Grüne Wir-Erzählungen und die Arbeitsgesellschaft

Grüne Wir-Erzählungen und die Arbeitsgesellschaft

Kommen wir dem „guten Leben“ durch die Zurückdrängung der Erwerbsarbeit näher oder doch eher durch ihre Humanisierung? Eine grüne Ideengeschichte der Arbeitsgesellschaft existiert nur in Ansätzen, die noch dazu kaum untereinander in Beziehung standen, diagnostiziert der Philosoph Otto Kallscheuer. Kommen wir dem „guten Leben“ durch die Zurückdrängung der Erwerbsarbeit näher oder doch eher durch ihre Humanisierung? Mit André Gorz fragt Kallscheuer: Warum nicht beides? Doch zum Auftakt diskutiert er zunächst zwei Wege, wie die Parteiwerdung der Grünen ideengeschichtlich einzuordnen ist.

Ein leerer Büroraum in dem Stühle gruppiert um einen Tisch angeordnet sind.Urheber/in: Tim Dorr. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Programm und Erzählung

1. Wozu eine Grüne Erzählung?

Wäre es nicht sinnvoller, die grüne Partei nach ihrem Programm zu fragen? –  Worin bestünde denn der Unterschied? –  Nun, bei einem Programm stellen sich Konsistenzfragen (in normativer Hinsicht), ebenso wie Fragen nach der Kompatibilität ihrer Ziele (sowohl in realpolitischer als auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht). Und diese haben Konsequenzen für die mittelfristige ‚Generallinie’ der Partei. Da geht es um politische Prioritäten: in ihrer zeitlichen Abfolge (zuerst X durchsetzen, und sich erst dann auf Y konzentrieren; Z hingegen nur dann zum Aktionsthema machen, wenn zugleich P oder zuvor zumindest Q geregelt sind) ...  aber vermutlich auch um Prioritäten in der Bündnispolitik, für die Wahlaussage, für die möglichen Koalitionen: Wenn sich z.B. X sich nur mit der FDP durchsetzen ließe, Z hingegen eher mit der CDU, während eine gebeutelte SPD unter Umständen sowohl für X als auch für Q zu gewinnen wäre ... was wäre dann die rationale Option? Aber auf solche direkten Entscheidungs-Fragen zielt die ‚Grüne Erzählung’ gar nicht.

2. Der autobiographische Pakt.

Es geht bei der Grünen Erzählung eher um die Kohärenz von Erinnerungen als um die Konsistenz von Politikzielen. Das liegt daran, dass ihr ‚Narrativ’ nach dem Modell der Lebensgeschichte aufgebaut wird: Verschiedene Phasen des eigenen ‚Wir’ sollten einander in (auto)biographischer Plausibilität folgen. Offenbar liegt das beim ‚Generationenprojekt’ der grünen Bewegung/Partei nahe. Denn die autobiographische Fiktion arbeitet retrospektiv, sie integriert ex post auch widersprüchliche Erfahrungen; sie versöhnt Parteifreunde/Todfeinde von vorgestern im Erfolg von heute (und vergisst, verdreht, marginalisiert andere Protagonisten); sie biegt verirrte, vergessene, verratene Wünsche und Hoffnungen um in ein Kontinuitätsnarrativ. Die Erinnerung muss ‚stimmen’, nur dann mag sie dann auch in eine völlig veränderte Gegenwartspolitik einstimmen.

Die klassische moderne Programmpartei, die alte Sozialdemokratie, musste bei entscheidenden Wendungen ihrer Geschichte ihre Programme, Prognosen, Prioritäten explizite revidieren: das Gothaer Programm, der Revisionismusstreit, die Wende von Bad Godesberg ... Die postmoderne Milieupartei der Grünen scheint hingegen wichtige, kontrastierende und teilweise widersprüchliche Identifikationspunkte ihrer Geschichte über eine erfolgreiche ‚Wir’-Erzählung zu assoziieren, zu rekonfigurieren oder zu amalgamieren – und zwar, ohne mit der eigenen Kindheit als Bewegungspartei explizite brechen zu müssen. Nicht so sehr die Konsistenz der Handlungsziele von gestern und heute zählt dabei, vielmehr ihre Kontinuität im Narrativ (oder der performance) von Authentizität: Gerade weil ich dazu stehe ... vor Brokdorf oder Mutlangen Steine gegen die Bullen geschmissen zu haben ... eben darum kann ich heute umso glaubwürdiger ... eine personelle Aufstockung der Polizei, die Moratoriumslösung in Sachen Endlagerung oder den Auslandseinsatz der Bundeswehr in XY befürworten ...

