Weniger Autos, mehr Leben auf den Straßen

Weniger Autos, mehr Leben auf den Straßen

Hintergrund

Was macht eine Kommune lebenswert? Eine gute Infrastruktur, saubere Luft, günstiger und verlässlicher Nahverkehr. Unter anderem nach diesen Kriterien beurteilen verschiedene Rankings wie die jährliche Rangliste des Nachrichtenmagazins „Economist“ die Lebensqualität in Städten. Sie machen deutlich: Mobilität und Lebensqualität gehören zusammen. 

Nicht mit dem Auto zu pendeln, sondern zu Fuß oder mit dem Fahrrad an den Arbeitsplatz zu gelangen, entspannt. Das fanden britische Forscher/innen 2014 heraus. Sie erkannten zudem: Je länger die Menschen zu Fuß unterwegs waren, desto zufriedener fühlten sie sich.

Ohne Auto mobil sein ist gesund und macht glücklich. Sich selbst – und die Mitmenschen ebenso. Denn wo weniger Autos fahren und parken, ist die Luft besser und der Lärm geringer. Die Menschen sind sicherer unterwegs und haben mehr Platz für Begegnungen, zum Verweilen und zum Reden. Wo keine Parkplätze den Boden versiegeln, können Parks und Spielplätze entstehen.

„Heute dient ein unverhältnismäßig großer Teil des knappen Raums dem motorisierten Individualverkehr“, stellt ein im Auftrag der Denkfabrik Agora Verkehrswende erstelltes Gutachten im Herbst 2018 fest. „Lebenswertere Städte entstehen dann, wenn bei der Verteilung der Nutzungsansprüche im öffentlichen Raum nicht mehr die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer von privaten Pkw einseitig im Vordergrund stehen“, sagt Christian Hochfeld, Direktor der Agora Verkehrswende.

Voraussetzung ist, dass Kommunen ihren Bürgerinnen und Bürgern Alternativen zum eigenen Auto bieten: pünktliche, günstige und sinnvoll getaktete Bus- und Bahnverbindungen, sichere und komfortable Rad- und FußwegeCarsharing und Leihfahrräder. Wegweisend sind Projekte wie die Mobilpunkte in Bremen oder die Mobilitätsstationen in Offenburg: Sie verknüpfen verschiedene Fortbewegungsmittel. Menschen können beispielsweise aus der U-Bahn in ein Carsharing-Auto oder aufs Leihfahrrad steigen.

Das Gutachten „Öffentlicher Raum ist mehr wert“ der Agora Verkehrswende gibt weitere Hinweise darauf, welche Spielräume Kommunen heute schon haben, öffentliche Fläche gerechter zu verteilen. Sie bestimmen beispielsweise – im Rahmen der sogenannten straßenrechtlichen Widmung – wie viel Raum Autos, Fußgänger/innen und Radfahrer/innen bekommen. Sie können Fahrradstraßen einrichten und Autoparkplätze zu Spielplätzen, Aufenthaltsorten mit Sitzbänken oder Fahrradparkplätzen umwidmen.

Parkplätze werden zu Begegnungsplätzen

So baut die Stadt Bremen jeden Sommer in fünf Straßen Fahrverbotsschilder auf und erlaubt Kindern, auf der Fahrbahn zu spielen – auf diese Weise werden Straßen zu temporären Spielstraßen. Berlin-Kreuzberg hat im Sommer 2015 fünf Autoparkplätze in 50 Fahrradabstellplätze umgewandelt. In immer mehr Kommunen werden Parkplätze zu Ruhe-Oasen, auch durch das Engagement der Bürger/innen.

Jedes Jahr im September bietet der internationale Park(ing) Day dazu Gelegenheit. In vielen deutschen Städten gestalten Menschen dann Parkplätze zu Park-Plätzen um: Sie legen Rollrasen aus, stellen Liegestühle und Sofas, Bücherregale, Tischtennisplatten und Kickertische auf, bieten Passantinnen und Passanten Kaffee, Tee oder Kuchen an. Alles, was dafür nötig ist: ein Parkticket für den Tag. In einigen Städten ist es ratsam, sich die Aktion vom Ordnungsamt genehmigen zu lassen.

