Alle Verkehrsmittel aus einer Hand

Alle Verkehrsmittel aus einer Hand

Hintergrund

Mit Smartphone und Mobilitäts-Apps planen wir unsere Wege unabhängig von einzelnen Verkehrsmitteln. Kommunen und Mobilitätsdienstleister müssen sich darauf einstellen.

Multimodalität wird derzeit neu definiert. Die letzten 50 Jahre dominierte in Deutschland eine bipolare Sicht auf die kommunale Mobilität. Es gibt das private Auto und den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Fuß- und Radverkehr wurden als Zubringerverkehre oder als Freizeitaktivitäten begriffen, aber nicht als eigenständige Verkehre, weil sie in der Verkehrsleistung nicht mit Autos, Bussen und Bahnen mithalten können.

Ausdruck dieses beschränkten Denkens ist nach wie vor die vielerorts gängige Gleichsetzung von multimodaler Mobilität mit Park-and-ride-Anlagen. Es ist höchste Zeit, hier den Horizont zu erweitern. Grade die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten für eine weitere Vernetzung des ÖPNV mit Car- und Bike- oder Ridesharing-Angeboten (z. B. Mitfahrbörsen). Diese Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel ist kein Konzept, das nur in großen Städten funktioniert. Im ländlichen Raum kann es den Menschen beispielsweise ermöglichen, den Heimweg von der Bushaltestelle an der Landstraße oder im Ortskern in weiter abgelegene Ortsteile zurückzulegen. Auf dieser letzten Meile ist auch der Einsatz autonomer Fahrzeuge denkbar.

Neue Konzepte von Multimodalität treffen auf mehr oder weniger vorbereitete Verkehrsbetriebe und -verbünde. Selbst in unmittelbarer Umgebung von Bahnhöfen, wo ein Wechsel des Verkehrsmittels unumgänglich ist, gibt es oft keine Alternative zu Bus, Tram oder Taxi. Als einziges Bundesland hat sich Nordrhein-Westfalen (NRW) schon in den 1990er Jahren vorgenommen, an wichtigen Bahnhöfen 100 Fahrradstationen zu errichten. Es sind inzwischen 61. Damit befinden sich die meisten dieser Einrichtungen in NRW.

Mit dem Leihradsystem „Call a Bike“ und dem Carsharing-Angebot „Flinkster“ hat die Deutsche Bahn (DB) selbst einen Vorstoß in Sachen vernetzter Mobilität unternommen. Dieser steckt aber bisher vielerorts noch in den Kinderschuhen, weil die Voraussetzungen für Multimodalität in deutschen Städten und Regionen nicht verbessert wurden. So bleiben die Angebote der DB Inseln im bipolaren deutschen Bild von Multimodalität. Zwar werden touristisch angesagte Metropolen wie Berlin, Köln oder München inzwischen von günstigen Leihradangeboten überflutet, aber die Qualität der Fahrräder ist schlecht, die Angebote sind nicht in vorhandene Strukturen, wie beispielsweise Jobtickets der örtlichen Verkehrsverbünde, integriert und entziehen sich oft einer Kontrolle durch die Stadtverwaltungen.

Multimodalität sichtbar machen

Deutsche Städte, die Multimodalität mit Mobilstationen sichtbar in ihr Stadtbild integriert haben, sind Bremen, Offenburg und Leipzig. Aus einer Kooperation des Bremer Carsharing-Anbieters Cambio mit der Kommune entstanden bereits 2003 die ersten „Mobilpunkte“ in der Hansestadt. Diese vereinen Carsharing-Station und Fahrradabstellanlage. Weithin sichtbare Stelen in einem einheitlichen Design markieren die Standorte der Leihautos. Dadurch sind sie leicht zu finden. Insgesamt gibt es in Bremen 24 Mobilpunkte und Mobilpünktchen, so heißen die kleineren, dezentral gelegen Stationen. ÖPNV-Abonnenten und -Abonnentinnen und Studierende erhalten Rabatte beim Carsharing. Insgesamt 14.000 Carsharer/innen gibt es inzwischen in Bremen, 2020 sollen es 20.000 sein. Rein statistisch hat Carsharing in der Hansestadt 4.000 Autos ersetzt. Damit geht die im Claim der Begleitkommunikation transportierte Idee „Use it, don’t own it“ voll auf. Da Bremen durch eine kluge Verkehrspolitik einen Fahrradanteil von 25 Prozent und ein gutes ÖV-Angebot hat, verfügt die Hansestadt über beste Voraussetzungen, um Pilotstadt für multimodale Vernetzung zu werden.