Zu diskutieren wäre, ob diese hier nur für die Gründungsgeneration der Grünen skizzierte Problematik (Authentizität als Modus autobiographischer Kohärenz) auch für nachfolgende grüne Generationen und ihre Erfahrungen, Konflikte und Selbstbeschreibungen noch zutrifft? Oder war es vor allem für die ‚68er’ (und die nachfolgende Generation) typisch, sich mit der eigenen politischen Firma (über)identifizieren zu müssen – und damit für Bekenntniserzählungen besonders anfällig zu sein?

3. Overlapping consensus.[1]

Die milieu-biographisch kohärente Integration verschiedener Erinnerungen in eine grüne Erzählung als Identitäts-Strategie muss nicht per se negativ sein (eine Fälschung, Heuchelei oder fake history), solange sie die diversen grüne Autofiktionen nicht allzu weit über die Grenzen ihrer Glaubwürdigkeit hinaustreibt (aber geschieht auch das nicht in Programmparteien?). Im Erfolgsfall könnte es der grünen Partei immerhin gelingen, das Patchwork aus extrem verschiedenen Bewegungsidentitäten, Wählersensibilitäten und Generationserfahrungen, aus denen sich in der Vor- und Frühphase der Partei das grüne Profil zusammensetzte und herauskristallisierte,[2] in so etwas zu transformieren wie einen ‚übergreifenden Konsens’.

Schließlich bilden die recht verschiedenen grünen Ursprungserzählungen, ebenso wie ihre Oppositionsmotive gegenüber dem bestehenden System, ein Kaleidoskop des kulturellen Mentalitätswandels in der Bundesrepublik, der den politischen Generationswandel seit den sechziger Jahren prägte (und von ihm geprägt wurde). Grüne kamen ursprünglich aus der Friedensbewegung, der Anti-AKW-Bewegung, aus lokalen Umweltschutzinitiativen, aus der Frauenbewegung, von ehedem marxistischen und/oder spontaneistischen Militanten diverser linksradikalen post-68er Wirrungen ... Auf ihrer Suche nach politischer Macht im parlamentarischen System hatten sie sich zunächst regional unterschiedlich als Grüne oder Alternative Listen gruppiert. Nun standen sie zum einen in parteipolitischer Konkurrenz (also: in ideologischer Abgrenzung) zum sozialdemokratischen Marsch durch/in die Institutionen eines anderen Teils ihrer politisch aktiven Generationskohorte; und zum anderen traten sie damit zugleich in kulturellen Kontakt und ideologische Konkurrenz mit ganz anderen, ‚alternativen’ Milieus aus der Umweltbewegung. Hier gab es gegenüber den ‚Linksalternativen’ völlig verschiedene Erzählungen und Begründungen für das Bestreben um Naturschutz, Öko-Sensibilität, sanfte Technik und konviviale Bürgernähe. Sie kamen etwa von anthroposophischen Kreisen, aus diversen Varianten des New Age, aber auch von konservativen Ökologen.

Nachdem mit den ‚Realos’ der grüne Wille zur Macht im parlamentarischen Parteiensystem obsiegt hatte, passte sich der Bewegungsflügel an, d.h. er transformierte sich innerhalb der Partei zu einer mehrheitsrelevanten ‚Strömung’; die Extreme von rechts und links wurden gekappt oder verließen die Partei freiwillig ... und schließlich kam mit und nach der deutschen Wiedervereinigung noch die Assoziation der Westgrünen mit ihren kulturell zunächst eher fernen Kusinen und Vettern von ‚Bündnis 90’ hinzu.

