Chanathips Geschichte: Erinnerungen eines Transgender-Kindes beim erneuten Lesen meiner Grundschulbücher

Wer ist in der Geschichtsaufzeichnung nicht sichtbar? Wie können private Dokumentensammlungen zur Entstehung und zum Ausbau queerer Archive beitragen? Eine Reise durch private Dokumente entlang der Frage, was sie über die gesellschaftlichen Beziehungen zu trans-Kindern in Thailand aussagen.

Schulzeugnisse aus der Grundschule

Aus unserem Dossier "Queering Memory".

Wer sind „They“ in dieser Untersuchung? Und warum sollten sie gesehen und gehört werden?

Das Wort Kathoey oder กะเทย auf Thailändisch bezeichnet im Allgemeinen eine Transgender-Frau. Ich verwende den Begriff ,Kathoey’, da ich mich selbst als Kathoey identifiziere. Meine Einstellung gegenüber der Verwendung dieses Begriffs hat den Zweck, die negative Bedeutung in eine positive zu verwandeln. Demzufolge würde ich diesen Begriff gerne fremden Leser*innen in einer positiven Weise vorstellen, um kulturelle Vielfalt anzuerkennen. Wenn ich mich auf Kathoey-Kinder in der thailändischen Gesellschaft sowie implizit auf alle Transgender-Kinder weltweit beziehe, verwende ich das Pronomen „they”, das die Lesenden an das „they“ („sie“ oder „ihr“) Pronomen erinnern wird, das in der Trans-, Queer- oder nichtbinären Gemeinschaft in der westlichen Gesellschaft verwendet wird. Hier bezeichnet es allerdings die Kathoey-Kinder in Thailand.

Heutzutage ist die Geschichte der Kathoey-Kinder in sozialen Medien sowie in den Mainstream-Medien und der Werbung sichtbar. Das Bild des männlichen Schülers mit kurzen Haaren, in Schuluniform, aber mir weiblichen Verhalten kann allgemein in thailändischen Grund- oder Mittelschulen gesehen werden, aber ihre Stimmen und Kathoey-/Transidentitäten erhalten keine Stimme wegen ihrem Alter, fehlendem Selbstbewusstsein und den kulturellen Aspekten des lokalen Kontexts (wie beispielsweise das thailändische Senioritätsprinzip). Transgender-Kinder an thailändischen Schulen können sich nicht anders als das ihnen durch Geburt zugewiesene Geschlecht ausdrücken. Das ist erst ab dem Alter von circa 15 Jahren oder um die 18Jahre möglich aufgrund strenger Schulregeln, die sich bspw. in Bezug auf Schuluniformen und Aussehen auf binären Geschlechtsklassifikationen beziehen. Natürlich können sie niemals Mädchen im physischen Sinne in diesem Alter werden, aber bei bestimmten Anlässen können Kathoey-Kinder von diesen Regeln ausgenommen werden, aufgrund bestimmter verpflichtender Schulaktivitäten wie beispielsweise Thai-Tanz. In diesen Fällen können sie sich gegensätzlich zu ihrem zugeschriebenen Geschlecht ausdrücken.

Es gibt keine Untersuchungen an Kindern im Alter unter 12 Jahren, aber eine von Plan International durchgeführte Studie von sich als LGBT identifizierenden Mittelschulschüler*innen. Die Studie zeigte, dass 1/3 von ihnen physischen Missbrauch in der Schule erlebt hat, während LGBTQ-Unterstützung praktisch nicht vorhanden war. (UNESCO und Universität von Mahidol, 2014)

Zum größten Teil war der Grund dafür ungenügendes Wissen über sexuelle Vielfalt. Auch wenn an den Schulen sexuelle Aufklärung unterrichtet wird, geschieht dies ohne dass Sexualpädagogen sexuelle Vielfalt, sexuelle Gesundheit und Bullying von LGBT-Personen betonen. Darüber hinaus hat der Inhalt eines Schulbuchs an einer weiterführenden Schule Homosexuelle als sexuell abweichend bezeichnet (UNESCO, 2016) und wurde 2019 überarbeitet.

In diesem Artikel ist die Methodologie eine der Archivforschung über Transgender-Kinder und ich habe vor, die Frage von Transgender-Kindern in Thailand anzusprechen durch die Untersuchung meiner persönlichen Archive – meiner Schulhefte aus der Grundschule, die meine Kindheitserinnerungen als Kathoey-Kind an einer thailändischen Schule aufbewahren und queere Archivtheorie als Forschungsansatz anwenden.

