Überwindung des Nur-Schönen, schuf einen bis dahin so nicht gekannten öffentlichen Diskurs.

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