Die Social-Media-Flaschenpost

Die Social-Media-Flaschenpost

Hintergrund

Jose Santos P. Ardivilla berichtet aus den Philippinen, wie Arbeitsmigrant/innen die neuen Medien nutzen, um auf sich und ihre Situation aufmerksam zu machen und ihre Menschenrechte einzufordern.

Die Social-Media-Flaschenpost: Hände im Bildvordergrund tippen in ein Smartphone

Die Populärkultur war schon immer ein Barometer, das häufig die aktuellen Probleme widerspiegelt. Mitte der 1980er-Jahre, ein Jahrzehnt, nachdem die Marcos-Regierung in den Philippinen ein Programm eingeführt hatte, mit dem philippinische Arbeitskräfte in Länder Ostasiens und des Mittleren Ostens exportiert wurden, entstand ein Hit, der die Klagen und Nöte der in Übersee arbeitenden philippinischen Arbeitskräfte (Overseas Filipino Workers, OFWs) zum Ausdruck brachte.

Das von Roel Cortez gesungene Lied „Napakasakit, Kuya Eddie“ (Es schmerzt, großer Bruder Eddie) ist im Wesentlichen ein Klagelied der OFWs über die Trennung von der Familie. Mit dem in dem Lied genannten „Kuya Eddie“ ist Eddie Ilarde gemeint, ein philippinischer Medienstar und Politiker. Er war nicht nur als Fernseh-, sondern auch als Radiomoderator äußerst beliebt. In seinen Radioshows spielte er das Lied immer wieder ein, während er Briefe von verzweifelten OFWs oder ihren Angehörigen vorlas.

Die Briefe brauchten immer mehrere Wochen, bis sie bei dem Sender ankamen. Nach ihrer Durchsicht wurden die dramatischsten herausgepickt und in der Sendung vorgelesen, damit die Hörerschaft am Leiden ihrer Landsleute teilhaben konnte. Dr. Patrick Flores, Kunstprofessor an der Universität der Philippinen und Kurator des Vargas-Museums, erklärte:

Der Tropus des Leidens ist in der philippinischen Kunst und Kultur sehr lebendig.

Diese Teilhabe am Leiden anderer trat schon in der religiösen Bilderwelt zutage und natürlich auch in den Tausenden Stunden an Kitschserien der lokalen TV-Sender, in denen Qualen und Schmerzen als notwendige Prozesse zur Entwicklung von Mitgefühl und Leidenschaft herausgestellt werden. Derselbe Mechanismus wirkt auch in den sozialen Medien.

Über mehrere Jahrzehnte war das Radio in den Philippinen die direkte Verbindung zur allgemeinen Öffentlichkeit. Der technologische Wandel hat jetzt die Art und Weise verändert, in der OFWs die Medien nutzen, um ihre Beschwerden öffentlich zu machen. In der heutigen Zeit wird alles schnell und direkt mit Beiträgen in den sozialen Medien gepostet. Viele dieser Posts gehen viral. Es sind jedoch nicht nur die philippinischen Arbeitskräfte, die sich die sozialen Medien und Smartphones zunutze machten, um auf ihre Nöte aufmerksam zu machen und ihre Sorgen zu teilen.

Arbeitsmigrant/innen sind vielerorts von Ausbeutung bedroht

Im Jahr 2015 veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die neuesten Zahlen zu migrantischen Arbeitskräften: Weltweit sind mehr als 150 Millionen Migrant/innen beschäftigt. Viele von ihnen verließen ihre Heimatländer auf der Suche nach besseren Chancen. Und viele der Herkunftsländer erlebten einen wirtschaftlichen Aufschwung aufgrund des Geldes, dass die Arbeitsmigrant/innen nach Hause schickten.

In Südostasien stehen die Philippinen ganz oben auf der Liste der Länder mit den höchsten Geldsendungen von den im Ausland tätigen Arbeitskräften. Im Jahr 2015 kamen Überweisungen von insgesamt 30 Milliarden US-Dollar ins Land – weltweit die dritthöchsten Einnahmen dieser Art. Während viele Schwellen- und Industrieländer auf diese Geldsendungen und ausländischen Arbeitskräfte angewiesen sind, dringt es immer mehr an die Öffentlichkeit, dass migrantische Arbeitskräfte in manchen Ländern ausgebeutet und missbraucht werden.

