Das Fahrrad als City Changer

Das Fahrrad als City Changer

Hintergrund

Die Radverkehrsförderung ist ein zentrales Instrument der kommunalen Verkehrswende. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend auch in der öffentlichen Meinung durch.

Das Rad ist der City Changer – will heißen: Nur mit einer nutzerfreundlichen und sicheren Radinfrastruktur kann die kommunale Verkehrswende gelingen. Städte wie Kopenhagen haben es vorgemacht, und auch in Deutschland setzt sich diese Einsicht zunehmend durch. Denn das Fahrrad ist umweltfreundlich, billig, gesund und im städtischen Raum häufig das schnellste Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass die großen deutschen Tageszeitungen in den letzten Jahren ausführlich über die Vorteile des Radfahrens für die Städte berichtet haben – und zwar von der „Welt“ über das „Handelsblatt“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“. „Warum das Fahrrad das bessere Auto ist“ titelte „Die Zeit“. „Mehr Fahrrad wagen!“ hieß es in der Wirtschaftswoche. „So revolutionieren Fahrräder die Metropolen“ in der „Welt“.

Ein weiteres Zeichen für den Bewusstseinswandel: In Berlin hatte die zivilgesellschaftliche Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ erheblichen Anteil an der Verabschiedung eines Mobilitätsgesetzes. Dieses Vorbild löste eine „bundesweite Welle“ aus, und in mehreren deutschen Städten gründeten sich weitere Radentscheid-Initiativen. Der Aufbruch im Radverkehr ist geschafft.

Vom Nutzen des Radverkehrs für die Kommunen

Für die Kommunen bieten sich große Chancen, wenn sie diese Energie von der Straße aufnehmen und sich nicht in künstliche Konflikte wie „Stadt gegen Fahrradfahrer“ oder „Autofahrer gegen Fahrradfahrer“ drängen lassen. Dabei sollten Kommunen die Vorteile für die Lebensqualität ihrer Bürger in den Vordergrund stellen.

Diese Vorteile sind vielfältig und wurden zuletzt in wissenschaftlichen Studien immer wieder bestätigt. Der Radverkehr hilft, lokale Klimaschutzziele zu erreichen, die Stadtluft zu verbessern, die Verkehrsüberlastung zu mindern, die Gesundheit der Bürger zu verbessern – und: Kosten zu sparen. Innovationen wie Pedelecs, (E-)Lastenräder und moderne Fahrradrikschas, die in großen Mengen verfügbar sind, haben die Nutzergruppe von Fahrrädern erweitert. Dies verstärkt die positiven Effekte der Verkehrsverlagerung.

In einer Studie der Universität Kassel haben Wissenschaftler die realen Kosten der verschiedenen Verkehrsträger beziffert. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass der finanzielle Nutzen des Radverkehrs gegenüber den Kosten überwiegt. Während beim Pkw-Verkehr neben dem Infrastrukturbau hohe externe Kosten für Klimafolgen, Luftschadstoffbelastung und Lärmbelastung anfallen, sind es beim Radverkehr lediglich die Unfallkosten, die als externe Belastungen der Haushalte von Bedeutung sind. Diese werden durch den Gesundheitsnutzen des Radverkehrs mehr als kompensiert. Ein Beispiel: Für die Stadt Kassel bezifferten die Forscher die externen Kosten pro Jahr auf gut zwei Millionen Euro. Der Gesundheitsnutzen des Radverkehrs lag demgegenüber bei knapp 13 Millionen Euro.

Trotzdem investieren die deutschen Kommunen bisher viel zu wenig in den Radverkehr. Laut einer Greenpeace-Studie geben die sechs größten Städte in Deutschland pro Einwohner/in und Jahr zwischen 2,50 Euro und 5 Euro aus – in Kopenhagen sind es 35,60 Euro.

Vielfalt von Maßnahmen, Akteuren und Förderprogrammen

Kommunen können mit einer Vielfalt von Maßnahmen den Radverkehr fördern. Dabei bietet sich eine Kombination von langfristiger Planung – wie die Erstellung einer Radverkehrsstrategie und die Konzeption eines Radnetzes – mit relativ schnell umsetzbaren Verbesserungen wie dem Bau von Abstellanlagen, konsequenten Sanktionen gegen verkehrswidriges Parken auf Radwegen und der Einrichtung öffentlicher E-Bike-Ladestationen an. Um Platz für den Radverkehr zu schaffen und Flächengerechtigkeit herzustellen, ist ein zentrales Instrument ein gutes Parkraummanagement. Das gilt vor allem für Städte mit hoher Siedlungsdichte, die die Parkmöglichkeiten für Pkw oft massiv subventionieren.

Mehr Radverkehr gelingt nur, wenn die Städte die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen: Radfahrer/innen brauchen sichere, geschützte Radwege und eine etwa durch Brücken ermöglichte möglichst separate Verkehrsführung. So ermutigt man auch unsichere Radfahrende, für die überwiegend kurzen Wege in den Städten das Rad zu nehmen.

Die Kommunen können in der Radverkehrsförderung auf die Expertise und die Mobilisierungskraft etablierter Akteure zurückgreifen. Verbände wie der ADFC und der VCD sind vor Ort gut vernetzt und bringen Ideen für die Förderung des Radverkehrs ein. In mehreren Bundesländern können sich Kommunen als fahrradfreundlich zertifizieren lassen und Teil von interkommunalen Arbeitsgemeinschaften werden. Solche Auszeichnungen erhöhen die Standortattraktivität und lassen sich gut für das Stadt- und Tourismusmarketing nutzen.

In der Radverkehrsförderung entwickelt sich zusehends eine größere Dynamik. Für viele Maßnahmen wie den Bau von Fahrradparkhäusern, den Einsatz von E-Lastenrädern durch städtische Dienste und lokale Unternehmen, die Einrichtung von Bike+Ride-Stationen oder den Bau interkommunaler Radschnellwege gibt es inzwischen Förderprogramme von Bund und Ländern. Um an diese Fördertöpfe zu kommen, müssen Kommunen die Radverkehrsförderung professionalisieren, zum Beispiel indem sie eigene Stellen für Radverkehrsbeauftragte schaffen.

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1 Kommentar

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Klaus Beutelspacher

Das ist ja alles gut und richtig, nur: So wird das nichts. Wie bei allen politisch Handelnden wird auch hier der "elephant in the room" geflissentlich übersehen.

Der "city changer" der letzten 100 Jahre ist das Auto. So lange es die Verkehrsräume besetzt hält, bleiben alle noch so gut gemeinten Maßnahmen zur "Fahrradförderung" Makulatur.

Es gibt zu viele Autos in den Städten. Das ist die schlichte Wahrheit, die Politiker partout nicht aussprechen wollen.

Erst, wenn wir das offen anerkennen, können wir (wie etwa in Kopenhagen oder Oslo) etwas tun, um die Anzahl der Autos zu reduzieren. Und im Zuge dessen werden wir etwas für Radfahrer tun müssen, damit wir uns in den Städten noch bewegen können. Und für den ÖPNV. Denn wir haben dann Platz für Räder und Busse. Das Rad ist nicht Zweck, sondern Mittel.

Die derzeitige "Strategie" - dies und das probieren, hier ein Strichlein auf der Straße, dort eine Abstellanlage.... aber bloß keine Autofahrer verärgern - tut's nicht.