Chanathip Suwannanon

Foto von Chanathip Suwannanon

Chanathip Suwannanon

Chanathip Suwannanon ist gegenwärtig eine MA-Studentin des Programms Frauen, Geschlecht und Sexualität an der Thammasat Universität in Thailand. Sie erforscht derzeit die Kathoey-Geschichte durch eine Analyse der persönlichen formellen/informellen Archive und angewandter queerer Archivtheorie.

Chanathips Interesse an Kathoey- und Transgender-Themen deckt eine Vielzahl disziplinärer Felder ab: Geschichte, Kunst, Medien, Politikwissenschaft, Anthropologie und Ethnographie.


Die Entwicklung von Archiv-Vorstellungen von Frauenarchiven zu [meinen] queeren Archiv(en)

Archivrollen zwischen Aufzeichnen und Vergessen präsentieren menschliche Erfahrung und Erinnerung. Die archivarischen Sammlungen werden anhand von individuellen Erinnerungen, Gruppen- und Kollektiverinnerungen aufgebaut: es gibt persönliche, organisatorische und öffentliche Archive. Grenzen zwischen diesen Aufbewahrungen werden unweigerlich verwischt. Dennoch wurden Vorstellungen von Archiven beschlagnahmt, geborgt und entwickelt von einem breiten Spektrum von Disziplinen.

‘Wer in der historischen Aufzeichnung fehlt’ ist der wesentliche Ausgangspunkt zur Neukonzipierung und Herausforderung des traditionellen Archivbegriffs und ebenfalls zur Initiierung der Erhaltung von Archivmaterialien von Marginalleben. Sowohl Frauen als Queere werden immer in konventionellen Archiven und historischen Schriften vernachlässigt.

Frauenarchive wurden auf der Voraussetzung gegründet, dass die Leben und Aktivitäten von Frauen nicht adäquat in traditionellen Repositorien dokumentiert wurden und dass Frauenarchive die Kollektionsentwicklung in den 1970ern auf den Kopf gestellt haben (Mason und Zanish-Belcher, 2007, S. 344). Die Wurzeln von feministischen Archiven und der Archivierung können innerhalb von solchen Informierungs- und Dokumentierungsanstrengungen gefunden werden, so wie die Genealogien expliziter feministischer Bewegungen, denen sie öfter zugeschrieben werden. Seit den 1950ern oder vor der Queer-Theorie spielte die LGBT-Bewegung eine entscheidende Rolle im Plädieren für gleiche Rechte unabhängig von Sexualität oder Geschlechtsidentität und dafür, der Gemeinschaft Kenntnisse zu vermitteln. Zensur und Obszönitätsgesetze haben diese Bewegungen dazu gezwungen, Informationserzeuger und -anbieter zu werden und Organisationen haben routinemäßig regelmäßige Zeitpläne für Veröffentlichungen entwickelt und einschlägige Literatur verbreitet zur Diskriminierung im Wohnungswesen, Belästigung am Arbeitsplatz, gesundheitliche und rechtliche Informationen, sowohl allgemeine Unterstützung für Menschen, die sich isoliert gefühlt haben (Cifor und Wood, 2017, S. 5).

Schwule und Lesben haben den Aufbau ihrer eigenen Archivhäuser oder -gebäude eingeleitet und dies hat sich zu einem Modell der räumlichen und informationsmäßigen Ressourcen von LGBTQ entwickelt wie z.B. The Lesbian History Archive in Brooklyn und One National Gay and Lesbian Archives bei USC. Die Entstehung der Queer-Theorie in den 1990ern, nach den einschlägigen Werken von Teresa de Lauretis (1991), Judith Butler (1990) und Eve Kosofsky Sedgwick (1990), hat die Heteronormativität und schwule und lesbische Identitäten herausgefordert. Beim „Queeren“ von Archiven waren ebenfalls queere theoretische Funktionen als Fragen der Macht zentral für die Diskussion. Die Zusammenstellung von Archiven bedeutet archivarische Anstrengungen zur Herstellung eines historischen Bewusstseins und um sichtbar in der Geschichte zu sein.