Dieses Jahr wird der 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschrechte gefeiert. In dieser Erklärung heißt es, dass jeder Mensch das Recht darauf habe, „in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind“ sowie „auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung ...“. Diese Rechte gelten auch für Arbeitsmigrant/innen.

Und dennoch stellen Human Rights Watch und internationale Arbeitsorganisationen immer wieder fest, dass es nach wie vor zahlreiche Fälle von Missbrauch gibt, die manchmal sogar den Tod von Arbeitsmigrant/innen zur Folge haben. Bei vielen, ist die Angst zu spüren, dass ihre Grundrechte nicht anerkannt und geschützt werden, weil sie Ausländer/innen sind. Viele dieser in ihren Gastländern ausgegrenzten Menschen schlagen neue Wege ein, um ihre Rechte durchzusetzen. Einer davon ist das Handy.

Das Handy und die Mobilität der Rechte

Viele Arbeitsmigrant/innen halten über die sozialen Medien Kontakt zu ihren Familien. Das ist nur möglich, wenn sie zum einen ein Smartphone haben, auf dem die entsprechenden Apps genutzt werden können, und zum zweiten über eine mobile Daten- oder kabellose Internetverbindung verfügen. So ausgerüstet können sie auch in Kontakt mit anderen Arbeitsmigrant/innen in ihren Gastländern treten. Im Fall von OFWs, die sich in einem feindseligen Umfeld aufhalten, sind es oft ihre ebenfalls in diesem Gastland tätigen Landsleute, die im Internet Posts veröffentlichen, in denen sie um Hilfe bitten oder die Anerkennung ihrer Rechte fordern.

Menschenrechtler verfolgen diese Beiträge in den sozialen Medien. Die beschriebenen Horrorgeschichten oder hochgeladenen Bilder des Missbrauchs werden in der Regel häufig angeklickt und gehen viral. Viele der Betroffenen erzählen ihre Geschichten lieber in den sozialen Medien, statt sich an ihre Botschaften zu wenden, weil sie keinerlei Vertrauen in die Botschaften haben, ihren Problemen entgegenwirken zu können. Einige glauben, dass ihre Chancen, Hilfe zu bekommen, größer sind, wenn sie sich über die sozialen Medien direkt an die Weltöffentlichkeit wenden, weil die daraufhin einsetzende öffentliche Empörung sehr wahrscheinlich ein Eingreifen der Regierung beschleunigen würde.

Soziale Medien sind unverzichtbar

Die Philippinen haben ein besonderes Verhältnis zu sozialen Medien und Arbeitsmigration. Sie gelten als eine der aktivsten Nationen in den sozialen Netzwerken: Viele Filipinos kontaktieren ihre Familien online und stellen ihre Neuigkeiten ins Internet, meistens über Facebook. Dazu kommt, dass 10 Prozent der philippinischen Bevölkerung im Ausland arbeitet, was die Verbindung über soziale Netzwerke noch unverzichtbarer macht. Auf Facebook hat es zahlreiche „Hilferufe“ bzw. „pananawagan“ von im Ausland arbeitenden Filipinos gegeben, die mit Videos und Fotos auf ihre Notsituation aufmerksam machten.

Meistens waren es Frauen, die vor der Kamera weinten und die Duterte-Regierung baten, gegen den Missbrauch vorzugehen, den sie mit ihren Videos oder Fotos nachwiesen. Einige der eindringlich um Hilfe bittenden Arbeitsmigrantinnen zeigten Fotos von sich, wie sie schlimm zugerichtet und bewusstlos im Krankenhaus lagen.

