Die große Moor-Transformation: Wie Moorschutz für das Klima gelingen kann

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Die Wiedervernässung der trockengelegten Moore wird eine gesellschaftliche Herausforderung. Mit Blick auf das Klima führt jedoch kein Weg an ihr vorbei. Zum Gelingen braucht es Innovationsgeist – und die Initiative der Politik.
 

Mooratlas Infografik: Möglicher Transformationspfad der nötigen Wiedervernässung von entwässerten Mooren in Deutschland bis zum Jahr 2050, je aktueller Nutzungsart
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Je länger die flächendeckende Wiedervernässung heraus­gezögert wird, desto schwieriger wird es für Deutschland, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen

Moore trockenzulegen war eine kulturelle und technische Errungenschaft vergangener Epochen. Für manche Regionen waren diese Entwässerungsprojekte überhaupt erst der Beginn von wirtschaftlicher Entwicklung. Doch die ökologischen Krisen unserer Zeit erzwingen nun einen Neuanfang – erfüllen nasse Moorlandschaften schließlich viele wichtige Funktionen für Mensch und Umwelt. Die kulturelle und technische Errungenschaft der Zukunft wird es sein, neue Formen der Bewirtschaftung zu etablieren und weiterzuentwickeln.

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Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

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Ob Paludikulturen, Restaurierung oder Photovoltaik-Anlagen: Vielseitige Nutzungsmöglichkeiten auf nassen Niedermoor- und Hochmoorböden können die Bewirtschaftungsformen von gestern und heute ablösen. Diese Transformation hilft auch dabei, die Artenvielfalt zu erhalten. Technisch gesehen sind Wiedervernässungen leicht umzusetzen: Gräben müssen geschlossen, Pumpen umgebaut und die Entwässerungen beendet werden. Die soziale, kulturelle und besonders die wirtschaftliche Veränderung ist umso komplexer. Für eine Moortransformation sind Umgestaltungen auf verschiedenen Ebenen zur gleichen Zeit notwendig. So müssen zum Beispiel die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändert werden, damit die Entwässerung von Mooren nicht weiter finanziell begünstigt wird. Vor der großen Aufgabe, die nötigen Wasserstände zunächst an die Infrastruktur und Eigentumsverhältnisse anzupassen, stehen die Kommunen und die Wasser- und Bodenverbände – Organisationen, die Aufgaben der Wasser- und Bodenwirtschaft ausüben. Und vor einer besonderen Herausforderung stehen landwirtschaftliche Betriebe. Die neuen Bewirtschaftungsformen erfordern von ihnen ein komplettes Umstellen ihrer bisherigen Arbeitsweisen. Fachleute weisen darauf hin: Damit den landwirtschaftlichen Betrieben diese enorme Anpassung gelingt, brauchen sie finanzielle Unterstützung durch den Staat, der Planungssicherheit gewährleisten und neue Absatzmärkte für Produkte von nassen Moorböden stärker fördern muss.

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Das Umweltministerium kündigt an, bis 2026 zusätzlich 4 Milliarden Euro für natürlichen Schutz des Klimas bereitstellen zu wollen. Reichen wird das nicht

Jedes Moor, jede Fläche, jede Landschaft weist andere Voraussetzungen auf. Ein allgemeines Muster für Wiedervernässungen kann es deshalb nicht geben – jede Moorregion braucht ihre individuellen Lösungswege bei den anstehenden Wiedervernässungen und neuen Nutzungsformen. Wie die regionalen Transformationspfade ausgestaltet werden, sollte man vor Ort entscheiden. Und zwar am besten gemeinsam, von Landwirtschaftsbetrieben, Wasser- und Bodenverbänden, Landschaftspflegeverbänden, den Menschen in den Kommunen, Naturschutzorganisationen, verarbeitenden Unternehmen, Raumplanerinnen und Raumplanern. Sie alle bringen Erfahrungswissen für das zukünftige Management der Moore in ihrer Region mit. Die Politik steht vor der Aufgabe, dieses Wissen zu bündeln und die unterschiedlichen Ebenen von der Region bis zum Bundesland und dem Bund zu verzahnen.

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Die Ampel-Regierung stellte 2022 in ihrem Entwurf des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK) 4 Milliarden Euro unter anderem für Moorschutz in Aussicht. Laut Ankündigung sollen Genehmigungsverfahren vereinfacht, Koordinierungsstellen geschaffen und weitere Förderinstrumente erarbeitet werden. Das Aktionsprogramm knüpft außerdem an die Nationale Moorschutzstrategie an, mit der die jährlichen Emissionen von Treibhausgasen entwässerter Moore bis 2030 jedes Jahr 5 Millionen Tonnen niedriger liegen soll als aktuell. Statt 53 Millionen Tonnen wie aktuell würden entwässerte Moore dann 48 Millionen Tonnen pro Jahr ausstoßen – ein Wert, der so hoch ist, dass Deutschland seine Klimaziele damit immer noch um Längen verfehlen würde.

Ein wichtiges Steuerungsinstrument für die Moornutzung ist die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU. In ihr ist für die neue Förderperiode 2023 bis 2027 festgelegt, dass Paludikultur-Flächen als förderfähig gelten. Diese Zahlungen ermöglichen den Landwirtschaftsbetrieben mehr Planungssicherheit, wenn sie auf nasse Bewirtschaftung umstellen. Dennoch stehen diese Bemühungen im Widerspruch zu Teilen der GAP, die nach wie vor und strukturell entwässerungsbasierte Landwirtschaft fördert. Eine Möglichkeit, um die nötigen 50.000 Hektar pro Jahr wiedervernässt zu bekommen, könnten CO₂-Zertifikate sein, die freiwillige Wiedervernässungsmaßnahmen zum Torferhalt belohnen. Ebenfalls braucht es Anreize und Freiräume für Unternehmen und Genossenschaften aus der Paludi-Branche. Und für eine erfolgreiche Moortransformation muss auch die Sorge vor dem Verlust einer vertrauten Umwelt ernstgenommen werden, mit der Menschen sich und ihren Alltag identifizieren. Denn nicht nur Landwirtinnen und Landwirte, die in ihrer täglichen Arbeit Identität finden, sind emotional mit der Landschaft verbunden. Auch für landschaftsverbundene Einheimische kann die Veränderung der Landschaft einen Verlust bedeuten, auch wenn damit keine wirtschaftlichen Einbußen verknüpft sind. Frühzeitige Einbindung der Bevölkerung sollte zukünftige Wiedervernässungsprojekte begleiten. Regionale Kooperationsstrukturen können so verschiedene Themen miteinander verknüpfen – von Landwirtschaft über Produktentwicklung und Produktvermarktung bis hin zu Tourismus und Naturschutz. Dafür braucht es den Willen zur sozialökologischen Innovation.