Meine bisherige, uninformierte Wahrnehmung von Archivmaterial war die von staubigen alten Dokumenten oder von zeitgenössischen Dokumenten abgestempelt mit dem offiziellen thailändischen Wappen oder garuda. Darüber hinaus hat mich das Wort „Archiv” oder „Jod-mai-Hade” in der thailändischen Sprache dazu bewegt, an seine Materialität in der Papierform zu denken, da das thailändische „Jod-mai” als „Buchstabe” übersetzt wird und „Hade” als „Ereignis”. Das Archiv oder Jod-mai-hade meiner Wahrnehmung hat sich nun gewandelt von einer materiellen Quelle zur Aufnahme und/oder Dokumentierung von kollektiven Ereignissen und den persönlichen Leben der Eliten zur Aufnahme und/oder Dokumentierung von individuellen Erfahrungen von gewöhnlichen Leuten.

Wiederherstellung meiner Kindheitserinnerungen

Ich habe wieder meine Schulzeugnisse aus der Grundschule herangezogen, die eine Menge von Erinnerungen und Einstellungen dokumentieren, wie beispielsweise meine Geschlechtsidentität in Bezug auf meine Kindheit. Diese Zeugnisse nehmen die Haltungen und Erfahrungen der in diesen Archiven repräsentierten Menschen auf (z.B. von Lehrkräften und Eltern); daher liefern sie die Möglichkeit der kritischen Erschaffung von etwas Unterschiedlichem, etwas Neuem und etwas Wertvollem. Diese Materialien können funktionieren als Beleg meiner Erfahrungen als Transgender-Kind und zur Wiederherstellung meiner Kindheitserinnerungen.

Schulzeugnisse aus der Grundschule
Schulzeugnisse aus der Grundschule

Die Schulzeugnisse aus der Grundschule stellen ein offizielles Dokument dar, das viele thailändische Grundschulschüler jedes Semester erhalten. Meine Mutter hat sie sehr gut aufbewahrt, da sie immer die Rolle übernommen hat, sie zu lesen und auszufüllen. Ihr Umschlag hat eine unterschiedliche Farbe für jede Klasse: 1. Klasse rosa, 2. Klasse blau, 3. Klasse grün, 4. Klasse orange, 5. Klasse lila, 6. Klasse gelb. Sie sind aus Papier gemacht in einer viereckigen Form und sind 16 Seiten lang. Meine Schulzeugnisse (vgl. Bild 1) umfassen die Zeit, als man in der thailändischen Gesellschaft begonnen hat, Kathoey anzuerkennen.

Während viele Geschlechtskategorien aus dem Westen wie schwul und lesbisch von der thailändischen Gesellschaft angenommen wurden und Unterschiede zwischen ihnen gemacht wurden im Sinne ihrer Verwendung zu Repräsentationszwecken in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten, haben andere thailändische sexuelle Definitionen wie beispielsweise das „dritte Geschlecht” oder „Kathoey” das westliche Wissen und Kategorien herausgefordert.

Beim erneuten Lesen meiner Schulzeugnisse fand ich sie überaus interessant. Sie illustrieren meine Schulleistung in Details. Über jedes Kind wird geschrieben – zuerst von der Lehrkraft und dann in Erwiderung von einem Elternteil – in Bezug auf ihr allgemeines Verhalten. Es gibt keinen Bericht zum Verhalten in Schulzeugnisse an weiterführenden Schulen. Für einen femininen Jungen wurde auf eine bemerkenswerte Weise geschrieben, so dass Instanzen der Geschlechtsidentität enthüllt werden.

Schulzeugnisse – Beschreibungen und Beurteilungen
Schulzeugnisse – Beschreibungen und Beurteilungen

In Bezug auf die in den Schulzeugnissen aus der Grundschule enthaltenen Beurteilungen und Beschreibungen (vgl. Bild 2) kann man sagen, dass sie von unterschiedlichen gesellschaftlichen Diskursen angetrieben waren wie beispielsweise brav zu sein, klug zu sein und gesund zu sein; währenddessen wurden Schüler*innen durch diese Maßnahmen geformt in Bezug darauf, was angemessenes Verhalten, angemessene Prüfungsergebnisse und die Entwicklung reproduktiver Gesundheit bedeutete.

Teil des disziplinarischen Prozesses bei der Formung und Regulierung von Verhalten durch die Schulzeugnisse aus der Grundschule berichtet den Eltern sowohl über die negativen als auch positiven Resultate der Durchschnittsnoten und des Verhaltens der Schüler*innen und dient demzufolge, um bei den Schüler*innen eine Reihe von Reaktionen hervorzurufen, wie Sorge, Schuld oder Zufriedenheit. Das Schulzeugnis ist also gedacht, die Schüler*innen anzuweisen, sich durch harte Arbeit zu verbessern und sich im Sinne von angemessenem Verhalten auszudrücken.