Haben die sozialen Medien den Radiostar verdrängt? Keineswegs

Die sozialen Medien sind ein großartiges Mittel, mit denen Arbeitsmigrant/innen einen Kontakt zu ihrer Regierung herstellen können, aber es muss betont werden, dass sie keineswegs das einzige Mittel sind, sich Gehör zu verschaffen, um Hilfe zu bitten, eine Untersuchung zu fordern und die vermeintlichen Ausbeuter und Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Michael Vincent, der Programmdirektor des Hongkonger Radiosenders Metro Plus AM 1044, produziert und moderiert eine Radioshow, die sich an Arbeitsmigrant/innen wendet. In Hongkong leben und arbeiten Zehntausende Gastarbeiter/innen. In dem Territorium gibt es viele Forschungseinrichtungen, die Studien über ausländische Arbeitskräfte durchführen. Eine Mischung aus Nachrichten, die über Handys und übers Radio verbreitet werden, ist eine Möglichkeit, Informationen abzugleichen und Veranstaltungen zu organisieren.

Vincent beharrt aber darauf, dass bestimmte alte Parameter nach wie vor Anwendung finden sollten. „Sich der richtigen Kanäle zu bedienen, ist immer noch der beste Weg. Ich verstehe durchaus, dass die sozialen Medien hilfreich sind, aber die Art und Weise, wie Videos in den sozialen Medien gezeigt werden, um Aufmerksamkeit zu erregen, ist einfach unverantwortlich […] Ich finde es nicht richtig, weil die Menschen, die sich diese Videos ansehen, sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind, und ich finde es unverantwortlich, diese Videos zu teilen, ohne die ganze Geschichte hinter den Bildern zu kennen.“

Das Zusammenspiel der Medien eröffnet Chancen für Informationsaustausch

Vincents Radiosendung läuft schon seit mehreren Jahrzehnten. Er ist sich der Veränderungen bewusst: „Früher riefen viele regelmäßig aus dem Festnetz oder vom Handy beim Sender an. Wir hatten durchschnittlich etwa 100 Anrufe pro Tag. Heute sind Facebook oder andere Arten des direkten Nachrichtenaustauschs die Norm, wobei die meisten Informationen durch Textmeldungen ausgetauscht werden.“ Auch wenn die sozialen Medien vorherrschend sind, spielt das gute alte Radio immer noch eine Rolle.

Vincents Sendungen konzentrieren sich nicht nur auf philippinische, sondern auch auf thailändische, indische und indonesische Arbeitsmigrant/innen und werden von der Regierung in Hongkong gefördert. Das Radio macht deutlich, dass traditionelle, landläufige und soziale Medien zusammenspielen können. Die Gastarbeiter/innen in Hongkong werden nach wie vor aufgefordert, die Informationen zu bestätigen, die sie in den Sendungen hören.

Obwohl Vincent eine gewisse Skepsis gegenüber den sozialen Medien hegt, fügt er hinzu: „Seit Einführung der sozialen Medien und von Apps zum Nachrichtenaustausch arbeiten wir enger mit dem philippinischen Konsulat und anderen Konsulaten in Hongkong zusammen.“ Vincent besteht aber dennoch darauf, dass auch der traditionelle Ansatz noch wirkt: „Als Betreiber eines landläufigen Mediums ermutigen wir niemanden, seine Beschwerden und/oder seine Frustration über die sozialen Medien zu verbreiten. Auch wenn es der schnellste Weg ist, die Botschaft an die Öffentlichkeit zu bringen, so ist es doch nicht der zuverlässigste, weil er einen negativen Beigeschmack hat. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass einem die Veröffentlichung von Beschwerden in den sozialen Medien nichts einbringt außer weiteren Negativmeldungen von anderen."

Neue Vorlieben, neue Stärken

Vincents Ko-Moderator, Federico M. Paragas, der in der Sendung als Tita Kerry (Tante Kerry) bekannt ist, äußert, dass Arbeitsmigrant/innen die sozialen Medien als Plattform nutzen können, um ihre Rechte geltend zu machen. Er würde jedoch zur Vorsicht mahnen: „[In den sozialen Medien] kann man seine Meinung zum Ausdruck bringen. In der Zeit vor den sozialen Medien konnten die meisten OFWs ihre Beschwerden nur auf Konferenzen, Protesten und in Interviews mit den Medien vorbringen. Dank der sozialen Medien können OFWs jetzt jederzeit sagen, was sie denken, und ihre Ansichten frei äußern. Früher haben die meisten OFWs sich in den traditionellen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Boulevardblättern, Radio und Fernsehen über Neuigkeiten informiert. Diese Medien weisen ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit auf. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien kann heute jeder zum Reporter werden und Nachrichten verbreiten, die ohne jegliche Überprüfung für bare Münze genommen werden. Dazu kommt noch die Verbreitung von „fake news“. Auf Facebook gibt es jede Menge Beiträge, die OFWs lesen können und für die Wahrheit halten.“