4. Wertepartei?

Die Integration von Bündnis 90 war natürlich überlebensnotwendig, nicht zuletzt nach dem grünen Scheitern der ‚Nach-Wende-Wahl’ im Westen. Sie war aber zugleich auch ein Test darauf, ob es der Grünen Partei gelingen würde, ihre multiple(n) politische(n) Identität(en) für Aktivisten und Anhänger glaubwürdig zu integrieren. Ebendies nämlich geschah in den grünen Partei- oder Wahlprogrammen nicht. Dort wurden alle Sensibilitäten bloß in den bald sprichwörtlichen endlosen Aneinanderreihungen von „SPIEGEL-Strich-Forderungen“ addiert (die in der journalistischen Berichterstattung schon bald zur Karikatur grüner Programmatik avancierten).

Die postmoderne bricolage der Grünen Partei durch eine lockere Integration von ‚Wir’-Erzählungen hingegen hat am Ende funktioniert: Aus der Assoziation verschiedenster Narrative formierte sich, gestützt und begrenzt durch parlamentarische Präsenz und Regierungsbeteiligung ein vages und hybrides grünes ‚Wir’, welches die Führungsgruppe in Bonn bzw. Berlin stützte und (häufig murrend) trug, sie aber nicht mehr oder nur zuweilen rituell (auf Parteitagen) infrage stellen konnte. Im Ergebnis sind die Grünen als Partei eines postmaterialistischen Milieus zu einer liberalen Wertepartei geworden:[3] nicht mehr die jeweilige umfassende (mehr oder minder konsistente) Doktrin zur Begründung von Naturverträglichkeit, Klimaschutz, Friedenspolitik und Lebensschutz, Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte und ein bürgerrechtliches Europa bestimmt ihre gemeinsame politische Identität, sondern nur diejenigen gemeinsame Grundwerte, die alle jeweiligen Bewegungsvorgeschichten und ihre heutigen Mitglieder- und Anhängermilieus teilen könn(t)en.

5. Moralische und politische Konsistenz.

Ende gut – alles gut? Der hohe Preis für diese recht erfolgreiche Aggregation eines Patchworks von ‚Bewegungsidentitäten’ zum Profil einer politischen Partei ist ihr Mangel an programmatischer Konsistenz – und damit auch an effektiver politischer Kontrolle der Führung. Dieser Mangel erleichtert beim jeweiligen Wechsel der politischen Linie der Führung das Geschäft (da es nur wenige für alle innerparteilichen Identitäten eindeutigen Kriterien für ‚Verrat’ gibt); er hält freilich auch das Ideenreservoir für künftige Politiken relativ offen (es gibt ja keine verpflichtende Doktrin). Doch zugleich riskiert die Partei weniger eine grüne Beliebigkeit (die ihr die Konkurrenten von der Linken gerne vorwerfen) als vielmehr eine häufig moralistische Verengung der öffentlich verhandelbaren Entscheidungs- (bzw. Legitimations-)Gründe.[4] Die in ihrem Selbstverständnis ‚verantwortungsethisch’ handelnde Führung und die weiterhin stets ‚gesinnungsethisch’ zu überzeugende Mitgliedschaft bleiben funktional entkoppelt.

Grüne Arbeitsgesellschaft?

6. Gibt es eine grüne Ideengeschichte von Arbeit und Technik?

– Ich bezweifle das. In das Verhältnis der Grünen zur industriellen Arbeitsgesellschaft sind recht gegensätzliche, ja widersprüchliche Ideenbausteine bzw. Arbeitsideologien eingegangen. Das gilt nicht zuletzt für ihr Verhältnis zur marxistischen Ideenfamilie. So hat paradoxerweise ausgerechnet die Herkunft eines Teils der späteren Grünen aus dem marxistischen (teilweise gar leninistisch-maoistischen) Linksradikalismus diese eher daran gehindert, auch auf jene Elemente der Frühschriften Karl Marx’ zurückzugreifen, in denen der rheinische Republikaner im Exil vom Ziel u.a. einer Überwindung der Entfremdung des Proletariats (auch) in der Arbeit sprach, von einer Neubestimmung des Verhältnisses des Menschen zur „Natur in ihrer Universalität“ als „unorganischer Leib des Menschen“ durch die „Überwindung des Privateigentums“[5] ... (usw.).

