Eine feministische Kritik der Atombombe

Eine feministische Kritik der Atombombe

Hintergrund

Eine feministische Analyse hilft zu verstehen, inwieweit Atomwaffen ein patriarchalisches Instrument sind und wie es dem Patriarchat nützt, ihr weiteres Vorhandensein in den Arsenalen einiger weniger ausgewählter Regierungen zu befürworten.

Frauen demonstrieren gegen Atombomben in New YorkFrauenprotest gegen Atomwaffen in New York – Urheber/in: Eric Espino Photography, LLC.. All rights reserved.

Die feministische Wissenschaftlerin Carol Cohn schrieb eine Geschichte über ihre Erfahrungen mit Strategen nuklearer Kriegsführung, mit denen sie in den 1980er-Jahren zusammenarbeitete. In dieser Geschichte simulieren einige weiße Physiker einen nuklearen Gegenangriff. Aufgrund der leichtfertigen Art, in der seine Kollegen über zivile Opfer reden, platzt es aus einem von ihnen heraus: „Nur 30 Millionen. Nur 30 Millionen Menschen, die sofort getötet werden?“ Es wurde still im Raum. Und er schämte sich für seinen Ausbruch.

Das ist eine vielsagende Geschichte über Atomwaffen – oder vielmehr über die Art und Weise, in der diejenigen, die glauben von Atomwaffen zu profitieren, nach wie vor bestimmen, wie wir über diese Waffen denken und reden.

Wir sollen Atomwaffen als „Abschreckung“ begreifen. Ihre Befürworter argumentieren, dass der bloße Besitz von Atomwaffen abschreckend wirkt und Konflikte vermeidet. In den richtigen Händen sind sie gut für die Menschheit, lautet ihr Argument. Über Atomwaffen redet man nur rein theoretisch; sie sind magische Instrumente, die unserer Sicherheit dienen und in der Welt für Stabilität sorgen.

„Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.” So lautet der Slogan der Partei in George Orwells Roman 1984.

Waffen verhindern Krieg, heißt es im „realistischen“ Diskurs über Atomwaffen.

Aber wer ist in Bezug auf Atomwaffen eigentlich unrealistisch? Diejenigen, die annehmen, dass wir in dieser Welt mit all ihren Spannung, Konflikten, Ängsten und Instabilitäten dauerhaft existieren, ohne dass die Atomwaffen je zum Einsatz kommen? Diejenigen, die glauben, dass eine von Nuklearstrategen erdachte Theorie namens „nukleare Abschreckung“ unfehlbar ist?

Oder sind es vielleicht diejenigen von uns, die erkennen, welche Gefahren in der Atombombe stecken und sie abschaffen wollen? Diejenigen, die glauben, dass Sicherheit nicht glaubwürdig auf der Drohung basieren kann, Völkermord zu begehen und die ganze Welt zu zerstören?

Wenn wir bereit sind, einzuräumen, dass die Abschreckungstheorie möglicherweise einige Schwachstellen aufweist, sollten wir uns die Frage stellen, wie diese Theorie dann so lange überleben und Erfolg haben konnte. Wie hat sie sich mit dem Anschein von „Realismus“ umgeben und ihn so lange bewahren können?

Zur Beantwortung dieser Frage ist eine feministische Analyse sehr hilfreich. Sie kann zu unserem Verständnis beitragen, inwieweit Atomwaffen ein patriarchalisches Instrument sind und wie es dem Patriarchat nützt, ihr weiteres Vorhandensein in den Arsenalen einiger weniger ausgewählter Regierungen zu befürworten.

„Militarisierte Männlichkeit schadet allen“

Das Patriarchat ist eine von Männern dominierte Gesellschaftsordnung – vor allem von Männern, die eine bestimmte Art militarisierter Männlichkeit an den Tag legen, die Waffen und Krieg mit Macht assoziiert. Diese Art von Männlichkeit hat Einfluss auf den Besitz, die Weiterverbreitung und den Einsatz von allen Waffen – von kleinen bis hin zu Atomwaffen. Es ist eine Männlichkeit, bei der Konzepte wie Stärke, Mut und Schutz mit Gewalt gleichgestellt werden. Es ist eine Männlichkeit, in der die Fähigkeit und Bereitschaft, von Waffen Gebrauch zu machen, an Kampfhandlungen teilzunehmen und andere Menschen zu töten, als wesentlich dafür gilt, ein „richtiger Mann“ zu sein.