Nichtsdestotrotz ist das Resultat oft, dass wegen der Beobachtung ihres Verhaltens sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule viele Kinder lernen müssen, ihr sogenanntes, unangemessenes’ Verhalten zu verstecken oder zu unterdrücken.

Es scheint, dass Schulzeugnisse aus der Grundschule Beurteilungen liefern, um das Verhalten und die Fähigkeiten der Schüler*innen zu bestimmen und zu verändern. Diese unsichtbare Kraft, die die Schulzeugnisse vermitteln und an die Schüler*innen gerichtet ist, wird ausgeübt um die Schüler*innen zu konditionieren, sich im Einklang mit festgelegten gesellschaftlichen Normen zu verhalten und um bestimmte erforderte Standards zu erreichen.

 

Evaluierungsbeispiel Schulzeugnis
Evaluierungsbeispiel Schulzeugnis

 
Semester 1   Semester 2     
Konzentriert sich auf Lernen wie gewohnt, ist gegenüber vom Lehrer vergebenen Verpflichtungen verantwortlich, arbeitet manchmal spät und regt jedes Mal zur Warnung an, ist eine gute Schülerin und hält sich jedes Mal an die Empfehlungen der Lehrkraft, ist Freunden gegenüber höflich, hat Angst davor zu sprechen oder die Klassenkameraden zu warnen, sehr höflicher Schüler, bitte empfehlen Sie Sport und Trainieren, um stärker auszusehen. Das erforderte Lernniveau ist befriedigt. Der Schüler ist normalerweise lernt verantwortungsvoll (ist still und höflich). Entwickelt sich selbst bei jedem Thema weiter, sowohl vom Körper als auch vom Geist her, usw. Bereit, um zu Lernniveau Klasse 5 der Grundschule befördert zu werden.

Der Abschnitt des Schulzeugnisses, in dem sich der Bericht über das Verhalten befindet (vgl. Bild 3) demonstriert die für eine*n junge*n Kathoey an einer thailändischen Grundschule charakteristische Identität und veranschaulicht gleichzeitig, wie das thailändische Bildungssystem meine Geschlechtsidentität bestimmt hat.

Ich habe herausgefunden, dass das Schulzeugnis selbst von festgelegten patriarchalen und heterosexistischen gesellschaftlichen Konstrukten abhängt hinsichtlich der Beschreibung davon, wie Mädchen und Jungs sich verhalten sollen. Schulkinder werden anhand von unterschiedlich konstruierten Charakteristiken beschrieben: z.B. Neugierde, Mut, Kreativität und Empathie. Indessen, eine meiner Gewohnheiten, nach dem, was von meinen Beratungslehrern geschrieben wurde (und in jedem Semester von der 1. bis zur 6. Klasse wiederholt wird), ist Riab-roi, oder เรียบร้อย in thailändisch, was eine höfliche oder zuvorkommende Person bezeichnet, und so wird feminines Verhalten angedeutet und als eine weibliche Charakteristik im thailändischen Kontext betrachtet.

In dem Schulbericht zum Verhalten hat ein Beratungslehrer im Schulzeugnis der 4. Klasse erstes Semester meinen Eltern suggeriert, sie „sollten [mich] beim Sport und Trainieren unterstützen, damit ich stärker aussehe.” Die Lehrkraft, durch die Andeutung ich hätte feminine Gewohnheiten in der Schule, suggeriert meinen Eltern, dass sie mir helfen sollten, ein normativer Junge zu werden, anstatt mich zu ermutigen, ich selbst zu sein.

Ich kann nicht leugnen, dass ich ein Junge war, der nicht von Vereinssport oder Aktivitäten im Freien in der Schule wie die anderen Jungen begeistert war, ich hatte größeres Interesse an delikateren Dingen und ich liebte es, meiner Mutter in der Küche zu helfen. Wo liegt also das Problem damit, ein höflicher oder zuvorkommender Junge in der thailändischen Gesellschaft zu sein?

Ein femininer Junge im thailändischen Kontext zu sein wird als ein Gegensatz zum normativen Jungen gesehen, der männlich sein sollte und/oder gerne Sport treibt. Das konstruierte Gegenteil des thailändischen Mannes ist nicht die Frau, sondern Kathoey, dass heißt nicht Weiblichkeit, sondern Unmännlichkeit.

