Die Sprecherin der Armen

Die Sprecherin der Armen

Hintergrund

Vor der US-Grenze sind tausende Geflüchtete aus Mittelamerika angekommen. Yanina Romero gibt der Bewegung eine Stimme. Die honduranische Journalistin hat ihren Beruf aufgegeben, um sich dem Massenexodus anzuschließen und die Menschenrechte der Migrantinnen und Migranten zu verteidigen.

Foto von Yanina RomeroDie honduranische Journalistin Yanina Romero – Urheber/in: Pedro Matias. All rights reserved.

„Solidarität wird nicht an Bedingungen geknüpft“. Mit diesem Satz des kubanischen Denkers José Martí fasste die honduranische Journalistin Yanina Romero ihren wegweisenden Entschluss zusammen, ihr Leben zu ändern und zur Sprecherin der Armen zu werden.

Sie bekennt: „Mir war gar nicht bewusst, dass mir die Solidarität so sehr im Blut lag, als ich den Journalismus hinter mir ließ und mich dem Strom der Migrantinnen und Migranten anschloss. Mein Anliegen war, über die Einhaltung der Menschenrechte meiner Landsleute zu wachen, die in Honduras in prekären Verhältnissen leben und auf ihrer Flucht größten Gefahren ausgesetzt sind.

Nun stehe ich hier, weil es um mein Volk geht, um meine mittelamerikanischen Schwestern und Brüder. Wie könnte ich ihnen die Unterstützung verweigern?“

Vor zwei Wochen kam sie nach Mexiko, genauer gesagt, nach Arriaga in Chiapas, um dort ihre Landsleute zu sehen, die in Herbergen oder Internierungslagern gestrandet sind. „Es war nicht möglich, sie zu besuchen, denn die mexikanische Polizei und auch die für solche Zentren verantwortlichen Behörden traten ziemlich aggressiv auf.“ In einem Interview, das ich unterwegs mit ihr führte, erklärte Yanina Romero:

„In Honduras ist das Leben als Journalist/in nicht leicht, aber das ist es für keinen Honduraner und keine Honduranerin.“ 

Und sie schloss sich dem Resümee einer internationalen Agentur an: „In Honduras sind wir alle gefährdet – durch die Gewalt, durch mangelnde Chancen, durch die Straflosigkeit, und natürlich durch eine tief verankerte Macht, die es den Menschen nicht erlaubt, ihre Meinung zu äußern. Sie sind doch nur auf der Suche nach menschenwürdigeren Lebensbedingungen.“

Weltweit zweithöchste Mordrate an Medienschaffenden

Yanina Romero bestätigt, dass in Honduras bereits viele Journalistinnen und Journalisten ermordet worden sind, und sie führt dazu aus: „Auf der Liste der Länder mit den meisten Morden an Journalist/innen steht Honduras nach Mexiko an zweiter Stelle. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. 

Obwohl es ein Gesetz gibt, das angeblich zum Schutz von Journalist/innen und Anwält/innen gedacht ist, werden nach wie vor Menschen angegriffen, die im Land protestieren, vor allem gegen die Rohstoffausbeutung, denn sie gehört zu den Hauptursachen der Emigration. Wenn solche Unternehmen kommen, reißen sie sich das Land unter den Nagel und vertreiben die Menschen aus ihren angestammten Gebieten. Und was bleibt ihnen dann noch anderes übrig als zu emigrieren?“

Die Verantwortung liegt bei den G-16 und den G-8

Nach Ansicht von Yanina Romero ist der Exodus das Ergebnis „eines gescheiterten neoliberalen Systems, des Neokolonialismus, der in unseren Ländern zum Zusammenbruch geführt hat, und weder Mittelamerika noch Mexiko noch die übrigen lateinamerikanischen Staaten sind davon verschont geblieben. Die Verantwortung dafür liegt vor allem bei denjenigen, die im Norden die Entscheidungen treffen, bei den G-16 und den G-8“.

Letztlich sind es ihrer Meinung nach diese großen Staaten, die „ein Interesse daran haben, dass wir verschwinden, um sich dann unsere Ressourcen anzueignen. Sie lassen es nicht zu, dass die Menschen überleben und dass sie sich ihre Kultur und ihre guten Traditionen bewahren. Wir sind noch immer indigene Gemeinschaften bzw. Kollektive, die weiter um ihr Erbe kämpfen und das hüten, was ihnen zusteht, das Vermächtnis der Mayas, der Azteken, das ihnen nach wie vor gehört.“

Der Sonne, dem Regen und der Diskriminierung ausgesetzt

Yanina Romero hat auf dem langen Weg der honduranischen Geflüchteten vieles gesehen: „Schmerz, Hilflosigkeit, Verzweiflung und eine ungeheuer hohe Leidensfähigkeit der Menschen. Das ist wirklich schwierig. Seit ihrem Aufbruch am 13. Oktober waren sie der Sonne, dem Regen und der Diskriminierung ausgesetzt. 

