Thesen zur grünen Geschichte von Mensch und Natur

Thesen zur grünen Geschichte von Mensch und Natur

Am Ursprung der grünen Auseinandersetzung mit der Frage von Mensch und Natur stand die Staatskritik der „neuen Linken“, beispielhaft verkörpert im Protest gegen Atomkraft. Seit dem Ausstieg muss das Thema „nachhaltige Entwicklung“ diese Lücke im Zentrum des grünen Diskurses füllen.

Ein Junge, stehend in grünem Feld, vor einem AKWUrheber/in: artemio. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das grüne Reden über Mensch und Natur ist ein Ergebnis eines voraussetzungsvollen Politisierungsprozesses, der – auch wenn er Jahrzehnte zurückliegt – immer noch Folgen hat. Diesen Prozess in den Blick zu nehmen, hilft zu verstehen, in welcher spezifischen Weise ‚Natur‘ in diesem Diskurs wichtig wird, worauf er dadurch die politische Aufmerksamkeit lenkt, und wovon er dadurch die politische Aufmerksamkeit abzieht.1

Ausgangspunkt dieser Geschichte ist die Staatskritik der neuen Linken

Die grüne Partei entstand im Kern aus einer Kooperation untereinander zerstrittener Fraktionen der westdeutschen (ehemals) ‚neuen Linken‘.2 Trotz aller Wandlungen wirkt in ihr – auch nach der Kooperation mit dem Bündnis 90 – ein Deutungsmuster fort, das in der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre entstanden ist; allerdings hat sich dieser Diskurs von seinem politischen Ursprung abgekoppelt. Dabei kommt es vor allem auf zwei Punkte an:

  1. Im Lauf der Mobilisierung gegen die von der Großen Koalition geplanten und am 30. Mai 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze stellte eine studentische Protestfraktion auf eine tiefer ansetzende Staatskritik um, die einen katastrophalen politischen Wandel drohen sah: Gerade die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und die Folgeereignisse machten es für manche Protestteilnehmer plausibel zu sagen: „Das postfaschistische System in der BRD ist zu einem präfaschistischen geworden.“ (SDS-Flugblatt). Dieses unterstellte faschistische Potenzial stand fortan im Zentrum des Protestdiskurses.
  2. Dabei begriffen diese Protestteilnehmer den Staat als eine Instanz, die selbst das Bewusstsein derer formte, die ihm fundamental kritisch gegenüberstanden. Darum lag es für sie nahe, sich und andere zu verdächtigen, von dieser abgelehnten Umwelt geprägt zu sein, und darum nach Mitteln zu suchen, die das richtige Bewusstsein erzeugen und stabilisieren können. Das beförderte auch eine Umstellung auf das politische Organisationsmodell der (mit Max Weber gesprochen) Virtuosengemeinschaft, das darauf gründet, dass sämtliche Mitglieder die geforderte ‚innere‘ Haltung teilen.

Der Weg über das Thema ‚Atomkraft‘

Die in den Protesten der ‚neuen Linken‘ zuvor kaum präsente Frage der ‚Natur‘ wurde auf diese Weise zum Thema: Schon die wohl erste Thematisierung von ‚Natur‘ in einer der Gruppen, die zur Entstehung des grünen ‚Diskurses‘ beitrugen, war über diese Staatskritik vermittelt; die christlich-anarchistischen „Gewaltfreien Umweltaktionen“ planten Anfang der 1970er Jahre „Umweltaktionen“, die sich gegen Truppenübungsplätze richteten.

Auch das für den grünen Diskurs wesentliche Problem ‚Atomkraft‘ wurde für die Beteiligten auf diese Weise zentral. Zunächst engagierten sich ‚gewaltfreie‘ Gruppen im Protest gegen ein Mitte der 1970er Jahre in Wyhl (Südbaden) geplantes AKW vor allem, weil sie in den ortsansässigen Bauern Partner für das Ausprobieren ‚gewaltfreier‘ Politikformen vermuteten. Entscheidend ist dann, dass Erfahrungen mit Polizeigewalt an der AKW-Baustelle es möglich machten, das AKW als Symbol staatlicher Gewaltbereitschaft zu begreifen und auch die Nuklearkatastrophe als Extremfall möglicher staatlicher Gewalt anzusehen.