Die badische Stadt Offenburg hat bisher vier Mobilstationen an zentralen Orten errichtet: am Bahnhof, am Technischen Rathaus, an der Messe und am Kulturforum. Diese Stationen vereinen Bushaltestelle und Leihstationen für Fahrräder, Pedelecs und Autos. Zudem hat die Stadt ein spektakuläres Fahrradparkhaus, das „Radhaus“, am Hauptbahnhof gebaut. Es bietet rund 200 Fahrrädern Platz und ist ein Leuchtturm für eine fortschrittliche Fahrradpolitik. Die Kommunikationskampagne der Stadt mit dem Claim „einfach mobil“ sorgt für ein einheitliches Erscheinungsbild des nachhaltigen Mobilitätsangebotes. Allerdings müssen sich Kunden bei den Kooperationspartnern der Stadt, Nextbike und Stadmobil Südbaden, registrieren, um über deren Apps Rad oder Auto zu buchen.

In Leipzig sind seit 2013 29 Mobilitätsstationen in der Nähe von Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs entstanden. An den Stationen im einheitlichen blau-gelben Design stehen Ladesäulen für Elektroautos sowie jeweils zwei bis vier Autos und Fahrräder zur Ausleihe bereit. Zudem gibt es Info- und Buchungsterminals sowie Fahrradständer. Über die App „Leipzig Mobil“ der örtlichen Verkehrsbetriebe kann man nicht nur Tickets für Bus und Bahn kaufen, sondern auch die Fahrräder und die Autos ausleihen und seit 2018 sogar Taxis buchen. Am Ende jedes Monats bekommen die Nutzer/innen eine detaillierte Abrechnung. Wer ein ÖPNV-Abo hat, kann ohne weitere Kosten zehn Stunden pro Monat mit Nextbike-Leihrädern fahren und erhält günstige Carsharing-Konditionen. Mit der Leipzig-Mobil-App können Reisende bundesweit Nextbike-Räder und Autos der Anbieter „teilauto“ und „Flinkster“ ausleihen. Die ersten 25 Mobilitätsstationen und die App-Entwicklung haben etwa 1,6 Millionen Euro gekostet. Das Geld stammte zum Teil aus dem „Europäischen Fonds für regionale Entwicklung“ (EFRE) und aus Fördermitteln des Freistaats Sachen.

Mobilität als Dienstleistung

Einen Schritt weiter als in Deutschlands Vorzeigestädten ist man in Helsinki. Finnlands Hauptstadt gilt international als Vorreiter in Sachen Multimodalität. Dort kann man über die App „Whim“ der Firma „MaaS Global“ seine Wege über die Grenzen einzelner Verkehrsmittel hinweg planen und auch gleich ÖPNV-Fahrscheine kaufen oder Leihfahrzeuge buchen. Das Angebot gibt es als Flatrate.

Ganz im Geiste von Helsinki beschreitet die Region Karlsruhe in Deutschland einzigartige digitale Wege. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt „RegioMove“ will die gesamte Mobilität im Karlsruher Verkehrsverbund bis 2020 digital verfügbar machen. Der passende Claim lautet „alles außer beamen“. Mit einer derzeit in der Entwicklung befindlichen App soll es zukünftig möglich sein, den schnellsten Weg von einem Ort zum anderen zu berechnen. Dabei berücksichtigt die App alle öffentlich zugänglichen Verkehrsmittel, egal ob Bus, Bahn, Leihrad oder Sharing-Auto. Der Clou: Auch die Buchung der Verkehrsmittel soll über die App funktionieren, und zwar ohne dass die Nutzer/innen Mitgliedschaften bei den verschiedenen Mobilitätsdienstleistern benötigen.

Zarte Pflänzchen der Multimodalität wachsen in Deutschland heran. Wichtig ist, dass weitere Städte dem Beispiel von Helsinki folgen und aus der Mobilität eine Dienstleistung machen, die nicht an den Besitz eines eigenen Fahrzeugs gekoppelt ist.

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