Ich bin in Hotels gewesen, in denen sie mir als honduranische Indiofrau die Tür vor der Nase zugeschlagen haben. Wenn dies schon einer Journalistin mit geregeltem Status passiert, dann stelle man sich nur vor, was mit Menschen geschieht, die auf der Flucht sind, in schmutziger Kleidung und mit zerrissenen Schuhen. Sie fliehen aus dem Land, in dem sie keine Chance haben und nicht leben können“, betont sie.

„Mama, du bist meine Heldin“

Bei meiner Frage, was sie in Honduras zurückließ, als sie aufbrach, um ihre Landsleute zu begleiten, treten ihr die Tränen in die Augen: „Ich habe eine Mutter, einen Vater, viele Geschwister, eine Kirche, meine Arbeit, einen zwanzigjährigen Sohn und eine siebzehnjährige Tochter. Mein Sohn sagte zu mir: ‚Mama, du bist meine Heldin!‘ Sie sind also sehr stolz darauf, dass ich mein bequemes Leben aufgegeben und mich auf eine Situation eingelassen habe, die diese Menschen, meine Brüder und Schwestern, auch nicht geplant haben. Sondern es ist ihre Mittellosigkeit und die Gewalt in ihren Heimatgemeinden die sie zur Flucht gezwungen hat.“

„Mittlerweile übernehme ich sehr viel engagierter die wichtige Aufgabe, der Welt zu sagen, dass es in Honduras ein Verbrechen ist, arm zu sein, dass dort Jugendliche und soziale Führungspersönlichkeiten kriminalisiert werden, und ebenso auch Frauen, und dass wir kein Recht auf Leben haben.“

Beweggründe für Migration wurden zu spät thematisiert

Dann erzählt sie: „Die Kommission für soziale Aktion der Mennoniten und die von Monsignore Angel Garachana geleitete Pastorale für menschliche Mobilität in San Pedro Sula, der wichtigsten Stadt von Honduras, auf die 63 % der Wirtschaftsaktivitäten des Landes entfallen, veranstalteten am 29. August dieses Jahres ein Forum mit 120 Organisationen, auf dem jedoch keine Behörden vertreten waren, obwohl wir dort über die Beweggründe sprachen, die die Menschen in die Emigration treiben.“

Leider wurde das Thema in der Presse und anderen Medien nur zaghaft angesprochen, als die Kirche bereits vor eine Zeitbombe warnte, die jeden Augenblick explodieren könne. Es vergingen nicht einmal zwei Monate, bis dies tatsächlich geschah.

Als der Exodus begann, wurde Monsignore Garachana gefragt, ob politische Anführer dahintersteckten. Er erwiderte darauf: „Warum suchen Sie nach Schuldigen? Warum gehen Sie nicht in sich und fragen sich, was Sie getan haben?“

Solidarisch den Weg mit unseren Schwestern und Brüdern gehen

Nun aber „können wir nur noch solidarisch den Weg mit unseren Schwestern und Brüdern gemeinsam weitergehen. Wir können sie nicht verurteilen. Wer sind wir denn, dass wir das tun dürften? Die jetzige Situation reicht bis zum Juni 2014 zurück: Mit seiner Abschiebungsanordnung schuf Barack Obama schon damals diese Notlage, und die Behörden taten nichts dagegen.“

Dann sprudelt es aus ihr hervor: „Was wir zu lösen haben, das sind die Probleme der Straflosigkeit, der sozialen Ungleichheit, denn die Armut hat uns an diesen Punkt gebracht, eine Armut, für die in Honduras die Medien verantwortlich sind, die Privatwirtschaft und ein Teil der Kirche, der schweigt und sich mit der Machtclique verbündet hat, die uns seit über 30 Jahren in Armut und Gleichgültigkeit gefangen hält.“

Abschließend sagt sie: „Ich habe mit so großer Leidenschaft als Journalistin gearbeitet, dass ich jetzt nicht auf der anderen Seite stehen kann, sondern einzig und allein auf der Seite der Armen“.

Die spanische Originalversion dieses Textes können Sie hier nachlesen. Übersetzung aus dem Spanischen: Beate Engelhardt.

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