Ein übergreifendes ‚grünes‘ Deutungsmuster entwickelte sich zunächst, weil die Beteiligten von diesem Punkt aus in unterschiedliche Richtungen verallgemeinerten:

  • Vom nuklearen GAU hin zu anderen technischen Gefahren und Natur-Beschädigungen, zunächst: der Chemiekatastrophe (die anfangs mit Bildern illustriert wurde, die denen eines Atompilzes ähneln). Auch das Thema ‚Gentechnik‘ passte hervorragend in das am Fall des nuklearen GAU entwickelte Suchschema: Auch hier lassen sich Risiken erkennen, die letztlich unkalkulierbar bleiben – nun nicht mehr nur, weil sie so groß sind, sondern auch, weil die Vermutung plausibel ist, dass manche Risiken – sog. ‚hypothetische‘ Risiken – im Vorhinein gar nicht klar abzusehen sind. Das stützte ein Bild einer ‚Natur‘, die sich in einer höchst prekären Balance befindet. (Dieses Bild wurde auch durch ethische Zweifel an Praktiken gestützt, die sich aus dieser Sicht als ‚Eingriffe in die Natur‘ darstellen. Diese Position wurde in der grünen Partei auch mit religiösen Argumenten begründet, genauso wie, etwa in der CDU, die Gegenposition.)
  • Von den Problemen der Atomkraft-Infrastruktur zu den allgemeinen Problemen großer Infrastruktur-Projekte (für die 1970er und frühen 1980er Jahre paradigmatisch: die Startbahn West), nun mit größerer Aufmerksamkeit für die mit solchen Projekten verbundene Zerstörung von Natur.
  • Von den Gefahren der ‚friedlichen‘ Nutzung der Atomkraft hin zu denen auch der militärischen Nutzung; damit wurden die Themen ‚Technik‘ (sowie indirekt: ‚Natur‘) und ‚Krieg‘ in neuartiger Weise eng verknüpft.

Die Konsequenz: eine spezifische Politisierung des Mensch-Natur-Verhältnisses

Die grüne Politisierung von Natur bleibt einerseits von dem zuvor skizzierten, zunächst staatskritisch motivierten Schema geprägt:

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Möglichkeit katastrophaler Schäden. (Dieser Diskurs spricht zwar von Risiken, und ein Ende des letzten Jahrhunderts populäres Buch heißt „Risikogesellschaft“. Es folgt aber nicht mehr dem klassischen ‚Risiko‘-Schema, das Schäden unterstellt, bei denen es möglich und sinnvoll ist, das Produkt aus Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit zu berechnen.)
  • Dabei wird meist stillschweigend unterstellt, dass die Katastrophe unterschiedslos alle trifft. Das ist eine wesentliche Option zur grünen Konstruktion politischer Einheit: Die Katastrophe, die alle gleichermaßen betreffen würde, stiftet ein neues politisches Kollektiv – eine Gemeinschaft derer, die ein Interesse daran haben, die Katastrophe abzuwehren. (Das Besondere dieser Art, Risiken zu thematisieren, zeigt sich, wenn man sie mit der Figur der environmental justice vergleicht, die in der US-amerikanischen Umweltbewegung eine wichtige Rolle spielt. Sie hebt gerade hervor, wie die Gesundheitsschäden, die durch Naturzerstörung entstehen, sozial ungleich verteilt sind. Ihr Modellfall ist nicht der Raumgrenzen aufhebende GAU oder die sich überall verbreitende Emission, sondern die Giftmülldeponie, die sich in der Nähe eines Wohngebiets befindet und dessen Bewohner – oft Schwarze oder Latinos mit niedrigem ökonomischem Status – langsam vergiftet. Auch davon aus ließe sich verallgemeinern: Zumindest die mittelfristigen Folgeprobleme des Klimawandels sind oft sozioökonomisch ungleich verteilt, ebenso die Belastungen durch Feinstaub und Dieselabgase, die oft in Zonen höher ausfallen, in denen ökonomisch Schlechtergestellte wohnen, etc.)
  • Damit wird es auch möglich, diese drohende Katastrophe als absolut prioritär zu behandeln (in einer Weise, die an die leninistische Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenwidersprüchen erinnert). Es wird dann z.B. möglich zu sagen: Da die drohende Klimakatastrophe dazu nötigt, erst einmal die Welt zu retten, müssen bis dahin andere Themen hintanstehen.
  • Die Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf Schäden, die unmittelbar Leib und Leben betreffen. Das gilt auch im Fall von Risiken, die vom Modellfall des GAU relativ weit entfernt sind. (Vgl. etwa die deutsche Debatte über Glyphosat, die sich auf die möglichen Gesundheitsschäden fokussiert, und zwar vor allem auf die der Konsumenten, während der ökonomische Strukturwandel, den diese Technik den Produzenten aufzwingt, erst nachrangig Thema wird.)

