Die Hälfte der Moore in der EU gelten als zerstört

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Europa ist reich an Moorlandschaften. Je nach Region und Klimazone unterscheiden sie sich aber stark. Gemeinsam hingegen haben EU-Programme zum Moorschutz, dass sie alle bisher wenig effektiv sind.
 

Mooratlas Infografik: Anteil von entwässerten Mooren an landwirtschaftlicher Fläche und an landwirtschaftlichen Emissionen, in Prozent je ausgewähltem EU-Land
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Oft höchst effektiv: Durch Wiedervernässung von Mooren könnten in vielen Ländern große Mengen landwirtschaftlicher Emissionen eingespart werden

Moore machen auf dem europäischen Kontinent eine Gesamtfläche von 59 Millionen Hektar aus. In den nördlichen, vom Frost beeinflussten Regionen wie Schweden und Finnland gibt es die sogenannten Polygonmoore, Palsamoore und Aapamoore. Daran anschließend liegen die temperat-borealen Regenmoore, die oft sehr große zusammenhängende Komplexe mit riesigen Torfkörpern bilden. Mit abnehmender Niederschlagsmenge folgen weiter südlich die vom Grundwasser beeinflussten Niedermoore – dazu gehören auch die im norddeutschen Tiefland anzutreffenden Quellmoore und Durchströmungsmoore. Weiter südlich werden Moore oftmals gar nicht als Moore ausgewiesen. Das ist beispielsweise in Ungarn und Rumänien der Fall. Insgesamt sind Moore im Süden des Kontinents seltener zu finden; dort kommen sie vor allem an Flussmündungen vor. Eine Ausnahme bildet die Kolchis-Tiefebene in Georgien, wo bei hohen Niederschlägen und frostfreien Wintern naturnahe Regendurchströmungsmoore existieren. Der moorreichste europäische Staat ist Finnland: Moore bedecken dort rund 25 Prozent der Landesfläche. Estland und Irland sind zu 20 Prozent von Mooren überzogen, gefolgt von Schweden, wo Moore immerhin noch 15 Prozent der Landesfläche einnehmen. Unterschiede in der Datenerfassung führen jedoch dazu, dass sich die Statistiken der einzelnen Staaten schwer miteinander vergleichen lassen.

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Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

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Moore werden in Europa schon lange genutzt. Rund die Hälfte der Moore auf dem europäischen Kontinent gelten wegen Torfabbau und Entwässerung durch Land- und Forstwirtschaft als geschädigt. Im Süden ist der Anteil der degradierten Moore am höchsten – dort findet man allerdings auch mehr Moore, die in Schutzgebieten liegen. Jene europäischen Moore, die noch torfbildend sind, liegen zumeist im Norden des Kontinents. In der EU wurden bisher ungefähr 120.000 Hektar und damit lediglich ein knappes Prozent aller entwässerten Moore wiedervernässt.

Mooratlas Infografik: Zahl der EU-Länder, die Emissionen aus entwässerten Moorböden unter Forst, Acker und Grünland dokumentieren
Viele Staaten beteiligen sich nicht an der EU-weiten Dokumentation von Mooremissionen. Oft fehlen ihnen dazu Daten und Wissen

Die EU betreibt seit 60 Jahren eine konzertierte Agrar­politik. Ausgestattet ist sie mit hunderten Milliarden Euro, weshalb sie als wichtige Stellschraube gilt, um die Ausrichtung der Landwirtschaft zu beeinflussen. Lediglich 12 der 27 Mitgliedsstaaten haben den Moorschutz in ihren Plänen zur Umsetzung der sogenannten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) aufgenommen. Förderprogramme zur aktiven Restaurierung von Moorböden bieten nur 6 Mitgliedsstaaten an, darunter auch Deutschland. Außerdem ist nur auf 2 Prozent der Moorflächen in der EU die Entwässerung über Drainagen untersagt. Eine aktive Restaurierung unter dem Dach der GAP fand in der Förderperiode 2014 bis 2020 auf lediglich 2.500 Hektar statt. Die Bewirtschaftung entwässerter Flächen ist voll förderfähig, während Wiedervernässungen aufgrund der damit einhergehenden Nutzungsänderung bislang meist zum Verlust von Fördergeldern führten.

Das EU-Recht verpflichtet die einzelnen Mitgliedsstaaten, bei ihrer Bodennutzung Emissionen und Kohlenstoffspeicherung auszutarieren. Trotz des bestehenden Regelwerkes haben die Emissionen aus entwässerten Mooren jedoch nicht signifikant abgenommen. Aktuell stoßen Moorböden in der EU 220 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr aus. Diese Maßeinheit fasst die Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase zusammen. Insgesamt sind Moorböden in der EU für 5 Prozent der Gesamtemissionen verantwortlich.

Mooratlas Infografik: Beispiele für das jährliche Einsparpotenzial von agrarischen Klimaschutzmaßnahmen, in Millionen Tonnen CO2
Für den Kampf gegen die Klimakrise braucht es eine Agrarwende. Moorschutz spielt dabei eine zentrale Rolle

Die Europäische Kommission hat angekündigt, diesen Zustand mit dem Richtlinienpaket „Fit for 55“ zu verbessern. Mitgliedsstaaten sollen durch höhere Klimaschutzziele und ordnungsrechtliche Vorschriften nun deutlich mehr in die Pflicht genommen werden, die Speicherung von Kohlenstoff in ihren Böden zu fördern. Für Deutschland ergäbe sich hier eine große Handlungsverpflichtung im Moorschutz, da die entwässerten Moorflächen die mit Abstand größten Quellen der Emissionen durch Landnutzung und Forstwirtschaft darstellen. Fachleute kritisieren: Bereits das anvisierte Ziel des Programms – bis 2030 die EU-weiten Gesamtemissionen um 55 Prozent zu senken – sei nicht ambitioniert genug, um die Folgen der Klimakrise in den Griff zu bekommen. 2023 startet die GAP in eine neue Förderperiode. Eines der großen Probleme bisher: Keine Fördergelder für Flächen, auf denen etwa Rohrkolben oder Schilf angebaut wird, im Gegensatz zu Mais-Äckern auf entwässerten Mooren. Mit der neuen GAP-Förderperiode ändert sich das. Für Agrarbetriebe wird die Anhebung der Wasserstände ihrer Böden dadurch attraktiver. Doch nach Ansicht der Wissenschaft reicht der Schutz von Mooren in den nationalen Umsetzungsplänen bei Weitem nicht aus.