Eine Möglichkeit, Parkplätze dauerhafter zu Plätzen für Begegnungen, Gespräche und Ruhepausen zu machen, sind sogenannte Parklets – künstlerisch gestaltete Elemente, oft aus Holz, die direkt an den Gehweg anschließen. Dort finden sich dann kleine Gärten, Sitzecken, Fahrradabstellplätze. Wien unterstützt Parklets sogar finanziell. Überhaupt fördert die österreichische Hauptstadt, die das Nachrichtenmagazin „Economist“ 2018 zur lebenswertesten Stadt der Welt kürte, viele Initiativen, Projekte und Aktionen, die das Leben auf die Straße zurückholen. In Deutschland muss die zuständige Behörde Parklets genehmigen, da es sich um eine „Sondernutzung des Straßenraumes“ handelt. Ansprechpartner/innen in den Verwaltungen können beispielsweise die Ämter für Ordnung, Tiefbau oder Straßenbau sein.

Der ökologische Verkehrsclub Deutschland VCD hat diese und weitere gute Beispiele inklusive Handlungsanleitung in einem Leitfaden veröffentlicht. Er beschreibt darin ausführlich, was die Kommunen und was jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger für mehr Leben auf der Straße tun kann.

Städte und Gemeinden können öffentlichen Parkraum auch dafür nutzen, Carsharing-Angebote zu etablieren, indem sie Anbietern stationären Carsharings exklusive Stellplätze zur Verfügung stellen. „Dabei ist es möglich und sinnvoll, dass Kommunen eine individuelle Lösung mit Carsharing-Anbietern verhandeln und mit ihnen den Einsatz emissionsarmer Fahrzeuge vereinbaren“, empfiehlt das Gutachten der Agora Verkehrswende.

Das menschliche Maß als Planungsgrundlage

Trotz aller Vorteile für Klima und Umwelt, für Wohlbefinden und Sicherheit: Ein Leben ohne eigenes Auto können sich weiterhin viele Menschen nicht vorstellen. Da hilft es, wenn sie erleben, wie schön und bunt das Leben auf der Straße ohne Autos sein kann. Beim EcoMobility World Festival 2013 lebten Tausende Bewohner/innen der südkoreanischen Stadt Suwon einen Monat lang autofrei. Seitdem fanden zwei weitere Festivals statt, in Johannesburg und im taiwanesischen Kaohsiung. In Köln organisiert eine Bürgerinitiative seit 2013 den „Tag des guten Lebens“: Einen Tag lang gehören die Straßen eines Stadtteils den Anwohnern, Anwohnerinnen und Gästen – Autos müssen draußen bleiben.

Immer mehr Kommunen nehmen an der Europäischen Mobilitätswoche teil. Seit 2002 bietet sich Kommunen jedes Jahr vom 16. bis zum 22. September die Möglichkeit, ihren Bürgerinnen und Bürgern die Bandbreite nachhaltiger Mobilität vor Ort näherzubringen. So werden Parkplätze und Straßen umgenutzt, neue Fuß- und Radwege eingeweiht, Elektrofahrzeuge zum Test angeboten und Schulwettbewerbe ins Leben gerufen. Städte und Gemeinden können im Rahmen der Aktionswoche zeigen, dass nachhaltige Mobilität möglich ist und Spaß macht.

Eine Pflichtlektüre für alle, die in ihrer Kommune mehr Leben auf die Straßen bringen wollen, ist das Buch „Städte für Menschen“[3] des Kopenhagener Architekten und Stadtplaners Jan Gehl. Er fordert darin seine Kolleginnen und Kollegen auf, von der Vogelperspektive zur Sichtweise der Menschen zu wechseln. Das „menschliche Maß“ solle die Planungen bestimmen, also die Art und Weise, wie Menschen sich – aus eigener Kraft – fortbewegen, wie sie ihre Umgebung wahrnehmen und wie sie kommunizieren. Eine nachhaltige Verkehrspolitik ist für Gehl der Schlüssel für solch eine Stadtplanung nach menschlichem Maß.

 

[3] J. Gehl: Städte für Menschen. Berlin 2015.

 

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