T. Jayashrees Geschichte: Queeres Archiv als Schauplatz von Aktivismus in Indien

Es herrschte eine Atmosphäre der Angst, aber gleichzeitig war es an der Zeit die dringend notwendige Konfrontation zu suchen und für die grundlegenden Menschenrechte zu kämpfen. Es war auch notwendig, alles zu dokumentieren, was passiert ist, und genau darum geht es in dieser Geschichte.

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Aus unserem Dossier "Queering Memory".

QAMRA (Queeres Archiv für Erinnerung, Reflexion und Aktivismus) ist ein Archiv für geschlechtliche und sexuelle Minderheiten in Indien. Es ist ein physisches multimediales Archiv, das sich im südlichen Ort Bangalore, Indien, befindet. Alles begann mit einer Kollektion von Videomaterialien aus dem Jahr 2000, heute besitzen wir über 1000 Stunden Videomaterialien, Standfotografien, Zeitungsausschnitte in 5 Sprachen, Bücher, Tagebücher und Manuskripte.

Indien hat Homosexualität im vorigen Jahr entkriminalisiert. Ein zwei Jahre langer Rechtsstreit und richtungsweisende Urteile zu Privatsphäre, Anerkennung von Transgender-Identitäten etc. führte zu diesem Ergebnis. Meine Reise bei der Aufzeichnung der queeren Bewegung Indiens entfaltete sich entlang dieser Ereignisse.

Im Jahr 1999 hat mein Freund E. Manohar „SANGAMA“ in Bangalore eingerichtet – eine zentrale Anlaufstelle für die Sexualität der Arbeiterklasse und sexuelle Minderheiten.

Als mehr und mehr Menschen, die sich als Hijra und Kothi identifizieren, damit begonnen haben, sich an Sangama zu wenden, hat die Organisation das Interesse der lokalen Polizei auf sich gezogen.

Die Öffentlichkeitsarbeit hat ebenfalls aufgedeckt, dass der Großteil der Gemeinschaft in einem Krisenzustand lebte. Es gab lesbische Paare von außerhalb der Region, hauptsächlich aus den benachbarten Kerala und Tamil Nadu, die Zuflucht suchten.

Es herrschte eine Atmosphäre der Angst, aber gleichzeitig wurde es auch notwendig, sich gegenüberzustellen und für die grundlegenden Menschenrechte zu kämpfen. In dieser Atmosphäre wurden Menschen wie ich, alls aus anderen Bewegungen (ich habe mich mit Arbeitsfragen, später mit Gender- oder Gesundheitsfragen beschäftigt) ein Teil der Sexualitätsbewegung.

Einer der frühesten Proteste 2002 fokussierte sich auf etwas, das als Chandini-Mordfall bekannt wurde. Chandini, eine Transgender-Frau, wurde von ihrem Partner umgebracht und die örtliche Polizei hat sich geweigert, den Fall als Mord zu verzeichnen, anstatt anzugeben, dass sie Selbstmord begangen hat. Zum ersten Mal gingen Transgender-Frauen auf die Straße und ich habe die Proteste gefilmt. Am Ende der Kundgebung, vor dem Rathaus in Bangalore, sagte (die inzwischen verstorbene) Aktivistin Kajal: „…Ich bin eine bisexuelle Hijra und heute, während wir uns um Gerechtigkeit für Chandini bemühen, fordern wir ebenfalls die Aufhebung des Abschnitts 377.”

Hierbei handelte es sich um eine spontane Artikulierung für die Aufhebung des Abschnitts 377 des Indischen Strafgesetzbuches, der gleichgeschlechtlichen Sex in Indien kriminalisiert.

In den folgenden Jahren hat sich eine Bewegung für die Aufhebung des Abschnitts 377 in der Form von Konsultationen mit der Zivilgesellschaft, Straßenkundgebungen, Protesten und Pride-Paraden entwickelt, aber auch vor Gericht, was mit dem richtungsweisenden Urteil des Delhi High Courts im Fall Naz gegen die Union von Indien 2009 resultierte. Dieses Urteil hat die queere Gemeinschaft ermutigt und sie begannen sich zu outen und es gab viele Feiern und viele Leute begannen zu filmen. Aber das Feiern hielt nicht lange an – die Opposition hat sich sehr schnell gesammelt und zum ersten Mal haben alle drei großen religiösen Einrichtungen und Einzelpersonen dieses Urteil vor dem Obersten Gericht angefochten. Im Jahr 2013 hat das indische Oberste Gericht homosexuelle Handlungen wieder kriminalisiert. Von allen Seiten kam Entrüstung, Unglauben und ein Gefühl des Verrats. In den folgenden Monaten gab es viele Mahnwachen und Proteste, was in einem Tag der Wut überall auf der Welt gipfelte. Zu diesem Zeitpunkt bekam die Idee des Archivierens eine konkrete Form, als die Richter des Obersten Gerichts es ablehnten, die sogenannten Rechte einer unbedeutenden Minderheit zu verteidigen.

