Billige Kohle kommt der Gesundheit teuer zu stehen

Billige Kohle kommt der Gesundheit teuer zu stehen

Analyse

Dass Kohle schlecht fürs Klima ist, wissen die meisten. Weniger bekannt sind die Gesundheitsbelastungen durch die Kohleverstromung. Ein neues Briefing der Health and Environment Alliance beleuchtet die gesundheitlichen Folgen der Braunkohlenutzung und plädiert für einen schnellen Ausstieg. Anne Stauffer und Stefanie Groll fassen die Kernaussagen des Briefings zusammen.

Trotz aller Bekenntnisses und Verpflichtungen zum Klimaschutz spielt Deutschland eine unrühmliche Rolle in der Kohleverstromung: noch immer kommen 42% des deutschen Stroms aus der Kohleverbrennung, bei der nicht nur Tonnen von CO2 in die Luft geblasen werden, sondern auch große Mengen gesundheitsschädlicher Schadstoffe. Noch schlimmer: Deutschland ist sogar weltweiter Spitzenreiter bei Braunkohleproduktion und -nutzung, noch vor Ländern wie China, Russland oder Polen.

Auswirkungen der Kohleverstromung auf die Gesundheit

Kohleverstromung hat unmittelbare und mittelbare Gesundheitsauswirkungen. Unmittelbar aus der Kohleverstromung ergeben sich Atemwegserkrankungen wie Lungenentzündungen oder Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Schlaganfall, , sogar Tumorleiden (durch Luftverschmutzung).

Darüber hinaus stehen zahlreiche Gesundheitsrisiken Zusammenhang mit der Förderung und Verbrennung fossiler Rohstoffe. Das sind Gesundheitsschäden, die in Folge steigender Temperaturen und Klimaveränderungen entstehen:  Zunahme von Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, Asthmaleiden, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten bis hin zu hitzebedingter Sterblichkeit.

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Braunkohle besonders problematisch

Ein Vergleich des gesamten Abbau- und Nutzungszyklus von Braun- und Steinkohle macht deutlich, warum Gesundheitsexpert/innen so besorgt sind: Braunkohle führt zu vergleichsweise hohen Schadstoffemissionen, zu Umsiedlungen und zu Veränderungen der Boden- und Wassereigenschaften (z.B. Tagebauseen) mit entsprechenden Gesundheitsfolgen.

Braunkohle enthält wesentlich mehr Wasser als Steinkohle, das heißt, sie hat einen geringeren Energiewert pro Maßeinheit und gilt als „Kohle geringerer Qualität“. Deshalb muss auch eine größere Menge davon verbrannt werden, um dieselbe Energiemenge zu produzieren. Bei der Verbrennung von Braun- und Steinkohle werden Feinstaub, Schwefeldioxid,  Quecksilber und andere Schwermetalle emittiert, die alle schlecht für die Gesundheit sind.

Braunkohle hat üblicherweise einen höheren Schwefel- und Aschegehalt und einen geringeren Energiewert als Steinkohle, so dass die Verbrennung von Braunkohle in Kohlekraftwerken zu einem höheren Schadstoffausstoß pro erzeugtem Megawatt führt. Eine weitere, bislang wenig erforschte Dimension der Braunkohle-verstromung sind Auswirkungen auf die psychische Gesundheit durch Tagebauumsiedlungen.

Die Auswirkungen durch Luftverschmutzung sind bekannt

Über die schädlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung gibt es dagegen wenig Zweifel: sie führt zu vorzeitigen Todesfällen, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen und kann sogar schon die Gesundheit von Kindern im Mutterleib beeinträchtigen, mit Auswirkungen, die sich erst Jahrzehnte später zeigen. Gerade erst haben die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation herausgestellt, dass Luftverschmutzung  - neben Rauchen, Alkoholkonsum, geringer Bewegung und schlechter Ernährung – ein Hauptrisikofaktor für chronische Krankheiten ist.

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Der deutsche Anteil an der Luftverschmutzung ist enorm

Deutsche Kohlekraftwerke verursachen mit die höchsten Gesundheitsschäden in der EU. Laut der Untersuchung Europe´s Dark Cloud führte Braunkohleverstromung im Kraftwerk Jänschwalde zu Gesundheitskosten von bis zu 1.3 Mio EUR jährlich in Deutschland und der EU.

Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem, Deutschlands zweitgrößtes Kraftwerk nach Neurath, ist laut Berechnungen nicht nur für 450 vorzeitige Todesfälle, 190 Fälle von chronischer Bronchitis und 8.500 Asthmaanfällen von Kindern jährlich verantwortlich, sondern ist laut Europäischer Umweltagentur auch Europas zweitgrößter Quecksilberemittent im Kraftwerksbereich – ein Schadstoff, der erwiesenermaßen die gesunde Gehirn- und Nervenentwicklung bei Kindern schädigt.

Die Berechnung dieser Gesundheitsfolgen und -kosten der Kohleverstromung und einzelner Kraftwerke basiert auf einer anerkannten Methodik der Weltgesundheitsorganisation und der EU-Kommission. In die Kalkulation fließen Emissionsdaten der Kraftwerke, Verteilung der Luftschadstoffe, Exposition der Bevölkerung und verschiedene Gesundheitsauswirkungen sowie Kosten für Schadstoffbelastung ein.

Die Krankheiten, die durch Kohleverstromung und Klimakrise entstehen, gehören zu den externalisierten Kosten dieser Energieerzeugung. Das Umweltbundesamt hat die Umweltkosten für Braunkohle auf rund elf Eurocent beziffert. Diese Kosten sind aber nicht im Strompreis abgebildet, sondern werden von der Allgemeinheit, also auch von den Erkrankten selbst, gezahlt. Müssten die Kohlekonzerne die externalisierten Kosten internalisieren, wäre Kohle kaum noch wettbewerbsfähig.

„Der schnelle Kohleausstieg ist eine unabdingbare Sofortmaßnahme, um Leben, Gesundheit und  Klima gleichermaßen zu schützen“

Was also ist zu tun? Aus Gesundheitssicht kann es darauf nur eine Antwort geben: der schnelle Ausstieg aus der Kohleverstromung. Dies hatte bereits die Experten/innenkommission zum Klimawandel der renommierten Medizinzeitschrift Lancet im Jahr 2015 empfohlen.

Organisationen aus Gesundheitsberufen fordern Kohleausstieg

Erst Ende November hat Lancet Countdown unterstrichen, dass der Kohleausstieg eine wichtige Maßnahme zum Schutz der öffentlichen Gesundheit ist. Weltweit melden sich immer mehr Mediziner/innen zu Wort für Klimaschutz und Kohleausstieg, unter anderem der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte, der Mediziner/innen aus ganz Europa vertritt und die World Medical Association.

Die Deutsche Allianz Klimawandel & Gesundheit hat kürzlich in einem offenen Brief die Mitglieder der deutschen Kohlekommission aufgerufen, die gesundheitlichen Schäden der Kohlenutzung und des Klimawandels zu bedenken, und sich auf einen zügigen und umfassenden Kohleausstieg zu einigen.

Der Brief wurde von 200 Organisationen und Einzelpersonen aus den Gesundheitsberufen unterzeichnet, unter anderem auch von der Health and Environment Alliance (HEAL), dem Deutschen Allergie– und Asthmabund mit 18.000 Mitgliedern und dem Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten.

Eine stärkere Einbindung medizinischer Fachleute ist erforderlich

Im Übergang von einem Energiesystem, das von fossilen Brennstoffen abhängig ist, hin zu einer nachhaltigen, gesundheitsfördernden Energieversorgung spielt der Gesundheitssektor eine wichtige Rolle und kann entscheidend zur Debatte beitragen. Um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, müssen die gesundheitlichen Vor- und Nachteile einer jeden Energieform bei allen politischen Entscheidungen geprüft werden. Wenn es um die Abwägungen geht, sollten medizinische Fachleute, im Bereich Gesundheit tätige Nichtregierungsorganisationen und Gesundheitsminister/innen mehr in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. 

Die direkten und indirekten Gesundheitsauswirkungen, die auf die Kohleverstromung zurückzuführen sind, sind weitere Argumente dafür, die Kohleverstromung bis spätestens 2030 in Europa zu beenden. Daraus ergibt sich, dass keine neuen Kraftwerke mehr gebaut werden dürfen. Private und öffentliche Gelder müssen stattdessen in gesunde und erneuerbare Energien umgeleitet werden. In Deutschland würde  ein ambitioniertes Datum für den Kohleausstieg Signalwirkung für Investoren entfalten.

Die Erkenntnisse der Klimaforschung und der Gesundheitsforschung senden eine gemeinsame Botschaft: Braun- und Steinkohle sind nicht zukunftsfähig.

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