Vitoria-Gasteiz: Grüne Stadt für Menschen

Vitoria-Gasteiz: Grüne Stadt für Menschen

Best Practice

Die baskische Stadt Vitoria-Gasteiz hat vom Auto dominierte Straßen und Parkplätze zum Spielen und Flanieren frei gemacht.

Kommunale Verkehrswende. Vitoria-Gasteiz: Die Stadt für Fußverkehr und Radverkehr. Foto von einer Hecke, die den Namen der Stadt buchstabiert.

Wie man eine Stadt für Menschen umbaut, könnten sich die deutschen Stadtplaner/innen im Norden Spaniens anschauen. Vitoria-Gasteiz, die Hauptstadt der spanischen Autonomen Region Baskenland, hat schon vor Jahren gezeigt, wie man Innenstädte lebenswerter, sicherer und attraktiver macht, indem man konsequent auf nachhaltige Mobilitätsformen setzt.

Sie hat einen Radfahrboom ausgelöst, der nicht auf Kosten der Fußgänger/innen geht. Über die Hälfte ihrer Wege gehen die Einwohner/innen von Vitoria-Gasteiz zu Fuß. Zum Vergleich: In einer vergleichbar großen Stadt wie Kiel sind es nur 30 Prozent.

Mit nachhaltiger Mobilität zur „Grünen Hauptstadt Europas“

Schon im Jahr 2008 hatte die baskische Stadt einen „Plan zur Förderung nachhaltiger Mobilität“ aufgestellt. Juan Carlos Escudero ist als technischer Koordinator für die Umsetzung des Mobilitätsplans in der Stadt mitverantwortlich. Sein Credo: In Vitoria-Gasteiz braucht man kein Auto. Die Stadt tut alles dafür, dass das Auto überflüssig wird. Die 240.000-Einwohner-Stadt hat eine neue Straßenbahn in Betrieb genommen, ein dicht getaktetes Busliniennetz angelegt, 150 Kilometer Radwege gebaut, überall Fahrradständer aufgestellt, Fußgängerzonen ausgeweitet und Flächen, die von Autos zugeparkt waren, für Fußgänger/innen frei gemacht.

Weil außerdem die vielen Alleen, öffentlichen Gärten und Parks in und um die Stadt herum sehr gut mit Rad- und breiten Fußwegen verbunden sind, hat die Europäische Kommission Vitoria-Gasteiz 2012 den Titel „European Green Capital“ verliehen.

„Grundlage unseres Masterplans war die Einteilung der Stadt in sogenannte Superblöcke“, erklärt Escudero. Die Idee der Superblöcke geht auf Salvador Rueda zurück, Direktor der städtischen Umweltagentur in Barcelona. 

Vitoria-Gasteiz war die erste Stadt, welche die „superilles“ umsetzte. Das Prinzip: Autos und Busse fahren durch die Hauptstraßen, die diese Blöcke begrenzen. In ihrem Inneren gilt maximal Tempo 30, was Radfahrer/innen zugute kommt und das Zufußgehen sicherer macht.

Autos haben in der Innenstadt das Nachsehen

Gelb schraffierte Flächen auf dem Boden, verengte Einfahrten und Zebrastreifen markieren den Eintritt in die 15 Superblöcke. Sie zeigen den Autofahrer/innen unmissverständlich, dass sie hier zu Gast sind. 

Viele eng bebaute, zweispurige Innenstadtstraßen mit Läden und mehrgeschossigen Wohnhäusern hat die Stadt in Einbahnstraßen umgewandelt. Fahrräder haben eine abgetrennte Spur zur Verfügung. Die wenigen Autos, die hier parken, gehören Handwerkern oder sind Lieferwagen. Fußgänger/innen können jetzt bequem nebeneinander gehen, auch mit Kinderwagen, Einkaufswagen oder Rollatoren, denn privates Parken ist hier nicht mehr erlaubt. Um Flächen zu gewinnen, setzt die Stadt auf unterirdische Parkhäuser.

Mit Umbaumaßnahmen wie diesen hat die Verwaltung von Vitoria-Gasteiz seit Januar 2013 bislang 47 Innenstadtstraßen verkehrsberuhigt. 26 Millionen Euro hat die Stadt in den vergangenen fünf Jahren investiert, um ihren Mobilitätsplan umzusetzen. Ein Teil davon stammte von einem EU-Projekt zur Förderung nachhaltiger Verkehrskonzepte.

