Moorschutz in Deutschland: Warum die Bundesregierung jetzt handeln muss

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Moore gelten beim Kampf gegen die Erderwärmung als wichtiger Faktor. Doch weil der Moorschutz der Bundesregierung nicht ausreicht, könnte Deutschland seine Klimaziele verfehlen.
 

Mooratlas Infografik: Verbreitung von Moorböden in Deutschland und Auswahl berühmter deutscher Moore mit Naturschutzwert
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Einst bedeckten deutsche Moore eine Fläche groß wie Sachsen. 95 Prozent davon sind mittlerweile entwässert, abgetorft, bebaut oder landwirtschaftlich genutzt

Über Jahrzehnte wurde in Deutschland der Moorschutz vernachlässigt. Ausgerichtet war er lange Zeit vor allem auf Schutz und Restaurierung einzelner Moore und betrieben wurde er lediglich als Ländersache. Geändert hat sich das spätestens durch das Einsickern der Klimakrise in die öffentliche Debatte, verursachen entwässerte Moore schließlich fast 7 Prozent aller Treibhausgasemissionen in Deutschland. Im Fall der Landwirtschaft und landwirtschaftlichen Bodennutzung sind sie laut Zahlen aus dem Jahr 2020 sogar für 37 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Mittlerweile gilt Emissionsreduktion durch Moorwiedervernässung als wichtiger natürlicher Klimaschutz – in ihrem Koalitionsvertrag bekundet die Bundesregierung, dass der Moorschutz im öffentlichen Interesse liegt.

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Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

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Ende 2022 beschloss das Bundeskabinett eine Moorschutzstrategie, die als fachliche Grundlage für moorbezogenes Handeln für die gesamte Bundesregierung dient. Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) hat die Bundesregierung bis 2026 mit 4 Milliarden Euro budgetiert. Es soll zum Zweck haben, den Klimaschutz zu fördern und die Biodiversität zu stärken – als wichtige Handlungsfelder werden dabei der Schutz intakter Moore und die Wiedervernässung trockengelegter Moorflächen genannt. Umgesetzt werden soll das zum Beispiel mit dem Bundesprogramm „Klimaschutz durch Moordbodenschutz" und der Förderung von Wertschöpfungsketten für Produkte aus Paludikultur und durch Torfersatzstoffe. Das soll ermöglichen, was die Bundesregierung 2021 im Klimaschutzgesetz als Ziel festgehalten hat: den Ausstoß der gesamten Treibhausgase bis 2030 um 65 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu verringern.

Mooratlas Infografik: Gesamte Emissionen aus entwässerten Mooren je Landkreis im Jahr 2020, in 1.000 Tonnen CO»-Äquivalente
Moorzerstörung für Ackerbau und Grünland nimmt vielen Tieren und Pflanzen den Lebensraum. Und setzt große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase frei

Wie die Bundesregierung das mit den bislang angekündigten Maßnahmen erreichen will, bleibt unklar. 2021 hat sie sich mit den Bundesländern darauf geeinigt, die jährlichen Emissionen aus Mooren bis 2030 um 5 Millionen Tonnen Äquivalente des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO₂) reduzieren zu wollen. Zu den Äquivalenten werden auch Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O) gerechnet.

Verglichen damit, dass Moorböden in Deutschland jedes Jahr über 50 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente ausstoßen, handelt es sich bei dieser Ankündigung der Bundesregierung nur um einen Tropfen auf den heißen Stein. Berechnungen zeigen, dass hierzulande jedes Jahr mindestens 50.000 Hektar Moorfläche wiedervernässt werden müssten, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens nicht zu verfehlen, den Netto-Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 auf null zu senken. Bislang werden in Deutschland jedoch nur 2.000 Hektar pro Jahr wiedervernässt.

Mooratlas Infografik: Potenzial für Paludikultur auf wiedervernässten Moorfl ächen in Norddeutschland, in Hektar
Wiedervernässte Moore eignen sich nicht mehr für intensive Landwirtschaft. Doch es gibt geeignete Konzepte und Flächen für nachhaltige Bewirtschaftung

In seiner Dimension kann der nötige Paradigmenwechsel im Moorschutz mit dem Kohleausstieg verglichen werden – als erprobtes politisches Modell dient dieser aus mehreren Gründen als Blaupause für eine sozialverträgliche Transformation in den Moorgebieten. Wie beim Ende der Kohleverstromung geht es auch beim Moorschutz erstens um die größte Einzel­emissionsquelle innerhalb des jeweiligen Sektors. Das Finanzvolumen für den Kohleausstieg zeigt zweitens eine politische Zahlungsbereitschaft auf, aus der sich ein politisch vertretbares Budget für die Moorwiedervernässung ableiten lässt. Drittens könnte die Bundesregierung ein Gremium einberufen, um die Akzeptanz für Moorschutz in der Gesellschaft und der Region zu fördern – nach dem Vorbild der Kohlekommission, die seit 2018 die Debatte zum Kohleausstieg begleitet hat. Für so eine umfassende Transformation genügen die begrenzten Mittel des ANK jedoch nicht: Fachleute fordern, dass die Bundesregierung eine breit angelegte und ausreichende Finanzierung zum Schutz der Moore zusagt und gewährleistet.

Ein großer Teil der deutschen Moore wird bis heute für landwirtschaftliche Zwecke verwendet. Für diese Flächen müssen nach ihrer Wiedervernässung Nutzungsformen etabliert werden, die mit hohen Wasserständen kompatibel sind und neue Wertschöpfungsketten ermöglichen. Der notwendige Zuwachs an jährlich wiedervernässter Fläche erfordert ebenso eine Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren. In der Raumordnung könnte die Politik etwa Vorranggebiete für Klimaschutz auf Moorböden einführen. Fachleute warnen davor, die Verantwortung für den notwendigen Wandel auf einzelne Individuen abzuwälzen. Ein rein freiwilliger Moorschutz wird weder zur notwendigen Geschwindigkeit der Maßnahmen noch zur Planungssicherheit der beteiligten Betriebe beitragen. Vielmehr braucht es für eine wirksame und gerechte Moortransformation vor allem politische Initiative – und außerdem Anreize und Förderungen, um alle Akteurinnen und Akteure einzubeziehen.