Ausgerechnet dieser ‚humanistische’ junge Marx, den der junge Marcuse in den 30er Jahren entdeckt und gefeiert hatte, galt nämlich dem Parteikommunismus im und nach dem Kalten Kriege als ‚sozialdemokratisch, revisionistisch, reformistisch’ – und das galt auch für die unter den Reformtechnokraten des Prager Frühlings diskutierten Perspektiven einer ‚Humanisierung der Arbeitswelt’, die (wie der Richta-Report) in der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung eine wichtige Debatte ausgelöst hatten.[6]

Die Linksradikalen unter den künftigen Grünen aber solidarisierten sich eher mit den ‚fordistischen Massenarbeitern’; revolutionäre Identifikationsmomente fanden sie eher in militanten Widerstandsformen, in der Feier des Ausnahmezustands von Streik und Fabrikbesetzung, als in einer schrittweisen Veränderung des industriellen Arbeitsalltags, gar noch  im Rahmen der Mitbestimmung.[7] – Aber die Sicherung der Arbeitsplätze? Je früher die stumpfsinnige, wenig schöpferische Massenarbeit im Fließbandrhythmus verschwinde, desto besser, räsonierte nicht allein der später ‚ökolibertäre’ Grüne Thomas Schmid ... Auch diese Haltung konnte sich natürlich auf Karl Marx berufen, welcher im 3. Band des Kapital bemerkt hatte, das Reich der Freiheit ließe sich sowieso nur jenseits des Reichs der industrialistischen Notwendigkeit verwirklichen: Die Verkürzung der Arbeitszeit sei dafür die Grundbedingung.

7. Alternative (zur) Arbeit?

Die ideelle Suche nach nicht-entfremdeten Arbeitsformen fand im Umfeld der grünen Parteibildung daher eher außerhalb der Bezugspunkte der industriellen Arbeitswelt und der sozialdemokratischen Tradition der Arbeiterklasse statt: Einerseits in den pädagogischen Berufen (aus denen sich ohnehin ein Großteil der grünen Klientel rekrutierte), im Erziehungs- und Bildungssektor, also bei der Humanisierung von Humandienstleistungen; andererseits im Umkreis der ‚alternativen’ Ökonomie, des sogenannten Dritten Sektors, der genossenschaftlichen Selbstverwaltung  (und Selbstversorgung) im handwerklichen, Kultur- und Dienstleistungsbereich. 

Ideengeschichtliche Anknüpfungspunkte für einen solchen Reformismus alternativer Arbeitsformen, sanfter Technik, der stärkeren Einheit von Arbeit und Leben (usw.) fand die proto-grüne Alternativbewegung in der U.S.-amerikanischen Kommunebewegung und nicht zuletzt in einer durchaus romantisch-religiösen Begrifflichkeit der ‚Ganzheitlichkeit’ in den Lebens- und Arbeitsbezügen, von ‚natürlicher Kreislaufwirtschaft’, häufig auch mit anthroposophischen Hintergrund, kaum aber im von Marx ‚utopisch’ gescholtenen Frühsozialismus.

Im Vergleich zu den vor allem in der Frühphase der Grünen zeitweilig einflussreichen Ideenbausteinen aus der Steinerschen Tradition oder auch manchen New Age-Assoziationen an fernöstliche Spiritualität spielten interessanterweise die genossenschaftlichen (also die Arbeitswelt kommunitär ‚humanisierende’) Ideen z.B. aus der katholischen Soziallehre in der grünen Formationsphase überhaupt keine Rolle. Katholische Aktivisten bei den Grünen kamen ohnehin eher aus Dritte-Welt-Initiativen oder von der Landjugend als aus der Arbeiterbewegung; an Ideen der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand aus der katholischen Soziallehre knüpften sie weniger an als an die mehr oder minder revolutionäre ‚Theologie der Befreiung’ in Lateinamerika.