Andererseits wird ‚Natur‘ auch in den Teil des zunächst neulinken Diskurses integriert, der die Notwendigkeit individueller Selbstveränderung – das Gewinnen des richtigen ‚Bewusstseins‘ – hervorhebt. Die Idee, dass individuelle ethische Veränderungen und individuelles moralisches Handeln jeweils einen Weg zur Lösung politischer Probleme bieten, erhält dadurch insgesamt hohes Gewicht. (In dieser Aufwertung einer individuell zu vollziehenden Askese zeigt sich wohl am stärksten das Fortwirken christlicher Motive; schon Ende der 60er Jahre war „Kritischer Konsum“ ein Thema von Aktionen v.a. protestantischer Gruppen.) Eine ‚naturnahe‘ Lebensweise – die sich v.a. auf asketische Praktiken wie z.B. Vegetarismus stützt – kann dann auch als Mittel zur Gewinnung des richtigen Bewusstseins gelten, aber auch als Beweis dafür, dass eine Person das richtige Bewusstsein erreicht hat. Diese auf individuelle Moral fokussierte Perspektive macht es dann möglich zu sagen, es sei schlicht eine Moralfrage, ob jemand seine Nahrungsmittel in Bioläden einkaufe oder nicht.

Schwierigkeiten beim Versuch, ‚Natur‘ – über die Figur der Nachhaltigkeit – ins Zentrum des grünen Diskurses zu rücken

In der Gründungsphase ermöglichte dieses Thema (wie oben gesehen) eine Verknüpfung unterschiedlicher politischer Objekte und ließ sie als Elemente eines vorher gar nicht denkbaren Zusammenhangs erscheinen; darum konnte das AKW als Bezugspunkt einer Kooperation zwischen zerstrittenen Gruppen dienen, und ein 1979 veröffentlichter Band mit Texten aus der Parteigründungsdebatte konnte Alternativen zum Atomstaat heißen. Auch für die konsolidierte Partei blieb der Atomausstieg letztlich das einzige Ziel, das als nicht grundsätzlich verhandelbar galt.

Nach dem Vollzug des Ausstiegs muss darum eine Leerstelle im Zentrum des grünen Diskurses gefüllt werden. An diese Stelle wird heute meist ein ‚Natur‘-Thema – das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ – gesetzt. Zu fragen wäre einerseits, ob diese Gedankenfigur die konzeptuelle Vernetzung im gleichen Maße leisten kann; andererseits, ob das zukunftsbezogene Disziplinierungsprojekt ‚nachhaltige Entwicklung‘ die gleichen positiven Affekte wecken kann wie der gemeinsame Protest gegen einen bereits gegenwärtigen ‚Atomstaat‘.


1 Im Folgenden nutze ich Ergebnisse aus meinem Buch Die Entstehung der grünen Politik, Frankfurt a.M. 2014; dort finden sich auch ausführliche empirische Belege.

2 In der Phase der Parteigründung suchten diese neulinken Fraktionen den Kontakt zu politisch sehr anders ausgerichteten Gruppen, die diverse Ressourcen zur Verfügung stellen konnten, ohne die die Organisationsgründung kaum möglich gewesen wäre. Das betrifft u.a. tief konservative Gruppen wie den „Weltbund zum Schutze des Lebens“ (der gleichermaßen gegen Amerikanisierung, Atomkraft, Frauenemanzipation und Plastik war) und unterschiedliche Typen von ‚Ökofundamentalisten‘. Diese Kooperation wurde nach der Konsolidierung der Organisation rasch zurückgefahren und hatte keinen bleibenden Einfluss auf den grünen Diskurs. (An der Biographie von Petra Kelly lässt sich verfolgen, wie isoliert noch die öffentlich sichtbaren Mitglieder der hier neu Hinzugekommenen innerhalb der Partei geblieben sind.) Darum wäre es problematisch, den grünen Diskurs ausgehend von dieser eng begrenzten Kooperation zu rekonstruieren.

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