Kathoey vertritt alles, was ein männlicher Thailänder nicht ist (Jackson, 1995, S. 225). Das Leben in der patriarchalen Kultur hat immer den Wert des Weiblichen reduziert, als Kathoey oder Tut bezeichnet zu sein bedeutete, als deviant oder abnormal in der Gesellschaft angesehen zu werden.

Anders zu sein hat einen negativen Einfluss auf meine Beziehungen mit meiner Familie und meinen Freunden gehabt, da ich Angst hatte, nicht akzeptiert, unterstützt und geliebt zu werden. In einer thailändischen Familie und in der thailändischen Tradition kann es als ein gesellschaftliches Tabu angesehen werden, offen über Sexualität oder Sex-Fragen mit Kindern zu sprechen. Meine Eltern haben meine Geschlechtsidentität niemals angesprochen oder direkt darüber gesprochen, da sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen und Sexualerziehung in Schulen zu dieser Zeit sich nicht mit Geschlechtsvielfalt auseinandergesetzt hat.

Der Inhalt der Sexualerziehung in Schulbüchern war begrenzt auf binäre Geschlechtsthemen und geschlechtsabweichende Menschen wurden als Abnormalität angesehen. Meine Kindheitserfahrungen als Kind mit non-konformem Geschlecht wurde die ganze Zeit innerhalb und außerhalb der Schule zum Schweigen gebracht.

Die Tatsache, dass meine geschlechtsspezifischen Ausdrücke in jungen Jahren in Zeugnissen auftauchten, erinnerte mich daran, wie ich sexuelle Unterschiede in der Schule wahrgenommen habe. Meine früheste Erinnerung daran, dass ich empfand, dass ich mich von anderen Kindern unterscheiden könnte, war während der Grundschule, als ich mir meiner sexuellen Unterschiede von anderen Jungs und Mädchen bewusst wurde, durch die Schulpolitik in Bezug auf Schuluniformen und angemessenes Aussehen (z.B. Mädchen mussten Röcke tragen und Jungs Hosen und die Haare kurz geschnitten). Mein Erwerb eines thailändischen Transgender-Wortschatzes entstand in einem jungen Alter. Ich wurde aufziehend als Kathoey oder Tut (thailändischen Slang-Wort für Schwuchtel) von anderen Kindern bezeichnet. Aus meiner Erfahrung lernen Kinder in der Schule nicht nur, zwischen den etablierten Konstrukten von „Jungs” und „Mädchen” zu unterscheiden, sondern sie lernen ebenfalls den Unterschied zwischen sich und anderen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schulzeugnisse der Grundschule einmalige persönliche Archive thailändischer Schüler*innen sind, die Kindheitserinnerungen, Verhalten und Identität festhalten können. Aber für thailändische LGBT-Schüler*innen ist es möglich, dass ihre Identität oder sexuelle Orientierung durch das Verfassen von Schulzeugnissen aufgedeckt wird. Durch das Verbreiten der verlangten Schulhefte in der Grundschule im gesamten Schulsystem erntet der thailändische Staat Vorteile von der disziplinierenden Funktion der Schulzeugnisse. Sie steuern die Entwicklung von jungen Menschen und drängen sie dazu, ein Teil der (was der Staat als solche betrachtet) „effektiven“ Bevölkerung zu sein, auch wenn viele Schülerinnen und Schüler diese Erwartungen nicht erfüllen können.

Aus unserem Dossier "Queering Memory".


Literaturverzeichnis

  • Cifor, M. and Wood, S., (2017): Critical Feminism in the Archives. Library and Information Studies, 1(2), S.1-27.
  • Jackson, P.A. (1995): Dear Uncle Go: Male Homosexuality in Thailand. Bangkok: Bua Luang Books.
  • Mason, K.M. and Zanish-Belcher, T., (2007): Raising the archival consciousness: how women's archives challenge traditional approaches to collecting and use, or, what's in a name? Library Trends56(2), S. 344-359.
  • UNESCO (2014): Bullying targeting secondary school students who are or are perceived to be transgender or same-sex attracted: Types, prevalence, impact, motivation and preventive measures in 5 provinces of Thailand. Available at: http://unesdoc.unesco.org/images/0022/002275/227518e.pdf (letzter Zugriff: 15. Februar 2018).
  • UNESCO (2016): Review of Comprehensive Sexuality Education in Thailand. Available at:  http://unesdoc.unesco.org/images/0024/002475/247510e.pdf (letzter Zugriff: 15. Februar 2018).