Klimaschutz mit Atomkraft ist von gestern

Kommentar

Angesichts der weiter steigenden CO2-Emissionen wittert die Atomlobby weltweit Morgenluft und empfiehlt sich für den Klimaschutz. Doch wer Klimaschutz will, muss raus aus der Kohle und raus aus der Atomkraft.

Atomkraftwerk Gundremmingen

Immer unverblümter melden sich in Deutschland Stimmen zu Wort, die den Atomausstieg angreifen. Aus der CDU die Junge Union, die sogenannte Werteunion, der energiepolitische Sprecher der Bundestagsfraktion - auch im Wirtschaftsministerium werden wieder Formulierungen genutzt, die zwar noch nicht direkt den Ausstieg vom Ausstieg fordern, aber doch an 2010 erinnern, als schon einmal die Atomkraft als „Brückentechnologie“ für die Energiewende hoffähig gemacht werden sollte. Wir erinnern uns: der GAU von Fukushima ließ den Traum der Laufzeitverlängerung nach kurzer Zeit platzen.

Auch die SPD schiebt die Verantwortung für das Verfehlen der Klimaschutzziele in unserem Land ungern versäumter Klimapolitik im Wirtschafts-, Verkehrs-, Agrar- und Umweltministerium zu, sondern lieber der angeblich kaum leistbaren Gleichzeitigkeit von Atom- und Kohleausstieg.

Die FDP schließlich scheint gedanklich (nicht nur) in dieser Frage schon gefährlich nahe bei der AfD zu sein.

Weltweit wittert die Atomlobby Morgenluft angesichts der weiter steigenden CO2-Emissionen und empfiehlt sich für den Klimaschutz. Sicher seien die Reaktoren der 4. Generation (wurde von den Generationen davor aber auch immer behauptet!) und das Problem Atommüll würden sie auch lösen. Sowieso seien abgebrannte Brennstäbe kein Müll, sondern Wertstoff, den tiefengeologisch endzulagern Ressourcenverschwendung sei.

Die Lobby wittert Morgenluft

Mit Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 verlor Atomkraft ihren strahlenden Nimbus. Das nicht mehr zu negierende „Restrisiko“ machte sie grau und hässlich, den Atomlobbyisten gingen die Werbeworte aus. Die Erneuerbaren Energien begannen ihren weltweiten Siegeszug. Die Klimakrise allerdings wurde lange - zu lange - verdrängt. Nun lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Der größte Klimakiller Kohle muss so schnell wie möglich abgeschaltet werden. Und Atomlobbyisten wittern Morgenluft, ihren Restposten wieder vermarkten zu können.

Für die europäischen Atomwaffenstaaten Frankreich und Großbritannien kommt aus eigenen Gründen der Atomausstieg vorerst nicht in Frage. Ohne sich von den nahezu grenzenlosen Baukosten, Bauzeiten und Sicherheitsmängeln europäischer Neubauprojekte in Flammanville, Olkiluoto und Hinkley Point beeindrucken zu lassen, planen sie neben Laufzeitverlängerungen ihrer Altreaktoren weitere Neubauten und wollen glauben, dass die dann besser und billiger seien. Vor dem Versagen der europäischen Atomindustrie bei den heutigen Reaktorprojekten fest die Augen verschließend, lassen sich auch osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien von den Versprechungen der Atomlobby in die Sackgasse atomarer Stromerzeugung locken. Wie schon immer bei jeder Baulinie versprochen, sollen neue Reaktorlinien sicher sein, dazu billig und flexibel einsetzbar. Die versprochenen Eigenschaften sind zum Teil neu, die Argumentationsmuster sind die alten.

Deutschland leistet der argumentativen Renaissance der Atomkraft Vorschub, wenn das Reißen der eigenen Klimaziele mit der Gleichzeitigkeit von Atom- und Kohleausstieg begründet wird. Die Botschaft an andere Länder: entscheidet euch zwischen Atomkraft und Kohle. Kohlekraft kann mindestens innerhalb der EU angesichts neuer ehrgeiziger CO2-Reduktionsziele und Strafzahlungen bei deren Verfehlung teuer werden - Atomkraft scheint dagegen billig, da Rückbau- und Endlagerkosten in den meisten Ländern noch verdrängt werden und das Risiko eines GAUs im eigenen Land immer als beherrschbar eingeschätzt wird. Auf EU-Ebene versuchen die sich für Atomkraft entscheidenden Länder zudem, finanzielle Vorteile für die Atomkraft auszuhandeln. Tatsächlich haben sie erreicht, Atomkraft in der europäischen Verordnung zur Taxonomie anders als Kohlekraft als nachhaltig durchgehen zu lassen, trotz des gleichzeitig anerkannten umweltschädigenden Charakters des Atommülls.