Diese Art gewaltbereiter, militarisierter Männlichkeit schadet allen. Sie schadet allen, die dieser Gendernorm nicht entsprechen – Frauen, allen sich als LGBTQIA identifizierenden Menschen und nicht dieser Norm entsprechenden Männern. Diese Männlichkeit verlangt, diejenigen zu unterdrücken, die auf der Grundlage von Gendernormen als „schwächer“ gelten. Sie führt zu häuslicher Gewalt. Sie führt zu Gewalt gegen Frauen. Sie führt zu Gewalt gegen Schwule und Transgender. Aber diese Art von Männlichkeit bedeutet auch Gewalt gegen andere Männer, die eine gewaltbereite Männlichkeit an den Tag legen. In der Regel sind es Männer, die sich gegenseitig töten, innerhalb und außerhalb von kriegerischen Konflikten. Gewaltbereite Männlichkeit macht männliche Körper entbehrlicher. Frauen und Kinder, die ärgerlicherweise in unzähligen UN-Resolutionen und Medienberichten über einen Kamm geschert werden, erachtet man mit höherer Wahrscheinlichkeit als „unschuldige Zivilisten“, während Männer eher für Kämpfer gehalten werden. In kriegerischen Konflikten geraten häufig auch zivile Männer ins Visier – oder gehen als Kämpfer in die Opferstatistiken ein  – nur weil sie Männer in einem bestimmten Alter sind.

Aber bei militarisierter Männlichkeit geht es nicht nur ausschließlich um Tod. Sie ist auch ein großer Hemmschuh für Abrüstung, Frieden und Geschlechtergerechtigkeit. Sie lässt Abrüstung wie eine Schwäche aussehen. Sie lässt Frieden wie eine Utopie wirken. Sie lässt Schutz ohne Waffen wie eine Absurdität erscheinen.

Nukleare Abschreckung als Machterhalt des Patriarchats

Das Konzept der nuklearen Abschreckung ist ein Produkt des Patriarchats. Es wurde entworfen, um das schändliche Verhalten von denjenigen zu rechtfertigen, die an der Macht sind und Privilegien haben – gemeint ist das Verhalten, Milliarden für Waffen auszugeben, die zur Zerstörung der ganzen Welt führen können, um diese Macht zu erhalten und diese Privilegien zu bewahren. Und denen, die sich die Abschreckungstheorie auf die Fahne geschrieben haben, ist es gelungen, die Vorherrschaft über die Atomwaffendebatte zu bewahren, indem sie Instrumente des Patriarchats einsetzen, wie Gaslighting und Victim blaming.

Der Begriff Gaslighting stammt aus einem Schauspiel von 1938, in dem ein Ehemann seine Frau psychisch manipuliert, um sie glauben zu machen, sie sei verrückt. Im weitesten Sinne wird diese Technik auch in der Politik angewandt, insbesondere gerade jetzt in den USA im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, Rassismus und sexueller Gewalt. Es ist eine Leugnung der Lebenswirklichkeit von ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen, es ist die Behauptung: „Es ist nichts zu sehen, es ist alles in Ordnung.“

Im Zusammenhang mit Atomwaffen wurde Gaslighting bereits zu Beginn des Atomzeitalters praktiziert. Die Abschreckungsdoktrin leugnet die Lebenswirklichkeit all derjenigen, die das generationsübergreifenden Leiden durch den Einsatz und das Testen von Atomwaffen erleben mussten. Sie macht es zu einem Gedankenverbrechen à la 1984, über die humanitären Auswirkungen von Atomwaffen überhaupt nachzudenken.

Abrüstung als unrealistische „weibliche“ Mission

Eine Art, dies zu tun, ist alle zu „verweiblichen“, die das Thema ansprechen wollen. Der Physiker in Carol Cohns Geschichte gestand ihr nach seinem Ausbruch im Raum mit den anderen Physikern: „Niemand sagte auch nur ein Wort. Alle schauten betreten weg. Es war schrecklich. Ich kam mir wie eine Frau vor.”

