"Grenzen sollten nicht dazu führen, dass wir uns gegenseitig hassen"

"Grenzen sollten nicht dazu führen, dass wir uns gegenseitig hassen"

Interview

Der Cartoonist Godfrey Mwampembwa, genannt Gado, spricht im Interview über die gesellschaftliche Situation in Südafrika 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

Das Ende der Apartheid schürte auf dem gesamten Subkontinent die Hoffnung auf friedliche Befreiung von Unterdrückung und den Übergang zur Demokratie. Wie sehen Sie die Lage der Demokratie in Südafrika heute, 25 Jahre später?

Die Lage der Demokratie in Südafrika ist sehr gut, trotz vieler Schwierigkeiten. Als Tansanier, der in Daressalam aufgewachsen ist, war mir der Freiheitskampf präsent, weil Tansania sehr stark daran beteiligt war. Da ich globale Fragen leidenschaftlich verfolge, bin ich auch mit der Südafrikafrage vertraut, die ja weltweit verhandelt wurde. Ich traf sogar einige Freiheitskämpfer, Tansania errichtete damals sogenannte Freiheitscamps um sie zu beherbergen.

Wenn ich also zurückschaue auf das, was das Land durchgemacht hat, haben wir heute trotz der Herausforderungen ein besseres Südafrika. Natürlich gibt es jetzt Menschen, die sagen, Südafrika hätte es besser machen können, Menschen, die meinen, Südafrika hat ein harsches Regime gegen ein anderes eingetauscht. Aber ich stimme dem nicht zu, weil ich denke, dass wir den geschichtlichen Kontext sehen und die Leistungen bisher anerkennen müssen.

In einem Ihrer letzten Cartoons haben Sie das Bild eines Südafrikas gezeichnet, welches brutal Immigrant/innen angreift. Warum haben Sie dieses Thema gewählt? Sehen Sie die Situation von Migrant/innen in Südafrika als Spiegel eines größeren Problems mit In- und Exklusion in dem Land?

Wenn man sich die Geschichte des Apartheitssystems ansieht, war Südafrika über Generationen eine sehr gewalttätige Gesellschaft gegenüber schwarzen Menschen. Das hat die sozial-ökonomische Substanz der Gesellschaft zerstört. Aus dieser Perspektive betrachtet, erwartet man nach 25 Jahren keine Wunder. Auf der anderen Seite ist Südafrika Teil der Welt, in der wir leben und in der alle möglichen globalen Kräfte und Dynamiken das Problem noch verstärken.

Porträt: Godfrey „Gado“ Mwampembwa

Der Cartoonist Godfrey Mwampembwa, genannt Gado, ist aus der kritischen Medienlandschaft Kenias nicht wegzudenken. Er veröffentlicht eine tägliche Karikatur im East African Standard und wird in vielen Blättern, national und international, nachgedruckt. Er hat eine unabhängige Multi-Media-Agentur Buni Media mit Sitz in Nairobi mitgegründet und er schuf und produziert eine wöchentliche satirische Show mit Handpuppen, die seit 2009 im kenianischen Fernsehen läuft.

Gado wurden eine Vielzahl von Preisen verliehen, 2016 fand er sich auf der Liste des Magazins NewAfrican als einer der 100 einflussreichsten afrikanischen Persönlichkeiten.

Das heißt, in einem Land, dass so viele Jahre durch Gewalt gegangen ist und dazu noch globalem ökonomischen Druck ausgesetzt ist, werden die Menschen selbstverständlich entsprechend reagieren. Lasst uns nicht vergessen, dass die Welt heute einen Anstieg von Extremismus, Nationalismus und Autoritarismus verzeichnet und all das hat in meinen Augen die Probleme in Südafrika verschlimmert. Aber diese Dinge sind nicht unbedingt der Grund für das Problem. Was wir beobachten, ist eher symptomatisch für eine Gesellschaft, die so einem grausamen System ausgesetzt war.

1994 hofften viele Menschen auf ein demokratisches und ökonomisch starkes Südafrika als Stabilisierungsakteur auf dem Subkontinent. Wie sehen Sie Südafrikas Einfluss auf andere afrikanische Staaten, insbesondere Kenia, heute?

Als häufiger Besucher von Südafrika und als Medienmensch folge ich den aktuellen Geschehnissen des Landes. Als Südafrika die globale Bühne vor 25 Jahren betrat, tat es dies als eine der stärksten Volkswirtschaften Afrikas mit dem Versprechen einer besseren Zukunft für alle, und es herrschte Mandela-Euphorie und das alles. Das war großartig zu sehen und mitzuerleben, aber wir müssen realistisch sein.

Wir reden hier über ein Land, welches Jahrhunderte von Gewalterfahrung hat und von Menschen, denen Freiheit, politische Rechte, Menschenrechte usw. versagt wurden. So etwas fügt jeder Gesellschaft immensen und nicht wiedergutzumachenden Schaden zu. Ich denke, mit Blick auf die Beziehung zu anderen afrikanischen Staaten hätte Südafrika besser sein können, insbesondere bezogen auf Handel.

Aber es ist wichtig zu erwähnen, dass es viele Afrikaner/innen aus anderen Ländern gibt, die in unterschiedlichen Bereichen in Südafrika arbeiten und auch viele afrikanische Studierende in unterschiedlichen Disziplinen in den verschiedenen Universitäten Südafrikas. Ich selbst habe mit südafrikanischen Produzenten gearbeitet und wir versuchen uns in einigen Projektkooperationen. Als echter Panafrikanist wünsche ich mir, dass die Grenzen, die da sind, nicht unsere Vorstellungen einschränken, und sie sollten auf keinen Fall dazu führen, dass wir uns gegenseitig hassen. Denn wir sind alle als Menschen und Afrikaner/innen geboren, bevor wir durch unsere Grenzen und Länder voneinander getrennt wurden.

Was sind Ihrer Meinung nach die drängendsten Fragen oder Probleme in Südafrika, 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid?

Ich glaube, es gibt viele Probleme, aber eines empfinde ich als das drängendste und zwar die Ungleichheit. Dies ist die größte Herausforderung, die sich Südafrika stellt. Es muss ein Weg gefunden werden, als Land damit umzugehen. Ungleichheit ist ein globales Problem, aber in Südafrika halten aufgrund der Ungleichheiten, die während der Apartheid als Resultat einer rassistischen Segregation und Marginalisierung geschaffen und verstärkt wurden, Menschenrechtsverbrechen bis heute an.

Genau wie Korruption in Südafrika ein großes Thema ist, würde ich sagen, dass Ungleichheit die Gesellschaft bis heute betrifft. Die Regierung hat ein paar Programme aufgesetzt, Ungleichheit abzubauen, aber sie müssen noch mehr tun. Ich denke, das ist eine der Gefahren, wenn wir uns anschauen, wohin das Land sich entwickelt.

Dieses Interview ist Teil unseres Dossiers Südafrika: 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid.

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