(Eine Randbemerkung: gab und gibt es auch spezifisch protestantische Sensibilitäten in der grünen Mentalität? Gewiss gab es sie, auch diesseits der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Spontan fallen mir vor allem zwei in unserem Zusammenhang relevante Akzente ein: ein Subjektivismus der Authentizität, auch der Selbstverwirklichung im Beruf, v.a. in Sachen Beziehungs- und Erziehungsarbeit, der wohl viel mit der lutherischen Matrix der deutschen Romantik zu tun hat; zum anderen ein Bekenntnis-Rigorismus zur korrekten Linie, „hier steh’ ich etc.“, der wohl für Teile der grünen Fundis dereinst prägend war, aber sich inzwischen vermutlich kulturprotestantisch abgeschliffen hat  ...)

8. Kapitalismus als Kommunismus? (oder umgekehrt?)

- Was geschah nun mit diesen wenig ausgegorenen ideologischen Keimen für die Diskussion um mögliche Politiken der Arbeit in der weiteren ‚grünen Ideengeschichte’?[8] Grosso modo scheinen mir die genannten Alternativen weiterzubestehen: zwischen (a) der Befreiung von der Erwerbsarbeit (durch Verkürzung der Arbeitszeit) und (b) der Humanisierung der Erwerbsarbeit selbst, entweder durch ihre kommunikative und technisch Anreicherung innerhalb des industriellen Produktionsprozesses oder durch ihren Exodus in alt/neue handwerkliche Produktion in alternativer oder neuer Service-Ökonomie.

Darum nur ein sehr grober Hinweis auf die Spannweite der möglichen Positionen, die es (soweit ich sehe) allesamt innerhalb des grünen Spektrums gibt. Wird die kapitalistische Industrie vor allem als versklavend und entfremdend gesehen – als ‚Megamaschine’ – dann gilt es, ihre ökologischen ebenso wie ihre humanen Schäden zu begrenzen, also die Arbeitszeit zu verkürzen, und die Ergebnisse der industriellen Produktion gerecht zu verteilen, statt der handwerklichen Illusion ‚ganzheitlicher’ Arbeitsverhältnisse nachzujagen. Es kömmt vielmehr darauf an, die Bindung humaner Identität, Wertschätzung und Selbstwertentwicklung an die Erwerbsarbeitsmuster der industriellen Arbeitsgesellschaft so bald und weit und so tief wie möglich zu kappen.

In diese Richtung weist die grüne Debatte um ein garantiertes Grundeinkommen für alle, das allen auch die Möglichkeit autonomer Tätigkeiten jenseits der Sphäre der materiellen Produktion eröffnen soll. Ein solches politisch verantwortetes allgemeines Bürgergehalt kann auch durch Argumente sozialer Gerechtigkeit gestützt werden, es wäre der ‚kapitalistische Weg zum Kommunismus’.[9]

9. Grüner Kreativ-Kapitalismus?

 Eine Nachfolgethematik zur Debatte um nicht-entfremdete, konviviale, Formen kooperativen Arbeitens findet sich heute nicht mehr nur im ‚Alternativsektor’, sondern auch im realen (und zunehmend auch virtuellen) Sektor der ‚Kreativökonomie’. Sie ist neben die längst in Bio-Food-Ladenketten und Wellness-Wirtschaft hochprofessionalisierte und durchkapitalisierte ‚Alternativökonomie’ getreten (in der von der Utopie nicht-entfremdeter Arbeit wenig mehr übriggeblieben ist als freundlichere Arbeitsbeziehungen). Die ‚Kreativökonomie‘ hat sich in vielen Bereichen der keineswegs mehr auf klassische Humandienstleistungen eingeschränkten elektronischen und ‚im Netz’ agierenden Serviceökonomie zunehmend eigene Nischen und Anlagefelder erobert.

Freilich folgen innerhalb der ‚Kreativ’-Szene (die zugleich eine innere Klassendifferenzierung reproduziert[10]) die Ethik und Ästhetik des empowerment durch derart schöpferische Arbeit (eine ‚Arbeit’, die auch im Kommunikations-Design bestehen mag) vermutlich eher der Logik von Show-Geschäft und Public Relations als dem alten Handwerker-Modus der autonomen Produktion von Gebrauchswert, welches das klassische Arbeitsideal von Aristoteles bis Karl Marx geprägt hat.[11] Wichtiger als das Erschaffen sind hier performance und impact des gesamten Produktpakets: der Eindruck, denn das Künstlerkollektiv X oder das Start-up-Unternehmen Y auf das digital zustimmungs- und zahlungsfähige Publikum potentieller Zuschauer oder ‚User’ macht.  