Es gab das dringende Bedürfnis klar zu machen, dass wir hier sind – lebendig und atmend...

Einige von uns queeren Aktivist*innen und Rechtsanwält*innen haben begonnen, das Videomaterial anzuschauen, das wir bis dahin gesammelt hatten und zu versuchen, eine rechtliche Sprache um visuelle Rechtsprechung zu finden.

Jetzt, da es nicht mehr kriminell ist, queer zu sein, ist die Kluft zwischen unterschiedlichen Urteilen und vorgeschlagener Gesetzgebung größer. Nun drängt eine Bewegung, auf ein Transgender-Gesetz im Parlament, das dem Urteil des Obersten Gerichts für NALSA (National Legal Services Authority) aus dem Jahr 2014 widerspricht, das das „Menschsein“ von Transgender-Personen bestätigt.

T. Jayashree

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T. Jayashree

T. Jayashree schreibt, produziert und führt seit über 25 Jahren Regie für internationale Fernsehsender, Radio, Spielfilme und unabhängige Dokumentarfilme. Ihre mit Preisen ausgezeichnete Arbeit fokussiert sich auf den Schnittpunkt zwischen Geschlecht, Sexualität, Gesetz und öffentliche Gesundheit. Ihre Filme werden überall auf der Welt gezeigt und sind auf vimeo verfügbar.

T Jayashree hat das Queer Archive for Memory, reflection and activism (QAMRA) in Bangalore 2017 gegründet. QAMRA ist eine Initiative, die aus ihrer umfangreichen Sammlung von unbearbeiteten Material über die queere Bewegung und queeres Leben in Indien entstanden ist.

Es gibt den dringenden Bedarf und extrem viel Arbeit steht bevor, um die Herzen und Denkweisen der Menschen zu verändern. QAMRA ist also als ein Archiv gedacht, das die legale Herausforderung weit übersteigt, den Abschnitt 377 zu ändern und es zum Ziel hat, einen breiteren Rahmen des queeren Aktivismus in Indien zu dokumentieren. Das Ziel dieses Archivs ist es also, daraus ein „lebendiges“ Archiv zu machen – nicht nur Nostalgie zu erschaffen. Das Material in QAMRA handelt von der öffentlichen Geschichte der Bewegung, aber der Fokus ist ebenfalls auf den Privatleben von Einzelpersonen, worüber es sehr wenig existierende Dokumentation gibt.

Wir haben gerichtliche Unterlagen, rechtliche Hinweise, individuelle Sammlungen – Briefe, Tagebücher, Kritzeleien, queere Zeitschriften, Filme und Photographien...

Bei alledem hoffen wir, dass dieses Archiv sowohl als ein Verwahrungsort des kollektiven Gedächtnisses als auch eine Plattform für kollektives Handeln wahrgenommen wird.

Queere Rechte waren bis jetzt stark verflochten mit Bewegungen für andere Rechte, wie mein Videomaterial andeutet, es gab immer eine starke Verbindung zu anderen Bewegungen, so dass das queere Archiv ebenfalls ein Archiv dieser anderen Bewegungen ist.

Manche der Herausforderungen bei der Archivierung von queeren Themen in Indien sind demnach:

  • Eine große Bevölkerung und eine riesige Kluft zwischen der ruralen und urbanen Umgebung sowie die Sprachenvielfalt resultieren in einer sehr heterogenen queeren Gemeinschaft mit unterschiedlichem Zugang, Bewusstsein, etc. Die Klasse, stellvertretend durch das Sprechen der englischen Sprache, spaltet queere Menschen immer noch stark.
  • QAMRA war von Anfang an sowohl als ein Instrument für Aktivismus als auch für Dokumentation und Erinnerung gedacht. Sowohl Archivierung, ein aktivistischer Protest als auch Aktivismus, der das Archiv als Schauplatz sieht.
  • Einzigartig wegen dem Bestehen einer physischen und digitalen Archivpolitik und Ethik in Bezug auf und beim Akzeptieren von Material, etc.. Privatsphäre und die Veränderung von Geschlechtsidentitäten stellen eine Herausforderung dar in der Klassifizierung von Material. Wir müssen viel und schnell lernen auf unserem Weg der Katalogisierung und Querverweisung all dieser Materialien in unterschiedlichen Medien und Sprachen. Privatsphäre und sich ändernde Identitäten sind eine große Herausforderung.
  • Ausgeprägtes Bewusstsein der Kraft von Archiven, einzuschließen und auszuschließen. Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Personen, um vor diesem Hintergrund digitale Pendants zu designen – der Archivierungsprozess selbst muss „gequeert“ werden und wir sind dabei, herauszufinden wie.

Aus unserem Dossier "Queering Memory".