Entschleunigte Stadt mit guter Stimmung

Spaziert man durch die Stadt, fällt am meisten auf, wie ruhig es in Vitoria-Gasteiz ist. Die Autos fahren überwiegend langsam und rücksichtsvoll. Vor allem sind es wenige, auch an einem normalen Werktag. Die Stadt wirkt tatsächlich entschleunigt. „Wir wollen eine Stadt für Menschen sein“, formuliert Escudero das Planungsziel. „Ihnen geben wir den öffentlichen Raum zurück, und den Autos zeigen wir, dass sie hier nicht hingehören. Sie haben keinen Vorrang, sondern müssen sich den Platz mit Radfahrern und Fußgängern teilen.“

Wie war es möglich, diesen revolutionären Plan zu schmieden und in so kurzer Zeit in die Tat umzusetzen? Gab es keinen Gegenwind von den Geschäftsleuten, keinen Protest der Anwohner/innen, als die Parkplätze wegfielen? „Auch hier gab es anfangs harte Kämpfe“, sagt Escudero. Die Einzelhändler in der Straße waren besorgt, dass der Umsatz zurückgeht.“

Aufschwung dank der neuen Ausgangssituation

Aber das Gegenteil war der Fall. Neue Händler/innen zogen ein und es öffneten neue Cafés und Restaurants. Der Umsatz ist laut Escudero in einigen Straßen höher als zuvor, weil sich hier mehr Menschen länger aufhalten. Vor allem aber: „Die Stimmung in der Stadt hat sich spürbar verbessert“, sagt Sprecher Gonzales. Der Anteil der Autofahrten liegt nur noch bei 25 Prozent. Die absolute Zahl der zu Fuß zurückgelegten Wege stieg zwischen 2006 und 2014 um etwa 77 Prozent, obwohl die Einwohnerzahl im selben Zeitraum nur um knapp zehn Prozent zunahm.

Bleibt die Frage nach den Parkplätzen. „Natürlich ist es unbequem, den Lebensstil zu verändern. Aber wenn die Bürger erst einmal sehen, was der Umbau der Stadt ihnen bringt, genießen sie es“, sagt Escudero. Parkplätze existierten noch, nur für viele nicht mehr direkt vor der Haustür. „Wir wollen, dass die Leute zumindest ihren Zweitwagen abschaffen, und das klappt auch, der Autobesitz geht zurück“, sagt er.

Insgesamt seien die Einwohner/innen stolz auf den Wandel zur grünen Stadt, sagen die Stadtvertreter. Sie zeigen, wo überall neue kleine Läden eröffnet haben, dass sich jeder Bewohner und jede Bewohnerin direkt in unmittelbarer Nachbarschaft mit Lebensmitteln und täglichen Gütern versorgen kann, ohne weit fahren zu müssen. Außerdem hätten sich einige Supermärkte auf die neue Situation eingestellt und böten Lieferservice an, sagen sie.

Barrierefreiheit mit Beethoven

Politisch erklären Juan Carlos Escudero und Roberto Gonzales, Leiter des Referats für Umweltbewusstsein beim städtischen Zentrum für Umweltstudien (CEA), die Erfolgsgeschichte der neuen Fußgängerstadt Spaniens so: Vier Parteien regierten im Rathaus, als der Plan aufgesetzt wurde, keine hatte die Mehrheit. Es brauchte einen Konsens – und der kam zustande, getragen von einem umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess, der 2007 in einem „Bürgerpakt für nachhaltige Mobilität“ gipfelte.

Ein großer Teil der Stadt ist flach und die Menschen leben dicht beieinander. 98 Prozent der Einwohner haben es nicht weiter als drei Kilometer ins Stadtzentrum – beste Voraussetzungen, die Alltagswege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu machen. Das historische Zentrum mit seinen engen Gassen liegt auf einem Hügel über der Stadt.

Vitoria-Gasteiz zeigt, eine Verkehrswende ist möglich

Es ist von jeher nicht für Autos gebaut. Damit es weiterhin belebt und bewohnt bleibt, hat die Stadt an mehreren Stellen elektrische Rampen neben die Treppen gebaut. So können müde oder mobilitätseingeschränkte Menschen auch mit Kinderwagen oder Gepäck leicht hinaufkommen und müssen nicht wegziehen.

Auf der Plaza Espagna in der historischen Altstadt ertönt jeden Abend um 18 Uhr ein Stück aus Beethovens Opus 91 als Glockenspiel. Es ist die Siegeshymne für Wellington über Napoleon in einer Schlacht, in der sich Briten und Franzosen 1813 vor den Toren von Vitoria-Gasteiz gegenüberstanden.

Glücklicherweise werden hier heute andere Siege gefeiert. Man möchte die kraft- und mutlosen Verkehrsplaner/innen aus dem Geburtsland Beethovens hierher schicken, damit sie erleben, dass die Verkehrswende möglich ist, und sie sich für den Wandel begeistern lassen können. Vielleicht springt der Funke über, wenn sie sehen, wie viel Gewinn es den Bürgern und Bürgerinnen bringt, wenn Straßen und Plätze wieder den Menschen gehören.

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