Klima: Täter und Opfer zugleich

Klima: Täter und Opfer zugleich

Agrar-Atlas

Die EU möchte die Emissionen der Landwirtschaft senken. Dafür hat sie große Ziele formuliert. Konkrete Maßnahmen und Förderprogramme fehlen aber genauso wie die Resonanz aus den Mitgliedsländern.

Der Klimawandel wirkt sich in vielfältiger Weise auf die Landwirtschaft aus. Während das wärmere Wetter in Nordeuropa durchaus förderlich für die Agrarproduktion sein mag, überwiegen in Mittel- und Südeuropa die negativen Folgen. Dürren, Überschwemmungen und höhere Temperaturen begünstigen Schädlingsbefall und Pflanzenkrankheiten und führen zu Ertragseinbußen bis hin zu Ernteausfällen.
Allerdings trägt die Landwirtschaft auch selbst zum Klimawandel bei. Bei der Düngung werden große Mengen Lachgas freigesetzt, bei der Rinderhaltung entsteht Methan. Weltweit ist die Landwirtschaft für ein Viertel aller Emissionen von Treibhausgas verantwortlich. In Europa ist der Agrarsektor nach der Energieerzeugung und dem Verkehr die drittgrößte Quelle und trägt etwa zehn Prozent zu den Gesamtemissionen bei. Diese Emissionen kommen zu 38 Prozent aus den Böden und dem Einsatz von Düngemitteln und zu 61 Prozent aus der Tierhaltung – drei Viertel davon entstehen durch den Verdauungsprozess von Wiederkäuern und ein Viertel durch Mist und Gülle.
Um das globale Klima zu stabilisieren und die Auswirkungen des Klimawandels zu minimieren, müssen diese Emissionen drastisch reduziert werden. Auf der Pariser Klimakonferenz 2015 haben sich 196 Länder darauf geeinigt, sich dafür nationale Ziele zu setzen. So hat sich die EU verpflichtet, ihre Emissionen bis 2030 um 40 Prozent zu senken und die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen, ohne die Produktion einzuschränken.

Bei den Reformen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU gewann der Klimawandel zunehmend an Bedeutung. Durch die Reform von 2013 wurde der Schutz des Klimas sogar zu einem der Kernziele erhoben und in der zweiten Säule der GAP verankert. Dennoch gibt es bei der Förderung von Klimaschutzmaßnahmen große Unterschiede zwischen den EU-Staaten, und in vielen Ländern ist das Engagement eher marginal.

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Für alle Mitgliedsstaaten verbindlich sind nur die Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen. Durch sie werden ein integriertes Düngemittelmanagement, diversifizierte Fruchtfolgen und andere klimabezogene Maßnahmen gefördert. Es wurde aber nie ein konkretes Ziel formuliert, wie weit die Emissionen der EU-Landwirtschaft reduziert werden sollen. Bei den Verhandlungen über Reformen hat die Produktion von Nahrungsmitteln absoluten Vorrang.

Sicherheit der Ernährung und Klimaziele können in Einklang gebracht werden, wenn in den Böden mehr Kohlenstoff gebunden würde. Dies ist das Ziel der 2015 in Frankreich gestarteten „Vier-Promille-Initiative“, durch die der Gehalt organisch gebundenen Kohlenstoffs im Boden um 0,4 Prozent pro Jahr erhöht werden soll. Die Speicherung organischer Stoffe aus Pflanzen im Boden über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg könnte den Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre zumindest teilweise ausgleichen.
Erreicht werden könnte dies zum Beispiel, wenn der Boden ständig mit Kulturen bedeckt wäre, tief wurzelnde Pflanzen angebaut und Mist, Mulch und Kompost eingesetzt würden. Theoretisch hält die GAP Landwirtinnen und Landwirte schon jetzt dazu an, den Kohlenstoffgehalt des Bodens zu erhalten und möglichst zu erhöhen. Es werden jedoch weder Bilanzen oder Berichte verlangt noch konkrete Maßnahmen, um die Verluste von Kohlenstoff im Boden zu minimieren.

Die GAP sollte nicht nur dazu anreizen, ausreichend Lebensmittel zu produzieren, sondern auch dazu, die Fruchtbarkeit der Böden zu verbessern und dort für einen hohen Anteil organischer Substanz zu sorgen. In vielen EU-Regionen sind die Böden inzwischen an Kohlenstoff verarmt. Die GAP-Vorschriften sollten sich an der Bodenschutzgesetzgebung der EU orientieren und darauf bedacht sein, organische Bodensubstanz in verarmten Böden wieder anzureichern. Politik und Gesetze haben die Aufgabe, nachhaltige Produktionsmethoden zu fördern und den Ackerbau zu diversifizieren. Bessere Anbaumethoden, die das Ökosystem und die biologischen Vielfalt schützen, machen die Landwirtschaft überdies widerstandsfähiger gegen extreme Schwankungen des Klimas.

Der Boden kann vor allem geschützt werden, wenn weniger Dünger und Pestizide eingesetzt werden und für seine ständige Bedeckung gesorgt wird. So läuft er weniger Gefahr zu erodieren und damit organische Substanz zu verlieren. Bodenbedeckende Kulturen und Zwischenfrüchte sollten auch außerhalb ökologischer Vorrangflächen obligatorisch werden, ebenso wie zeitweilige Brachen oder Grünland in der Fruchtfolge vorkommen sollten. Zu fördern sind auch kombinierte Agroforst-Systeme, in denen Bäume mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung kombiniert werden, sowie Dauergrünland (Grünland, das älter als fünf Jahre ist) und der Einsatz von Leguminosen statt Mineraldünger.

Tierhaltung und Ackerbau sind mittlerweile oftmals getrennt. Einige Betriebe aber verbinden Tier- und Pflanzenproduktion, indem sie einen Teil ihrer Nutzpflanzen an die Tiere verfüttern und mit deren Mist das Ackerland düngen. Die GAP sollte solche Betriebe unterstützen, um Tierhaltung und Ackerbau wieder zusammenzubringen.

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