Ich vermute, in diesem Bevölkerungssegment von digitalen Designern und kreativen Usern gibt es ein Gutteil von kosmopolitisch eingestellten Technologieentwicklern und Globalisierungsgewinnern, welche im Zweifel durchaus Grüne wählen. Gehören auch sie zur Grünen Erzählung? Sie würde so zur Option des ökologisch bewussten Kreativkapitalisten als einem Menschen, der „frei vom physischen Bedürfnis produziert und erst wahrhaft produziert in der Freiheit von demselben (...) weil er (sc. im Unterschied zum Tier) nach dem Maß jeder Spezies zu produzieren weiß und überall das inhärente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit“.[12] Und was ist mit dem ‚digitalen Prekariat’, dem ausgelagerten oder pseudo-selbständigen Proletariat der Entwickler- und Start-up Szene, die die den Sprung in diese autonome Produktion nicht geschafft haben?

10. Aut aut? Tertium Datur.

Einer der wenigen Denker, der beide Hörner dieses Dilemmas (meine Punkte 8. und 9.) zusammengedacht hat, war ein (wahl-) französischer Existentialist und radikaler Sozialist: André Gorz, dessen Kritik der ökonomischen Vernunft (1989) das Grundlagenwerk jeder ökologischen Kritik des industriellen Kapitalismus bleibt. Auch er hat sich in seinen letzten Jahren für die utopischen Chancen der Wissensgesellschaft interessiert: für die Selbstorganisation des „General Intellect“ (Marx), der zwar im Hochkapitalismus zur eigentlichen Ressource von Produktivitätssteigerungen wird, aber zum Zwecke seiner Kapitalisierung privatisiert und verknappt werden muss.[13] Gorz’ späte sozialtheoretische Bücher Arbeit zwischen Misere und Utopie (2000) und Wissen, Wert und Kapital (2005)[14] endeten in einer fast apokalyptischen Alternative: Entweder das Internet als freie Assoziation oder die digitale Barbarei der Megamaschine. Als Fragen formuliert: Nutzen wir im digitalen Kapitalismus die Chancen zur freien elektronischen Assoziation unserer Kenntnisse, Bedürfnisse, Projekte – die sich im Netz in freien weblogs artikulieren und sozialisieren ließen? Oder wird sich gegen die Idee einer frei vernetzten „Kulturgesellschaft“ das totalitäre Projekt der techno-digitalen „Megamaschine“ durchsetzen? Hier wäre anzuknüpfen, auch wenn es nach Lage der Dinge gegenwärtig wenig Raum für Hoffnung gibt.

Aber auch der frühere Gorz verdient erinnert und aktualisiert zu werden: In diesen Arbeiten hatte Gorz noch stärker versucht, die Reduzierung systemischer (Kapital-)Macht über die Arbeit in der industriellen Produktion zu verbinden mit der Reduzierung des ökonomischen Zwangs zur klassischen Erwerbsbiographie in den politisch sanktionierten Normen von Arbeitsmarkt und Sozialsystem: Der Kampf für höhere Zeitsouveränität der Arbeitnehmer gegenüber dem Erwerbssystem und die Erweiterung der strikt standardisierten Arbeitsabläufe durch kreative und kommunikative Kompetenzen müssten sich ja nicht zwangsläufig behindern, im Gegenteil. Ein anderes Beispiel: Eine avancierte Industriepolitik zur Produktion von ‚alternativen’ (sprich: erneuerbaren, ressourcenschonenden, ökologisch verträglichen) Energien wird auch einen anderen, kooperativeren Modus der Interaktion von Research & Development mit den Bereichen von Erprobung, Marketing und Anwendung erfordern.

Können grüne Erzählungen auch für solche Projekte und Arbeitswelten plausible und zugleich sozial verallgemeinerbare Antworten geben? Es lohnt sich, darüber mit Erzählern zu streiten, die vom Fach sind.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers zur "grünen Erzählung 2018"


[1] Den Terminus overlapping consensus verwendet John Rawls, der Kirchenvater neuerer sozialliberaler Gerechtigkeitslehren, für die begrenzte, aber bindende Übereinstimmung der Bürger eines liberalen Gemeinwesens zu dessen Grundwerten, ohne dass dieser Konsens auch die jeweilige umfassende Begründung für diese Werte einschließen müsste (denn diese wird ja für Muslime, Calvinisten oder Agnostiker, für Platoniker, Kantianer oder Utilitaristen ganz verschieden ausfallen).