Das Wiedererstarken der atomaren Illusion ist ein augenfälliges Beispiel für das kurzfristige, eben gerade nicht nachhaltige Denken, auch in der Politik. Anstatt endlich entschlossen die Energiewende hin zu einem stark dezentral organisierten, angebotsorientierten Energiesystem anzugehen, wird aus Angst vor einem echten Umbau im alten auf Grundlast basierenden System verharrt: geraten Kohlekraftwerke in Misskredit, werden Atomkraftwerke eben wieder schick. Risiken werden ausgeblendet, Folgekosten in die Zukunft verschoben.

Und die Lobby arbeitet an der Illusion. Inhärente Sicherheit und Lösung des Atommüllproblems werden in einer wilden Mischung aus halbgaren Forschungsprojekten, Visionen und Fake News in die Debatte geworfen, als hätten sich frühere Versprechungen der Atomfanatiker nicht schon als genau das entlarvt, was auch hier zu erwarten ist: ohne Bestand in der Realität!

Rosarote Blicke auf Atomkraft hielten und halten einem Realitäts-Check nicht stand.

Der rosarote Blick auf Atomkraft im Realitäts-Check

Wer in Atommüll vor allem einen Wertstoff sieht, der weiter genutzt werden sollte, blendet dessen Gefahren schlicht aus. Und bleibt auf einem Niveau der 1980er Jahre, als Franz Josef Strauß die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf als so ungefährlich wie eine Fahrradspeichen-Fabrik bezeichnete.

Die Realität beginnt damit, dass ein Teil des hochradioaktiven Atommülls in verglaster Form vorliegt. Seriöse Fachleute sehen dafür nur eine realistische Bestimmung: die Endlagerung. Wer den zweiten hoch strahlenden Teil, abgebrannte Brennstäbe, recyceln will, dem bleibt realistisch betrachtet nur die Wiederaufarbeitung. Alle anderen Konzepte existieren vor allem auf dem Papier, nach Jahrzehnten Forschungsgeldern gibt es keinen Erfolg - auch nicht in Ländern, deren Regierungen begeistert auf die Atomkraft blicken.

Wer sich nach neuen Wiederaufarbeitungsanlagen als ersten Schritt zur Wiedernutzung des Atommülls sehnt, muss den Blick nach Sellafield und La Hague richten und die dortige hohe Kontamination der Umgebung dieser Anlagen zur Kenntnis nehmen.

Wer für angeblich sichere künftige Reaktorkonzepte schwärmt, sollte sich die ökonomischen Realitäten und das Versagen der europäischen Atomindustrie bei heutigen Reaktorprojekten vor Augen halten. Warum wird selbst im Atomland Frankreich nur an einem AKW gebaut? Beim Europäischen Druckwasserreaktor EPR schießen Kosten und Verzögerungen durch die Decke, gibt es Materialprobleme, die schon eine funktionierende Qualitätssicherung auf 1970er Jahre Niveau hätte verhindern müssen. Und dabei ist der EPR eine relativ simple Weiterentwicklung im Vergleich zu Reaktoren der sogenannten 4. Generation.

Wer eine angebliche mangelnde Unterstützung für Atomforschung beklagt, ignoriert, dass sie auf EU-Ebene seit Jahren das meiste Geld bekommt. Im letzten vierjährigen EU-Energieforschungsprogramm bekam Atomforschung zur Stromerzeugung alleine rund 5,3 Milliarden Euro, jegliche weitere Energieforschung zur Stromrechnung zusammen 5,9 Milliarden – also Erneuerbare, Speicher, Netze, Effizienz, Einsparung, usw. Selbst hierzulande gibt der Bund mehr Geld für Forschung zur Kernfusion als zu AKW-Sicherheit und Strahlenschutz aus. Das unsolide Versprechen künftiger Atomtechnologien bekommt mehr Geld als die Erforschung realer Gefahren, wie sie von belgischen Bröckelreaktoren oder Schweizer Uraltmeilern ausgehen.

Realität ist: Atomforschung ist teuer, Reaktorbau auch. Unter 10 Milliarden Euro ist ein AKW, das den europäischen Standards entsprechen soll, nicht zu haben, siehe Flamanville, Olkiluoto, Hinkley Point.