Paragas ist der Meinung, dass es eine Partnerschaft zwischen den Gastländern, den Botschaften oder Konsulaten der Herkunftsländer und den Medien geben müsse, die sich um Arbeitsmigrant/innen kümmern. Das wären die richtigen Kanäle, um gegen die Probleme vorzugehen: „Die OFWs wenden sich nicht nur hilfesuchend an die Konsulate, sondern auch an uns, die Medien. Normalerweise raten wir ihnen, den Missbrauch zu dokumentieren, um Beweise für ihre Beschwerden zu haben, wenn sie bei der Polizei Anzeige erstatten.“

Weiterbildung über soziale Medien

Die sozialen Medien sind aber nicht nur ein Instrument, um Beschwerden zu äußern und Hilfe zu erbitten. Sie bieten auch Möglichkeiten, die Arbeitsmigrant/innen zu befähigen.

Tynna Mendoza ist leitende Programmmanagerin bei Enrich Personal Development Ltd, einer Stiftung mit Sitz in Hongkong. Sie erklärt, dass es unumgänglich sei, die sozialen Medien zu nutzen, um die Hausangestellten in Hongkong zu erreichen, von denen sehr viele aus Südostasien kommen. „In Hongkong gibt es über 370.000 Hausangestellte. Als Stiftung verfügen wir nur über begrenzte Mittel, um diese Arbeitnehmerinnen in unseren wöchentlichen Präsenz-Workshops weiterzubilden. Mithilfe der sozialen Medien können wir weit mehr Frauen erreichen und wir erkunden gerade internetbasierte Lehrmittel, die wir demnächst einsetzen wollen. Die meisten der aus dem Ausland kommenden Hausangestellten haben Smartphones und benutzen Facebook aus verschiedensten Gründen, unter anderem auch als Zugang zu Informationen.“

Beim Umgang mit Arbeitsmigrant/innen auf fremden Boden lauten die Schlüsselwörter Mendoza zufolge „Engagement“ und „Befähigung“. Zu ihrer Arbeit sagt sie: „Wir nutzen unsere Plattformen, um unsere Klientel und unsere Unterstützer in ein breites Themenfeld im Zusammenhang mit unserer Arbeit und unseren laufenden Lernangebote einzubinden, einschließlich der Befähigung von Frauen, der Rechte von Hausangestellten und bestimmter finanzieller Fragen.“

Mendoza fügt hinzu: „Facebook ist die effektivste Plattform, die wir finden konnten, um mit unserem Klientel, als Hausangestellte tätigen Migrantinnen, zu arbeiten. Wir haben mehrere Plattformen auf Facebook, auf denen wir unsere Arbeit vorstellen, um Unterstützung aus der Öffentlichkeit zu erhalten, aber auch um unser Klientel in ihren jeweiligen Sprachen über bestimmte Möglichkeiten (z.B. die Termine unserer Lernangebote) zu informieren.“

Die sozialen Medien sind für viele Veränderungen in der Gesellschaft verantwortlich. Sie wurden als Instrumente zum Anzetteln von Revolutionen benutzt und waren Träger von Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen. Die Frage der Glaubwürdigkeit ist jedoch nach wie vor die größte Abschreckung, wenn es darum geht, ihnen die alleinige Unterstützung von Arbeitsmigrant/innen zu überlassen. Aber auch wenn im Zusammenhang mit der Weiterbildung und Befähigung von Arbeitsmigrant/innen in Bezug auf ihre Rechte und deren Durchsetzung immer die persönliche Interaktion vorzuziehen ist, sind auch die sozialen Medien unter den richtigen Rahmenbedingungen eine entwicklungsfähige Plattform für diese Bemühungen.

Übersetzt aus dem Englischen

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