Sich über den Mord an 30 Millionen Menschen Gedanken zu machen, wird auf negative Weise damit assoziiert, sich „wie eine Frau“ vorzukommen. Das zeigt deutlich, dass Frauen als schwach angesehen werden. „Frau zu sein“ bedeutet, sich über die falschen Dinge Gedanken zu machen, sich von „Gefühlen“ leiten zu lassen, Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, wenn es um „Strategien“ gehen sollte.

Das heißt, dass es weiblich ist, sich Gedanken über die humanitären und ökologischen Auswirkungen von Atomwaffen zu machen. Und das hat nichts mit der wahren Aufgabe zu tun, die „richtige Männer“ zu erledigen haben, nämlich ihre Länder zu „beschützen“.

Dadurch entsteht nicht nur der Eindruck, dass es rückgratlos und dumm ist, sich Sorgen über einen Einsatz von Atomwaffen zu machen, sondern es lässt auch das Streben nach Abrüstung als eine unrealistische und unvernünftige Mission erscheinen.

Und das ist kein Thema der 1980er-Jahre. Das passiert genau jetzt.

Als Diplomat/innen der Vereinten Nationen an einem Atomwaffenverbot arbeiteten, wurden sie von ihren Pendants aus Nuklearmächten lächerlich gemacht und als „radikale Träumer“ bezeichnet. Sie wurden beschuldigt, „emotional“ zu sein und nicht zu verstehen, wie sie ihre Völker beschützen müssen. Ihnen wurde gesagt, dass ihre Sicherheitsinteressen keine Rolle spielen – oder gar nicht existent sind. Es hieß, dass es illegitim und blauäugig sei, Atomwaffen verbieten zu wollen. Und nicht zuletzt wurde gar behauptet, dass ein Verbot von Atomwaffen die internationale Sicherheit so sehr unterminieren könnte, dass dies sogar zum Einsatz von Atomwaffen führen könnte.

Die Opfer sind schuld

Das bringt uns zu einer weiteren patriarchalischen Technik: dem Victim blaming bzw. der Opferbeschuldigung. Das passiert beispielsweise, wenn Männer behaupten, dass Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, sich auf eine Weise verhalten oder gekleidet haben müssen, dass sie sich diesen Übergriff selbst zuzuschreiben haben. In Bezug auf Atomwaffen ist das Argument ähnlich: Wenn ihr versucht, uns unsere Spielzeuge der massiven nuklearen Gewalt wegzunehmen, bleibt uns keine andere Wahl, als sie zum Einsatz zu bringen, und daran werdet ihr schuld sein.

Feministische Analyse der Atomwaffenpolitik

Die feministische Analyse hilft uns zu verstehen, dass die Unterstützung für Atomwaffen geschlechtsspezifisch ist. Sie gibt uns auch Werkzeuge an die Hand, mit denen wir den Widerstand gegen ein Atomwaffenverbot aufbrechen können.

Sie hilft uns zu erkennen, wie bestimmte, in soziale Normen einprogrammierte Erwartungen an Männlichkeit und Weiblichkeit zu dem Irrglauben führen, Bomben würden uns stärken und Abrüstung würde uns schwächen – zu dem Irrglauben, „mehr Waffen“ seien rational und „weniger Waffen“ seien irrational. Und sie hilft uns zu verstehen, wie diejenigen, die das vorherrschende Narrativ in Frage stellen, an derartigen „Ausbrüchen“ gehindert werden, indem ihre Männlichkeit angezweifelt wird.

Eine feministische Analyse bietet uns aber auch Techniken, all das zu überwinden. Sie bietet Raum für alternative Stimmen. Sie wertet die Sorge um Menschen nicht dadurch ab, dass sie mit Schwäche gleichsetzt wird, sondern begreift sie als Stärke. Sie bietet ein Sicherheitskonzept, das auf Gleichheit und Gerechtigkeit beruht statt auf Waffen und Krieg. Das heißt, sich von betroffenen Gemeinschaften leiten zu lassen. Von Überlebenden. Von denen, die an Orten und in Räumen leben, die ausgegrenzt und vom vorherrschenden Narrativ ausgeschlossen sind.

Atomwaffen sind das Symbol für Ungerechtigkeit schlechthin. Sie bringen Tod und Zerstörung mit sich, aber auch Ungleichheit und Manipulation. Sie sind das ultimative patriarchalische Instrument: die ultimative Möglichkeit der Privilegierten, ihre Macht zu erhalten.

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