Die inhärente Sicherheit der neuen Reaktorlinien ist ein alter Hut. Sie war schon beim Kugelhaufenreaktor Jülich versprochen. Und wurde bis zu dessen Unfall behauptet. Dass Thorium-Reaktoren trotzdem wieder zu den hoffnungsvollen „neuen“ Reaktorlinien gehören, zeigt die irrealen Argumentationsmuster der Atomfanatiker. Da Thorium selbst kein Kernbrennstoff ist, müssen für die Kettenreaktion in Thorium-Reaktoren Uran oder Plutonium sorgen. Stromversorgung mit Thorium ist also zwangsläufig mit Uran- und Plutonium-Wirtschaft und all ihren Atomunfall- und Proliferationsgefahren verbunden. Auch befürwortende Unternehmen scheuen vor dem Einstieg in die Thorium-Atomwirtschaft zurück, da die Proliferationsrisiken des Thoriumzyklus und die Probleme von thermischen Thoriumbrütern hinsichtlich Kritikalitätssicherheit einer erfolgreichen Vermarktung nach wie vor entgegenstehen.

Auch wer auf Kernfusion hofft, verdrängt unbequeme Wahrheiten. Der Zeitpunkt, zu dem ihre Verfechter Fusionskraftwerke für machbar halten, verschiebt sich seit Jahrzehnten in die Zukunft. Schon lange ist klar: kommt die Kernfusion überhaupt, dann kommt sie zu spät. Fans der Kernfusion dürfen das empfindlich geschrumpfte Erkenntnispotenzial des Fusionsreaktors ITER nicht länger verdrängen. Die ITER-Projektziele wurden so stark reduziert, dass sein ursprünglicher Daseinszweck – die Machbarkeit von Energiegewinnung aus Fusionskraftwerken zu zeigen – bereits verfehlt ist.

Der Blick ohne rosarote Brille zeigt: In der Realität bleibt Atomkraft von gestern. Klimaschutz und Energieversorgung der Zukunft liegen woanders.

Klimaschutz braucht keine Laufzeitverlängerung

Aber in Deutschland will ja (bisher) niemand neue Reaktoren bauen... Kann es nicht im Sinne eines schnelleren Kohleausstiegs sein, den letzten Atomkraftwerken in Deutschland eine kleine Laufzeitverlängerung zu gönnen? Nein! Der Konsens für die Endlagersuche wäre dahin; Hoffnung würde sich zwangsläufig auch auf Neubau richten; jedes Argument gegenüber unseren Nachbarn Frankreich, Belgien, Schweiz, Tschechien, ihre Risikomeiler an unseren Grenzen abzuschalten, würde unglaubwürdig; die Botschaft an die Welt: Atomausstieg im wirtschaftsstarken Land ist eine mission imposible!

Deutschland hat die richtige Konsequenz aus dem nicht beherrschbaren Risiko gezogen. Atomkraft ist gefährlich, teuer und verschiebt ungeheure Lasten in die Zukunft. Es gibt keinen Zwang, sich zwischen Pest und Cholera, zwischen der Last Atommüll oder der Last Klimaschäden für die nachfolgenden Generationen zu entscheiden. Wer den Weg jenseits der Wahl zwischen Pest und Cholera gehen will, muss jetzt aber eine klare Haltung einnehmen. Deutschland hat heute einen Anteil von 40 Prozent Erneuerbaren im Strommix. Das ist noch keine Energiewende, aber ein verdammt guter Anfang. Jetzt gälte es, den Atomlobbyisten die Stirn zu bieten, die aufgebauten Hürden für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren abzuräumen und anderen Ländern zu zeigen wie Atom- und Kohleausstieg zusammengehen und dabei Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen. Stattdessen verstärkt sich das Gejammer über die Gleichzeitigkeit des Überwindens von Kohle und Atom und die Zaghaftigkeit im Vertrauen auf den eingeschlagenen Weg.

Mit Atomkraft ist das Klima nicht zu retten. Sie ist zu langsam, zu teuer, der Uranabbau nicht nur umweltschädigend und Menschenrechte ignorierend, sondern auch äußerst CO2-intensiv. Vor allem aber kann die Atomkraft kein Partner der Erneuerbaren Energien sein. Atomkraftwerke sind nicht dafür gemacht, ständig hoch und runter geregelt zu werden, das beschleunigt die Versprödung des Materials und erhöht das Risiko. Grundlaststrom verstopft die Netze und passt nicht zur volatilen Stromerzeugung durch Erneuerbare. Deren Partner sind Speicher, keine Großkraftwerke. Wer Klimaschutz will, muss raus aus der Kohle und raus aus der Atomkraft. Die Atomlobbyisten interessiert das Klima nicht!

 

Der Artikel erschien zunächst in leicht abgewandelter Form in Südwestgrün Nr. 03 / 19. WP Dezember 2019 und auf der Webseite von Sylvia Kotting-Uhl