[2] Nicht zuletzt unter dem Systemzwang der 5%-Sperrklausel, vgl. Angelo Bolaffi/ Otto Kallscheuer, „Die Grünen: Farbenlehre eines politischen Paradoxes“, in: Prokla, Nr. 51 (1983).

[3] In Analogie zu den Grundwerten des overlappung consensus in John Rawls’ ‚politischem Liberalismus’. In diesem Sinne wurde die Sozialdemokratie ideologisch erst 1959 mit ihrem Bad Godesberger Parteitag zu einer (sozial)liberalen Partei ...

[4] Der schlagendste Fall war Joschka Fischers Bemühen von „Auschwitz“ zur Begründung des grünen Kurswechsels im Jugoslawien-Krieg. In der aktuellen Debatte zur Flüchtlingspolitik gibt es ähnliche Neigungen ...

[5] Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Hamburg: Meiner Verlag 2005), S. 63.

[6] Man denke auch an den Kampf der die französischen CFDT-Gewerkschaft um Selbstverwaltung am Arbeitsplatz und die Thesen von Intellektuellen wie André Gorz und Serge Mallet zur Rolle der ‚technischen Intelligenz’.

[7] Jede Verallgemeinerung ist falsch: Das Gesagte gilt nicht für Willi Hoss und die Stuttgarter ‚Plakat’-Gruppe bei Daimler, die für eine Humanisierung und multifunktionale Anreicherung der industriellen Arbeitswelt kämpfte. Bekanntlich wurde Hoss zu einem der prominentesten Abgeordneten der GRÜNEN.

[8] Es gab natürlich noch andere Ansatzpunkte. Eher spät rezipiert wurde z.B. Hannah Arendts Kritik der Arbeitsgesellschaft, auf die ich hier nicht eingehe: Sie war normativ interessant und republikanisch erhebend, aber analytisch für die Wirklichkeit der industriellen Arbeitswelt des Spätkapitalismus kaum präziser als die ‚Frankfurter’ Kritik der ‚Kulturindustrie’ für die westliche und inzwischen globale Popkultur des postindustriellen Kapitalismus.

[9] Yannick Vanderborght/Philippe Van Parijs, Ein Grundeinkommen für alle?, Frankfurt/M. – New York 2005, S. 87 – 99; vgl. dazu jetzt die neo-kommunistischen Thesen von Peter Frase, „Vier Zukünfte“, in der Jacobin-Anthologie (Suhrkamp  2018), S. 73-104.

[10] Andrea Manske, „Schuften im Namen der Freiheit. Kreativität als Falle“, in: taz, 21./22. April 2018, S. 11.

[11] Hannah Arendt unterscheidet das ‚Herstellen’ sowohl von der Arbeit als auch vom (freien, kommunikativen, politischen) Handeln: Vita activa (1967), 4. Kapitel.

[12] Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 63.

[13] Siehe Gorz’ Paper „Welches Wissen? Welche Gesellschaft?“, zugänglich auf der Website der Böll-Stiftung.

[14] Erschienen im Suhrkamp Verlag bzw. im Zürcher Rotpunkt-Verlag Zürich, der im Jahr 2010 auch die Kritik der ökonomischen Vernunft in einer Neuauflage herausgebracht hat. Im Wagenbach-Verlag erschien soeben das von Claus Leggewie und Wolfgang Stehnke herausgegebene Buch André Gorz und die zweite Linke (2018) mit unveröffentlichten Texten von Gorz und aktuellen Kommentaren und Kritiken.

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1 Kommentar

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christine Müller

Großartig !
Endlich endlcih neue Gedanken, zu Ende gedacht, erarbeitet und ausgetauscht.
Eine Zeitenwende für grüne Zeitgenossen und solche, die es jetzt werden können.
Finally w'll make it?